Archiv für September 2023

Lieblings-Microbloggings von drei Plattformen September 2023

Samstag, 30. September 2023

Jetzt also auch noch Bluesky (seit ich das im Kopf ausspreche wie einen polnischen Nachnamen, habe ich deutlich weniger Vorbehalte), dafür lese ich auf der Plattform formerly known as twitter gar nicht mehr mit – auch die letzten für mich Wichtigen, die ich nur dort mitbekommen konnte, sind jetzt woanders.

Der Twitter-Rest:

Aus dem Mastodon-Fediverse, in dem ich mich am meisten aufhalte:

Und jetzt halt auch noch Bluesky:

Journal Freitag, 29. September 2023 – Berlin mit keinen Markteinkäufen und Ankunft Herr Kaltmamsell

Samstag, 30. September 2023

Unruhiger Schlaf und zu früh aufgewacht, nicht schlimm.

Urlaubsgetrödel mit Milchkaffee, Bloggen, Wasser, Tee. Am Ende des Nachmittags würde Herr Kaltmamsell eintreffen, für gestern hatte ich nichts weiter geplant, als erstmals durch die Markthalle Neun in Kreuzberg zu laufen – unter anderem weil man im Tölzer Kasladen auf dem Viktualienmarkt auf die Möglichkeit hingewiesen hatte, dort englischen oder irischen Käse zu finden.

Der Himmel war bedeckt, die Luft warm Richtung schwül. Ich fuhr mit U-Bahnen bis zur Prinzenstraße, ab da mäanderte ich zu Fuß – und stellte fest, dass mir einige Ecken von früheren Berlinbesuchen vertraut waren (die Überraschung lag in ihrer Lage zueinander).

Die Markthalle Neun war dann doch anders als erwartet: Die Stände verkauften hauptsächlich Speisen, an den Käseständen gab es nichts Englisches oder Irisches. Das oft gerühmte Fleisch-Sortiment von Kumpel & Keule sah tatsächlich ausgesprochen gut aus.

Also ging ich gleich auf einen Mittagscappuccino zur Rösterei Kaffeekirsche, die ich passiert hatte.

Mehr Spaziergang.

Vom Mehringdamm aus nahm ich eine U-Bahn zurück nach Charlottenburg. Erste Male: Aus einer U-Bahn geflohen, weil eine Frau mit riesigem Verstärker in der Frequenz zu singen begann, die bei mir Übelkeit und Schrei-Verlangen auslöst, Ohrenzuhalten half bei ihrer Lautstärke nicht. No nu, in der Großstadt kommt an einem Werktag ja schnell die nächste U-Bahn.

Zurück im Ferienwohnungskiez war es zwei, Appetit hatte ich noch immer keinen. Aus Vernunft guckte ich an ein paar Tageslokalen vorbei, gibt ja genug in der Umgebung, blieb dann in einem hängen, das “mediterranen Vorspeisenteller” anbot.

Schmeckte mir gut, erzeugte auch Appetit. (Und wurde in einem weißen T-Shirt gegessen, das weiß blieb!).

Vertrödelter Nachmittag mit Lesen, ein bisschen Siesta, Yoga-Gymnastik (eine seeeehr langsame Einheit).

Die Ferienwohnung liegt über der Küche eines indischen Restaurants. Das wäre in Kombination mit professioneller Abluftreinigung Geruchs-paradiesisch, hätte nicht gestern wie schon am Nachmittag davor jemand etwas gehörig anbrennen lassen.

Kurz vor acht traf dann auch wie geplant Herr Kaltmamsell ein und ich freute mich sehr. Er stellte nur kurz seinen Koffer ab, dann gingen wir in die eh erspähte und dann auch noch empfohlene Gastwirtschaft Kastanie, alles saß in der weiterhin milden Luft im Gastgarten.

Wir tranken spanischen Tempranillo (Herr Kaltmamsell) und italienischen Primitivo, von der Tageskarte wählte ich Beluga-Linsen, die mit gehackten Mandeln und Orangensaft vermischt waren, mit Vanille abgeschmeckt, dazu Stücke gebratener Hokaido-Kürbis, eine halbe Burrata – Hammer, werde ich nachkochen. Herr Kaltmamsell aß gebratene Merguez mit Süßkartoffelpüree, Krautsalat und einer scharfen Majonese, war ebenfalls sehr zufrieden. Zum Nachtisch löffelte er noch einen Milchreis mit Mandelkrokant, ich aß zurück in der Ferienwohnung Süßigkeiten.

Im Bett las ich weiter in meiner neuen Lektüre: Fatma Aydemir, Dschinns.

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Gestern kam der Brief von der VG Wort mit der Nachricht, wie viele Tantiemen für meine Blogposts 2022 ausgeschüttet werden. Immer noch ein Haufen Geld für etwas, was ich ohnehin mache, doch deutlich weniger pro Text als in den Jahren davor. Auf Übermedien erklärt René Martens den Hintergrund:
“Mehr ist weniger: Die Tantiemen der VG Wort schrumpfen, die Probleme wachsen”.

§

Es ist wichtig, Hubert Aiwangers Lügen nicht unwidersprochen zu lassen. “Das merkt doch jeder, dass das ein Schmarrn ist”, habe auch ich ein paarmal zu oft gedacht – so ist es nämlich nicht. Die Süddeutsche widerspricht seiner wiederholten Behauptung, sie habe die Informationen zu den menschenverachtenden Flugblättern in seiner Schulzeit mit dem Landtagswahlkampf abgestimmt. Hier ist der Ablauf von Recherchen und Anfragen aufgeschlüsselt:
“Flugblatt-Affäre:
In eigener Sache”.

