Journal Dienstag, 4. August 2026 – Brighton 4: London-Ausflug mit British Rumpelkammer und St. John Bread and Wine
Mittwoch, 5. August 2026 um 10:54Gestern war ein London-Ausflug geplant, verankert in der abendlichen Reservierung eines Tischs im St. John Bread and Wine (wir waren wenig abenteuerlustig, hatten in den vergangenen Jahren zweimal sehr gut dort gegessen und dabei etwas gelernt – warum nicht das sichere Vergnügen wählen?). Als Ziel des vorherigen Museumsbesuchs entschieden wir uns 20 Jahre nach meinem ersten und bislang einzigen Besuch dort fürs British Museum (dem ich mich nahe fühlte, weil ich über deren instagram-Kanal immer wieder Aktuelles oder Hintergründe mitbekomme).
Schon um neun schloss ich in der Ferienwohnung beim Bloggen das Fenster gegen Hitze. Und das, wo in Brighton 24 Grad Höchsttemperatur angekündigt waren, im Gegensatz zu den 28 Grad in London. An sich hatte ich ein bestimmtes Kleid für den Ausflug und vor allem den Restaurantbesuch eingeplant, doch in dem wäre es mir zu warm geworden. Also schlüpfte ich in Rock und Trägerhemd.
Der Bahnhof von Brighton mit seiner schönen Eisenkonstruktion.
Im Zug nach London fror ich dann aber: Er war extrem runtergekühlt. Das sollte das Muster des Tages werden: sehr große Temperaturunterschiede. In London war die Außenluft ok, solange wir im Schatten blieben. Die Luft in den Ausstellungsräumen des British Museums war fast unerträglich heiß und stickig (die Website wies sogar darauf hin, dass manche Räume wegen Hitze geschlossen sein könnten), ebenso zu meiner Überraschung die in der Londoner U-Bahn, sowohl in den Gängen als auch in den Fahrzeugen. Großes Frieren dann wieder nachts auf dem Bahnsteig London Bridge und im Zug zurück nach Brighton. Mal sehen, ob es stimmt, dass “Erkältung” eigentlich eine irreführende Bezeichnung ist.
Englische Landschaft vorm Zugfenster.
Nach einem Mittagscappuccino am Bahnhof Spaziergang die Themse entlang, dann abgebogen durch das Viertel City of Westminster zum British Museum, dort durch Absperrbänder und Partyzelte geregelte Menschenmassen (Herr Kaltmamsell hatte uns einen – kostenlosen – Eintritts-Slot gebucht, doch das wäre offensichtlich nicht nötig gewesen).
Der weiterhin berückend schöne Innenhof.
Ich frühstückte zur Hungerberuhigung eine Handvoll Walnüsse (Rest vom Vorabendessen).
Wir hatten uns vorher überlegt, welches Thema uns diesmal interessierte. Die Gassenhauer aus Ägypten und Griechenland (inklusive ihrem zweifelhaften Weg hierher) kannten wir bereits, gestern entschieden wir uns für europäische Geschichte: Sutton Hoo and Europe, 300 vor der Zeitrechnung bis Gegenwart.
In den vergangenen 20 Jahren hatte sich das Museum konzeptuell nicht wirklich weiterentwickelt: Eher British Rumpelkammer, bei der ich mich fragte, was mir hier eigentlich erzählt wurde. Diese Räume waren nach geschichtlichen Zeiträumen sortiert, die Vitrinen darin allerdings weniger nach einem roten Faden oder einer Erzählung, sondern nach dem, welche Sammlungen das Museum halt hat. Die ständige Ausstellung heißt ja ehrlicherweise “Collection” – die sie irgendwie zeigen.
Inklusive mittendrin zeitgenössische künstlerische Reflexion eines historischen Vorfalls (die Exponate links und rechts) – nicht etwa als durchgehendes Thema, sondern nur einmal. Ich nehme an, am meisten profitiert man von einem Besuch bei einer thematischen Fachführung, denn für die Forschung ist die Sammlung des British Museums natürlich großartig.
