Archiv für April 2024

Journal Montag, 15. April 2024 – Nicht ganz die gewünschte Zukunft des Zähneputzens

Dienstag, 16. April 2024

Gute Nacht, nur die zweite Hälfte ein wenig unruhig.

Wie angekündigt startete der Tag mild, aber düster, der eingesteckte Regenschirm erwies sich auf dem Weg in die Arbeit als sehr nützlich.

Leuchtbuchstaben auf Lkw-Anhänger "verschärft!"

Ach.

Besprechungsreicher Vormittag, schneller Mittagscappuccino bei Nachbars, ich geriet auf dem kurzen Hinweg in einen überraschend nässenden Regenschauer. Das Mittagessen verschob sich weit nach hinten, weil es sich plötzlich vor der Ein-Uhr-Besprechung auch nicht mehr lohnte. Dann gab es Mango und Orange mit Sojajoghurt, was mir gestern besonders gut schmeckte.

Der Nachmittag war weiter emsig, langsam verändern sich die Schwerpunkte meiner Aufgaben in die langfristig zukünftige Richtung.

Zu Feierabend hatte der Regen aufgehört, ich kam trocken los. Noch war die Temperatur nicht richtig in die Tiefe gestürzt, es roch herrlich. Auf dem Heimweg Einkäufe beim Vollcorner.

An einer überwachsenen Mauer ein schlichtes gespraytes Männchen

An der Heimeranstraße.

Über einem schmiedeeisernen Zaun vor einem Sandstein-Altbau lila Blütentrauben und grüne Blätter im Sonnenlicht.

Nußbaumstraße

Zu Hause Yoga-Gymnastik, nochmal die abwechslungsreiche Folge 29 von Adrienes “Flow”. Brotzeitvorbereitungen, dann servierte Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Lauch als Lauch-Käse-Suppe.

Weißer Teller mit heller Suppe

Sehr gut.

Abendunterhaltung: Die Vorstände unseres Kartoffelkombinats, Jana und Daniel, waren im Bayerischen Fernsehen, als Gäste in der Sendung “Wir in Bayern” – Herr Schwieger hatte uns darauf hingewiesen. (Ich hatte diese Art Journalfernsehen ganz vergessen, kann mir auch nicht recht vorstellen, dass Publikum dafür nachwächst.)

Im Bett las ich Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer aus, gefiel mir gut.

Technische Scheiterungen: Mit meiner neuen elektrischen Zahnbürste bin ich sehr zufrieden, der runde Bürstenkopf vermittelt mir das Gefühl, wirklich um jeden Zahn rum zu putzen. Allerdings hatte ich in der Gebrauchsanleitung gelesen (ich bin das, ich lese Gebrauchsanweisungen), dass es verschiedene Putz-Programme gab, der Knopf zur Auswahl war leicht zu finden (der eine Knopf, der nicht an- und ausschaltet). Nur konnte ich nicht erkennen, welches Programm gerade aktiv war, anscheinend brauchte ich dazu die App auf dem Smartphone, die per Blutooth mit der Zahnbürste verbunden werden konnte.

Die App installiert hatte ich schnell, auch mittelschnell die Zahnbürste damit gekoppelt – doch als ich noch darin rumklickte auf der Suche nach den Putz-Programmen, wollte die App neue Firmware für die Zahnbürste herunterladen und installieren. Na von mir aus, das kenne ich ja von Apps. Nur dass das nicht funktionierte, drei Versuche wurden von der App abgebrochen.

Die vier Programme fand ich dann zwar in der App (die vor allem auf Gamification abzielt, Zahnputzziele erreichen lässt, dafür Fleißbildchen verleiht – aus dem Alter, in dem man mir Anreize fürs Zähneputzen bieten musste, fühle ich mich aber seit einigen Jahrzehnten raus), doch keinen Hinweis darauf, welches denn gerade auf meiner Zahnbürste aktiv war: Ich konnte lediglich die Reihenfolge der Anwählbarkeit über den Knopf auf dem Gerät ändern. Letztendlich nutzte ich die Funktion “auf Werkseinstellungen zurücksetzen”, denn die Gebrauchsanweisung nannte die Default-Einstellung bei Kauf (tägliches Putzen).
Das war nicht ganz die Zukunft, die ich bestellt hatte.

§

Weltberühmter US-amerikanischer Schriftsteller wird von einer großen US-amerikanischen Zeitung auf einen Urlaub geschickt, den er nicht ausstehen kann, damit er darüber sehr ausführlich Abfälliges schreibt – das ist ein eigenartiges Genre. Hiermit erweitert um eine Bloggerin, die das eigenartig findet und dennoch in ihrem Blog verlinkt:
“Crying Myself to Sleep on the Biggest Cruise Ship Ever
Seven agonizing nights aboard the Icon of the Seas”

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Ich lass mal ein schönes Foto von britischen Schauspielern Anfang der 1980er hier.

Journal Sonntag, 14. April 2024 – Sommersonntagserholung

Montag, 15. April 2024

Mit herabgelassenem Rollladen schlief ich gut bis nach sieben.

Blick aus Obergeschoss auf Park und modernen Kirchturm, sonnenbeschienen.

Gemütliches und ausgiebiges Bloggen mit Milchkaffee, Wasser, Tee. Am späteren Vormittag machte ich mich fertig für einen Isarlauf, entschied mich wieder für die Strecke ab Thalkirchen nach Süden: Durch den nördlichen Englischen Garten war mir die Passierbarkeit des Abschnitts bei Unterföhring zu unsicher.

Es waren sehr viel Menschen auf Fahrrädern unterwegs. Wirklich verunsichernd wirkten auf mich lediglich die vielköpfigen Familienrotten, in denen ganz kleine Kinder auf Spielzeugradeln eierten, die in keiner Hinsicht verkehrstüchtig schienen, das Anfängertum der Kinder bestätigt durch die anfeuernden Rufe der Erwachsenen: “Guuuut machst du das!” Niemand in diesen Gruppen kümmerte sich um andere Verkehrsteilnehmende, gab gar Richtungssignale – ich fühlte mich höchst unwohl beim Überholen oder wenn sie mir entgegen kamen. (Gestern zumindest nur auf Fahrradwegen, ich habe solche Konstellationen durchaus schon auf belebten Kreuzungen gesehen.)

Das Fahrrad ließ ich wieder am Tierpark stehen und lief exakt dieselbe Strecke wie vor einer Woche, in den sieben Tagen waren spürbar mehr Schatten spendende Blätter gewachsen.

