Journal Mittwoch, 4. November 2026 – #Uralub Tag 4 mit Stuttgart-Ausflug ins Restaurant Wielandshöhe

Donnerstag, 5. November 2026 um 10:07

Recht gut geschlafen, nahezu urlaubslang. Das Draußen blieb konsequent bei November.

Tagesprogramm: Fahrt nach Stuttgart, Einchecken in Hotel, Abendessen im Restaurant Wielandshöhe.

Plan war gemütliches Regionalbahn-Zuckeln mit Deutschlandticket, selbst dann lag vor der Abfahrt noch ein gemütlicher Vormittag. Ich nutzte die Zeit für Rückengymnastik (am VORMITTAG! für mehr Abwechslung im Leben!) und eine Einkaufsrunde Lebensmittel.

Wir begannen unsere Reise mit einer Regionalbahn nach Ulm. Ich las Zeitung, frühstückte gegen halb zwei Apfel, Trockenfeigen, Hüttenkäse, sah vorm Fenster zweimal Störche. In Ulm hatten wir eine halbe Stunde bis zum Anschlusszug. Das war mir bei der Recherche recht gewesen, konnte ich mich bei dieser Gelegenheit mal im Ulmer Bahnhof umsehen.

Nur dass sich herausstellte, dass nicht nur München und Stuttgart keinen Bahnhof haben, sondern auch Ulm. Im Container mit DB-Logo drauf gab es zumindest einen geheizten Wartebereich, lernten wir halt den kennen.

Stuttgart hat ja besonders viel keinen Bahnhof, der Scherz mit den Wanderführern für dieses Gelände verliert an Witz, wenn es zehn Minuten Fußmarsch durch überdachte Gänge braucht, bis man auf der Straße steht. Unser Weg zum Billighotel (lieber billig schlafen und teuer essen) dauerte deutlich länger als veranschlagt, da viele der Fußwege, auf die sowohl Comaps als auch Google Maps uns führte, durch Baustellen blockiert waren – ich fühlte mich wie daheim im Münchner Bahnhofsviertel.

Aber unterwegs auch sehr unmünchnerische Ansichten.

Im Restaurant Wielandshöhe wollte ich schon seit vielen Jahren essen: Ich kannte es seit über 20 Jahren durch das Blog (angefangen bei der Zeit) von Vincent Klink, der es als Koch gründete (die Geschäftsführung hat schon seit Jahren seine Tochter Eva).

Allein schon der Reservierungsvorgang machte mir das Restaurant noch sympathischer: Ich bekam für meine Online-Buchung eine Bestätigungs-Mail, zwei Tage vor Ereignis eine E-Mail mit Reservierungserinnung – aus. Kein Verpfänden meines Erstgeborenen, keine Hinterlegung von Zahlungsmitteln, keine mehrmalige Anfrage, ob ich das auch echt ehrlich ernst meine, bitte hier klicken. Sondern wie unter erwachsenen Leuten.

Zudem war der Tonfall der Informationen zum Besuch im Restaurant sehr nach meinem Geschmack, u.a.:

Ihre Ankunft
Sie müssen nicht pünktlich auf die Minute kommen. Etwas Gleitzeit ist kein Problem.

Jedoch mittags bitte nicht vor 12.00 Uhr und abends nicht vor 18.00 Uhr.

Etwas Verspätung ist natürlich auch kein Problem.

Bitte kommen Sie mittags jedoch spätestens bis 13.15 Uhr und abends spätestens bis 20.30 Uhr.

Und:

Parken & öffentliche Verkehrsmittel
Eigene Parkplätze haben wir nicht.

Wie in jeder Großstadt gilt das Gesetz des Dschungels.

Unsere Gäste parken jedoch seit Jahrzehnten recht erfolgreich vor dem Haus entlang der Straße.

Direkt vor dem Restaurant befindet sich außerdem die Haltestelle der Zahnradbahn Linie 10.

Zahnradbahn! Von unserem Hotel aus hätte es zwar auch eine schnellere Stadtbahn-Verbindung gegeben, aber im steil hügeligen Stuttgart wollte ich doch wohl bitte Zahnradbahn fahren. Das taten wir dann auch ab Marienplatz – die Dinger haben Fahrrad-Anhänger!