Diese Vermutung hatte ich sogar im Freundeskreis gehört und schon mit journalistischem Hintergrund gegenargumentiert: Solch eine Geschichte veröffentlicht jedes Medium, sobald sie inhaltlich journalistisch sowie juristisch abgesichert ist – die Gefahr ist zu groß, dass ein anderes Medium zuvorkommt.

Wie Marina Weisband so richtig beobachtete: Aiwanger agiert nach dem Playbook von Donald Trump. Falsches einfach behaupten und hartnäckig dabei bleiben, bis alternative facts als Realität akzeptiert werden.

§

“Vorurteile in der Berichterstattung
Von heißblütigen Spaniern, abgedrehten Japanern und anderen Auslands-Klischees”.

Journal Donnerstag, 28. September 2023 – Berlin mit Neuer Nationalgalerie in Sparversion und Abend mit Freundin

Freitag, 29. September 2023

Wieder sehr gut geschlafen, und das auch noch richtig lang. Konnte ich auch deshalb entspannt, weil mein Programm erst um zwölf startete: Für diese Uhrzeit hatte ich einen Eintritt in die Neue Nationalgalerie gebucht.

Draußen tagte es wieder mit blauem Himmel und Sonne. Nach Milchkaffee und Bloggen sowie Check des Wegs zum Museum beschloss ich, zu Fuß zu gehen – um reichlich Wetter und Stadt mitzubekommen. Kurz haderte ich mit dem Raum-Zeit-Kontinuum, das mir die Möglichkeit zum Urlaubs-Rumgammeln mit Lesen, bookgemarkte Filmchen Ansehen, Blödschauen nimmt, wenn ich an Urlaubstagen Pläne habe.

Der gut einstündige Marsch entlang kleinerer und großer Straßen, außerdem durch ein Stück Tiergarten war in Sonne und sommerlicher Wärme herrlich.

Rathaus Charlottenburg.

Charlottenburger Brücke.

Tiergarten.

Hinterm Verteidigungsministerium wurde offensichtlich Besuch erwartet: Viele Fotograf*innen, aufgereihte Soldat*innen.

Neue Nationalgalerie. Ich sah mir die Sonderausstellungen an.

Von Gerhard Richter mag ich Vieles sehr gern, vor allem sein (auf mich schabernackig wirkendes) Spiel mit Fotorealismus, auch seine vielschichtig gemalten abstrakten Sachen. Das Thema “Spiegel” in dieser Schau führte mich mal wieder zu der grundsätzlichen Frage, wie viel von der Ausstellungssituation zum Werk gehört.

Sein vierteilige Zyklus “Birkenau” wiederum brachte mich zum Überlegen, wie Werke sich voneinander unterscheiden ja nach nicht sichtbarer Hintergrundgeschichte: Dieser Zyklus ist ein Palimpsest, die übermalte Version waren in Kohle und Öl abgemalte Fotografien aus dem KZ Birkenau – doch ohne dieses Wissen unterscheiden sich die Gemälde nicht von anderen in vielen Ölfarbschichten und mit Verschmieren angefertigten Richters, zum Beispiel von diesem “Abendstimmung”.

Isa Genzken war mir ganz neu, doch außer ihren ganz frühen großen Balance-Skulpturen aus Holz (“Elipsoid”, “Hyperbolo”) sagte mir nichts von ihren Werken etwas: Mein Blick kam nicht über die reine Oberfläche eines beliebig anmutenden Materialhaufens hinaus.

Sehr angetan war ich wiederum von Judit Reigls Gemälden.

Sie schienen mir perfekt zum Titel der kleinen Ausstellung zu passen, “Kraftfelder”.

Ich hatte nicht aufgepasst, denn obwohl es brettelbreit auf der Website steht und Joël mich am Vorabend nochmal darauf hingewiesen hatte, war bei mir nicht richtig angekommen, dass der eigentliche Museumsinhalt derzeit nicht zu sehen ist, die Dauerausstellung. Also all die Werke, wegen derer ich seit Wiedereröffnung überhaupt in die Neue Nationalgalerie wollte. Selber schuld, muss ich halt wiederkommen.

Nach nicht mal einer Stunde stand ich wieder draußen, beschloss auch den Rückweg zu Fuß zu gehen. Als eine Ebene meiner in ständigen Widersprüchen stehenden Persönlichkeit seufzte, was ich denn nun mit dem ganzen freien Nachmittag bis Abendverabredung anfangen solle, fiel mir zum Glück das Hadern vom Vormittag wieder ein: Ja halt Lesen, Filmchen- oder Blödschauen!

Ich spazierte in gestiegener Wärme.

In der Kleidung dominierte weiter Sommerliches.

Zurück zur Ferienwohnung nahm ich eine leicht andere Route, sah dabei einige schöne Haustüren (wichtige Touristinnenpflicht: Haustürenfotografie).

Am Karl-August-Platz sah ich endlich Nebelkrähen.

Unterwegs stolperte ich in einen Pralinenladen, umgehende Eskalation. Kurz vor Ferienwohnung besuchte ich einen Biosupermarkt, kurz nach halb drei gab’s dann zum Frühstück: Apfel, Vollkornsemmel, Stollenkonfekt, Hüttenkäse.