Fußweg zwischen sonnenbeschienen Bäumen

Fußweg zwischen FLuss und sonnenbeschienen Bäumen

Zwei FLussarme von oben, dazwischen ein Weg, der auf ein Schleusenhäuschen zuführt.

Blick von der Großhesseloher Brücke nach Süden.

Fußweg zwischen Bäumen

Holzbank im Wald, auf der Betonseite ein schwarzer Tag

Technikhäuschen mit buntem Graffiti bemalt, links fährt ein radelnder Mensch vorbei

Ein schöner Lauf: Es war nur warm mit ständiger angenehmer Brise, der Körper spielte gut mit (15 Minuten weniger wären besser gewesen), es duftete nach Frühling. Auch das Rückradeln genoss ich, zwang mich zu äußerst defensivem Fahren unter den vielen Radelnden, von denen manche Nebeneinanderradeln mit fröhlichem Ratschen für eine gute Idee hielten.

Frühstück um zwei auf dem Balkon (!): Selbstgebackenes Brot vom Vortag mit Butter und Honig, Orangen. Das schöne an Fresskoma am Sonntag: Siesta!

Danach nach Wochen der Disziplin selbige doch fahren lassen und zwei Sommerkleider bei Boden bestellt. Nein, brauchen tue ich sie nicht, zudem weiß ich doch, wie selten ich Sommerkleider dann tatsächlich tragen kann. Doch sie müssen ja auch erstmal passen. Bei dieser Gelegenheit stellte ich fest, dass das britische Unternehmen wohl eine Tochter in den Niederlanden gegründet hat, wahrscheinlich um mit EU-Staaten nach dem Brexit einfacher Handel zu treiben.

Bügeln vor der offenen Balkontür mit dem Podcast Hopeful News mit Nicole Diekmann, die Folge mit Aurel Mertz interessierte mich. War dann auch recht kurzweilig: Aus jedem Tag der Vorwoche pickt Nicole Diekmann eine Nachricht, die Hoffnung macht, und bespricht sie mit ihrem Studiogast.

Lesen auf dem Balkon – ich stellte anhand meiner schwarzen Tastatur und des Bildschirms schnell fest, wie viel Blütenstaub gerade so unterwegs ist. Blaumeise beobachtet, die johlend (auf Meisisch) ein wildes Vollbad in der Wasserschüssel auf dem Balkonsims nahm.

Weiterhin Muskelzucken im linken Unterarm (Anconeus?), das mich in den Wahnsinn treiben will. Dann doch mal “Tremor” gegooglet: Nee.

Herr Kaltmamsell hatte den Nachmittag bei seinen Eltern bei Augsburg verbracht, kam jetzt heim, um sofort die Zubereitung des Nachtmahls anzupacken: Das Weißkraut aus Ernteanteil wurde Krautstrudel mit Mürbteig.

Glasteller auf grünem Set, darauf von neun Uhr: Zucchinischeiben, ein Stück Krautstrudel, weiße Sauce, rote Sauce.

Serviert mit Kräuterrahm, eingelegten Zucchini aus dem Kartoffelkombinat (sehr raffiniert gewürzt), Ajvar. Nachtisch Schokolade.

In der letzten Dämmerung hielt ich auf dem Balkon Ausschau nach Fledermäusen, wurde sehr bald mit dem Anblick der ersten der Saison belohnt.

Ich fühlte mich richtig ausgeruht und alert, das war ein schönes Wochenende.

§

Derzeit wird über die strafrechtliche Regelung von Abtreibung in Deutschland diskutiert, und ich bin sehr froh darüber: Meiner Ansicht nach war es viel zu lang still um dieses Thema.

Lesenwerte Gedanken zu unterdiskutierten Aspekten hat Antje Schrupp aufgeschrieben, und zwar zu einer für viele Kernfrage:
“Was ist mit dem Ungeborenen?”

§

Ich finde ja geradezu lustig, dass Computer ziemlich lange eine typische Frauensache waren, weil halt unwichtiges operatives Kleinzeugs (siehe die Geschichte meiner Schwiegermutter in den 1960ern). Und sobald sie wichtig wurden, selbstverständlich schon immer typisch Männersache.

Vielleicht mögen Sie die Geschichte von Lore Harp MacGovern aus den 1970ern nachlesen?
“She Built a Microcomputer Empire From Her Suburban Home”.

This is the story of Lore Harp McGovern, founder of Vector Graphic. With her friend Carole Ely, she launched a multimillion-dollar computer company from her suburban home and became one of the most important founders of the microcomputer age.

Journal Samstag, 13. April 2024 – Pannobile-Besuch in München

Sonntag, 14. April 2024

Nach einer gut und tief durchschlafenen Nacht weckte mich der morgenhelle Himmel – an einem Tag mit schönem Wetter ist es mir ohne geschlossenem Rollladen also mittlerweile schon um halb sieben zu hell zum Weiterschlafen.

Ich knetete erst mal Teig, gestern sollte es nach langer Pause wieder selbstgebackenes Brot geben, ich hatte mich für ein 14 Jahre lang gespeichertes Rezept für Mecklenburger Landbrot entschieden. Und beim Stöbern festgestellt, dass Lutz Geißler seine Online-Rezepte im Plötzblog seit Kurzem kostenpflichtig macht – was er gut begründet, ich empfehle die Lektüre, weil daraus das ganze Dilemma eines gut gemachten Rezeptblogs deutlich wird, das kein klickibunti Werbe- oder PR-Objekt sein soll. Was allerdings für mich persönlich bedeutet, dass all die Links zu seinen Rezepten, die ich mir fürs Ausprobieren gespeichert hatte, unnütz geworden sind.

Zwei längliche Brotlaibe auf Kuchengitter auf schwarzer Kopchplatte.

Ob ich in diesem Leben die Anweisung “halbieren” jemals hinkriege?

Einer der Brotlaibe aufgeschnitten.

Hm, wird nicht mein Lieblingsbrot: Die Kruste war mir ein wenig zu hart, anfangs länger bedampfen? Und der Geschmack ging mir ein bisschen zu sehr Richtung “gesund”.

Während ich meinen Sportrucksack packte, machte sich Herr Kaltmamsell fertig für Frühstücksverabredung und Münchenspaziergang mit zwei anderen bloggenden Lehrern. Bei diesem herrlichen Wetter wollte ich meine Schwimmrunde wieder im Freien drehen und radelte (wieder kurzärmlig) zum Dantebad. Als ich ans Becken kam, war es noch voller als am Samstag der Vorwoche, doch noch vor Ende der ersten 1.000 Meter beruhigte sich der Schwimmverkehr. Ich schwamm mit Vergnügen und nur wenig Kreuzzwicken (Schulter gar kein Problem), legte 300 Meter auf meine üblichen 3.000 drauf. Die neue Schwimmbrille funktionierte hervorragend: Den super Sitz kannte ich ja von diesem Modell, die Verspiegelung schützte mich vorm Geblendetwerden.