Wie angekündigt liegt der Eingang des Restaurants direkt an der Haltestelle. Eva Klink nahm uns in Empfang, wir wurden an einen Zweier-Tisch im schönen, großzügigen Gastraum geführt – und schlemmte einige Stunden ganz hervorragend.

Sowohl Herr Kaltmamsell als auch ich hatten in den Wochen zuvor immer wieder online auf die Speisekarte geguckt und waren uns einig gewesen, dass die A-la-carte-Gerichte (Innereien! Karpfen!) immer interessanter aussahen als das Menü. Anders gestern: Zu unserer Überraschung wollten wir beide nach einem Eingangsglas Champagner Alexis Leconte Totem das Menü.

Dazu ließen wir uns einen Weißburgunder aus der Pfalz empfehlen: Siebeldingen Weißer Burgunder vom Muschelkalk – vorgestellt als: “Das war der Lieblingswein von der Chefin.” (Sie hat sich wohl seither völlig umorientiert.)

Nach einem Stückchen knusprigem Zwiebelkuchen gab es:

Gratinierter Stangenlauch mit Frischkäse. Eine sehr schöne Geschmackskombi, vor allem möchte ich aber betonen: GLASTELLER.

Steinbutt mit Beurre blanc und Linsen – der Knaller des Abends. Wie gut kann man Linsen machen!

Hummerbisque mit Zanderkloß – hervorragend abgeschmeckt, das ungewöhnliche Gewürz im Kloß identifizierte Herr Kaltmamsell als Kümmel.

Bœuf Bourguignon mit Schmorgemüse und Bandnudeln – herrlich saftig und rund.

Auf den Käswagen hatte ich mich besonders gefreut – und der Herr Service war ein wenig enttäuscht, dass er uns weder die Tätigkeit eines Affineurs erklären musste (bevor der Begriff in den deutschen Sprachraum drang, kannten wir ihn bereits aus dem englischen als cheesemonger) noch die Karthäuser, die hinter dem Aussehen einer der Käsesorten standen, und dass wir den Stilton von selbst erkannten. Sehr guter Käse. Dazu als “Käsewein”: Eine (gar nicht süße) Riesling Auslese Graacher Himmelreich 2006.

Desser war ein köstlicher Apfelstrudel mit Vanillesauce und Vanilleeis. (Außerdem bitte ich Herrn Kaltmamsells schöne Manschettenknöpfe, Erbstücke, zu beachten.)

Auch den Espresso wollte ich hier testen (in vielen Spitzenrestaurants die Schwachstelle): Allein schon die Füllhöhe der Tasse kündigte guten Geschmack an.

Ein wunderbarer Abend. Besonderheiten:
– Vincent Klink machte recht früh am Abend seine Runde durchs Lokal, kannte viele Gäste und unterhielt sich mit ihnen, wünschte uns einen angenehmen Abend.
– Die Gerichte wurde mit Hauben serviert, erst am Platz abgenommen – das habe ich, glaube ich, noch nie irgendwo erlebt.
– Es wurde keine Gespräche übers Essen angeregt. Sonst kenne ich ja, dass der servierte Teller nochmal vorgestellt wird, was mir die Gelegenheit zu Nachfragen und ein bisschen Fachsimpeln bietet. Aber ich wusste aus seinen Blogposts schon vorher, dass Vincent Klink die Qualität des Essens an so einem Abend für gesetzt hält und ihm alles andere wichtiger ist (Service, Ambiente, Gastlichkeit).
– Promisichtung: Die prägnante Figur aus der Ära Angela Merkel am Nebentisch hatte ich eigentlich in Israel gewähnt, doch spätere Recherche ergab, dass er seit diesem Jahr in Ruhestand ist.

Auch kurz vor elf fuhren noch Zahnradbahnen (Zahnradbahn!), wir kamen bequem zurück ins Hotel. Auf der Fahrt erreichte uns die Nachricht vom völlig überraschenden Tod Hubert Aiwangers, Vorsitzender der Freien Wähler in Bayern und stellvertretender bayerischer Ministerpräsident. Große Bestürzung.

die Kaltmamsell

Comments are closed.