Ich las die Mastodon-Timeline hinterher, damit fühle ich mich derzeit über die meisten menschlichen und nachrichtlichen Neuheiten informiert. Dann stand aber schon wieder eine Aufgabe an statt Lesen, Filmchen- oder Blödschauen: Fotos sichten und benamsen, Erlebnisse aufschreiben. Doch es blieb noch reichlich Zeit, um Patrick deWitt, The Librarianist auszulesen (hmnaja).

Übrigens schmeckt mir das Leitungswasser hier in Charlottenburg besonders gut: Es ist einen Hauch säuerlicher als mein Lieblingsleitungswasser daheim in München, aber das mag ich.

Wieder hatte ich Lust auf Yoga-Gymnastik und turnte eine Folge Adriene (auf der Reise-Yogamatte übrigens anstrengender, weil sie nicht so griffig ist wie meine stationäre daheim und ich in manchen Haltungen nur mit Anspannung Wegrutschen verhindere).

Abends war ich mit einer Freundin seit Studienzeiten in der Nähe des Kottbusser Tors verabredet, nahm Bus und U-Bahn dorthin (ob das je aufhören wird, dass in der Berliner U1 automatisch diese Musik in meinem Kopf spielt?).

Es wurde ein intensiver Abend, den es schon lange gebraucht hatte.

Wir saßen draußen (!) in einem ausgesprochen hübschen Gastgarten unter alten Kastanien, ich aß Rindergulasch, dazu hatte ich aus der Weinkarte vom Niersteiner Weingut Wedekind einen Weißburgunder ausgesucht, plauderte mit Frau Bedienung über Herkunftsort und wie der Wein auf die Karte gefunden hatte.

Ich erfuhr unter anderem Neues aus Familie und Freundeskreis, lernte den Begriff “Disco Nap” für das Vorschlafen vor spätnächtlichem Ausgehen (in bestimmten Branchen ab einem bestimmten Alter für berufliche Einsätze unabdingbar, ich lachte sehr) und dass ich hier einen neuen Leser habe (*winkt*), hörte wertvolle Hinweise zu Themen, die mich derzeit bewegen.

Zurück nach Charlottenburg fuhr ich (mit zwei U-Bahnen, ich ließ mir den Heimweg wieder von Google Maps vorschlagen) schwurblig vor Dankbarkeit, dass es diesen Menschen und diese Verbindung gibt, ein Geschenk.

Journal Mittwoch, 26. September 2023 – Berlin mit Schloss Charlottenburg, Jugendstil, georgischem Essen

Donnerstag, 28. September 2023

Richtig gut geschlafen, sogar nachdem ich beim nächtlichen Klogang das rechte Schienbein brutal am Bettrahmen angeschlagen hatte.

Ausgeschlafen, zu Spatzentschilpen aus dem Patio des Hauses Milchkaffee getrunken und gebloggt.

Richtiggehend dankbar war ich für eine Ferienwohnungsdusche mit (offensichtlich neuem) Duschvorhang statt schicker Glaswand: Ich kann es immer noch nicht als zivilisatorischen Fortschritt ansehen, dass ich fürs Abziehen der Dusche nach dem Duschen mindestens so lang brauche wie für die Körperreinigung (gleich lang mit Haarewaschen, länger ohne). Ist die Materialforschung zefix immer noch nicht bei wirklich Kalk-abweisenden Oberflächen?

Vor Aufbruch noch eine Runde Erwachsensein: Ich vereinbarte für nächste Woche telefonisch einen Haarschneidetermin.

Mein Plan für gestern war ausführliche Besichtigung von Schloss Charlottenburg, Mittagscappuccino, Bröhan-Museum (Landsmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus, im Vorbeigehen entdeckt, sofort eingeplant), irgendwas essen, in der Ferienwohnung rumgammeln bis zur Abendverabredung. Ging fast auf.

Charlottenburg in Sommermorgensonne.

Der Besuch des Schlosses bereicherte mich sehr, auch wenn es sich nach nahezu vollständiger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg im Grunde um einen Neubau handelt (na, das kenne ich Münchnerin ja von der Innenstadt inklusive Residenz). Ich verwendete den gut gemachten Audio Guide, bekam zu den Räumen nützliche Informationen.

Zwei Bilder aus der Einführungsanimation zur Geschichte des Schlosses.

Im Schloss gab es viele, viele Spiegel.

Eine thematischer Leitfaden “Schlösser. Preußen. Kolonial.” wies an einigen Stellen auf Rassismus und Herabwürdigung in den damaligen Darstellungen anderer Kulturen.

Manche Teile wie diese Zimmerdecke waren so restauriert, dass man die vorherigen Beschädigungen sichtbar ließ – sowas mag ich besonders gern (muss ich aber nicht durchgehend haben).

Erwähnte ich die vielen Spiegel?

Der Neue Flügel des Schlosses wurde ebenfalls 1943 durch Bomben zerstört. Hier nutzte man die Gelegenheit, die Räume in unterschiedlichen Stilrichtungen ihrer Vergangenheit zu restaurieren, je nach bester Quellenlage. Sie wurden also nicht alle in den Zustand direkt vor ihrer Zerstörung gebracht. Das fand ich eine ausgezeichnete Idee.