Diesmal wäre sogar ein Sonnenbad drin gewesen: Man hatte ein kleines Stück der Liegewiese gemäht und geöffnet.

Beim Heimradeln war auf der Dachauer Straße so viel Radverkehr unterwegs, dass nur Kolonnefahren ging (nur einmal versuchte jemand die Autotechnik des Ausscherens und vorne Einquetschens – um an der nächsten roten Ampel im selben Pulk zu stehen). Zentrumsnah begegneten mir immer wieder Männerchöre in Fußball-Oberteilen, gestern spielte anscheinend Rewe.

Für den gestrigen Sonnentag hatte ich mir Entwintern des Balkons vorgenommen, packte daheim nur kurz die nassen Schwimmsachen aus und startete gleich durch: Balkon saugen, Balkonmöbel mit Grüner Seife und Bürste auf dem Balkon abschrubben (ich hatte leider schon wieder vergessen, dass ich damit die – relativ kürzlich gereinigten – Glasscheiben zum Balkon versaute), Balkonmöbel ins Wohnzimmer schleifen, Balkonboden reinigen (ich habe zu wenig Erfahrung mit dem professionellen Bodenwischer unserer Putzmänner, arbeitete lieber mit Schüssel, Spüli-Wasser und Spülschwamm auf Knien, abschließend mit klarem Wasser und Schwammtuch).

Blick von innen auf einen leeren Balkon mit oranger herabgelassener Markise.

Dauerte mit anderthalb Stunden ein wenig länger als vorhergesehen (unter anderem vergesse ich immer, die Reinigung der Putzwerkzeuge einzukalkulieren). Zwar ist nur noch für Sonntag Balkonwetter angekündigt, aber das ist ja ein ganzer nutzbarer Tag. Ein Rausstellen der Balkonpflanzen erschien mir allerdings noch zu riskant, für die nächste Woche ist ein weiterer Temperatursturz angekündigt.

Um drei aber endlich Frühstück: Mecklenburger Landbrot mit Butter und Honig, Orangen. Während ich aß, kam Herr Kaltmamsell von seinem Ausflug heim. Er half mir, den sauberen Balkon zu möblieren.

Balkon mit Bank und Tisch, auf dem Tisch eine aufgeschlagene Zeitung, dahinter eine Frau mit weißen Haaren und schwarzem Oberteil, die diese Zeitung liest.

Erstes Balkonnutzen durch Zeitunglesen (Foto: Herr Kaltmamsell).

Für den Abend hatten wir Karten: Die Wir2liebenWein hatten Pannobile-Winzer*innen aus dem österreichischen Gols nach München geschafft, unter anderem gab es ein Flying Dinner mit Weinen von ihnen, und für das hatte ich Herrn Kaltmamsell und mich eingebucht (der Newsletter hatte sich schonmal gelohnt!).

Wir spazierten in der Abenddämmerung durchs geschäftige Bahnhofsviertel in die Bambule-Bar (die, wie ich jetzt beim Recherchieren fürs Blog feststelle, irgendwie zum Mural gehört).

Moderner Innenhof, im Vordergrund Holztischlein mit zwei Weißweingläsern, im Hintergrund sitzt ein Mann mit grünem Hemd und grauem Sakko, verschränkten Armen, weiter im Hintergrund stehende und gehende Menschen.

Es war draußen eingedeckt, wie setzten uns an einen Zweier-Tisch – und dann startete ein Abend mit viel Weinlernen durch Probieren und köstlichen Tellerchen.

Vier Weinflaschen mit Etikett

Vier Weinflaschen mit Etikett

Acht der elf probierten Weine. Von den einschenkenden Winzer*innen erkannte ich Claus Preisinger, dessen Weingut ich 2010 mal besucht hatte, der junge Herr, der Heinrich-Weine in der Flasche hatte, war wohl auch vom Weingut. Da wir wirklich immer nur einen Schluck nahmen, waren wir auch nach dem elften nicht betrunken, das mochte ich.

Meine Favoriten:
1. Der Heinrich Petnat Oh when the Saints 2021, gleich als erster im Glas. Bislang waren mir Petnats immer zu vordergründig hefig (wenn nicht sogar “gesund”) schmeckend, doch dieser war fein vielfältig blumig – will ich haben.
2. Gsellmann Traminer, maischevergoren – sowas hatte ich ja noch nie gerochen und geschmeckt, sehr vielschichtig.
3. Rennersistas Waiting for Tom, mein liebster Roter des gestrigen Abends. Eine Cuvée, die richtig spritzig rüberkam (die Rotweine wurde sehr kalt ausgeschenkt), sauerkirschig.

Ein erstes Mal: Der Heinrich Blaufränkisch 2014, vorgestellt als besonders kalter Jahrgang, roch intensiv nach Zündholzkopf.

Jetzt endlich explizit ausdiskutiert, dazu sind solche Pärchenabende ja da: In unserem Rotweingeschmack unterscheiden sich Herr Kaltmamsell und ich deutlich. Während er die typischen Spanier und Übersee-Weine liebt (Holz, Wucht), sind mir die filigranen Österreicher am liebsten. Man muss als Paar ja nicht in allem harmonieren. Und zum Glück trinke ich durchaus auch gerne Mal ein Glas Wucht, es ist keineswegs so, dass ich die nicht mag.

Vier Tellerchen mit Essen

Drei Tellerchen mit Essen

Die Speisen in kleinen Portiönchen waren fast durchgehend Thai-beeinflusst, Ausnahme der Tafelspitz ganz klassisch. Besonders mochte ich die Ceviche und den saftigen Reiskuchen. Wir wurden gut satt. (Der Anblick, den Herr Kaltmamsell am späteren Abend hatte.)

Rückweg durchs jetzt stillere Bahnhofsviertel bei Nacht.

§

Ich stimme Nele Pollatschek oft nicht zu, will aber immer lesen, was sie schreibt: Weil es wohl überlegt ist. In der Wochenend-Süddeutschen schreibt sie über toxische Weiblichkeit (und ein gleichnamiges Buch) und bringt mich zum Nachdenken (€):
“Was ist toxische Weiblichkeit?”

