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Journal Freitag, 21. Mai 2021 – 28. Rosentag: Kalt und mit Menü daheim

Samstag, 22. Mai 2021

Herr Kaltmamsell musste wegen Abitur so früh aus dem Haus, dass er mich energisch davon abhielt, früh genug für einen gemeinsame Morgenkaffee aufzustehen.

Beim Morgenkaffee war wieder ein zusätzlicher Pulli notwendig gegen die Maienkälte.

Mein Yoga mit Adriene wurde diesmal nicht unterbrochen von Werbung (YouTube verkauft die Bezahl-Version immer nachdrücklicher und schaltet auch in Trainingsfilme Spots dazwischen), sondern von einem Anruf – einem hochwillkommenen: Mein Einbauschrank wird nächste Woche montiert. Ein weiterer Kontakt bei der beauftragten Schreinerei, und wieder entspann sich ein sehr persönliches Gespräch bis Abgleich Lebensgeschichten und Urlaubsplänen; das sind da aber auch nette Leute!

Das Wetter war weiter „unbeständig“ (was ja wohl kein echter Mensch sagt, sondern nur die Wettervorhersage). Doch als ich mich auf meinen ersten Erledigungsweg machte, wurde mir in Winterkleidung arg warm – anscheinend waren ein paar Grad Temperatur dazugekommen. Mein zweiter Gang führte mich zum Radlschrauber, der mich per SMS informiert hatte, dass er fertig war. Wie immer fuhr sich das Radl nach der Überholung so gut, dass ich am liebsten eine Extrarunde gedreht hätte, allerdings begann es wieder zu tröpfeln.

Meine dritte Runde führte mich in den Supermarkt, wo ich die Einkaufsliste fürs Pfingstwochenende leerte. Der riesige Goldregen in der Goethestraße macht sich gerade ans Blühen – ich hatte Goldregen völlig vergessen.

Frühstück: Kartoffelbrot mit Frischkäse und Orangenmarmelade, Erdbeeren mit einem Schafjoghurt, der direkt eine Schafstall-Note hatte (im türkischen Süpermarket gekauft).

Ich las Zeitung und Buch, bis Herr Kaltmamsell im Lauf den Nachmittags heimkam – dann begann Rosentag! (We’re gonna need a bigger vase. Diese ist zu hoch und zu schmal für optimalen Fall der vielen Blumen.)

Seine Geschichte.
Meine Geschichte.

Da die Restaurants noch geschlossen sind (in München stieg die 7-Tages-Inzidenz nach drei Wochen Rückgang wieder über 50), konnte ich Herrn Kaltmamsell nicht groß ausführen. Statt dessen hatte ich das Drei-Gang-Menü vom Broeding bestellt. Zum Abholen ging ich zu Fuß, da ich mich nicht ausreichend gelüftet fühlte. Trotz Blick-verengendem Regenschirm nahm ich die Gastronomie am Weg (ich ging die malerische Blutenburgstraße entlang) bereits aus interessierterer Perspektive wahr, sie könnte in ein paar Wochen wieder geöffnet sein.

Bepackt mit Speisen (in Weck-Gläsern) und Getränken nahm ich nach Hause die (schön leere) U-Bahn.

Zur Feier des Tages drehten wir im Wohnzimmer die Heizung auf, so brauchte ich beim Abendessen kein zweites Paar Socken.

Ja, die Fichte in der Butter war zu schmecken, und zwar gut!

Zu Brot und Vorspeise gabe es einen Domaine Jean-Claude Chatelain Pouilly-Fumé ‚Les Cailloux Silex‘, den ich als Geschenk kennengelernt hatte (Weingeschenke sind toll!).

Zum Hauptgang hatte ich einen Grassl Ried Neuberg mitgebracht, der mir ganz ausgezeichnet schmeckte und wunderbar zu den Speisen passte.

Kein Foto vom Dessert, da mir eines der beiden Schüsselchen beim Rausholen aus dem Ofen auf die Ofentür fiel und eine Sauerei auf Ofentür sowie Boden verursachte, die mich eine ganze Weile beschäftigte, woraufhin ich keinen Appetit mehr darauf hatte. Wie gut, dass mein Alkoholpegel zu diesem Zeitpunkt keinen Zorn aufkommen ließ. Herr Kaltmamsell war von seiner unversehrten Portion sehr angetan.

§

Gestern Nachtmittag las ich Granta 155 aus, The Best of Young Spanish Language Novelists. Wie eigentlich alle Granta-Ausgaben mit „Best of Young“, ob aus den USA, aus UK inkl. ehemaliger Kolonien oder die erste mit spanischsprachigen Autor*innen: Ganz besonders gut und interessant. In ihrer Einleitung beschreibt Herausgeberin Valerie Miles, was die 200 Einreichungen verband: Die Vielfalt an Sprache („many of these young writers seem to be turning a very sharp ear toward written language’s sonant quality“), die beweist, dass es das Spanische nicht gibt.

Miles erinnert sich zurück an die erste Ausgabe mit jungen amerikanischen Autoren 1996, zu der Tobias Wolff, eines der Jury-Mitglieder anmerkte:

The idea of choosing twenty writers to represent a generation . . . [is] a process [that] mainly exposes the biases of the judges.

