Journal Sonntag, 2. August 2026 – Brighton 2 mit Sunday Roast
Montag, 3. August 2026 um 9:56Nun habe ich doch eine Idee für digitalen Urlaubs-Detox: Schrittzähler ignorieren. Ich habe beschlossen, erst bei Heimkehr wieder auf den Schritt-/Kilometer-/Treppenstufenzähler meines Handys zu gucken. Ich bewege mich gern, auch im Urlaub, will aber mal ausprobieren, wie ich lebe, wenn ich die Zahlen dazu nicht kenne. Werden ja weiter getrackt, kann ich mir im Nachhinein ansehen und analysieren.
Gut und lang geschlafen, erfrischt aufgewacht zu einem sonnigen, frischen Sommermorgen.
Fester Programmpunkt war lediglich unsere Reservierung für Sunday Roast. Ich finde diese Einrichtung, dass Wirtshäuser Sonntagsbraten anbieten, immer noch nachahmenswert, und sei es als Anlass für Familien- und Freundeskreistreffen. Vorher war noch reichlich Zeit für einen Spaziergang nach Hove – und dringende Einkäufe: Zum einen hatten wir entdeckt, dass die Drittelrolle Klopapier die einzige in der Ferienwohnung war, zum anderen hatte ich entgegen meiner festen Überzeugung das Ladegerät für meine elektrische Zahnbürste nicht eingesteckt und brauchte eine Zahnbürste.
Eindrücke vom Spaziergang.
Clocktower mal wieder kaputt (es war erst halb elf).
Neue Kunst hinterm Churchill Square.
Die Dürre sichtbar auch außerhalb der großen Hitzewellen, die England dieses Jahr geplagt haben.
Die Uferpromenade wird auf Höhe Hove gerade restauriert: Viele Schilder mit Informationen, sogar ein Häuschen, in dem (manchmal wohl) jemand auch persönlich Fragen zum Projekt beantwortet.
Die Ruine des West Pier steht immer noch.
Die Drogeriemarktkette Boots führt kein Klopapier (ich hatte nach einigem Suchen zu zweit das Personal gefragt), also abschließendes Einkehren in einem kleinen Supermarkt. Mit einem inneren Verzweiflungs-Aufschrei:
Selbstzahlkassen mag ich, habe aber eine immer dringendere Bitte:
STANDARDS!
In jeder Supermarktkette ist ein anderer Prozess vorgeschrieben: Mal ablegen links, einpacken rechts, mal umgekehrt. Und Verwechslungen blockieren das Weiterkommen. In diesem Sainsbury’s war die “packing area”, in die ich meinen Einkauf legen sollte, bevor ich zahlen durfte, direkt unterm Bildschirm/Scanner (ein Angestellter musste mir helfen).
Das geht so nicht.
Die mitgebrachten Dallmayr-Pralinen hatten wir mit Karte und freundlicher Erklärung vor die Tür der Unter-Bewohnerin gelegt, bei unserer Rückkehr war die Gabe weg – und erfüllt hoffentlich ihren besänftigenden Zweck.
Jetzt spazierten wir in weiterhin herrlichem Wetter zum Pub Haus on the hill, in dem wir vor drei Jahren sehr guten Sunday Roast bekommen hatten.
Wieder mal der Versuch, die starke Hügeligkeit von Brighton einzufangen.
Wunderschöner Türklopfer.
Im Haus on the hill freute ich mich sehr über mein Pint Stout (Herr Kaltmamsell hatte Porter).
Wir übten weiter Selfies.
Sunday Roast war gut, aber nicht so liebevoll und gut wie vor drei Jahren: Wirklich frisch zubereitet war nur der Yorkshire Pudding (das UFO oben auf), und mein Lamm war so verkocht, dass es keine Form mehr hatte. Schmeckte aber.
Rückweg über Umwege nach Kemptown und in Pride-Feiern; die 26 Grad reichten, um es in der Sonne unangenehm heiß werden zu lassen.
Basque cheesecake has jumped the shark (dann wieder: wenn er eh eine Markting-Erfindung ist, dann ist die Matcha-Variante nur eine logische Konsequenz).
