Journal Mittwoch, 17. Juni 2026 – David Hockney und wenn ich malen könnte
Donnerstag, 18. Juni 2026 um 6:31Der Wecker klingelte extrafrüh, ich plante einen Lerchenlauf. Für den verließ ich kurz nach sechs das Haus, lief angenehm leicht in feuchten Sommermorgendüften (es hatte nachts geregnet), bekam endlich mal wieder den Laufgenuss, wegen dem ich das doch eigentlich mache.
Die David-Hockney-Doku ging mir weiter durch den Kopf. Meine Gedanken kreisten um die zentrale Funktion, die Umsetzung von Wahrnehmung für Hockney hatte (darauf wies in der Doku Kurator Andrew Wilson von Tate Britain hin, im Gegensatz zum anderen Geschwurbel auf der Basis von Hockneys eigenen Aussagen). Hockneys Bilder versuchen seine Wahrnehmung wiederzugeben, vor allem seine visuelle Wahrnehmung – und nein: Das ist keineswegs Anliegen aller Künstler*innen. Manche setzen etwas um, was sie vor ihrem inneren Auge, in ihrer Vorstellung haben. Manche arbeiten eher prozesshaft und wissen selbst nicht, was das Ergebnis sein wird. Wieder andere starten mit Einzelelementen, Gegegenständen, Material, das sie zu einem Ergebnis kombinieren. Plus unzählige andere Ansätze als das Ziel, Wahrnehmung wiederzugeben.
Zum Beispiel die Linien des Sonnenlichts im Wasser gebrochen auf dem Boden eines Swimming Pools. Hockneys Pool-Bilder waren seine ersten Werke, die ich kennenlernte. Herr Kaltmamsell und ich arbeiteten Anfang der 1990er beide als Hiwis an der Augsburger Uni am Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft. Wir waren noch kein Paar, als der heutige Herr Kaltmamsell mich während eines gemeinsamen Hiwi-Dienstes in die Uni-Bibliothek bat, nur zwei Büro-Gänge vom Lehrstuhl entfernt: Er wolle mir etwas zeigen. Dieses etwas stellte sich als Bildbände von David Hockey heraus, er wollte mich auf die Pool-Bilder hinweisen (hier eines der berühmtesten, “Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)”. Ich war sofort gefangen (und sehr beeindruckt von Herrn Kaltmamsell), vor allem von den Linien, die das Sonnenlicht auf den Boden des Pools warf: Erst durch die Wahrnehmung ihrer unvergleichlichen Schönheit und deren Abbildung sah auch ich sie – und denke jetzt bei jedem Schwumm mit sonnenglitzerndem Schwimmbeckenboden an Hockney.
Oder wie Andrew Wilson bemerkte: Als er zum ersten Mal nach Los Angeles und diese Gegend Kaliforniens reiste, habe er das Gefühl gehabt, durch Bilder von David Hockney zu fahren. Hockney hatte die Essenz dieser Anblicke wahrgenommen und in seinen Kalifornien-Bildern umgesetzt.
Das Umwerfende dabei: Mit seiner Kunst geht David Hockney weit darüber hinaus, was Fotografie einfangen kann. Am besten sieht man das an seinen Kunstwerken, die er aus Fotos zusammengebaut hat, zum Beispiel an diesem Portrait von Billy Wilder, das die Wahrnehmung des Menschen deutlich präziser einfängt, als das ein konventionelles Foto von ihm könnte. Obwohl Hockey im Zweidimensionalen bleibt, hält das Porträt auch Bewegung fest.
Ähnliches gilt für Hockneys Doppel-Portäts, zum Beispiel dieses von Christopher Isherwood and Don Bachardy: Neben visuellen Wahrnehmungen transportieren sie auch die Wahrnehmung von Gefühlen, der Beziehung zwischen den beiden Portraitierten (die allerdings wiederum bei der Betrachterin andere sein könnten als beim Maler).
Und als ich so in der Isarauen vor mich hin trabte und darüber nachdachte, begann ich mir nach Jahrzehnten wieder zu wünschen, ich könnte malen. Denn das Wahrnehmen samt Bedürfnis, dieses festzuhalten und anderen zu zeigen – das kenne ich sehr gut. Ich versuche es halt mit unbeholfenen Handy-Fotos. Jetzt wurde mir bewusst, wie vieles von meiner Wahrnehmung ich beim Fotografieren weglassen muss oder ich nie die Chance habe festzuhalten, weil es bis zum Zücken des Handy längst vorbei ist. Oder wie oft das Foto überhaupt nicht wiedergibt, was ich eigentlich sah. Bislang fand ich mich halt damit ab, dass sich manches nicht einfangen lässt – oder machte mir Vorwürfe, weil ich immer zu faul war, mich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen.