Diese Reflexion, das Bewusstsein, dass ein Literaturpreis immer mehr über die Jury aussagt als über Autor*innen seiner Zeit, würde ich gerne deutlicher in der deutschen Literaturwelt hören. (Deswegen mag ich ja den Bachmannpreis so gern: Indem man der Jury bei der Bewertung und Diskussion zusehen kann, liegen die Maßstäbe und Vorbehalte offen.)

Valerie Miles legt offen, worauf die Jury dieser „Best-of“-Ausgabe aus war:

We wanted work of the imagination. Fiction. Consciousness captured on the page. Storytelling. No essay, no memoir, no reportage. No selfies with a bit of Photoshop to pass it off as fiction. Story that is peeled from the merely testimonial, from the very tiresome use and abuse of the first person. Originality. Attitude. Yeah, attitude. Writers writing like their lives depended on it. Writers writing about things I had no idea I was interested in. Writers channeling the worlds of the inarticulate, who have not spoken for themselves or whom we cannot hear. Things that are familiar made strange or re-enchanted. Writers like the ones who came before. The ones who didn’t know about Instagram. Writers who are not readers, but rereaders. Who you think may, at some point in the future, put sentences together that will cause your spine to tingle and the hair on the nape of your neck to stand on end. Who can do it now. Writers who dare, whose ambition may have gotten the best of them, but tried anyway. That’s a tough order for a young writer, but that was our bar, and we were willing to read with an eye to the future.

Das kommt mir sehr entgegen, auch ich wertschätze Erfundenes, gerne auch ganz weit weg von Realismus, mehr als die Verarbeitung von selbst Erlebtem, und das bitte strukturell und sprachlich gut gemacht.

Anscheinend ist die gesamte Ausgabe ohne Kosten online zu lesen.

Besonders bemerkenswert erscheinen mir diese Geschichten:
Martín Felipe Castagnet, Frances Riddle (Übers.), „Our Windowless Home“
Andrea Chapela, Kelsi Vanada (Übers.), „Borromean Rings“
Irene Reyes-Noguerol, Lucy Greaves (Übers.), „Lost Children“
Carlos Manuel Álvarez, Frank Wynne (Übers.), „Bitter Cherries“

Journal Donnerstag, 13. Mai 2021 – Christi Himmelfahrt mit Regen und Kälte; Ruth Klüger, weiter leben: Eine Jugend

Freitag, 14. Mai 2021

Das Ausschlafen genossen. Draußen regnete es, und das blieb den ganzen Tag so.

Impffolgen: Keine bis auf einen leicht schmerzenden Impfarm, die Einstichgegend berührungsempfindlich.

Der Crosstrainer ist vorerst außer Betrieb, nachdem eine Analyse des neuerlichen Klapperns lose, möglicherweise abgebrochene Schrauben an der dicken Mittelstange im zentral tragenden Übergang zum Bodenteil ergeben hatten. Um dennoch zu Schwitzsport zu kommen, folgte ich einem YouTube-Hinweis zu einem Mama mia Dance Workout. Mit beiden Folgen hintereinander kam ich zumindest auf eine halbe Stunde, schwitzte auch, doch Spaß machte mir das Hopsen, Springen, Beugen auf der Stelle nicht. Auch wenn die atomar strahlende Vorturnerin auf dem gleichen Parkettboden hopste wie ich. Große Sehnsucht nach einer Gruppenstunde Aerobics mit ordentlich Choreografie – ich bin gespannt, ob ich das nochmal erlebe.

In einer Regenpause (Zufall) holte ich Frühstückssemmeln. Die Außentische von Cafés im Glockenbachviertel waren bewirtschaftet (die Inzidenz liegt in München seit einer Woche unter 100), daran saßen tapfer Menschen in dicken Jacken unter Schirmen und frühstückten.

Das machte ich dann doch lieber im Warmen und Trockenen daheim bei einem weiteren Milchkaffee – aber ich freue mich schon sehr auf Zeiten, in denen ich wieder auswärts frühstücken kann.

Trotz Feiertag bekamen wir unseren donnerstäglichen Ernteanteil, allerdings nicht an den gewohnten Verteilerpunkt in einem Büro ums Eck geliefert – wegen Feiertag geschlossen -, sondern an einen im Westend. Am frühen Nachmittag spazierten wir im Regen zu zweit dorthin und holten ihn.

Es hatte sich über die vergangenen Wochen Bügelwäsche angesammelt, die ich abarbeitete. Trotz seltener Gelegenheit hatte ich keine Lust auf Podcast, sondern auf Musik: Wir beseitigen gerade unsere CDs bis auf wenige Erinnerungsstücke, Herr Kaltmamsell zieht die Musik davon auf Festplatte. Und so shufflete ich mich gestern durch die fünf Dire Straits-CDs des Haushalts über die kabellosen Kopfhörer, die ich mir fürs Crosstrainerstrampeln zugelegt hatte. Wenn man draufdrückt, wird die Musik auf dem mit Bluetooth verbundenen Gerät gestartet oder gestoppt. Das ist nicht ganz geschickt, weil das derselbe Handgriff ist, mit dem ich die In-Ear-Pöppel ins Ohr drücke, andererseits fühlt sich die Geste immer sehr Lieutenant Uhura an.

