Journal Samstag, 1. August 2026 – Anreise nach Brighton in Selfies

Sonntag, 2. August 2026 um 9:47

Gestern fuhren wir nach Brighton, ohne Probleme. Irgendwann unterwegs wies Herr Kaltmamsell bewundern auf meine Souveränität und Gelassenheit hin: Das war einfach, denn alle Aufregung, alles Kopfzerbrechen und mich Anstellen hatte ich schon im September des Vorjahrs durchgespielt, als ich die Bahnreise München-London zum ersten Mal machte. Und jetzt kannte ich mich ja aus und wusste Bescheid.

Für uns ganz konkret ist Zug für eine Reise nach Brighton tatsächlich die bequemere Variante:
– Fußweg Wohnung-Zug 15 Minuten,
– nach Paris einmal umsteigen (gestern mit Anschluss am selben Gleis in Vaihingen)
– in Paris zweites Mal umsteigen mit 5 Fußminuten vom Ankunftsbahnhof Paris Est nach Gare du nord
– von London St. Pancras, drittes Mal umsteigen, direkt nach Brighton.

Das wäre mit Flugzeug umständlicher:
– Lange Anfahrt zum Flughafen München Erding mit erstem Mal Umsteigen unterwegs, Ankunft mindestens zwei Stunden vor Abflug,
– zweites Mal Umsteigen ins Flugzeug.
– Direktflüge nach London Gatwick gibt es der derzeit nicht (von dort gäbe es direkte Zugverbindungen nach Brighton), also drittes Mal umsteigen nach London rein,
– viertes Mal Umsteigen zum passenden Bahnhof,
– fünftes Mal Umsteigen in den Zug nach Brighton.
(Alternativ mit doppelter Fahrtzeit: Drittes Mal Umsteigen am Flughafen London in einen National-Express-Bus nach Brighton.)
Wobei unterwegs auch noch Gepäck verloren gehen kann, das man bei der Zugreise durchgehend bei sich trägt.

Zurück zur tatsächlichen Reise gestern: Ich nahm bei jedem Abschnitt Selfies von Herrn Kaltmamsell und mir auf:

Pünktliche Abfahrt 4:20 Uhr von München (nach einem Gewitter am Vorabend hatte es angenehm abgekühlt, wir machten die Wohnung dennoch hitzefest mit geschlossenen Fenstern und herabgelassenen Rollläden bis zum Eintreffen meiner Mutter).

Umstieg mit vielen anderen Reisenden in Vaihingen – wo NIX ist: In der knappen halben Stunde Wartezeit sah ich mich gründlich um, entdeckte sogar einen angeschlossenen Kiosk mit Kaffeeverkauf, doch der öffenete erst um sieben.

Bahnfahren kann so cool sein. Im Zugrestaurant holte ich uns ersten Cappuccino.

In Paris trafen wir pünktlich ein und hatten gut zwei Stunden Aufenthalt bis zur Weiterfahrt mit dem Eurostar unterm Kanal durch. Diese nutzten wir für die umständliche, aber flüssige Eincheck-Prozedur (Ticket-Check, Pass-Kontrolle Ausreise, Pass- und Visa-Kontrolle Einreise, Gepäck-Kontrolle) und für Frühstück kurz vor elf:

Herr Kaltmamsell erjagte Milchkaffee, Schinken-Käse Baguette.

Jetzt die erste Verspätung: Der Eurostar verließ Paris 20 Minuten nach geplanter Abfahrtszeit. Diese Eurostar-Fahrt bescherte mir das erste Sprachbad Londonerisch: Dropped Heitsches und Glottal Stops all over the place.

Auf unserer gesamten Fahrt sahen wir nur bereits abgeerntete Getreidefelder.

In London St. Pancras international warteten wir nur wenige Minuten auf den Anschluss nach Brighton.


Sehr voller Zug, weil viele zum Unterwegs-Halt London Gatwick unterwegs waren, andere zum Pride-Wochenende in Brighton.

Am Weg ein bisschen London.

In Brighton wenige Minuten Fußweg zur bereits bekannten Ferienwohnung, Ankunft kurz vor vier. Ich hatte bereits vergessen, wie dominant in der hiesigen Sound-Kulisse das Möwen-Geschrei ist.

Während ich aus München Tipps las, wie man die fortdauernde Hitze um die 30 Grad mit möglichst wenig Leid übersteht, hatte es in Brighton die angenehmen 24 Grad, bei denen man gerne alle Fenster aufließ.

Begrüßung im sonnigen Hinterhof der Wohnung.

Nach Auspacken und Check der Bestände gingen wir auf Einkäufe zum großen Supermarkt Waitrose – mit gewollten Umwegen durch viel glitzerndes Party-Volk.

Schwäbischer Kolonialismus.

Die ganz gründliche Besichtigung des Supermarkt-Angebots verschoben wir auf einen nächste Besuch, arbeiteten lediglich die Einkaufsliste ab.

Abendessen musste sich Herr Kaltmamsell überlegen und entschied sich für Bratwürste und Black Pudding aus der Pfanne, ich schnitt ein wenig Gemüse dazu.

An sich hatten wir mit edlem heimischen Schaumwein auf den Urlaub anstoßen wollen, doch das Gefrierfach war nicht fest geschlossen gewesen und ließ vor lauter Vereisung keinen Platz für eine Flasche zum Kühlen. Also gab es einen roten Primitivo di Manduria.

Nachtisch kleine Apple Pies und Schokolade. Herr Kaltmamsell klickte sich auf meine Bitte durchs Live-Fernsehprogramm, doch ich wurde früh so sturzmüde, dass ich bald ins Bett ging und nur noch wenig las.

§

Nächste Lektüre: Ein nach Langem Wiederlesen von John Irvings The World According to Garp. Er war der erste Roman, den ich von ihm je las, hatte zuvor die wunderbare Verfilmung mit Glenn Close und Robin Williams gesehen (die ich beide bei dieser Gelegenheit kennenlernte), las ihn auf Deutsch.

Irvings Romane nach A Widow for One Year halte ich für immer schlechter, The Last Chairlift brach ich ab und beschloss, dass es das mit uns war. Aber davor sind viele seiner Werke hervorragendes Handwerk,1 und in meiner Erinnerung war Garp der kunstfertigste davon, in dem viele seiner folgenden gelungenen Romane bereits angelegt waren. Das wollte ich jetzt endlich mal überprüfen.

John Irving schreibt besonders gute erste Sätze, einige kann ich auswendig. Nicht, wie ich jetzt feststellte, den von The World According to Garp:

Garp’s mother, Jenny Fields, was arrested in Boston in 1942 for wounding a man in a movie theater.

Großartig, und er enthält in einem Satz zahlreiche Elemente, die mich Irvings Büchern so lange verfallen ließen. Zu meiner großen Freude überraschte mich das erste Kapitel noch in weiterer Hinsicht. Ich kann mich also an wenig erinnern und freue mich sehr auf die Lektüre.

An John Irving lernte ich auch, dass es für meine Literatur-Rezeption ausgesprochen schädlich sein kann, zu viel über den Autor zu wissen: In einer Film-Doku kam er als eitler und aufgeblasener Menschen rüber. Es brauchte eine Weile, bis ich meine Wahrnehmung seiner Romane davon befreien konnte. (Die zahlreichen Interviews, die ich zuvor mit ihm gelesen hatte, hatten diesen Eindruck nicht erweckt.)

  1. Ich schrieb meine Magisterarbeit über “John Irving in der Erzähltradition von Charles Dickens”. []
die Kaltmamsell

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