Journal Montag, 10. Juni 2024 – Europawahlkater

Dienstag, 11. Juni 2024 um 6:20

Besonders tiefer und guter Schlaf, ich wachte kurz vor dem Weckerklingeln erfrischt auf.

Das Draußen allerdings regnerisch, das fand ich nicht so schön. Marsch in die Arbeit also unterm Regenschirm in leichtem Regen – zumindest in milder Luft. Banger Blick auf den Isarpegel: Achweh, schon wieder am Steigen. Bis in die Nacht bewegte er sich um die Meldestufe 1.

Am Arbeitsplatz geordnete Emsigkeit, ich packte sogar einen komplexen Job gelassen an, der schon am Donnerstag hereingeschneit war und den ich mit “Oh Gott oh Gott, nee” erstmal wegschob. Montäglich leere Bürogänge, die selten Anwesenden oft mit gefährlichem Kontaktsuch-Blick.

Als ich auf meinen Mittagscappuccino ins Westend marschierte, hatte der Regen aufgehört. Ich genoss Bewegung und Heißgetränk.

Zu Mittag gab es am Schreibtisch Pumpernickel mit Butter und zwei hervorragende Nektarinen.

Auch nachmittags war ich gut beschäftigt, durch Ungeplantes länger als eigentlich gewünscht. Über den Nachmittag war es richtig sonnig geworden, nach Feierabend brauchte ich keine Jacke mehr.

Auf dem Heimweg in Lindenblütenduft Einkäufe beim Vollcorner fürs Abendessen: Der Ernteanteil war so gut wie fort, auf meinen Vorschlag sollte es eine Schüssel bunten Salat geben.

Zu Hause hängte ich nach dem Auspacken erstmal Wäsche auf, machte mich fertig für eine Runde Pilates – aber das wurde nichts: Die eingemerkte neue Folge war mir mit 45 Minuten für die vorgerückte Zeit zu lang, und auf die Schnelle wollte mir auch nichts anderes ein- oder gefallen. Ich rollte meine Matte ungenutzt wieder ein und machte mich statt dessen in aller Ruhe ans Abendessen: Eisbergsalat (in lokaler Freiland- und Bioqualität schmeckt der sogar nach was; der Vererdung nach war sein Beet im Starkregen gelegen), Gurke, rote Spitzpaprika mit einem Joghurt-Schnittlauch-Dressing – wurde sehr gut. (Für die Dienstagsbrotzeit Mango mit Sojajoghurt vorbereitet.) Den Salat gab es mit einem Stück Tomaten-Focaccia, das ich beim Vollcorner mitgenommen hatte. Nachtisch Schokolade.

Weiterhin drückte mich die große dunkle Wolke der Europawahlergebnisse nieder.

Grafik mit Ergebnis der Europawahl im Münchner Stadbezirk 2: Große Verluste bei den Grünen

Selbst in der Villa Kunterbunt meines Münchner Stadtbezirks 2 hat die AfD Stimmen gewonnen, wenn auch nicht in dem Maß wie in ganz Deutschland. So viele Menschen, die sich offensichtlich eine ganz andere Gesellschaft wünschen als ich. Das muss ich wirklich erstmal verarbeiten.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Montag, 10. Juni 2024 – Europawahlkater“

  1. Chris Kurbjuhn meint:

    Ich gehe davon aus, dass viele Menschen die AfD nicht wegen sondern trotz ihrer Inhalte wählen. AfD Wählen ist eine erfolgreich erprobte Methode, Politiker, von denen man sich nicht mehr vertreten fühlt, abzustrafen. Man sieht sie im Fernsehen rumeiern, zerstört sicher geglaubte Machtpositionen und -optionen, stiftet ordentlich Unruhe, alles durch ein Kreuzchen bei den Drecksäcken. Nur ein Beispiel: Ich hab mich – aus welchen Gründen auch immer – über die Grünen geärgert und möchte ihnen ordentlich Schaden zufügen. Wen wähle ich da? Sicher nicht ihre Koalitionspartner, und die CDU als potenziellen Koalitionspartner auch nicht. Dann mach ich mein Kreuzchen eben bei den extremen Parteien, die eine Chance haben, ins Parlament zu kommen, damit verhindere ich am effektivsten grüne Politik.
    Viele AfD-Wähler – vor allen Dingen die aus der unteren Mittelschicht – kennen deren Parteiprogramm vermutlich nicht, sonst dürften sie diese zutiefst antisoziale Partei gar nicht wählen.

  2. Neeva meint:

    Hm. Ich bin inzwischen etwas zynischer. Ich meine, dass die AFD massiv von Leuten gewählt wird, die gefühlt oder tatsächlich eine Machtposition verloren haben und diese wieder haben wollen. Das würde auch die Ergebnisse im Osten erklären. Und ja, offenbar hat keiner von denen das Parteiprogramm gelesen.