Nachmittagssnack Orange und Maracuja mit Joghurt. Lesen, Yoga – eine Folge, die ich ebenfalls nicht nochmal brauche.

Schlichtes aber gutes Abendessen aus Vorhandenem: Ich kochte Ernteanteil-Kartoffel, die es mit Kochkäs und Resten des vorabendlichen Basilikumöls gab, dazu bereitete ich den eben abgeholten Salat mit Tahini-Dressing zu.

§

Ruth Klügers weiter leben: Eine Jugend hatte ich vor ein paar Tagen ausgelesen, durchgehend gefesselt und bereichert davon. Ich hatte Frau Klüger 2012 in Klagenfurt erlebt, wo die kluge, schöne greise Frau die „Rede zur Literatur“ gehalten hatte, die Notizen dazu auf einem Kindle in der Hand (wie jeder und jede erwähnen, die dabei waren). Ihr Tod vergangenes Jahr hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich noch nichts von ihr gelesen hatte, das wollte ich ändern.

An ihren Jugenderinnerungen gefiel mit von Anfang an der persönliche, oft mündliche Tonfall. Anders als in vielen Autobiografien berühmter Menschen geht es ganz klar nicht um das Abhaken von historischen Hintergründen und das Aufzählen von Kontakten zu anderen berühmtem Menschen. Klüger weist immer wieder darauf hin, dass das nun mal ihr Leben sei und ihre ganz persönliche Holocaust-Geschichte – auch wenn gerade Letzteres zu vielen Vorstellungen davon nicht passe. Und immer wieder wehrt sie sich, in der erzählten Zeit oder beim Erzählen, gegen Einordnungen. Dagegen, dass Menschen wegen eines Details, das sie über sie wussten, glaubten sie zu kennen: Kind. Jüdin. KZ-Überlebende. Frau. Österreicherin. Einwanderin. US-Amerikanerin. Und dann ihr erzählen wollten, wer sie sei und wie ihre Erlebnisse zu sehen seien – bis hin zum Paradoxon, dass ihr Überleben mehrerer Konzentrationslager und Transporte dazwischen als Beleg genommen wurde, dass es ja dann dort nicht so schlimm gewesen sei.

Klügers Blick und Reflexion auf ihre Vergangenheit, auf sich und die Menschen in ihrer Umgebung sind immer erhellend und oft überraschend, ich lernte viel Neues (und sei es, dass ich mir nie Gedanken über die Schulbildung der Menschen gemacht hatte, die Kindheit und einen Teil ihrer Jugend in Ghettos und Konzentrationslagern verbringen mussten). Besonders fiel mir eine Passage auf, mit der sie beschreibt, wie sie in den USA an der Uni endlich Freundinnen fand, darunter eine, die in dem Buch den Namen Anneliese trägt.

Nachgelaufen bin ich ihr auch in Museen. Mein Kunstsinn ist gering, verglichen mit ihrem, und ich muß mir erst einreden oder einreden lassen, daß etwas schön ist. Mich lockte die Statik des Gesammelten, die nicht von Umziehen, Herumziehen, Aufbruch und Abbruch bestimmt war. Ein Museum war wie ein Schwamm, der mich aufsaugt, eine geistige Suppe, die mich minderwertiges Gemüse würzt und gar kocht. Schmackhaftes, Abgeschmecktes war da vermischt, und keine Kartoffelschalen, die der Mensch nur aus Not frißt. Dazugehören, einfach dadurch, daß man hinschaut. Bibliotheken empfangen mich ähnlich, aber die versprechen nur (weil man die Bücher ja nicht auf der Stelle lesen kann), während Museen ihr Versprechen gleich einlösen, dir den Dinosaurus oder den Matisse zum sofortigen Genuß servieren.

(Schreibung original, Hervorhebung von mir.) Empfehlung.

Journal Freitag, 23. April 2021 – Flashbacks zu Griechenland 1984

Samstag, 24. April 2021

Das sonnige Draußen roch gewaltig nach Frühling.

Ich nahm früh das Rad in die Arbeit, erledigte im Büro noch ein paar Sachen und radelte dann zu einem weiteren Einsatz als Schöffin zum Justizzentrum am Stiglmaierplatz. Morgens war es noch kalt, doch gerade die Kombination aus kühler Luft, strahlender Sonne und Frühlingsgerüchen rief – wie fast immer – Erinnerungen an die Studienfahrt nach Griechenland zu Schulzeiten (1984) hervor: Auch nach 37 Jahren gehört das zusammen, war wohl eines der einschneidensten Erlebnisse meines Lebens.

Frühlingslandschaft bei Delphi.

Vor dem Museum in Delphi. Ich bin die dritte von links, 16-jährig – im damals sehr modernen Trenchcoat und mit den lang erbettelten Puma-Lederturnschuhen, die ich Idiotin dann im Athener Hotelzimmer unterm Bett vergaß. Links von mir die beste Fußballerin des Jahrgangs (zugegeben: eine von zweien), der Pulli an der Mitschülerin rechts von mir war sicher selbstgestrickt, der Regenüberwurf der Mitschülerin ganz rechts war ein K-Way („Kawai“ ausgesprochen), damals Synonym für Regenüberwurf (und furchtbar teuer).

