Journal Donnerstag, 3. September 2026 – Indirekte Sprechakte und Cogito interruptus / Verlängerung der Lerchenlauf-Saison

Freitag, 4. September 2026 um 6:30

Confession time: Ich habe ein echtes Problem mit indirekten Sprechakten. Als indirekten Sprechakt bezeichnet man vereinfacht erklärt, einen

Sprechakt, bei dem die Sprecherintention (-absicht) nur indirekt und nicht wortwörtlich zum Ausdruck gebracht wird

Standardbeispiel, an dem uns das auch an der Uni in Sprachwissenschaft vermittelt wurde, wenn jemand sagt: “Es zieht.”, das aber in Wirklichkeit die Bitte ist, das Fenster zu schließen.1 Ich hoffe, das verstünde dann sogar ich, sonst aber komme ich meist nicht weiter als zu erkennen: Da sagt jemand gerade etwas anderes als auf der Wörtlichkeitsebene. Am schlimmsten ist das bei Fragen, denn ich bemerke, dass jetzt nicht eine Antwort auf die tatsächlich gestellte Frage erwartet wird, sondern auf etwas anderes (WAS???). Einfach fällt mir die Entschlüsselung noch, wenn die Situation im persönlichen Umgang auftritt und ich beim Absendenden eine klare Emotion erkenne. Ein zorniges “GEHT’S NOCH?” macht mir klar, dass ich Unmut ausgelöst habe, praktisch immer ist offensichtlich wodurch. Ein fröhliches “Na, alles klar?” erkenne ich als wohlwollenden Gruß. Dass mir bei indirekten Sprechakten in Form von Flirten allerdings jegliche Sensoren fehlen, habe ich hier erst kürzlich bekannt.

Doch vor allem schriftlich bin ich schnell und gründlich zu verunsichern, zumal wenn Fragen oder Handlungsaufforderungen nicht als solche formuliert werden. Erreicht mich “Habe zuletzt das Heft 1/2026 erhalten” als Kommentar eines Zeitschriften-Abonnenten, kann das alles von der Frage nach dem Erscheinen des nächsten Hefts bedeuten bis zur Bitte, die Datenbank auf korrekte Anschrift zu überprüfen – was ich alles nur vermuten und konstruieren kann. Oft ahne ich auch die Unterstellungen und Fehlannahmen hinter einer uneigentlichen Frage, kann mir aber nicht sicher sein und weiß, dass es den Kommunikationsfluss zu sehr stören würde, spräche ich meine Ahnungen zur Verifizierung aus.

Es gibt vermutlich zahllose psychologische und soziologische Erklärungen für die Wahl dieser uneigentlichen Kommunikation (und ich habe mir ja angelesen, dass es Kulturen gibt, in denen direkte Aussagen und Fragen sogar als ausgesprochen unhöflich gelten), mich bringt sie echt ehrlich an den zur Floskel gewordenen Rand der Verzweiflung.

Und erinnert mich gelockert assoziativ an Umberto Ecos “Cogito interruptus”. Eco führt diesen Begriff in einer gleichnamigen Buchrezension für Quindici von 1967 ein.

Cogito interruptus ist typisch für jene, die überall in der Welt Symbole sehen. So der Verrückte (der uns zum Beispiel ein Streichholzheftchen vor die Nase hält, uns lange und tief in die Augen blickt und schließlich bedeutungsvoll sagt: »Seht ihr, es sind genau sieben …«, in der Erwartung, daß wir den verborgenen Sinn dieses unwiderlegbaren Zeichens erfassen); so auch der Bewohner eines symbolischen Universums, dem jeder Gegenstand und jedes Ereignis zum Zeichen für etwas Überirdisches wird, das alle bereits vorhanden wissen und nur noch bestätigt sehen wollen.

Diese Form der Argumentation macht mich nämlich ebenso fertig wie indirekte Sprechakte: Wenn mir ein Fakt hingehalten wird – offensichtlich in der Erwartung, dass ich ihn genauso ins Thema einordne wie der Hinhaltende. Auch das funktioniert nur bei großer Vertrautheit und nach langem Abgleich von Argumenten, selbst dann mit Risiko des Missverstehens.