Bei aller Systemkritik kann man sagen: Wer trotz Klimawandel und Verkehrstoter mit 220 Sachen über die Autobahn brettert, verhält sich ein bisschen asozial. Und weil dieses Verhalten eben häufig das Resultat dessen ist, was man in feministischen Kreisen eine “männliche Sozialisierung” nennt – also die Erziehung zum Mann, in der Kindern eingeredet wird, dass ihr Wert als Mensch an bestimmten “männlichen”, draufgängerischen, mitunter gefährlichen Verhaltensweisen hängt – kann man hier von “toxischer” (also giftiger) Männlichkeit sprechen.

(…)

Genauso wahr: Wer trotz Fachkräftemangels medizinisches Personal mit der persönlichen Eitelkeit beschäftigt, wer sich die Nase machen lässt, während Pfleger für die Herz-OP fehlen, wer die Nachfrage kreiert, aus der einige der besten Dermatologen sich auf medizinisch unnötige Eingriffe spezialisieren, sodass Kassenpatientinnen auf Krebsvorsorge warten müssen – besonders Frauen sind von Altersarmut betroffen, können nicht einfach draufzahlen -, verhält sich ein bisschen asozial. Und weil dieses Verhalten häufig das Resultat dessen ist, was man in feministischen Kreisen eine “weibliche Sozialisierung” nennt – also die Erziehung zur Frau, in der Kindern eingeredet wird, dass ihr Wert als Mensch an bestimmten “weiblichen”, dekorativen, mitunter eitlen Verhaltensweisen hängt -, könnte man hier von “toxischer” (also giftiger) Weiblichkeit sprechen. Man tut es nur nicht.

Irgendwie haben sich die sichtbarsten Teile des Gegenwartsfeminismus darauf geeinigt, dass es wichtig sei, die ästhetische Selbstoptimierung weiblich sozialisierter Menschen nicht zu stigmatisieren – also nicht auf die Art über überfüllte Gesichter zu urteilen, wie man über Porschefahrer urteilt.

(…)

Irgendwie ist der Teil des Diskurses, der sich darauf spezialisiert hat, die Stellen zu benennen und zu bekämpfen, an denen die Sozialisierung zum Mann eine giftige Wirkung ausübt, bislang nicht gut darin zu erkennen, wie viel am Weiblich-Sozialisierten tatsächlich sehr giftig ist. Ist ja auch verständlich, man musste ja erst mal die mächtigen Männer entgiften und die Frauen ermächtigen. Nur jetzt, wo man sich in vielen Ländern des Westens einer gleich-ermächtigten Welt nähert, wäre es an der Zeit zu erkennen, welche weiblich-sozialisierten Verhaltensweisen schädlich sind. Damit man am Ende nicht lauter toxischen Kram ermächtigt, nur weil er von Frauen kommt.

Journal Freitag, 12. April 2024 – #12von12

Samstag, 13. April 2024

Am 12. jeden Monats sammelt die Bloggeria 12 Fotos vom Tag und trifft sich hier zum Austausch.

Gemischte Nacht, hoffentlich klappt am Wochenende das ersehnte Ausschlafen. Ich räkelte mich erst mal – und roch dabei leicht mein Deo, das ich am Vormorgen aufgetragen hatte. Aber keinerlei Schweiß. Die leisen Schweißstink-Whiffs, die ich in den vergangenen Tagen immer wieder an mir roch, waren also Reste vergangener Stink-Phasen, keine neuerliche. Vielleicht muss ich doch mal konsequent Oberteile ausmisten. (TMI, ich weiß, hahaha.)

Wie angekündigt wurde es zu einem sonnigen Tag hell, ich ließ vor dem Verlassen der Wohnung ein paar Rollläden halb herunter, vor allem um Lebensmittel vor den Sonnenstrahlen zu schützen.

Das Wetter passte, also trug ich gleich mal die neuen Glitzerschuhe.

Frau fotografiert sich im Ganzkörperspiegel eines Wohnungsflurs, kurze weiße Haare, Brille, dunkelblaues Shirt, dunkle, enge Jeans, an den Füßen glitzernde rote Schuhe.

#1von12 – Angedeutete Steptanzhaltung. Noch traute ich mich nicht, die Fersen zusammenzuschlagen. Auf dem Marsch in die Arbeit erwiesen sich die Glitzerschuhe auch noch als bequem (wie ich es von Lola-Ramona-Schuhen gewohnt bin, das ist mein drittes Paar – entdeckt durch einen Hinweis aus der trans Community: Lola Ramona bietet nämlich manche ihrer herrlich lauten Modelle bis Größe 46 an).

Erfrischender Marsch in die Arbeit.

#2von12 – Café Colombo. Wie so oft freute ich mich an dem orangen Farbklecks der frühstückenden Männer.

Emsiger Vormittag, es war auch wieder viel körperlichen Räumens. Es zog mich raus auf einen Mittagscappuccino in die Sonne.

In einer Bürohaushalle mit großen Fenstern links stehen Stehtische in einer Reihe, rechts ihre scharfen Schatten auf dem Steinboden.

#3von12 – Arbeitswelt trifft Frühlingssonne.

Kleiner Raum eines Cafés, im Vordergrund auf dem Tisch ein Tablettchen mit Wasserglas und Cappuccino, im Hintergrund Blick auf die sonnige Straße.

#4von12 – Guter Cappuccino. Die Barista fragte mich, ob ich Dorothy hieße – und ich schaltete nicht! No na, jetzt haben wir uns zumindest einander vorgestellt.
(Kann ich natürlich nie wieder hin.)

Wegen der einen oder anderen ungeplanten (aber sehr nützlichen) Besprechung wurde es spät für mein Mittagessen: Apfel, Hüttenkäse, Orangen.

So bequem die neuen Schuhe auch sind: Nach fast 10.000 Schritten meldeten sich dann doch potenzielle Blasenstellen.

Zwei Paar Schuhe auf grauem Teppich, links ein leeres Paar rote Glitzerschuhe, rechts Jeansbeine, die Füße stecken in weißen Turnschuhen.

#5von12 – Zum Glück war ich schlau genug gewesen, Ersatzschuhe einzustecken, in die schlüpfte ich vor ersten Verletzungen.

Seit 48 Stunden hatte ich lustiges Muskelzucken im linken Unterarm. Lustig im Sinne von wahnsinnig machend.

Pünktlicher Feierabend, ich freute mich darauf, die Arbeitswoche hinter mir zu lassen.

Wiese mit großen Bäumen, darauf eine gelbe Hüpfburg und viele bunte Menschen.