Wie wenige Fotos wir damals machten!

Am Gericht ging es eher schnell, schon um halb elf waren wir fertig. Fürs Zurückradeln ins Büro brauchte ich nicht mal mehr Handschuhe.

Mittags gab es ein Laugenzöpferl sowie eine Orange mit Hüttenkäse.

Die Freude über die Freigabe des Impfstoffs AstraZeneca für Verimpfung in Hausarztpraxen hielt nicht lang: Die Praxen wissen von keiner Lieferung.

Die Ärzte werden jede Woche darüber informiert, welchen Impfstoff sie in der kommenden Woche erhalten können. Für nächste Woche wird den Hausärzten gar kein Astrazeneca-Impfstoff angeboten, sondern ein anderes Vakzin.

Nun: Ich stehe sein Januar auf der offiziellen bayernweiten Liste der Impfwilligen, jetzt auch auf der meiner Hausärztin – da ich nicht zur Gruppe besonders Gefährdeter gehöre, würde ich alles Weitere als Drängeln empfinden.

Daheim traf ich Vorbereitungen fürs Abendessen, die Zutaten hatte Herr Kaltmamsell besorgt: Bei offener Tür zum Küchenbalkon und ohne künstliches Licht (immer noch eine Sensation in der Küche) hobelte ich Gurken in den Kartoffelsalat und würzte das Hackfleisch für die Fleischpflanzerl (Ziebel und Knoblauch angebraten, Petersilie gehackt, Eier, Semmelbrösel, etwas Tomatenmark, Salz, Pfeffer).

Nochmal die Yoga-Einheit vom Vortag, diesmal tat sie richtig gut und nahm mir ein wenig von der ekligen Gereiztheit und schlechter Laune, die mich schon wieder plagten.

Fleischpflanzerl gebraten, dazu gab es Gin Tonic. Abendessen in letzter Sonne, die immer noch ungehindert von Laub über fast ihren ganzen Tageslauf ins Wohnzimmer scheint.

Helen Slavin, The Extra Large Medium ausgelesen. Auch wenn der Schluss die Schwachstelle des Romans ist, gefiel er mir insgesamt sehr gut. Erzählt wird die Geschichte von Annie, die tote Menschen sieht (sie tragen immer schokoladenbraune Kleidung), von klein auf. Anfangs war ich irritiert über die Parallele zu Hilary Mantels Roman Beyond Black und brauchte eine Weile, bis diese Geschichte ihren eigenen Charakter entwickeln konnte – und den hat sie.

Annie erzählt rückblickend und mit viel Galgenhumor ihr Leben, aber ohne reflektierende Distanz. Dazwischen gibt es kurze Kapitel aus der Sicht von Verwandten u.a. Mutter, Tante, Onkel, Stiefvater. Annie ergibt sich in ihr Schicksal und versucht sich mit ihrer Gabe nützlich zu machen, also die Botschaften der Toten an die Hinterlassenen zu überbringen – meist völlige Petitessen der Größenordnung, wo der Schlüssel zum Gartenhäuschen liegt. Sie hat ohnehin keine Chance auf ein auch nur halbwegs konventionelles Leben, die Toten lassen sie nicht in Ruhe (hier liegt eine Parallele zu Mantels Roman), sie schlägt sich irgendwie durch. Eingewebt ist dann auch noch eine Kriminalgeschichte, die zu dem etwas ungeschickten Schluss führt.

Vieles ist nicht auserzählt, das mag ich, ich fühlte mich als Leserin ernst genommen. Räume zum Beispiel werden durch den Eindruck vermittelt, den sie auf die Erzählerin erzeugen, nicht durch Möbelbeschreibung. Oder einschneidende Erlebnisse, die uns zunächst durch die traumatischen Auswirkungen erzählt werden, bevor wir Fragmente bekommen, aus denen sich der eigentliche Vorfall zusammensetzen lässt.

Journal Donnerstag, 22. April 2021 – Wie viel Spiegel braucht der Mensch

Freitag, 23. April 2021

Gut geschlafen! Nach Ewigkeiten sogar über fünf Stunden am Stück!

Eine seltsame Zeit, in der in meiner Welt rundum mitgefiebert wird, wer eine Impfung bekommt, und in der jede gefeiert wird (jede Impfung bringt uns der Kontrolle über die Pandemie näher – vorerst steigen die Infektionszahlen noch, laut Robert-Koch-Institut liegen wir nur wenig unter dem Tageshöchstwert an täglichen Neuinfektionen der zweiten Welle – und das, wo man von der Gesamtzahl an Bevölkerung ja die mittlerweile 20 Prozent Geimpften abziehen müsste, wo der eigentliche Inzidenzwert also eigentlich deutlich höher liegt).