Vom Audio Guide zu diesem Schlossbereich erfuhr ich zudem viel über die Geschichte der Hohenzollern und Preußens. Zeitgenössische Aspekte dabei: Die Hinterfragung allgemeiner Annahmen, u.a. Verweis auf den Einfluss, den Friedrich der Große durch autobiografische Veröffentlichungen auf das Bild von ihm nahm.

Hier verfälscht das Foto die Farben: Es gab keinerlei Grün im Original, sondern nur Rosé-Töne.

Abschließender Blick nach oben ins Treppenhaus: Zwei Deckengemälde des Neuen Flügels, für deren Rekonstruktion man keine Quellen hatte, wurden in den 1970ern von Hann Trier zeitgenössisch erstellt. Unter enormem Protest (alles Augsburger*innen?).

Am Ende (Mausoleum und Neuen Pavillon hätte ich mit meinem Gesamtticket auch noch ansehen können) war es schon eins, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich spazierte zu einem nahen Cappuccino-Ort, bestellte dann aber auch gleich Frühstück zum Cappuccino, ein Muesli Bircher Art.

Das war möglicherweise zu viel auf einmal, resultierte in Fresskoma. Wasser- und Ausruh-Päuschen in der Ferienwohnung ums Eck.

Nächster Programmpunkt: Bröhan-Museum.

Zunächst stieg ich zu einer Sonderausstellung in den dritten Stock:
“HAËL. Margarete Heymann-Loebenstein und ihre Werkstätten für künstlerische Keramik 1923–1934”.

Bis 1934, weil sie dann von der Nazi-Regierung zum Verkauf ihrer Werkstätten gezwungen wurde: “Die junge Keramikerin Hedwig Bollhagen eröffnete dort die bis heute erfolgreichen HB-Werkstätten.” Daher kommt die wundervolle Vase, die wir zum Rosenfest geschenkt bekamen.

Eine großartige Ausstellung. Die vielen Vermerke “aus Privatsammlung” vermittelten mir eine Ahnung, wie aufwändig das Kuratieren gewesen sein muss.

Während ich im großen Ausstellungsraum mit Galerie zeitgenössische Filmaufnahmen der Werkstatt von Margarete Heymann-Loebenstein ansah, kam eine Gruppe Kinder herein: Das Museum hat viel Programm für sie, gestern erklärte ihnen ein Mitarbeiter anhand einer Originalkiste, wie Ausstellungsstücke ins Museum kommen.

Einer von Margarete Heymann-Loebensteins berühmtesten Entwürfen.

Raucher- und Schreib-Ausstattung, nicht nur im Design historisch.

Die Künstlerin als coole Socke.

Dass ich selbst bzw. meine Kleidung auf allen Aufnahmen zu sehen ist, verbuche ich unter Festhalten zeitgenössischen Designs.

Weiter durch die ständige Ausstellung, die teilweise in Räumen präsentiert wird (“Period Rooms”), teilweise in Lager-artigen Regalen, diese nur zum Teil thematisch zusammengefasst – ich hatte den Eindruck, dass die Sammlung noch nach einer Präsentation sucht. Ich fand sie interessant und stieß nur auf wenige Aspekte, die mich vor einiger Zeit dem Stilgebiet Art nouveau, Art deco, Jugendstil etwas entfremdeten – nämlich seit mir die Kirche des Wiener Zentralfriedhofs und die Basílica im kastilischen Valle de los Caídos klargemacht hatten, wie kurz der Weg von dort zum totalitären Kunst-Stil des Faschismus und des Stalinismus war.

Bis zur Abendverabredung war ich mit Aufschreiben beschäftigt, turnte auch eine längere Runde Yoga-Gymnastik.

Der Zufall hatte den Luxemburger Freund Joël gleichzeitig mit mir nach Berlin gebracht, das nutzten wir zu einem Treffen bei gregorianischem Essen (Joël gestand gleich nach der ersten Umarmung diesen Versprecher bei einem vorhergehenden Telefonat – und der ist so großartig, dass ich die Bezeichnung beibehalten werde). Der empfohlene Georgier Salhino lag sogar in Charlottenburg, ich konnte zu Fuß gehen – bislang waren all meine Berliner Ziele so nah an der Ferienwohnung, dass ich kaum Bewegung bekommen habe.

Was mich in Berlin immer wieder überwältigt: Der Platz und die Weite.

Passend zur vormittäglichen Besichtigung.

Diese Handschrift kenne ich auch von Münchner Wänden/Brücken.

Diese allerdings nicht. Charlottenburg gefiel mir weiterhin sehr gut, hat eine bunt-gemütliche und gleichzeitig lebendige Ausstrahlung.

Mit Joël stürzte ich mich sehr schnell tief in lange vermissten Austausch (und in den georgischen Weißwein Tsinandali), sodass ich vergaß, unser Essen zu fotografieren.

Hier ein paar Teile davon (wir saßen draußen in kurzen Ärmeln ohne zu frieren). Es schmeckte hervorragend und ließ mich mal wieder ein gutes georgisches Restaurant in München vermissen – was ich dem herzlichen und freundlichen Kellner beim Abschied auch sagte und ihn bat, diese Lücke weiterzugeben, vielleicht wisse er jemanden, der sie schließen könne.
(Selfie vom Treffen bei Joël.)

Rückweg ebenfalls zu Fuß in milder Nachtluft, ich genoss ihn.

§

“Es ist alles gesagt”.