Noch viel weniger zeitgemäß als das Ausstellungskonzept: Das komplette Fehlen kritischer Reflexion von Provenienz. In den britischen Medien sehe ich durchaus regelmäßiges Kritisches und Hinterfragen, im Museum selbst – nix. Die Exponate wurden halt “erworben”, “gesammelt”, ins Museum “gebracht”. Das überraschte mich. Ein Beispiel:
Zum einen: “Chief Wiah sold the pole” – ähnlich wie bei manchen Exponaten im Münchner Museum Fünf Kontintente frage ich mich, ob er überhaupt dazu befugt war und ob es das Konzept “Verkaufen” in seiner Kultur überhaupt gab. Zum anderen: “after the local community was devastated by epidemics of intruduced diseases” ist schon eine arg lapidare Umschreibung der kolonialen Auslöschung.
Das wichtigste Exponat in jedem Raum war ohnehin dieses:
Riesige, laute Ventilatoren in verschiedenen Ausfertigungen in jedem Raum.
Nach den geplanten zwei Stunden waren wir reichlich durch und fertig.
Bis zu unserer Abendessen-Reservierung hatten wir Zeit, in der wir in Neals’s Yard Dairy beim Borough Market Käse kauften, hin brachte uns eine U-Bahn (großartiges Bezahlsystem: wir hielten unsere Kreditkarten einfach beim Eingang und Ausgang vor den Sensor).
Wow, das war eine gap, die man wirklich minden musste.
Im Käseladen beriet uns kurz vor Ladenschluss um fünf ein ebenfalls bereits völlig erledigter Herr (der sich aber sehr zusammennahm), wir kamen mit reichlich Abendessen für Mittwoch raus. Recht schnell und überraschend hatte der Himmel zugezogen, während unseres Einkaufs und der Besichtigung der schließenden Stände in Borough Market regnete es sogar ein bisschen. Dann suchte uns Herr Kaltmamsell, der gestern die komplette Reiseleitung übernommen hatte, ein schattiges Plätzchen im Hof einer Kirchenruine (St. Dunstan) für Ausruhen und Lesen.
Immer wieder schön in London: Das Nebeneinander von uralt und ganz neu.
Und dann verbrachten wir einen sehr schönen Abend im St. John Bread and Wine, berühmt (wie das Haupthaus) für seine Innereienküche, dieses aber mit dem Konzept sharing plates.
Herzlicher Empfang, schöner Raum (den ich später bei voller Besetzung zum ersten Mal als sehr laut empfand), superinteressantes Angebot (PDF). Aus der rein französischen Weinkarte entschied ich mich für einen Sauvignon Blanc aus dem Burgund: Saint-Bris Les Malandes, der mit seiner Kraft und Säure gut passte.
Unsere vier geteilten Vorspeisen:
Von links oben im Uhrzeigersinn: Ochsenzungen-Krokette mit Brown Sauce / kalte Taubenbrust mit Radieschen, Brunnenkresse und Quitte / gegrilltes Ochsenherz mit jungen Roten Beten samt Blättern und Meerrettich (mein Favorit des Abends) / der Klassiker Deviled Kidneys on Toast, also gepfefferte Lammnierchen. Diesmal war ich so schlau gewesen, die Brotscheibe zur Begrüßung aufzuheben und nicht gleich zu essen: Ich wusste, dass es kein weiteres Brot geben würde, jetzt hatte ich etwas zum Sößchen-Auftunken.
Als Hauptgang teilten wir uns den den Rabbit, Smoked Bacon and Trotter Pie, also den Pie mit Kaninchen-Räucherspeck-Schweinefuß-Füllung: Die Pastry besonders super, die Füllung ganz hervorragend (Schweinefuß wohl nur zum Eindicken verwendet, weder kau- noch schmeckbar).
Nachtisch ging unbedingt auch:
Gegenüber Himbeer-Buttermilch-Pudding, bei mir ein Eaton Mess mit Nektarinen und Lemon Curd – sowie erfrischenderweise Frischkäse unter die Sahne gemischt.
Rückweg zum Bahnhof London Bridge über Abendsonne-vergoldete Ansichten.
Die Züge nach Brighton fahren von hier so oft, dass wir gar keinen bestimmten angesteuert hatten, sondern einfach den nächsten nahmen.
Im Bett noch vor elf Uhr.