Morgens fiel mir auf, wie gut das Leben mit wenigen Spiegeln funktioniert. Wir haben derzeit zweieinhalb Spiegel in der ganzen großen Wohnung: Im Flur einen Menschen-großen, einen Gesichts-großen im Klo und einen kleinen Handspiegel im Badregal. Herr Kaltmamsell rasiert sich mit Hilfe des Handspiegels, ich schminke mich im Klo – und in den großen Spiegel gucke ich höchstens zum Einfädeln von Ohrringen; ich überprüfe darin nicht mal mein Aussehen vor Verlassen der Wohnung, meine Kleidung kenne ich ja an mir. (Ich freue mich trotzdem auf einen richtigen Spiegel im Bad.)

Freundliches Wetter mit viel Sonne, die Temperaturen dabei einem April angemessen zwischen 12 und 15 Grad.

Arbeit nochmal mit viel Kontakt zur Poststelle. Mittags aß ich die restlichen Reisnudeln vom vorabendlichen Vietnamesen und eine Orange.

Auf dem Heimweg machte ich im Frühlingswetter einen Abstecher zum Westpark und freute mich an den ergrünenden Bäumen und Büschen, am Flieder in den Startlöchern. Auf der Theresienwiese wieder viel Sportbetrieb.

(Foto vom Mittwoch, weil das von gestern nichts wurde – aber sehr ähnlich.)

Daheim traf ich auf einen soeben geimpften Lehrer, der keinerlei Nebenwirkungen verspürte – große Freude.

Nach einer längeren Runde Yoga (die mache ich nochmal) bereitete ich zum Abendessen Salat und Radieschensprossen aus Ernteanteil mit zwei gekochten Eiern und Joghurtsoße zu. Satt wurden wir mit viel Schokolade.

Für Freitagabend kochte ich schon mal Kartoffeln, verarbeitete sie zu Kartoffelsalat.

Meine derzeitige Lektüre, Helen Slavin, The Extra Large Medium, lese ich mich großem Vergnügen, groß genug, dass ich früh damit ins Bett gehe, um vor der Nachtschläfrigkeit noch mindestens eine halbe Stunde darin zu lesen. Das freut mich umso mehr, als ich diesen Sog seit einigen Monaten vermisst hatte – selbst ganz ausgezeichnete Bücher besitzen den nicht unbedingt, er ist eine separate Eigenschaft, die in meinem Fall zwar eine gewisse Mindestqualität voraussetzt, aber weder von besonders hoher Qualität abhängt noch sie ausschließt.

Journal Mittwoch, 21. April 2021 – Andreas Glumm, Geplant war Ewigkeit

Donnerstag, 22. April 2021

Ein sonniger Morgen und sonniger Tag, noch brauchte ich aber auf dem Weg ins Büro Handschuhe.

In der Arbeit wieder viel Arbeit mir Dingen. Mittags Orangen, Grapefruit, Quark.

In freundlichem Wetter verlängerte ich meinen Heimweg ein bisschen auf der Theresienwiese, die vielfältig besportelt wurde (neben Roller Blades übrigens dieses Jahr auffallend viele Roller Skates – an meist besonders sorgfältig gestylten Damen, gibt es da einen Trend?). Zu Hause erst mal Yoga, eher gemütlich – diese Folge wiederhole ich also nicht.

Nachtmahl kam vom freundlichen Nachbarschafts-Vietnamesen: Reisnudeln mit viel Gemüse und Zitronengras-Tofu. Nachtisch Schokolade.

Abends wurde gemeldet, dass auch Bayern den Corona-Impfstoff von AstraZeneca für alle Altersgruppen freigegeben hat und er in Arztpraxen ohne Priorisierung verimpft werden darf. Ich meldete mich sofort bei meiner Hausärztin per Kontaktformular dafür an. (Ab jetzt nur noch ärmelfreie Oberteile. Für alle Fälle.)

Bov Bjergs Erstling Deadline (gutes Buch) wird neu aufgelegt. Er musste dafür zwar einen eigenen Verlag gründen, den Kanon Verlag, aber das ist’s wert.

§

Glumm bloggt schon immer – also mindestens seit den 20 Jahren, die ich Blogs lese (das Archiv seines früheren Blogs 500 Beine beginnt allerdings erst 2015, egal). Und aus seinem Blog kannte ich auch seine Solinger Multitoxler-Loser-Geschichten, ganz deutlich autobiografisch. Jetzt ist aus seinen Geschichten ein Buch geworden – und der Verlag hat es mir freundlicherweise kostenlos als PDF zur Verfügung gestellt: Andreas Glumm, Geplant war Ewigkeit.

Gut bis hervorragend geschrieben sind alle von Glumms Geschichten aus verschiedenen Jahrzehnten, alle in Solingen und bei seinen Menschen angesiedelt, alle mit einer wiedererkennbaren Stimme erzählt – und doch in Tonalität und Grundhaltung seht unterschiedlich. Mit nicht jeder Grundhaltung konnte ich etwas anfangen.

Wenig zum Beispiel mit den Szenen aus jüngeren Jahren, in denen ich lediglich Karikaturen eines Männlichkeitsbilds erkannte, das vielleicht 14-jährige cool finden können.

