Journal Dienstag, 27. Dezember 2022 – Tierparkbesuch in Hellabrunn, Sigrid Nunez, Salvation City

Mittwoch, 28. Dezember 2022 um 8:20

Gut geschlafen, hätte länger sein dürfen.

Das Christkind hatte mir 3-Kilo-Hanteln gebracht.

Gewichtzunahme wegen Weihnachten, kennt man ja. (Brüller.)

Gestern probierte ich eine meiner liebsten Folgen von Fitnessblender damit aus, Ganzkörper-Krafttraining, bei der ich mir immer auch schwerere Hanteln gewünscht hatte.

Ich schwitzte ordentlich, stellte aber fest: Fast alle Übungen gingen auch mit den schweren Hanteln. Bei der anschließenden Körperpflege erinnerte ich mich an mein einstiges Kriterium für ein wirklich zufriedenstellendes Langhanteltraining HotIron: Wenn ich danach beim Schminken nur mit Mühe den Arm zum Lidstrich heben konnte. Gestern war es nicht so schlimm, ich bin dennoch gespannt auf den Muskelkater.

Anschließend war ich mit Herrn Kaltmamsell zu einem Ausflug in den Tierpark Hellabrunn verabredet. Das Draußen war hell und oft sonnig, allerdings auch recht kalt. Wir kleideten uns entsprechend, und da ich von meinen Isarläufen wusste, wie nah Thalkirchen im Grunde ist, gingen wir den Fluss entlang zu Fuß dorthin.

Ich fände ja charmant, wenn zum Onboarding-Prozess der Fraunhofer-Gesellschaft gehörte, dass neue Mitarbeitende am Grab von Fraunhofer auf dem Alten Südfriedhof eine Blume ablegen.

Blick von der Wittelsbacherbrücke Richtung Deutsches Museum.

Wir brauchten gemütlich nicht mal eine Stunde nach Hellabrunn. Im Tierpark kehrten wir erst mal ein, ich hatte Lust auf einen weiteren Cappuccino. (Ausgeschenkt, allerdings aus dem Vollautomaten, wurde Espresso von Emilo – und kurz vor Weihnachten hatte ich erfahren, dass die Rösterei schließt.)

Die nächsten Stunden verbrachten wir mit alten Tierbekanntschaften und schlossen neue. Wie erwartet gab es in vielen Gehegen Christbäume als Futter, unverkaufte werden gern dem Zoo gespendet. Fotos machte ich nur wenige: Tierfotos gelingen mir einfach nicht, ich erfreute mich einfach so an den Anblicken. (Neben mir klickte Herr Kaltmamsell mit seiner Superduper-Kamera.)

Der Hornrabe im Gorilla-Gehege posierte lang für Fotos.

Neu waren mir die Wölfe, sie sind erst dieses Jahr von Riga nach München gezogen.

Die beiden Tiger kannte ich schon; wir gingen gezielt zu ihrem Gehege (das Raubtierhaus wird gerade saniert), sie sind einfach wunderschön. Außerdem begutachteten wir das kürzlich renovierte Aquarium (nur zwei Röhrenaale!).

Das historische Elefantenhaus. Elefantenkind Otto ist jetzt auch schon zwei Jahre alt – und spielte zwischen zwei erwachsenen Elefantenkühen im Außengehege mit Astwerfen und Rückwärtsgehen.

Auch nach den Eisbärinnen sahen wir – die jüngste war ausgesprochen dreckig, aber nicht weniger niedlich.

Obwohl wir die Seelöwen-Show erwischt hätten, drängte ich auf Heimfahrt: Mir war immer kälter geworden, jetzt fror ich.

Daheim kochte ich mir heißen Tee – und aß dann doch mal was, obwohl ich seit der letzten Mahlzeit 24 Stunden davor keinen Appetit aufbrachte. Es gab Mandarinen und Orange mit Joghurt. Doch es brauchte die neuen Filzpuschen (danke, Christkind) plus dicke Socken und Wolljacke, damit mir warm wurde.

Wieder wirkte das Obst appetitanregend: Zum Abendessen gab es Reste der vorhergehenden Tage, also selbstgebeizten Lachs, Kartoffelsalat, Teewurst, Pumpernickel (das war dazugekauft), Christmas Pudding mit Brandy Butter, sogar noch spanisches Marzipan.

Jahresende heißt Jahresend-Blogposts: Ich werkelte an meinem Bücherrückblick.

Endlich einen Dauerauftrag für Beitrag zu netzpolitik.org eingerichtet – ich profitiere seit so vielen Jahren direkt und indirekt von deren Arbeit und Aktivismus.

§

Schon vor zwei Wochen hatte ich Sigrid Nunez, Salvation City ausgelesen, ich empfehle die Lektüre. Nunez hat diesen post-apokalyptischen, post-pandemischen Roman 2010 veröffentlicht. Im Zentrum steht der jugendliche Cole Vining in den USA einer unbestimmten nahen Zukunft, der aus einer fiktiven und verheerenden Grippe-Pandemie als Waise hervorgeht und von einem evangelikalen Ehepaar in der titelgebenden Salvation City aufgenommen wird. Die Pandemie und Coles Hintergrund in einer liberalen Akademikerfamilie werden in Rückblenden, zum Teil Erinnerungen erzählt, der Gegensatz zu seiner jetzigen christlichistischen Umgebung eingebettet in die erwachende Selbstreflexion eines Teenagers.