Mely Kiyak hat fertig. Undiplomatisch und einfach mal nicht konstruktiv rechnet sie mit den vergangenen ca. 15 Jahren ab, in denen sie vorm Aufstieg des Faschismus in ihrer Heimat Deutschland warnte. Und jetzt will sie nicht mehr politisch schreiben, und zieht sich in ein Wir und Ihr zurück, “ich habe mich (…) innerlich von euch abgevolkt”.

Schaut: Mein Kanackendaddy hat noch nicht einmal Wahlrecht, um euch die Pest an den Hals zu wählen, so wie eure Leute uns die Pest an den Hals wählen. Hier in Berlin dürfen demnächst minderjährige Kinder wählen, also eure Geschwister, aber unsere Eltern immer noch nicht. Mein Kanackendaddy hat mit seinen Steuern euer BAföG bezahlt, eure staatlich geförderte Eigenheimzulage. Wenn mein Daddy mich besucht, verteilen sich fünf Erwachsene auf zwei schmale Çekyats und ich schlafe auf dem Boden. Es sind Eure Leute, die das alles machen, nicht meine.

Früher haben meine Ossifreunde immer gelacht, wenn ich gesagt habe, vergesst nicht, die Mauer ging auf und wir dachten, ihr Ossis kommt, um uns auf den Mund zu küssen. Aber ihr habt euch bewaffnet und unsere Leute abgeknallt. Eure Leute waren in der Polizei und haben uns unhöflich behandelt. Und eure Leute sind es, die diese Mörder jetzt frühzeitig aus der Haft entlassen, weil sie glaubwürdig versichert hätten, nicht mehr so schlimm zu sein. Stimmt ja auch. Es gibt jetzt noch viel schlimmere Nazis, die sind in Freiheit und nehmen gerade an Abstimmungen im Parlament teil.

Ich stimme Kiyak nicht in allem zu. Aber ich kann sie in allem verstehen. (Wenn wir vielleicht mal Leute wie sie zu verstehen versuchen und nicht immer und immer wieder AfD-Wähler*innen?)

Mely Kiyak kopiert unter diesen Text ihre letzte “Deutschstunde”, die politische Kolumne, die sie seit zehn Jahren für Die Zeit schreibt, schrieb.

Wenn man, egal wo man auf der Welt lebt, von seiner Gesellschaft als Feind betrachtet wird, dann erkennt man schneller, wenn die Luft dünn wird. Man ist wie Kranich, Pfau und Pirol, ein Vogel, der die Wetterveränderung in der Atmosphäre spürt und seinen Gesang ändert. Wir frühen politischen Kolumnistinnen haben diesen Temperaturwechsel schon Jahrzehnte vorher registriert und mit Regenrufen die Wetterverschlechterung gezwitschert. Ich denke hier vor allem an Autorinnen wie Hilal Sezgin. Ich denke auch an die ersten Autorinnen, Theatermacherinnen, Dichterinnen, die vor mir schrieben. Jede von uns hatte ihre Zeit.

§

Das hier schreibt Mely Kiyak statt dessen, und auch darin verstehe ich sie ganz.
“Gute Momente”.

Journal Dienstag, 26. September 2023 – Fahrt zurück in den Sommer nach Berlin

Mittwoch, 27. September 2023

Eigentlich eine gute Nacht, nur gab es Unruhe beim Einschlafen (Fenster zu, weil draußen eine Frauenstimme ausdauernd zwei Namen rief, nicht sehr aufgeregt, eher Katzensuchen als verlorene Kinder) und in der Endphase (ich schnarchte heftig und wachte immer wieder ein wenig davon auf).

Weckerklingeln für Kaffeetrinken mit (na ja, jede*r am eigenen Rechner) und Verabschieden von Herrn Kaltmamsell, der erst langsam wieder eine Schuljahresroutine aufbaut. Draußen ein weiterer Strahlemorgen, am Himmel zur Deko ein paar Federwolken.

Mein Zug nach Berlin fuhr erst am späten Vormittag ab, ich konnte mir mit allem Zeit lassen und den Urlaubstag genießen.

Unter anderem briefwählte ich Landtag Bayern und Bezirkstag Oberbayern – vor allem weil ich am Wahltag selbst als Wahlhelferin im Einsatz bin, doch die beiden Zweitstimmen-Riesenlappen werden in den Wahlkabinen sicher zu Verzögerungen führen. (Auf allen vier Zetteln aber jeweils nur ein Kreuz – hurra, das werde ich mit unterdrücktem Kichern sicher wieder oft sagen können!)

Am Bahnhof war ich so zeitig, dass ich mir noch einen vorgezogenen Mittagscappuccino holte und ihn im ICE trank. Im ICE, der kurz hinter Pasing bereits wieder stand und immer wieder stückchenweise langsam fuhr: “Grund dafür ist ein eingleisiger Betrieb in der Strecke vor uns”, hieß es über Lautsprecher. Ich weiß schon, warum ich am Ankunftstag einer Bahnfernreise keine Verabredungen vereinbare. (Bei diesem Berlinbesuch bedrückt mich ohnehin wieder, wie viele liebe Menschen ich nicht treffen kann.)

Tatsächlich verlief die Reise dann aber problemlos, ich las die Süddeutsche des Tages ausführlich, guckte viel aus dem Fenster in die sonnige Landschaft weiterhin fast ohne verfärbtes Laub, frühstückte gegen zwei Apfel, Orange sowie Pumpernickel mit Butter. Ich kam in Berlin im Sommer an, die Menschen am Hauptbahnhof waren in Sommerkleidung inklusive Sandalen unterwegs, ich schlüpfte bald aus meiner Jeansjacke.