Er fuhr Auto, wie er Geschlechtsverkehr ausübte: in hektischen Intervallen, überfallartig, bockig. Und immer so, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Benzini fuhr, als hätte er ein Military-Pferd unterm Hintern: vor ihm tiefes Geläuf und nur noch wenige Minuten bis zum Zieleinlauf. Er fuhr, als wären Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts als ein Hütchenspiel, mit dem der Herrgott uns alle auf Trab hielt. Jederzeit konnte man Haus und Hof aufs falsche Hütchen setzen und als Bankrotteur enden.

Volle Punktzahl in der B-Note für bildhafte Beschreibung, doch dieser Duktus macht mich heutzutage müde (ich bin alt). Kurzer Gegentest: Ich versuchte mir diese und ähnliche Beschreibungen und Formulierungen über Frauen vorzustellen – funktionierte überhaupt nicht.

Komplett bizarr wurde meine Wahrnehmung der Drogengeschichten, als ich während der Zeit der Lektüre als Schöffin am Münchner Amtsgericht in einer Verhandlung wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz saß: Dieselben Themen, dieselben Menschen, aber nichts daran launig und lustig.

Ich unterstelle Glumm nicht, dass er das Thema harte Drogen verharmlost, doch im Grunde ist in den Geschichten dieses Leben, das sich zu 95 Prozent um Rausch und Beschaffung dreht, vor allem ein großes Spiel – wer verliert, stirbt halt den Drogentod, höhöhö. Die Haltung hat etwas naiv Kindliches, vor allem in ihren Männlichkeits- und Abgebrühheits-Posen, aber es geht nunmal um Menschenleben. Selbst mir, die das Leben grundsätzlich sinnlos findet, ist das zu frivol. Was nicht bedeutet, dass man nicht Geschichten aus dieser Seite der Gesellschaft oder nicht in diesem Tonfall schreiben soll – ich mag sie lediglich nicht lesen.

Dennoch empfehle ich den Erzählband, er enthält nämlich mehr als genug Geschichten, die aus diesem Bukowski-Duktus rausfallen. Glumm erzählt, wie er die Gräfin an seiner Seite kennenlernte, er schreibt ausführlich über seine Eltern (aus einer dieser Geschichten ist der Buchtitel entnommen) in vielen aufmerksam registrierten Details, die weit über die individuellen Geschichten hinaus weisen und eine Zeit erzählen, eine Gesellschaftsschicht, wirklich Bedeutsames. Hier finden sich kaum coole Floskeln, statt dessen liebevolle Beobachtung, menschenfreundliche Gelassenheit.

„Ach wo, in der Küche höre ich schon lange kein Radio mehr. Es ist dir bloß noch nicht aufgefallen“, erklärte Mutter geduldig. Ich wartete auf das leise Lächeln in ihrem Gesicht, das immer dann kam, wenn sie es gut mit jemandem meinte. Ein stilles In-sich-hinein-Lächeln, wie bei einem Goldschürfer, der tief im Unterbauch schon ahnt, dass er gleich auf eine Ader stoßen wird.
Sie konnte ein Lachen aber auch laut herausplatzen lassen, laut wie ein italienischer Polier, wobei sie den Kopf schwungvoll in den Nacken warf, damit mehr Platz im Hals
war – mehr Platz zum Lachen. Aber diesmal war nichts davon zu sehen und zu hören. Kein Lachen, kein Lächeln, keine Musik.
„Und warum?“ fragte ich.
„Warum es dir noch nie aufgefallen ist?“
Sie reichte mir zwei abgetrocknete Dessert-Tellerchen, und ich öffnete den Hängeschrank, um sie zum anderen Geschirr zu stellen.
„Nein, warum du keine Musik mehr hörst.“
„Warum mag man keine Musik mehr hören …“, formte Mutter die Worte neu, wie eine Frage an sich selbst. Vom Flur her hörten wir Geräusche, Vater schlurfte ins Schlafzimmer, um sein Mittagsschläfchen zu halten. Ich schaute in die Augen meiner Mutter. Da stellte ich die zwei kleinen Teller ab, und ich schloss sie in den Arm.

Besonders mochte ich die Geschichten über Freundschaft, darunter fiel mir die über den lebenslagen Freund auf, der offensichtlich durch und durch ein Ekel war: „‚Leh’m is hart‘ – der schwierige Abschied vom dicken Hansen“ – Glumms Loyalität ist nahezu unzerstörbar.

Selbst unter den Drogengeschichten gibt es einige, die einen weiten Blick über den Horizont haben – ich bin versucht, sie nach dem Ende von Glumms Heroin-Zeit zu datieren. Diese mochte ich durchaus. Oder wie er von seinem Herzinfarkt erzählt (die Vorform dieser Geschichte kannte ich ebenfalls aus Glumms Blog), ganz nah bei sich und gleizeitig mit dem beobachtenden Blick des Geschichtenerzählers: Hervorragend gemacht.

Gelohnt hat sich die Sammlung im Buch auf jeden Fall, lesen Sie sie.

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Greifvögel sind durch und durch Fleischfresser und mögen kein Brot. Auch nicht wenn es in ihrer Beute steckt. @birdturntable hat fotografisch einen Rundschwanzsperber erwischt, wie er aus dem Kropf der eben geschlagenen Taube sorgfältig deren letzte Mahlzeit entfernt.