Royal Pavillion.
Was ich in all dem Pride-Glitzern vermisste: Federboas. Und doch zeigte debris der Parade vom Samstag, dass es welche gegeben haben muss.
Nachmittag mit Lesen in der Ferienwohnung, auch draußen im Hinterhof.
Herr Kaltmamsell erfüllte seinen Auftrag, mich zum Fernsehen zu bringen.
Der hiesige Lokalsender drehte sich um Pride Weekend, Schwerpunkt waren trans Menschen, die in Brighton leben – und den Ort als Insel der Seligen beschrieben. Eigentlich bitter, aber nehmen wir die Schilderungen halt als utopischen Vorgriff, in dem so gelebt wird, wie es eigentlich sein sollte. Allerdings hatte ich schon vergessen, dass es vergangenes Jahr in Großbritannien massive Rückschläge in der Gleichstellung von trans Menschen gegeben hat.
Unter anderem wurden ein Laden und ein Label für Genderfree Clothing vorgestellt – was mir sofort einleuchtete: Hier wird sich auf Körperformen konzentriert, an denen Kleidung sitzen soll, nicht auf Vorstellungen, was welches Gender tragen sollte.
Abendessen gab es auch, allerdings eher übersichtlich, weil das Mittagessen noch gut vorhielt: Rote Paprika, Tomaten, scharf eingelegte Rote Bete aus dem Kühlregal (gute Idee), dazu gebutterter Toast. Und zum Nachtisch 1 Sticky Toffee Pudding (Mikrowelle), Nachtisch 2 Apple Pie, nur noch wenig Schokolade.
Wir guckten weiter Fernsehen und blieben an einer Antiquitäten-Show hängen, die wie Kunst und Krempel im Bayerischen Rundfunk funktionierte, nur als Speed-Version in einem schottischen Schlossgarten, in dem Anwohnende mit ihren Schätzen Schlange standen, die dann von Expert*innen begutachtet wurden: Herrlicher Schmuck, vorrecherchierte Waffen – alles halt mit der örtlichen Geschichte als Hintergrund, unter anderem ein paar Jahrhunderten Kolonialgeschichte (die in UK immer noch kein wirklich schlechtes Gewissen auszulösen scheint).
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Nils Minkmar erlebt seinen Sommerurlaub in den französischen Waldbränden und schreibt darüber:
“Meine Ferien im Megafeuer”.
Der Himmel färbte sich orange, im Garten fiel eine Taube tot vom Baum und auf die Tischen draußen rieselten Asche und Ruß. Wir packten die Notfallrucksäcke. Viele machten sich schon auf den Weg. Ich besuchte die 92jährige Mutter eines Freundes, die um die Ecke wohnt und schlug vor, sie mitzunehmen. Sie saß kerzengerade und perfekt zurechtgemacht in ihrem Sessel, eine elegante, breite Handtasche mit ihren Papieren und Medikamenten zu ihren Füßen. Sie war gut im Bilde und lächelte: “Eben gab es so einen Moment der Panik. Die Nachbarin wollte mich schon mitnehmen. Aber jetzt –“ Sie warf einen Blick zum Himmel ”ist dieser Moment auch schon wieder vorbei.” Schlimmer war es jedenfalls nicht geworden, im Gegenteil. Es klarte auf. Der Wind hatte sich neue Opfer gesucht. Sie blieb, wir blieben.
Ein Nachbar erklärte die Krisenlogik: Erst dann evakuieren, wenn die Präfektin Sophie Brocas dazu auffordert, das tut sie per Direktsignal FR-Alert an alle Mobiltelefone. Man braucht keine App. Die Präfektin findet dich. Solange sie dich aber nicht evakuiert, bleibst du, wo du bist und verstopfst nicht die Landstraße.
Das Vertrauen in die Institutionen war intakt und die Kommandokette so unverbrüchlich wie zu Zeiten des Kaisers Augustus im römischen Imperium.






















