Journal Donnerstag, 5. März 2026 – Unter Epilierern

Freitag, 6. März 2026 um 6:27

Die eine Unterbrechung meines sonst guten Nachtschlafs wurde von einem Draußenbrüller verursacht, danach schlief ich aber trotz Anbranden von Angstwellen schnell wieder ein. Aufgestanden zu Nebel.

Selbsterheiterung per Styling – wieder funktionierte das.

Der Nebel verzog sich bereits auf meinem Weg ins Büro.
Ich arbeitete beherzt los und schaffte erste Dinge weg – wurde dann aber durch technische Probleme ausgebremst. Es dauerte ein paar Stunden, bis sie gelöst waren.

So kommen Retouren gerne mal bei mir an. Auch diesmal fand ich letztendlich heraus, an welche Anschrift das Paket ursprünglich gegangen war.

Der Himmel wolkenlos, die Sonne strahlend, ich freute mich auf einen Marsch zum Mittagscappuccino ins Westend. Den Umweg, mit dem ich liebäugelt hatte, strich ich allerdings nach dem Verlassen des Hauses: Es war zapfig kalt.

Sonnige Gollierstraße mal ganz ohne Blätter und Blüten.

Später gab es zu Mittag Apfel sowie eingeweichtes Muesli mit Joghurt – ich hatte aus praktischen Gründen zu einem anderen als meinem Lieblingsjoghurt von Andechser gegriffen, was sich als gut fürs Nacheichen herausstellte, weil er mir deutlich weniger schmeckte (schon ok, aber halt bei weitem nicht so erfreulich).

Nach Feierabend direkter Heimweg, den auf mich wartete ein Gerätetest: Ich wollte mir ordentlich weh tun. Das Beinerasieren hatte mich nämlich auf die Dauer doch wieder genervt, ich hatte die Haare bereits wieder ein paar Wochen für andere Methoden der Entfernung wachsen lassen. Zwar hatte ich weitere Warmwachs-Enthaarungsorte in der Innenstadt gefunden (die mehrjährige Enthaarerin hatte mich verprellt, weil sie mich immer wieder trotz Termin lange warten ließ), doch der Zeitaufwand schreckte mich inzwischen ab. Da erinnerte ich mich, dass es doch Epiliermaschinchen gibt. Ein solches hatte ich vor vielen Jahrzehnten ausprobiert, erinnerte mich an viel Schmerz für wenig Haarentfernung – doch ich hielt es für ausgesprochen wahrscheinlich, dass sich die Technik weiterentwickelt hatte.

Testberichtlektüre brachte mich zur Geräteauswahl des Herstellers Braun, und am Mittwochabend war ich zum Angucken zum Saturn gegangen (wenn ich schon ein Geschäft in Laufweite habe!). Wieder fand ich die Gammligkeit des Ladens unangenehm und die Präsentation der Ware unübersichtlich: Beschreibungsschilder für nicht vorhandene Geräte, keine Infos zu den angebotenen, Preise standen auf keinem Produkt, kein Personal für Beratung zu sehen. Ich nahm mir ein Exemplar, das die gewünschten Funktionen auf der Schachtel aufführte und fragte an einer Theke nach dem Preis; den Scanner, mit dem der Angestellte ihn auslas, könnte man ja auch einfach der Kundschaft hinstellen. Der Preis war in Ordnung, ich kaufte einen Braun Silk-épil 7.

Gestern Morgen lud ich das Gerät auf, nach Heimkehr probierte ich es aus: Den Zupf-Schmerz kenne ich ja inzwischen von Jahrzehnten Wachsenthaarung, der machte mir also nichts mehr aus. Und das Zupf-Ergbnis überzeugte mich völlig, glatte Beine sogar an den schwierigen Knien: Ab sofort bin ich Epiliererin.

Eine halbe Stunde Pilates tat gut, als Abendessen hatte ich mir den frisch geholten Ernteanteil-Lauch als Linsengericht gewünscht. Das bekam ich und genoss es. Zum Nachtisch hatte Herr Kaltmamsell Kokosmilch als Milchreis aufgebraucht, servierte ihn mit restlichem polnischen Apfelkompott. Schokolade passte noch gut hinterher.