Journal Freitag, 26. März 2021 – Sharon Dodua Otoo, Adas Raum, plus Containerschiffhumor

Samstag, 27. März 2021

Noch eine gute Nacht, ich wachte kurz vor dem Weckerklingeln auf. Mittlerweile weckt mich die Tageshelle, ich werde zumindest fürs Wochenende die Rollläden nachts dagegen herablassen müssen – nach der Zeitumstellung sollte es wieder ein paar Tage ohne gehen.

Im neuen Bad fehlt noch ein Regal, deshalb stehen meine Parfüms in einer Schachtel auf dem Fensterbrett. Aus dem Flacon mit dem Restchen eines Lieblingsparfüms von vor 30 Jahren war ein wenig ausgelaufen und duftete mich hin und wieder ganz leise an – ich entdeckte, dass es mir wieder ganz ausgezeichnet gefiel: Scherrer 2. Gestern benutzte ich es, und war über den Tag so begeistert, dass ich mir ein frisches Fläschchen bestellte (gab es zum Glück bereits 25 ml klein, bei meinem geringen Verbrauch ist alles andere überdimensioniert).

Ruhiger Tag in der Arbeit, draußen war es mild und meist sonnig. Auf dem Heimweg sah ich viele kurze Ärmel – das ging vom Schnee am Wochenanfang sehr schnell. Kurze Einkäufe im Vollcorner, Check meiner Referenzmagnolie, die sich jetzt voll ins Zeug wirft.

Daheim schneller Wechsel in Yogakleidung. Die Einheit musste ich allerdings im letzten Drittel abbrechen, weil die Übertragung meines Rechners zum Fernseher plötzlich weg war – Umbau oder Fehlersuche waren mir zu umständlich, ich verschob die Runde auf Samstag.

Zum Abendessen gab es Artischocken mit Ajoli-Dip, dann einen Avocado-Salat aus der New York Times.

(Nein, das schaffte ich bei Weitem nicht.)

Die Artischocken waren sehr gut, der Salat eher enttäuschend, unter anderem weil ihm die Säure fehlte. Davor Cosmopolitans, dazu Verdejo.

§

Donnerstag hatte ich Sharon Dodua Otoo, Adas Raum ausgelesen. Ich mochte, wie die Geschichten der verschiedenen Adas durch die Jahrhunderte ineinander verschwammen, wie in einem Absatz die scheinbar selbe Figur im Ghana des 15. Jahrhunderts und im heutigen Berlin ein Kind von Cash erwartet. Auch mochte ich die Vielfalt und Vielschichtigkeit der zahlreichen Frauenfiguren (für männliche Figuren blieb leider nur Holzschnitt). Mir gefiel der rote Faden des Perlenschmucks, der in jeder der Geschichten auftaucht, auch wie komplett unterschiedliche Konzepte von Familie, Gemeinschaft und Alltag unerklärt nebeneinander gestellt wurden. Die Zeitschleifen dieser Handlungen und Personen finden sich auch in den Kapitelüberschriften, von denen einige „Schleife“ enthalten.

Am lebendigsten wurde der Roman für mich im letzten Fünftel, das in Berlin spielt: Diese Ada ist eine Einwanderin aus Ghana mit britischem Pass und sucht zusammen mit ihrer deutschen Schwester eine Wohnung. Vielleicht konnte ich deshalb am meisten damit anfangen, weil ich diese Welt aus eigenem Erleben kenne.

Doch ich kam nicht mit der Erzählperspektive zurecht: Otoo gibt die Stimme Gegenständen aus der Ich-Perspektive – einem Besen, einem Zimmer, einem Türklopfer, einem Reisepass, einem Windstoß. Das könnte poetisch wirken, doch mich befremdete es bis zum Eindruck der Albernheit: Sprechende Gegenstände kenne ich sonst aus Disneyfilmen (siehe Beauty and the Beast mit Kaminuhr, Teekanne, Kerzenleuchter als Charaktere) oder der Werbung („Ich war eine Dose“). Ich kann mir die Technik zwar als Alternative zum allwissenden Erzähler erklären (sogar eine Motivation dieser Allwissenheit gibt es: Gott taucht regelmäßig auf), doch das kam nicht gegen das Kindergeschichten-Gefühl an. Auch Shirin Sojitrawalla fragt in ihrer Rezension im Deutschlandfunk:

Bei Licht betrachtet ergibt sich aus ihrem Verfahren jedoch wenig inhaltlicher Mehrwert, die Dinge erzählen nicht viel über das Offensichtliche hinaus, was zur Frage führt, welchen Zweck dieses Erzählen erfüllt?

Diese für mich so befremdliche Erzählhaltung hatte Otoo schon in der Geschichte verwendet, mit der sie 2016 den Bachmannpreis gewonnen hatte (außerdem seltsam angestaubte Kultur-Klischees).
„Herr Gröttrup setzt sich hin“.