Diesmal hatte ich eine Ferienwohnung in Charlottenburg gebucht: Ich hatte mir alten Westen gewünscht, und in Charlottenburg war ich noch nie gewesen. Die App der Berliner Verkehrsbetriebe schickte mich mit einer Regionalbahn nach Jungfernheide, dort sollte ich in einen Bus umsteigen zur Wohnung beim Schloss Charlottenburg (von dem ich bis zur Beschreibung der Ferienwohnung nie gehört hatte, wie peinlich). Doch ich fand die Bushaltestelle nicht auf Anhieb, dafür bereits Schilder, die zum Schloss wiesen. Ein Check von Google Maps ergab lediglich gut 20 Fußminuten dorthin – na, die ging ich doch!

Den Spaziergang genoss ich sehr, gelangte auch problemlos in die winzige (diesmal war ich geizig gewesen) Ferienwohnung, in die Herr Kaltmamsell am Freitag nachkommen wird.

Ausblick vom Ferienwohnungshaus.

Auspacken, Check des Küchenbestands – doch vor Einkäufen lockte mich bei diesem Prachtwetter der Schlosspark, den ich passiert hatte. Meine dicke Jeans, die einzige Hose, die ich dabei habe, wurde mir bald zu warm – wer rechnet denn bitte Ende September mit Sommer?

Der Park wurde rege genutzt zu Yoga, Tai Chi, zum Lesen auf Bänken, Sonnenbaden, Blicke auf die Spree, für Joggingrunden allein und zu zweit – ohne überlaufen zu wirken.

Schafe im Park! Mir wurde ganz englischergartenlich.

Eine Besichtigung des Schlosses hatte ich ohnehin geplant, beim Umrunden entdeckte ich weitere Programmpunkte für den Besichtigungstag.

Nach der herrlichen Spaziergangsstunde ging ich auf Lebensmitteleinkäufe in einen Edeka, diesmal aber nur für Morgenkaffee und das eine Abendessen, die anderen Abende war ich auswärtig zum Essen verabredet.

Zurück in der Ferienwohnung klappte ich meine Reiseyogamatte auf (so viel Platz war dann doch) und turnte eine Einheit. Unerwartet: Es wird in Berlin spürbar später dunkel als in München, nicht nur die Nebelkrähen (noch keine gesehen) beweisen die Östlichkeit der Stadt.

Als Abendessen kochte ich mir Nicht-Nudelsalat mit Tomaten, Paprika, Ruccola, frisch gekochten Nudeln und Joghurtdressing. Süßigkeiten für Nachtisch hatte ich ebenfalls reichlich besorgt (darunter das erste Stollen-Konfekt der Saison, schmeckt mir immer noch nahezu unaufhörbar gut).

§

In all seinen Einzelheiten bedrückend (und halt exakt das, was die Wissenschaft prognostiziert hat). Der Bayerische Rundfunk recherchiert zu
“Aufgeheizte Alpen: Folgen der Klimakrise für den Bergtourismus”.

Nirgendwo ist der Klimawandel so stark messbar wie in den Alpen. Gletscher schmelzen, auch der Permafrost taut auf. Die Folge: Berggipfel werden instabil, Steinschläge und Muren nehmen zu. Und auch das Fundament von so mancher Hütte bröckelt.

§

Ausführliches und überraschend interessantes Interview von Simon Hattenstone für den Guardian mit der 90jährigen Joan Collins:
“Joan Collins on love, loss and lust at 90: ‘You have to eat life or life will eat you!’”

Außerdem könnte eine Erklärung drinstecken, warum nicht alle Maskenbildner, mit denen sie zusammengearbeitet hat, gute Erfahrungen mit ihr machten.

Journal Montag, 25. September 2023 – Zwischen den Oktoberfestfluchten

Dienstag, 26. September 2023

Recht gute Nacht. Ich stand früh mit Herrn Kaltmamsell auf, um uns vor seinem Abschied in die Arbeit Milchkaffee zu machen. Draußen wurde es hell zu einem wolkenlos sonnigen Tag.

Ich machte mich früh fertig zum Aufbruch, weil der Putzmann sich für früher als sonst am Montag angekündigt hatte – die Kunden, bei denen er am Montag vor uns putzt, fliehen das Oktoberfest gesamt. Er kam dann allerdings noch früher als erwartet, ich hatte Gelegenheit zu einem Plausch, verließ das Haus kurz nach neun.

Mein Ziel war das Dantebad, ich nahm die U-Bahn. Unterwegs rief mich jemand auf dem Handy an, ich ging ganz erwachsen und normal ran: Der Wahlvorsteher des Wahllokals, in dem ich bei der Landtagswahl am 8. Oktober helfen werde, meldete sich zur Absprache. Ich verließ die U-Bahn am nächsten Halt, um halbwegs in Ruhe telefonieren zu können. Als ich auflegte (sagt man das noch? oder was stattdessen?), wandte sich eine Frau an mich, die mich das ganze Telefonat über angeschaut hatte: Sie bat um Hilfe, denn sie hatte ihre Tasche auf einer Bank in diesem U-Bahnhof vergessen, war nach einer Station Fahrt mit der U-Bahn umgekehrt – doch da war diese Tasche mit Handy, Geldbeutel, Wohnungsschlüssel schon weg.