Malerei gäbe mir die Chance, das innerlich festgehaltene Bild zu äußern oder den Schwerpunkt meiner Wahrnehmung, das, was mich hinsehen ließ, in den Vordergrund zu stellen – viel mehr als jedes Foto. Zum Beispiel beim Wandern vergangenen Samstag der Sonnen-beschienene Mückenschwarm im Wald vor einem Stück blauem Himmel mit Wolken (der mich umgehen stehenbleiben und nach dem Mückenspray kramen ließ): Keine Chance, das in ein Foto zu bannen. Aber malen könnte man das, ich dachte an David Hockneys Yorkshire-Bilder (hier ein Beispiel aus seinem Sketch Book).
Ein Beispiel von meinem gestrigen Lauf:
Könnte ich malen, stellte ich die Beziehung zwischen den Pastelltönen an der jungen Frau und den Fassaden heraus, verschöbe die Frau ein wenig nach links. (Nein, sowas mit Prompts eine Maschine machen zu lassen, ist nicht dasselbe.)
Hier würde ich die Elemente verdichten, die Stadt-Silhouette und den Badenden zusammenrücken – weil DAS meine eigentliche Wahrnehmung war: Mitten in der Stadt, von einer Brücke sichtbar und vor einer sehr städtischen Kulissen ein nackter Männeroberkörper im Fluss. Ein Element meiner Wahrnehmung bei beiden Motiven: Ich finde sie lustig! Und Humor ist etwas, was ich auch in Hockney Werk sehe – was meiner Meinung nach in den Nachrufen auf ihn viel zu wenig Raum einnimmt.1
Weitere Wahrnehmungen auf meiner Runde, nicht alle sah ich automatisch mit David-Hockney-Filter (so wie ich vor einem Jahr nach Besuch der Ausstellung japanischer Holzschnitte alles mit Holzschnitt-Filter sah).
Ich beendete meine Laufrunde inspiriert und fröhlich. Schnelles Duschen und Fertigmachen, Arbeitsweg mit U-Bahn-Unterstützung.
Im Büro geordnetes Wegarbeiten, das war eine schöne Abwechslung. Mittagscappuccino im Westend, sehr komisches Wetter: Die Hitzewelle kündigte sich bereits an, doch noch waren die Temperaturen angenehm, lediglich drückte die Luft bereits wie in Hitze.
Wie schon am Montag ein Kompliment für mein Outfit bekommen – von einer völlig fremden entgegenkommenden Passantin. Das freute mich – und bestärkte mich darin, das auch weiterhin selbst zu tun.
Zu Mittag gab es Hüttenkäse mit Leinsamenschrot, außerdem Aprikosen und Nektarinen: Am Montag unreif eingekauft, jetzt waren sie perfekt nachgereift.
Arbeitsamer Nachmittag, das Fenster nach draußen schloss ich lieber gegen dieses seltsame Drücken. Ich fühlte mich müde und konzentrierte mich nur schwer; da bei meinen gestrigen Aufgaben Fehler sehr peinlich wären, checkte ich alles dreimal.
Nach Feierabend holte ich ein UPS-Paket in einem kleinen Laden an der Landwehrstraße ab, in dem ich vor lauter auf dem Boden verstreuter und überall wild gestapelter Ware nicht mal bis an die Theke kam. Aber hey! Das Paket wurde nach einer Weile gefunden.
Zum Nachtmahl war ich mit Herrn Kaltmamsell zu einem weiteren Versuch Schnitzelgarten verabredet. Und wir hatten Glück: Es gab genug freie Tische, niemand stand Schlange.
Zu einem alkoholfreien Weißbier gab es hervorragende Pommes, sehr gutes Cordonbleu mit Gorgonzola-Füllung. Und es blieb genug übrig für ein reichliches Frühstück für Herrn Kaltmamsell.
Zurück daheim zum Nachtisch Schokolade.
Früh ins Bett zum Lesen, bei noch hellem Himmel zum Schlafen gelegt.
- Es ist hoffentlich klar, dass ich nicht versuche, mich mit David Hockney zu vergleichen? [↩]