Im Fernsehen ließen wir wie eigentlich immer donnerstags quer im Bayerischen Rundfunk laufen – und zu meiner Freude tauchte in einer Augsburger Straßenumfrage einer meiner besten damaligen Studienfreunde auf: Das Altern und die Falten stehen ihm gut! (Hat wie ich auch mal beim Lokalradio gearbeitet, aus selbst erlebtem Leid wahrscheinlich denselben Eid geleistet wie ich: Bei Straßenumfragen immer mitmachen, wenn man angesprochen wird.)

Früh ins Bett zum Lesen, neue Lektüre: Helga Schubert, Luft zum Leben.

§

Amanda Böhm über eine spezielle Art der Überforderung:
“Wenn der Vater stirbt
Die Trauer in der Nudelpackung”.

Die Trauer fängt an, sich wie eine Zeitbombe anzufühlen. Wir wissen: Trauer ist etwas, was man möglichst schnell überwindet. Der Sonderurlaub, der nahen Angehörigen bei einem Todesfall zusteht, beträgt in der Regel zwei Tage. Weil wir Angst haben, das Zeitfenster, in dem wir trauern dürfen, zu verpassen, geben wir uns also Mühe, schnell traurig zu sein. Aber es gelingt uns nicht.

§

Laurie Penny kommentiert die Schlüsse aus den Epstein Files:
“Temporarily Embarrassed Sex Criminals”.
Ich brauchte eine Weile, bis ich mich zum Lesen überwinden konnte; mittlerweile schaue ich aus Selbstschutz über die Berichterstattung hinweg, doch schließlich wollte ich ihre Gedanken wissen. Und provokanterweise beginnt sie mit

Almost every man on earth has more in common with Jeffrey Epstein’s victims than he does with any of the guests.

Meine Übersetzung: Fast jeder Mann auf dieser Erde hat mehr mit den Opfern von Jeffrey Epstein gemeinsam als mit irgendeinem seiner Gäste.
Denn Laurie Penny ist überzeugt: Nein, so sind nicht die Männer.

What larks! What naughty fellows we are! That sad spasms of sycophancy, the pathetic glee at their own daring. Wink, wink, nudge, nudge, bring your girls. Reassuring themselves that this is what all men would do if they were only rich and brilliant like them.

Enough money and power to solve the world’s problems and they choose to solve the apparently primal injustice of having to pretend women are people.

What I find most pernicious is the notion that this sort of repulsive behaviour makes all men brothers. I’m watching men in my own networks talking about the Epstein Files and feeling disgusted with themselves- as if their masculinity makes them somehow complicit. As if they too, but for an accident of wealth, might find themselves frolicing with underage sex slaves on a private jet, as if there is an untameable animal inside every man, an animal that is fundamentally dangerous and fundamentally blameless. He can’t help himself. He’s hungry and scared. It’s in his nature. Let’s just get a girl in to scrub the blood off the sectional.

This is the logic of modern patriarchy. And it’s wrong.

(…)

Accurately describing patriarchy means admitting that most men aren’t patriarchs and never will be. A mumbling white boy with ratty dreadlocks on TikTok spaffing out dire reggae dirges about the holiness of patriarchy by a rock in bumblefuck nowhere was never supposed to be one of the system’s winners. If he was, he would have more clean shirts.

Patriarchy does not mean the rule of men.

It does not mean all men and boys in charge of all women and girls, forever. It doesn’t even imply a binary system. Patriarchy means the rule of fathers.

Of patriarchs. Of a small number of rich old men with a monopoly on violence, in charge of absolutely everyone else.

§

Wie entsetzlich langweilig der Job des Münchner Oberbürgermeisters ist – aus dem Singspiel im diesjährigen Nockherberg-Starkbieranstich:
“Das blöde Glockenspiel”.

die Kaltmamsell

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