#6von12 – Auf dem Georg-Freundorfer-Platz war Kinderfest, gut besucht.

Einkäufe im Weinladen, Einkäufe im Vollcorner am Forum Schwanthalerhöhe. Mein Weg führte durchs Einkaufszentrum.

Blick von oben auf einen ca. 6 Meter langen Plastik-Dinosaurier mit Sattel in einem Einkaufszentrum, auf den Sattel gelangt man mit Hilfe einer Treppe mit Geländer.

#7von12 – Ich erinnere mich noch sehr gut an die kleinen, motorgewackelten Plastiktiere vor Kaufhäusern meiner Kindheit, Elefanten oder Hasen, die man als kleines Kind gegen Münzeinwurf reiten konnte (was ich, “So ein Schmarrn”, nur sehr selten durfte). Schaun Sie mal, wo das mittlerweile hingeführt hat. Dieses Vieh, ich durfte mehr als einmal glückliche Kinder darauf beobachten, bewegt auch Schwanz und Kopf!

Durch einen altmodischen schmiedeeisernen Zaun sieht man in den Vorgarten eines Gründerzeithauses und auf eine Buchsbaum-gesäumte Blumenrabatte mit weißen Tulpen und Vergissmeinnicht, dahinter das erste Stockwerk der Fassade it einem Fenster, in dem sich die Sonnen-beschienene Fassade des gegenüberliegenden Hauses spiegelt.

#8von12 – Vorgarten in der Pettenkoferstraße, ich bewunderte die Vergissmeinnicht.

Fast lebensgroße Bronzefigur im Garten eines weißen Jugendstil-Gebäudes mit großen Terrassentüren, sie stellte eine Frau in Kleid und mit einem Stock dar, die sich mit einem Arm den Schweiß von der Stirn wischt.

#9von12 – Die Patronin des Freitagabends vor der Medizinischen Lesehalle am Beethovenplatz.

Zu Hause Auspacken der Einkäufe, Wäscheaufhängen aus der programmierten Waschmaschine, eine Runde Yoga-Gymnastik.

Zimmerecke mit Parkettboden, von hinten ein weißer Bücherschrank, davor ein Fernsehbildschirm, der eine Frau in Vierfüßlerstand zeigt, davor eine blaue Yogamatte.

#10von12 – Meine fast tägliche Yoga-Situation, ich bin am Ende des nochmaligen Durchturnens von Adrienes diesjährigen 30-Tage-Programms “Flow” angelangt.

Jetzt aber ernsthafter Wochenabschluss: Alkohol! Ich machte uns den ersten Aperol Spritz der Saison, wischte Saharastaub von der Balkonbank, erster Freitagabenddrink der Saison auf dem (noch unentwinterten) Balkon.

Balkonbrüstung, auf der zwei Stilgläser mit oranger Flüssigkeit stehen, links davon eine tönerne Wasserschale, rechts davon ein Mann in dunkelblauem Polohemd, dahinter ergrünende Bäume, durch die Sonne scheint.

#11von12 – Herr Kaltmamsell im Abendlicht. Zum Drink hatte ich eingelegte Oliven und Artischocken mitgebracht.

Gestern gab es nach Langem mal wieder das eigentlich übliche Freitagsfleisch. Ich hatte glückliches Rib-Eye-Steak mitgebracht, das Herr Kaltmamsell briet, als Beilage buk er die Ernteanteil-Pastinaken nach Ottolenghi im Ofen, und ich hatte mir Sauce Café de Paris gewünscht.

#12von12 – Schmeckte alles ganz hervorragend, die Sauce noch besser, als ich sie in Erinnerung hatte – ein Festmahl. Nachtisch Schokolade, nicht zu viel!

§

Schon zu meiner Grundschulzeit war alles Neue in der Schule schlecht. Ich bin ja Generation Mengenlehre und bilde mir ein mich zu erinnern, wie komplett bescheuert meine Eltern das fanden. Hier ein Spiegel-Artikel von 1974 (ich kam 1973 in die Schule):
“Mengenlehre: »3 + 5 = 5 + 3«”

via @kathrinpassig

Definitv aber erinnere ich mich an den Gedanken: “Wie Mengenlehre!”, als ich erste Bekanntschaft mit dem Konzept “Klassen” in der Informatik machte.
Schlagartig ergab alles Sinn.

Geschweifte Klammern und Ellipsen, in die immer neue und immer andere Mengen geschrieben oder gezeichnet werden, füllen viele Hefte. Väter und Mütter, die pflichtbewußt den Bestseller »Eltern lernen die neue Mathematik« oder ein anderes der fünf Dutzend Elternbücher gelesen oder einen Kurs an der Volkshochschule besucht haben, sind ihren Kindern wenigstens in der Erkenntnis voraus, daß es Mengen in Unmengen gibt: unter anderem Grund-, Teil-, Vereinigungs-, Ergänzungs-, Schnitt-, »Unterschieds-, Null-, Verbindungs-, Rest-, Produkt-Lösungsmengen.

Aber selbst allabendlich strebend bemühten Eltern fällt es oft schwer, mit ihren Sprößlingen mitzuhalten oder ihnen zu helfen, wenn sich die Begriffe verwirren.

Von Mächtigkeit reden Achtjährige und meinen nicht Könige oder Kanzler, sondern Mengen von Haselnüssen und Rosinen. Und wenn sie sagen, irgend etwas sei irgend etwas anderem »eineindeutig« zuzuordnen, dann stottern sie nicht, sondern sind stolz darauf, daß sie dem Vater auch dann überlegen sind, wenn er Abitur und Doktortitel besitzt. Laut Mengenlehre-Gegner Hans Stahl (Stuttgart) »sehen die Kinder früh, zu früh, ihre Eltern hilflos und unwissend. Damit schwindet die Achtung, die Kinder können nicht mehr ihre Eltern fragen, deren Vorbild verblaßt«.

Außerdem interessant in dem Artikel: Der damalige Forschungsstand zu Legasthenie.

§

Jetz noch harter Stoff. Falls noch jemand Illusionen über das US-amerikanische Sozialsystem hatte. In der New York Times schreibt eine Ärztin über “Armut im Endstadium” als Todesursache:
“Many Patients Don’t Survive End-Stage Poverty”.

Medical textbooks usually don’t discuss fixing your patient’s housing. They seldom include making sure your patient has enough food and some way to get to a clinic. But textbooks miss what my med students don’t: that people die for lack of these basics.