Ich rief für sie beim Fundbüro der Münchner Verkehrgesellschaft an, und als ich endlich aus der Warteschlange durchkam, konnte man ihr nur raten, sich bei der Polizei zu melden und den Verlust anzugeben: Dieses Fundbüro ist nur zuständig für Gegenstände, die in den Fahrzeugen selbst gefunden werden. Also und wegen weiterer Details, die mir die Taschenverliererin berichtete, recherchierte ich und beschrieb der Frau den Weg zur nächsten Polizeistation, schickte sie mit vielen Mitgefühlsbekundungen in die entsprechende Richtung (nur ein Halt weit mit der U-Bahn).

Welche Aufregung, und auf der weiteren Fahrt haderte ich dann mit dem schlechten Gewissen, ob ich die Frau nicht hätte begleiten sollen – sie war ziemlich durch den Wind und sprach nicht gut Deutsch. (Doch die Polizeistation war leicht zu finden, und ich konnte doch wirklich nichts weiter beisteuern?)

Bis ich im (winterbetrieblich sehr warmen) Wasser des Dantebads war, hatte ich den Vorfall genug verdrängt, um mich zu beruhigen. Es wurde ein herrlicher Schwumm meiner gewohnten 3.000 Meter auf mal kaum, mal wenig besetzer Bahn in durchgehendem Sonnenschein. Als ich das Bad verließ, war es noch nicht mal zwölf.

Seit vielen Jahren fahren ich mit der Tram (derzeit Linie 16) und meist zum Isarlauf an einem kleinen Frauenbekleidungsladen in der Thierschstraße vorbei, Nähe Isartor, und fast jedes Mal denke ich beim Blick auf die Schaufensterauslage: “Das sind aber schöne Sachen!” Nachdem ich gestern so früh mit meinem Sportprogramm durch war, dass Frühstücksappetit noch weit entfernt lag, fuhr ich endlich mal hin.

Ich sichtete das gesamte Sortiment, ließ mich zu einem Rock und einem Kleid beraten, die mir besonders gefielen, probierte – und verließ den Laden mit drei besonders erfreulichen neuen Stücken für Herbst und Winter. (Ich setze darauf, dass mit öffentlichen Geldern finanzierte Büros heuer besser geheizt werden dürfen als im Frier-Winter 2022/2023 und meine Bürokleidung nicht wieder in erster Linie wärmen muss.)

Durch herrliche und mittlerweile auch wärmende Sonne spazierte ich zum Viktualienmarkt, kaufte unterwegs Frühstückssemmeln – und erlebte den bislang rätselhaftesten Einsatz künstlichen Raumdufts: In einer Bäckerei. Beim Betreten roch es nicht nach Brot und Gebäck, sondern durchdringend nach Zimmerparfum.

Auf dem Viktualienmarkt ließ ich mir seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder frisch gemachten Saft einschenken. Ich hatte an meinen Liebling Karotte-Apfel-Rote Bete gedacht, doch beim Anstehen fiel mein Blick auf diesen Krug.

Spinat-Avocado-Gurke-Limette-Orange. Abgefahren, das probierte ich. (Hmja, schmeckte eigentlich nur nach Limette und Orange.)

Frühstück daheim kurz nach zwei mit Semmeln.

Verbummelter Nachmittag mit Lesen (Zeitung, Internet, Roman) auf dem Balkon und dem Sofa, einer Runde Yoga-Gymnastik.

Auch wenn aus dem Ernteanteil noch Zucchini übrig waren, konnte ich Herrn Kaltmamsell zu Auswärtsessen überreden: Wir gingen ums Eck zu Servus Habibi und aßen Mezze kalt und warm.

Daheim noch Schokolade zum Nachtisch.

Für die fünf Tage Berlinurlaub galt es Kleidungsentscheidungen zu treffen (Wetter, Ausgehen, Familienfeier – evtl. kalte Wohnung!) – hach, wie herrlich einfach war da das Packen fürs Wandern.

Journal Sonntag, 24. September 2023 – Zurück in München, Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God

Montag, 25. September 2023

Eher gute Nacht, diesmal hatte ich vor dem Lichtaus (nach Anti-Brumm-Einsprühen) nach der Quelle des Mosquito-Summens gesucht und mindestens eine erschlagen. Nur einmal von einem weiteren Summen direkt an meinem Ohr wach geworden.

Gepackt hatte ich schon am Abend davor, jetzt brachte ich die Ferienwohnung auf Ankunftszustand zurück, hinterließ im Küchenschrank Salz, Zucker, Roibuschtee.

Als ich in der Morgensonne vor die Tür trat, war es noch sehr frisch, ich genoss die strahlenden zehn Minuten Weg zum Bahnhof.

Abschied vom Wanderurlaub.

Die Zugfahrt (Umsteigen nur in Hof) verlief komplett reibungslos, ab Regensburg stiegen wie erwartet junge Bayern-Cosplayer*innen mit Bierflaschen in der Hand zu. Wir erreichten München pünktlich kurz vor halb zwei. Am Bahnhof besorgte ich Frühstück.

Herzen und Küssen des vermissten Herrn Kaltmamsell, Kofferauspacken, Wäschewaschen. Um halb drei gab es Frühstück.