  3. Trulla meint:

    Man muss das Programm gar nicht gelesen haben (was kaum ein Wähler auch anderer Parteien tut) um zu wissen, wo diese Ekelpartei einzuordnen ist.
    Nachrichten, allerdings keine Fake News, zur Kenntnis zu nehmen würde ausreichen.
    Dass es sich bei dem grauenvollen Ergebnis in vielen Fällen um Protest per Wahl handelte, unterstelle ich auch. Und das ist ein Problem. Denn richtig wäre, sich “für” ein Ziel zu entscheiden. Aber da liegt wohl der Hase im Pfeffer und dem Problem müssen sich die etablierten Parteien endlich deutlich stellen und überzeugend an ihrem Profil arbeiten.

  4. Nina meint:

    Alle Wissenschaftler, Journalisten, Dokumentarfilmer etc., die sich seit Jahren professionell mit dieser Faschisten-Partei beschäftigen, sagen, dass die wegen ihrer Inhalte gewählt werden. Die Wähler wissen, wofür die stehen. Die kennen vielleicht nicht das Programm in allen Details, aber die wissen, worum es geht. Die wählen die genau wegen dieser Inhalte. In den Ostbundesländer sind die Faschisten-Parteivertreter in jeder Ortschaft, in jedem Verein, bei jeder Demo und jedem Protest, bei jedem Sommerfest vertreten, die Leute kennen die. Die sind Nachbarn, Kollegen, Freunde, Bekannte. Auf Veranstaltung kokettieren die Faschisten mit ihrem Status als rechtsextreme Verdachtsfälle. Das stört da niemanden, im Gegenteil zeigt es, dass man offenbar was richtig macht gegen alles, was als „linksgrün versifft“ gilt. Es gibt sicher Protestwähler, die denken, wird schon nicht so schlimm werden. Aber die nehmen halt in Kauf, dass es vielleicht doch so schlimm wird. Ich verstehe das allgemeine überraschte Entsetzen nach der Wahl nicht. Als gäbe es den NSU und seine Nachwirkungen nicht, als gäbe es nicht Halle, Hanau, Recherchen, Reportagen, Studien, Veröffentlichungen etc, die alle zeigen, dass sich in Deutschland eine rassistische und rechtsextreme Einstellung durch alle Gesellschaftsschichten und Bevölkerungsschichten zieht. Als gäbe es nicht massenhaft tagtägliche Bezeugungen von BIPOC und LGTBIQ*, muslimischen und jüdischen Personen über Anfeindungen und Attacken. Das hat sich alles schon seit Jahren angekündigt. Ich empfehle als Mindestmaß die Lektüre der Berichte der zahlreichen Registerstellen in Deutschland. Die Frage ist, was machen wir jetzt?

  5. Petra meint:

    Es ist tatsächlich so, wie Nina schreibt. Über das Protest-Stadium ist man längst hinaus, da man sich nicht nur nicht gehört fühlt, sondern nicht gehört wird.
    Es gibt das tiefe Bedürfnis, nach einer positiven Zukunftsvision und einer entsprechenden Richtungsweisung, respektive “Führung”. Also alles Vorhandene hinweg und dann nach unserem Gusto. Dann sollen die anderen mal sehen, wie es sich so lebt.
    “Verlorene Machtpositionen” spielen dabei keine Rolle; wer soll die denn gehabt haben? Viel mehr mehrfach zerstörte Lebensentwürfe, damit verbundene soziale Probleme, geringe Renten, fehlende Aufstiegschancen, auch für Jugendliche. Und immer wieder Bedrohung des wenigen persönlich Erreichten durch politische Vorgaben, die Normalbürger nicht stemmen können. Lebenswerke zerfließen spätestens bei Pflegebedürftigkeit in Bürgergeld/Grundsicherung. Junge Menschen dürfen schon mal “kriegstüchtig” werden.
    Eine positive Alternative mit Gestaltungsspielraum täte wirklich not.

  6. Norman meint:

    Dass die AfD aus Protest gewählt wird, ist ein Märchen. Marina Weisband

  7. Heidi meint:

    Vererdung, sehr nette Umschreibung. Ich sage Kellerstafflagschmack dazu.

  8. Herr_G meint:

    Der Wahlerfolg der AfD ist skandalös. Hier im wohlhabenden Südwesten der Republik fast 15 %, in etlichen Städten und Gemeinden sogar noch weit drüber! Auf den (wenigen) Wahlplakaten standen Aussagen wie “Weniger Stau!” oder auch “Mehr Parkplätze”.

  9. Barbara meint:

    Der gefährliche „Kontaktsuch-Blick“. Oh ja, Obacht!
    Den Ausdruck merke ich mir.

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