(…)

I love reading about medical advances. I’m blown away that with a brain implant, a person who’s paralyzed can move a robotic arm and that surgeons recently transplanted a genetically modified pig kidney into a man on dialysis. This is the best of American innovation and cause for celebration. But breakthroughs like these won’t fix the fact that despite spending the highest percentage of its G.D.P. on health care among O.E.C.D. nations, the United States has a life expectancy years lower than comparable nations—the U.K. and Canada— and a rate of preventable death far higher.

(…)

I used to teach residents about the principles of internal medicine — sodium disturbances, delirium management, antibiotics. I still do, but these days I also teach about other topics — tapping community resources, thinking creatively about barriers and troubleshooting how our patients can continue to get better after leaving the supports of the hospital.

Journal Donnerstag, 11. April 2024 – Endlich wieder durchatmen

Freitag, 12. April 2024

Gute Nacht, lediglich unterbrochen von unruhigem Motoraufheulen eines Autos – als ich dann doch mal nachsah, stellte sich dieses als Auto von jemandem heraus, der sehr, sehr schlecht einparken konnte, es aber dennoch versuchte und dabei sein Gaspedal etwa wie das eines Klaviers einsetzte.

Das Weckerklingeln kam mir ungelegen, Weiterschlafen wäre sehr schön gewesen. Doch es tagte zu blauem Himmel. Ich spazierte in knackig kaltem Sonnenschein in die Arbeit.

Im Büro wie fast immer erstmal Tee gekocht. Mein Energietee ist alle, ich wechselte zum als sommerlich erinnerten Blütenzauber aus derselben Quelle. Aber vielleicht bin ich noch nicht bereit dafür: Ich vermisste den Energietee.

Der blaue Himmel hielt sich, über den Vormittag geschmückt mit hübschen Haufenwolken. Ich ging weiter raus auf meinen Mittagscappuccino – und merkte erst jetzt, wie schlecht die Luft all die Tage davor mit Saharastaub gewesen war: Jetzt machte Atmen machte so richtig Freude, ich schnaufte begeistert und bis in die Spitzen der Lungenflügel.

Zu Mittag gab’s Pumpernickel mit Butter und Orangen. Geschäftiger Nachmittag, dabei lockte das Draußen.

Statt direkt nach Hause, ging ich nach Feierabend erst auf einen Spaziergang in den Westpark, um dort in weiterhin kühler Luft nach dem Frühling zu sehen.

Über die Theresienwiese nach Hause. Dort turnte ich Yoga-Gymnastik, übernahm dann die Fertigstellung des donnerstäglichen Abendessens: Salat aus Ernteanteil, diesmal Kopfsalat und Rucola mit Joghurt-Dressing und gekochten Eier. Den Rest Kimchi aßen wir auch, dann noch ordentlich Schokolade.

Außerdem große Freude: Neue Schuhe waren eingetroffen, mit denen ich meinen Alltag verglitzern werde – und hoffentlich auch den von Betrachter*innen.

Meine Oktoberfestflucht in Form von Wanderurlaub auf Mallorca habe ich jetzt fertiggebucht. Die Hin- und Rückreise per Bahn und Fähre wird noch anstrengender als gedacht, in beide Richtungen werde ich in Barcelona zwischenübernachten müssen. Mal sehen, wie urlaubsbedürftigt ich die Wanderung selbst auf Mallorca antrete (und natürlich ganz schön teuer, mehr als dreimal so teuer wie Fliegen). Aber auch schon egal: Danger and excitement, ein echter Jahresurlaub, fast drei Wochen. Nur dass ich dadurch nicht richtig mit Herrn Kaltmamsell seinen Geburtstag feiern kann, schmerzt mich: Ich muss einen Tag früher los als geplant.

Journal Mittwoch, 10. April 2024 – Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle

Donnerstag, 11. April 2024

Eine gute Nacht, wunderbar. Allerdings begleitet beim Einschlafen und nächtlichem Klogang von wiederholtem Motoraufheulen eines (mehrerer?) Autos vorm Schlafzimmer. Ein neues Signal der Drogendealer vom Park? (Und auch etwas, was mit Verbrennungsmotor-Pkw aussterben wird, hähähä).

Ein kalter Morgen, ein kalter Tag, ich marschierte in dicker Jacke in die Arbeit, vermisste eine Mütze und ging noch schneller als eh, damit mir warm wurde. Ich begegnete glitzernd aufgebrezelten Menschen – erster Hinweis auf den gestrigen Start des Zuckerfests.

Zackiges Wegarbeiten am Morgen, denn um 9 Uhr startete eine Info-Veranstaltung online, die mich sehr interessierte. In einer Pause ging ich schnell auf einen Cappuccino bei Nachbars.

Dort wahrte eine neue Barista auch bei langer Schlange ihre Berufsehre.

Mehr interessante Info aus der Veranstaltung, nebenher die eine oder andere Anfrage aufgefangen. Zu Mittag gab es Apfel, Orangen, dann noch eine Mango (endlich mal wieder eine richtig gute) mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag Veranstaltungsabschluss, dann berufliches Hantieren mit Heikelkeiten (meine Nerven – doch die sollten sich besser mal daran gewöhnen, das wird ab 1. Mai Tagesgeschäft). Doch unterm Strich, also bei Feierabend (am Ende des Tages, thihi) fühlte sich der Tag produktiv an.

Heimweg über Lebensmitteleinkäufe für die nächsten Tage beim Vollcorner und unter dunkel drohendem Himmel – doch ich kam trocken nach Hause.

Dort Häuslichkeiten und Yoga-Gymnastik. Zum Nachtmahl erfüllte Herr Kaltmamsell mir wieder einen Wunsch: Ich hatte im Magazin brandeins von dem rumänischen Polenta-Gericht Mămăligă gelesen, und wir hatten ja bayerische Polenta vom Biohof Lex im Schrank. Dazu stellte ich mir gebratenen Chicoree vor.

Wurde noch besser als erwartet: Die grobe Polenta schmeckte mehr nach Mais als die gewohnte feine und biss sich interessant, der gebratene Chicoree passte hervorragend zum Wermuth, mit dem er abgelöscht worden war und zum schwarzen Sesam.

Früh ins Bett zum Lesen, Reinhard Kaiser-Mühleckers Wilderer nahm mich mit aufs österreichische Dorf und in den unromantischen Alltag zeitgenössischer Landwirtschaft.

§

Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle

Ich las das Buch angeregt und gern, tue mich dennoch schwer, dazu etwas zu schreiben.