Das Set-up steht ganz in der Tradition literarischer Annahmen für solch ein Szenario; wir wissen durch Corona, wie eine Pandemie tatsächlich verläuft und welche der Topoi falsch sind – das macht den Roman abseits seiner literarischen Qualitäten spannend.

“Dachte immer, Apokalypse geht schneller”, twitterte @Hoellenaufsicht vor einem Jahr.
Das war vor Corona zum Beispiel eine verbreitete Fehlannahme, die sich auch in Salvation City zeigt. In den Rückblicken auf die fiktive Pandemie überschlagen sich die Ereignisse, Chaos und Tod zerstören innerhalb weniger Wochen den zivilisatorischen Zusammenhalt. Und an einem Punkt, über den sich alle einig sind, ist die Seuche vorbei. Wir haben über all das gelernt: Nö.

Die Grippewelle entvölkert in Salvation City ganze Landstriche – und löscht nicht etwa bestimmte Risikogruppen aus. Entvölkerte und verlassene Gegenden gab es nicht mal in Bergamo oder in Spanien, auch nicht in New York, wo tatsächlich vor lauter Toten Kühl-Container an den Krankenhäusern nötig waren. Es ging eben nicht sehr schnell, es gab keine Scharen von Waisenkindern, die notdürftig und menschenunwürdig versorgt werden mussten. Statt dessen gab es im Gegensatz zum Roman tatsächliche totale Lock-downs, nicht nur in Diktaturen, sondern mit Einverständnis der Bevölkerung auch in Demokratien wie Spanien oder Chile.

Was in diesem und allen gewohnten apokalyptischen fiktionalen Szenarien fehlt: Der Humor. In Salvation City sind alle so betroffen und besorgt, dass niemand blöde Witze macht. Was tatsächlich gleichzeitig mit echter Betroffenheit und Sorge eintrat: Die Menschen scherzten über die Situation, es gab sofort zahllose Memes.

Ebenfalls außerhalb der fiktiven Vorstellungswelt: Dass es unterschiedliche wissenschaftliche Analysen gab, die aus denselben Fakten durch verschiedene Gewichtung verschiedene Schlüsse zogen. Womit vor allem wissenschaftsferne Menschen massive Probleme hatten. In Salvation City ist implizit klar, dass die Wissenschaft sich über die Einordnung und die daraus abgeleiteten Maßnahmen einig ist.

Wie ich waren viele schon bei Beginn der SARS-Cov-2-Pandemie gespannt, welche Auswirkung diese Realität auf das Genre in Literatur und Film haben würden (auch etwas, was nicht in dem Roman vorkommt). Meine Prognose (und ich bin mindestens so schlecht darin wie jede*r sonst): Die gewohnten Stereotypen, Topoi und Tropen in künftigen fiktiven post-apokalyptischen Szenarien sind stärker als unsere tatsächlichen Erlebnisse. In ein paar Jahren werden entsprechende Filme und Romane aussehen wie zuvor. Denn wir haben ja bereits erlebt, dass unsere Gewohnheiten und unsere Faulheit stärker sind als das Lernen: Es werden weiterhin Hände zur Begrüßung geschüttelt, wir tragen bei Atemwegs-Infektionen keine Masken – und die jüngste wissenschaftliche Einschätzung, dass die pandemische Covid-Phase vorbei ist, führt zum Ruf nach Abschaffung aller Schutzmaßnahmen.

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Herr Kaltmamsell recherchiert und schreibt seit Wochen an einem Artikel über seine Mutter und wie diese in den 1960ern bis frühen 70ern als Programmiererin/Installiererin (Begrifflichkeit schwierig) an NCR-Buchungsmaschinen arbeitete. MIT historischen Fotos und Faksimiles!
Ich bin ausgesprochen begeistert und werden diese Kurzserie nach Strich und Faden pushen, machen Sie sich schon mal gefasst.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Dienstag, 27. Dezember 2022 – Tierparkbesuch in Hellabrunn, Sigrid Nunez, Salvation City

  1. Croco meint:

    Da bin ich sehr gespannt.
    Pffft, Frauen und Computer, ja geht das denn?

  2. mhs meint:

    Na, wahrscheinlich so wie Frauen und Autofahren. Sie sind weniger forsch und daher die sicheren Fahrerinnen. Sie fahren situationsangepasster und daher besser für den Verkehrsfluss. So wie im Zusammenhang mit Computern im richtigen Leben auch. Und dann gibt es natürlich auch noch den Prozentsatz m/w/d die das Vorurteil hervorbringen und alle die es schon immer wussten, bestätigen.

  3. Flusskiesel meint:

    Zum Thema ,,Apokalypse” fällt mir die Serie ,,Sweet Tooth” ein, die ebenfalls in post-apokalyptischen Welt spielt und in der die Katastrophe (eine sehr ansteckende Krankheit) in Rückblenden erzählt wird.

    Dort bricht die Welt erst nach und nach zusammen und die vielen Plexisglas-Scheiben und medizinischen Masken usw. sind natürlich ein Zeichen dafür, dass die Serie während der Pandemie entstand (dadurch wird das alles noch gruseliger, weil unserer Realität ähnlicher).

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