Butterbreze, die Oktoberfest-Version. Zu meiner Überraschung passte sogar noch eine Zwetschgennudel dahinter, die Herr Kaltmamsell von einem Besuch bei seinen Eltern mitgebracht hatte.

Ruhiger Nachmittag mit Räumen und Lektüre. Unter anderem las ich meine Oktoberfestflucht vor fünf Jahren nach, beginnend mit der Anreise in den Westerwald. Bei einigen Posts erinnerte ich mich deutlich daran, was ich alles nicht geschrieben hatte – vor allem Menschliches, weil das zwar echt gute Geschichten waren, die Beteiligten aber erkennbar.

Heikles Thema Ferienwohnungbewertungen: Ich versuche ja für andere Interessenten hilfreiche Informationen einzubauen, ohne negativ zu klingen (gelernt beim Schreiben von Arbeitszeugnissen). Zum Beispiel 2022 über das Frieren in der Wohnung in San Sebastián: “Vermieterin stellte reichlich Decken für niedrige Temperaturen zur Verfügung” (Fingerzeig: die Heizung ließ sich nicht anschalten). Und jetzt über die Wanderwohnung: “Alle Räume der Wohnung supersauber bis in den letzten Winkel und mit Raumdüften versehen”. Ich hoffe, so nachfolgenden Mieter*innen die Möglichkeit zu geben, um Entfernung der Düfte zu bitten.

Abends eine Einheit Yoga-Gymnastik, sehr ruhig.

Herr Kaltmamsell sorgte für Abendessen: Gegrillte Maiskolben – hatten wir schon ewig nicht mehr gehabt. Und ein Stück Entrecôte. Ich mixte davor als Aperitif Negroni spagliato, aber mit mehr Prosecco – schmeckte mir besser.

Zum Essen machte ich einen spanischen Wein aus Navarra auf, Domaine Lupier, El Terroir 2017 – der schlecht geworden sein musste. Was auch immer damit passiert war (ich zog einen einwandfreien Naturkorken): Er schmeckte durchdringend nach Plastik, konnte man nicht wirklich trinken.

Nachtisch gab es auch: Herr Kaltmamsell hatte ein vor Monaten eingefrorenes Pastinaken-Püree in einen Parsnip Pie verwandelt.

Serviert mit Clotted Cream und Golden Sirup, schmeckte sehr nach Pastinake.

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Sigrid Nunez, A Feather on the Breath of God behauptet nicht mal, “a novel” zu sein, ein Roman. Wieder eine autobiografische Geschichte, aber erzählt auf literarisch sehr hohem Niveau und mit einer ganz besonderen Stimme, zudem einer besonders präsenten Erzählstimme. Das brachte mich auf neue Gedanken über autofiktionales Erzählen: Es heißt ja, dass gute Geschichten nur denen passieren, die sie erzählen können; das bedeutet aber auch zu erkennen, was überhaupt eine gute Geschichte ist. Und wenn jemand Autorin ist, Schreiberin, Erzählerin – sieht sie es natürlich, wenn ihre eigene Biografie oder ihr eigener familiärer Hintergrund eine gute Geschichte ist. Wie im Fall eines Vaters mit chinesisch-panamaischen Wurzeln, als Kind mit der chinesischen Familienseite in die Vereinigten Staaten eingewandert, der als GI und Teil der Besatzungsmacht in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg an eine deutsche Frau geriet, mit ihr Kinder hatte und sie mit in die Vereinigten Staaten nahm.

Nunez erzählt diese Geschichte ihrer Familie in vier inhaltlich miteinander verwobenen Kapiteln, die jeweils als eigene Geschichten tragen; die ersten beiden, “Chang” über ihren Vater (der nie richtig Englisch lernte, mit zwei Jobs nie zu Hause war, dessen Hintergrund sie erst nach seinem frühen Tod erfragte), “Christa” über ihre Mutter (die sich sehr über ihr Deutschtum definierte, kreuzunglücklich in den USA und in ihrer Ehe war), erschienen zunächst auch als eigenständige Werke. Das dritte Kapitel “A Feather on the Breath of God” dreht sich dann um die Kindheit der Erzählerin, darin im Mittelpunkt ihre Zeit mit Ballettleidenschaft. Im vierten Kapitel “Immigrant Love” beschreibt Nunez ihr Verhältnis zu Männern am Beispiel der Affäre mit einem ihrer erwachsenen Englischschüler, einem verheirateten Russen, sehr weit weg von ihren sonstigen Lebensumständen.

Meine Ausgabe beginnt mit einer “Introduction” von Susan Choi, die ich wohlweislich erst nach der restlichen Lektüre las – eine gute Idee, denn sie ist auch erst danach sinnvoll. Choi schreibt unter anderem über ihr Leseerlebnis und wie wichtig es für sie war, jemanden mit ähnlicher Herkunft literarisch zu erleben.

Womit ich mich wiederum indentifizierte, war die Freiheit des Nirgends-dazugehören-müssens, die aus der Erzählstimme spricht: Eine vielfältig bunte Herkunft, in Nunez’ Fall beim Vater sogar ein wenig unklar, bietet die Möglichkeit, alle Community-Angebote abzulehnen. Während sonst das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören, fast immer als Schmerz, Mangel, Sehnsucht beschrieben wird, kenne ich es seit meiner Kindheit als etwas Positives, als Erleichterung – die ich hier bei Nunez zum ersten Mal auch literarisch reflektiert lese.