Der Roman verläuft auf drei Erzählebenen:
Die erste spielt Ende der 1990er, als Viktor auf einem Klassentreffen (25 Jahre nach dem Abitur) statt etwas über seinen eigenen Werdegang zu erzählen, die Namen einiger der früheren Lehrer nennt und ihre NSDAP-Mitgliedsnummer. Umgehender Eklat, empörte Abgänge, nur er und eine Klassenkameradin bleiben zurück. Sie unterhalten sich, erinnern sich an ihre Schul- und revolutionäre Uni-Zeit.

Der zweite, damit verwobene Strang erzählt von Viktors Kindheit, Schulzeit und Jugend als Scheidungskind in den frühen 1960ern und Enkel von jüdischen Holocaust-Überlebenden in Wien.

Und dann die weite, in großen Kapiteln eingeschobene dritte Ebene: Die historische Geschichte des Rabbiners Samuel Manasseh ben Israel, geboren 1604 in Lissabon, aufgewachsen als vermeintlicher Christ, dessen Eltern von der Inquisition gefangen und gefoltert wurden, mit denen und seiner Schwester er nach Amsterdam floh.

Alle drei Handlungen werden personal und sehr nah am jeweiligen Protagonisten erzählt, vielschichtig und mit vielen Details in präzise-poetischer Sprache geschildert, nachvollziehbar und erlebbar gemacht.

Das las ich gefesselt, und doch. Sehr wahrscheinlich habe ich derzeit ein Problem mit Fiktionalisierung von geschichtlichen Epochen, je länger her, desto mehr (vielleicht eine Nebenentwicklung meiner Abneigung gegen based on a true story). Ständig stehen mir historisch fragwürdige Spielszenen aus populären Fernseh-Geschichtsdokus vor Augen. Aber das kann ich ja wirklich nicht dem Roman vorwerfen.

Denn: Ganz hervorragend erzählt fand ich das Großwerden von Viktor, der weder aus seinen Großeltern herausbekam, wie sie die Verfolgung im Dritten Reich überlebten, noch aus seinem Vater, deren Sohn, Details seines Kindertransports nach England. Sie schoben diese Schrecklichkeiten weit von sich, wollten nicht darüber sprechen. Erst am Schluss des Romans, bei seinen Großeltern erst nach deren Tod, erfährt er durch Begräbniswünsche Details dieser Vergangenheit.

Ähnlich das unermessliche Leid, das die Inquisition unter den verbliebenen Juden auf der iberischen Halbinsel im 17. Jahrhundert anrichtete (und das zu diesem wunderbaren Romantitel führte). In relativer Sicherheit nach der Flucht taten sie den Teufel, die erlittenen Grausamkeiten zu reflektieren, sondern konzentrierten sich einzig auf ihr Fortkommen und die Zukunft.

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Manche Menschen freut es, ihre Ausdrucksweise zu verbessern. Wenn Sie dazu gehören, vielleicht regelmäßig beruflich sprechen, mögen Sie dies hier lesen:
“Beeindruckungsrhetorik”.

Oder die aufgeschwurbelte Version (ich lerne ja von den besten): Manche Menschen holen sich positive Erlebnisse, wenn sie auf bessere Formulierungen hinarbeiten können. Sollten Sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, in gewisser Regelmäßigkeit auch in beruflicher Umgebung als Sprecher oder Sprecherin auftreten, wollen Sie sich hier vielleicht Tipps für Verbesserungsmöglichkeiten holen.

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Celeste Barber demonstriert den Unterschied zwischen Menschen, die an “Beauty Routine” glauben und die Kosmetikindustrie (Arbeitsplätze!) am Leben halten (nicht ich) und Menschen ohne (ich).

Journal Dienstag, 9. April 2024 – Caroline Wahl, 22 Bahnen und die Hollywoodisierung des Themas Armut

Mittwoch, 10. April 2024

Unruhige Nacht, ganz erstaunlich, was sich mein Stoffwechsel als Anlässe für Ängste und Sorgen suchte. Ich wachte recht zermatscht auf.

Draußen war es düsterdiesig und schwül. Da für den späteren Tag ein Temperatursturz angekündigt war, ging ich zwar in T-Shirt in die Arbeit, steckte aber eine warme Jacke in meinen Arbeitsrucksack.

Recht rühriger Vormittag, weniger Kolleg*innen als sonst dienstags präsent, weil auf einer Veranstaltung.

Der Saharastaub sorgte auch gestern für die trübe Diesigkeit, in der ich zu meinem Mittagscappuccino ging. Ich hatte eine weitere Quelle ganz in der Nähe wahrgenommen, die ich ausprobierte. Der Cappuccino war in Ordnung, vor allem aber war das Lokal sehr lokal und uncool – für mich ein Plus.

Im warmen Wind wirbelten die Blütenblätter der Zierapfelbäume, ich filmte diese Variante des Sakura.

Erst packte ich noch einen größeren Job an, dann gab’s Mittagessen: Karottensalat, Orangen – am Montag war die letzte 10-Kilo-Kiste der Saison des adoptierten spanischen Orangenbaums angekommen.

Den Nachmittag verbrachte ich mit heftigem Korrekturlesen (manchmal habe ich dann doch das Gefühl, dass ich mein Geld wert bin) und Crispy-Chili-Oil-Rülpserchen. Ich merkte, dass es draußen kälter wurde, weil ich das Bedürfnis hatte, das gekippte Fenster zu schließen.

Später Feierabend, mittlerweile hatte es zu regnen begonnen. Und ich war froh um die eingesteckte Jacke: Es war schlagartig kalt geworden.

Auf meinen Wegen achtete ich genauer auf Flieder: Wie vermutet sehen die verbliebenen Büsche arg mitgenommen aus und haben nur ein Drittel der Äste vom Vorjahr; deren Kreuz- und Querheit deutet auf unfreiwilligen Abbruch des Rests durch den heftigen Schnee Anfang Dezember 2023 hin.

Zu Hause Wäscheaufhängen und Pediküre, dann nahm ich mir doch noch die Zeit für Yoga-Gymnastik – nochmal die sportliche Folge von Montag, die besonders gut lief.

Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl schnelle Krautfleckerl: Er hatte die Hälfte des dafür gebrateten Krauts bei der letzten Zubereitung eingefroren. Nachtisch Schokolade, schon wieder zu viel.

Im Bett begann ich die nächste Lektüre, ich hatte meine Wunschliste wieder mit dem Bestand der Stadtbibliothek abgeglichen und gefunden: Reinhard Kaiser-Mühlecker, Wilderer.