Was mich wiederum, Hölzchen -> Stöckchen, zur Empfehlung von Ecos Einteilung in Apokalyptiker und Integrierte bringt, wenn es um Neuerungen in Gesellschaft, Technik, allem geht. Die nämlich oft denselben Fakt jeweils für ihr komplett konträres Weltbild reklamieren. Ich bitte deshalb dazuzusagen, was der Fakt in einem konkreten Zusammenhang belegen soll.

(Wehmütige Erinnerung an die Zeiten, als ich mich mit Begeisterung und Konzentration durch sowas Dichtes wie Umberto Ecos Aufsätze fräste.)

§

Nach mittelguter Nacht zu frühem Wecker aufgestanden. Wie berechnet war es kurz vor halb sieben bei nahezu wolkenlosem Morgenhimmel hell genug für einen Risiko-armen Lauf an der Isar. Der Körper spielte einigermaßen mit, derzeit zwickt’s halt wieder arg im Kreuz und in den Hüften. Schöne 80 Minuten mit wundervollen Ansichten.

Wenn sie lautlos fliegen, sind sie auf dem Weg fort.

Neues unter der Brudermühlbrücke.

Leuchtpappel!

Vertrautes unter der Brudermühlbrücke.

Schabernack auf dem Alten Südfriedhof zum Abschluss (Besuch beim Chef, höhöhö). Mal wieder funktionierte das Motiv, das ich mir vorgestellt hatte, nicht so recht, ich sollte dann doch mal einen Selfie-Kurs bei der VHS belegen.

Zackige Körperpflege, kurze Abstimmung mit dem immer noch Ferien genießenden Herrn Kaltmamsell u.a. zu Ernteanteil-Abholung.

Mit U-Bahn-Bescheunigung stempelte ich um 08:43 Uhr ein, nicht mal eine Stunde später als im Durchschnitt. Hiermit sehe ich meine Lerchenlauf-Saison 2027 um einen Monat verlängert.

Emsiger Arbeitsvormittag, aber mit genügend Zeit für Mittagscappuccino auswärts. Eintrübung wegen fehlender Zeitungslektüre: Am dritten Tag in Folge war sie nicht geliefert worden.
Zu Mittag gab es Flachpfirsiche (mehlig nachgereift, ich erkläre die Saison für beendet) und Skyjolei.

Viel Work-around-Basteln, diesmal war es aus der Microsoft-Office-Suite Powerpoint, das mich im Stich ließ und die Notizseiten-Ansicht einer auszudruckenden Präsentation zerschoss, unreparierbar (mehr als eine Stunde versuchte ich es allerdings auch nicht). Ich behalf mich mit Zusammenpappen von Screenshots, um den Auftrag eines Papierausdrucks zu erfüllen.

Auf dem Heimweg holte also ich den Ernteanteil ab, Herr Kaltmamsell war auf Familientreffen. Er enthielt diesmal ein Riesenbündel Petersilie, zudem Tomaten, Gurke, Frühlingszwiebeln – ich plante Taboulé. Dafür übergoß ich daheim gleich mal Bulgur mit kochender Gemüsebrühe, bevor ich räumte und eine Runde Yoga turnte.

Tabloulé fertiggeschnippelt und angemacht, wurde ein gutes Abendessen, dazu etwas Käse. Nachtisch Schokolade.

Ins Bett zum ausdauernden Röhren einer Gebärenden durchs offene Fenster der benachbarten Klinik.

§

Abschied für immer von einer weiteren Ikone des Feminismus: Gloria Steinem wurde 93 Jahre alt. Im Januar 1987 schrieb sie für Ms. über Dolly Parton, und das Magazin hat den Artikel neu veröffentlich:
“Dolly Parton’s Unique Feminist Power, as Told by Gloria Steinem”.

People who haven’t listened to Dolly Parton or to feminism may be surprised to learn that they go together. In fact, she has crossed musical class lines to bring work, real life, and strong women into a world of pop music usually dominated by unreal romance. She has used her business sense to bring other women and poor people along with her. And her flamboyant style has turned all the devalued symbols of womanliness to her own ends.

If feminism means each of us finding our unique power, and helping other women do the same, Dolly Parton certainly has done both.

  1. Wer mehr zur Spreachakttheorie von Austin wissen möchte, bitte hier klicken. []
die Kaltmamsell

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