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In 22 Bahnen lässt Caroline Wahl die junge Frau Tilda erzählen: Wie sie in einer deutschen mittelgroßen Stadt ohne Namen an der Supermarktkasse jobbt, sich um ihre kleine Schwester Ida im Grundschulalter kümmert, auch um ihre schwer alkoholkranke Mutter, wie sie im Mathematik-Studium kurz vor ihrem Master steht. Als Hintergrund des Handlungsstrangs in der Gegenwart erinnert sie sich an vorherige Geschichten: Wie sie als einziges armes Kind in einer wohlhabenden Einfamilienhaussiedlung groß wurde, wie ihre Altersgruppe nach dem Abitur nach und nach Richtung Berlin verschwand, jetzt nur hin und wieder auftaucht. Und wie sie in der Zeit nach dem Abitur ihren besten Freund verlor. So oft es geht, schwimmt sie in einem ebensowenig näher bezeichneten Freibad 22 Bahnen; die Romanhandlung setzte ein, als am Anfang des Sommers dort der große Bruder des verstorbenen besten Freundes auftaucht.

Das ist alles süffig und gut weglesbar geschrieben, wir bekommen junge Leute, große Gefühle, soziale Ungerechtigkeit, das Thema Armutsbetroffenheit trifft auch auf Zeitinteresse. Doch genau dieses Thema stieß mir beim Lesen immer stärker auf: Weil es in meinen Augen durch riesige Auslassungen sträflich unrealistisch beschrieben wird.

Menschen in Armut rechnen ununterbrochen Kosten mit, das ist ein Grund, warum Armut so viel Kraft zehrt – nicht einfach, dass sie sich keine Markenprodukte leisten können. Doch hier: Die Kosten für Busfahrkarten, Schwimmbadeintritt, Ida kommt in die 5. Klasse Gymnasium und braucht neues Schulzeug und vermutlich neue Kleidung – an nichts davon denkt die Ich-Erzählerin, obwohl sie uns sonst sehr detailliert ihre Sorgen, Gedanken und Nöte schildert. Sie hat auch nicht im Blick, wann das nächste Geld eintrifft. Was ist zudem mit Rechnungen, die gezahlt werden müssen? Die alkoholkranke Mutter wird als zu nichts Alltagstauglichem in der Lage beschrieben, sie kümmert sich sicher auch nicht um Rechnungen – doch sie werden mit keinem Wort erwähnt. Auch nicht als Tilda überlegt, ob ihre kleine Schwester alt genug ist, nach einem Wegzug Alltag ohne sie zu bewältigen.
Dass diese Ida beim Einkaufen das Geld abgezählt dabei hat, wirkt dadurch wie eine weitere ihrer Schrullen – und nicht wie das notgedrungene Verhalten armer Menschen.

Außerdem wird lediglich immer wieder der Unterschied erzählt, den Tilda beim Großwerden im Vergleich zu ihrem Freundeskreis erlebte, der in Eigenheimen wohnte, tolle Urlaube machte, jetzt Zweit- und Drittstudium von den Eltern finanziert bekommt. Gar keine Rolle aber spielt die Gesellschaft, in der sich Tilda seit vielen Jahren mit ihrem Supermarktjob bewegt: Was ist mit den Kolleg*innen dort? Mit der Chefin? Nicht mal Schicht-Absprachen werden erzählt. Soll durch das Hervorheben der Umgebung, die reicher ist als die Protagonistin, ihre Isolation unterstrichen werden? Mir schien, dass in diesem Roman die Gesellschaftsschicht der Supermarktangestellten, in der man halt wenig Geld hat und sich ständig arrangieren muss, schlicht keine Ausschmückung wert ist, nicht ernst genommen wird – mal wieder (warum wohl war der Film In den Gängen mit Sandra Hüller solch eine auffallende Ausnahme?).

Weitere merkwürdige Auslassung: Das Internet und seine Möglichkeiten zu menschlichen Verbindungen. In einer Romanwelt, in der es sehr wohl WhatsApp gibt, hat Tilda keinerlei Kontakte auf Online-Plattformen. Sie sagt nur einmal zu ihrer kleinen Schwester, dass sie von Social Media nichts hält. Soll dieser dramaturgische Kniff rechtfertigen, dass sich Mathe-Überfliegerin Tilda nie um ein Stipendium beworben hat? Weil sie von dessen Existenz nichts mitbekommt? (Im Hinterkopf hatte ich eine Überflieger-Freundin aus Studientagen, die mit ihren Stipendien auch ihren armen Vater ernährte.)

Das Set-up des Romans hinkt auf beiden Beinen, und das nehme ich beim untererzählten Thema Armut besonders übel.

Aber mir gefiel auch einiges: Zum Beispiel dass wir immer wieder Tildas Perspektive an der Supermarktkasse erzählt bekommen. Ihre Unsicherheit gegenüber dem großen Bruder ihres Jugendfreunds. Die in meinen Augen realistische Schilderung des Alkoholikerinnenverhaltens von Idas und Tildas Mutter, inklusive Krankheitsleugnung und immer neuen Besserungsversprechen. Und ich mochte die Beschreibung von Idas Entwicklungssprüngen, viele sehr atmosphärische Beschreibungen (Filmrechteverkaufambitionenverdacht).

Dass mir Details zum titelgebenden Schwimmen fehlten, gestehe ich meinem persönlichen Interesse zu. Anscheinend handelt es sich um ein normales Freibadbecken: Gibt es beim Bahnenziehen nie Störungen durch lediglich planschende Kinder? Welche ist Tildas Schwimmart? Fühlen sich die geschwommenen Bahnen nie unterschiedlich an?

In Summe: Eine verpasste Gelegenheit für einen wirklich guten Roman. Vielleicht war der Verlag schuld und hat ihn Caroline Wahl nicht schreiben lassen, weil er deutlich weniger feel good geworden wäre.

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Ausführliches und spannendes Interview in Journalist mit Mai Thi Nguyen-Kim über ihren Wissenschaftsjournalismus:
“‘Als Wissenschaftlerin komme ich mit Hass gut klar'”.

Unsicherheiten sind fester Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens. Manchmal sind sie größer, manchmal kleiner, wie bei der Schuld des Menschen am Klimawandel zum Beispiel. Da gibt es einen derart großen Berg an wissenschaftlichen Belegen, dass man von einem Fakt spricht. Wer das anzweifelt, muss ebenso viele Belege auf den Tisch legen. Ansonsten darf man nicht erwarten, ernstgenommen zu werden. Fakt ist Fakt.

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Das hier könnte für UX-Designer*innen jenseits der Erträglichkeitsgrenze sein, für den Rest von uns ist es sehr, sehr lustig.