§

Sie haben ja sicher inzwischen alle das Containerschiff-Drama im Suezkanal mitbekommen: Seit 24.3. blockiert die auf Grund gelaufene Ever Given, siebtgrößtes Containerschiff der Welt, den Suezkanal und damit den weltweiten Warenverkehr. Da ich eine Vergangenheit im Schiffsmotorenbau habe, bin ich nicht so leicht davon zu überraschen, wie hoch die Menge an Gütern ist, die in riesigen Containerschiffen zu uns transportiert wird. (Weswegen ich mir ja immer auf die Zunge beiße, wenn wieder jemand die entsetzlichen Mengen klimaschädlicher Gase durch Schweröl-betriebenen Schiffsverkehr entdeckt: Runtergerechnet aufs Kilo Ware ist Lkw-Transport klimaschädlicher. Was nicht bedeutet, dass man lange Transportwege nicht meiden sollte. Aber wie bei halt allem: Es ist kompliziert. Unter anderem weil das böse – und verführerisch billige – Schweröl ein Abfallprodukt der Erdölverarbeitung ist, das so oder so anfallen würde und auf diesem Weg zumindest zu etwas nützt. Ob die Reinigung der resultierenden Emissionen verbessert werden müsste, ist wieder eine andere Frage.)

Vor allem aber stürzt sich mein Internet mit Verve auf das Thema, weil es eine hochwillkommene Abwechslung zu allem Corona-Bezug bietet. Der Guardian hat englischsprachige Memes gesammelt:
„Suez canal drama – and a tiny bulldozer – inspire wave of memes“.
(Hier ein Bonus-Scherz von @DB_Cargo.)

Es gibt eine Website, die zu nichts anderem dient als herauszufinden:
„Is that ship still stuck?“

Und nachdem Zehntausende letztes Jahr von Bundestrainer auf Epidemiologen umgelernt haben, werden jetzt alle Technisches Hilfswerk und haben Ideen, wie man die Ever Given freibekommen könnte.

Ich stelle mir vor, dass an Bord durchgehend diese Variante des Wellerman gesungen wird.

Und wie man das Viech freikriegt, wüsste ich auch.

Journal Sonntag, 28. Februar 2021 – Ein Tag Küchenumzug

Montag, 1. März 2021

3.30 Uhr: Klogang.
4.30 Uhr: Es ist klar, dass ich nicht mehr einschlafen kann, Küchensorgen treiben mich um, weil die neue Küche höchstens 60 Prozent des Stauraums unserer jetzigen bietet. Ich mache das Licht an und lese Anke Stellings Bodentiefe Fenster aus.
5.30 Uhr: Zum Glück ist Sonntag und ich kann noch eine Runde schlafen, wochentags wäre ich aufgestanden.

Den Vormittag verbrachte ich allerdings mit dem Gefühl eines fetten Katers (Erinnerung an Zeiten mit Dinner Parties, lautem Gelächter mit lustigen Menschen, Alkohol und einer so späten U-Bahn heim, dass ich die einzige im ganzen Wagen bin), nur halt ohne den vorhergehenden Spaß. Und ohne die Ruhe für ein paar Stunden Blödschauen, weil Umzug.

Gestern gehörte zum Umzug die Tiefenreinigung des Kühl-/Gefrierschranks, wir merken uns fürs nächste Mal: Dauert gut zwei Stunden. Auch diesmal dachte ich daran, die Inneneinteilung des Kühlschranks vor dem Ausbau zu fotografieren, und wieder war ich beim Zurückbauen froh um die Aufnahmen. Praktischerweise war es nach den warmen Tagen recht frisch geworden, ich konnte kühlbedürftige Lebensmittel auf dem Balkon aufbewahren (Gefriere war gezielt leergegessen worden).

Duschen und Anziehen, gestern machte ich mir geläutert keine Illusionen über irgendeine Sportmöglichkeit. Semmelholen, Semmelfrühstück.

Das Nachmittagsprogramm bestand aus Leerräumen der alten Küche und Umziehen der Inhalte in die neue, damit der Putzmann am Montag die alte Küche lagerfertig putzen kann. Das machte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell, was eine wirklich gute Sache war. Zwar hätte wir beide die Ordnungs-Entscheidungen des/der anderen akzeptiert, aber zusammen waren sie leichter. Die wichtigste Entscheidung: Wir übernehmen dann doch die bestehenden Kühlschrank/Gefriere und bauen sie nicht samt Nebenschrank zu Gunsten unseres Einzelteils aus der Einbauküche aus. Dazu besprachen wir uns ungewohnt eingehend und systematisch, inklusive der gegenseitigen Ermahnung, die Wünsche des/der anderen nicht vorwegzunehmen (dazu neigen wir beide), sondern wirklich die eigenen Pros und Contras vorzubringen. Ergebnis: Wir stellen den frisch geputzten großen Kühlschrank zusammen mit der restlichen Küche unter und bieten ihn den Nachmietern an.

Schublade für Schublade für Schrankfach räumten wir die alte Küche aus und suchten nach passenden neuen Plätzen für den Inhalt. Wir brachten dann doch fast alles unter, weil wir die wirklich selten gebrauchten Geräte (Fleischwolf, Sandwichtoaster, Nudelmaschine etc.) in ihren Kartons auf die Hängeschränke stellten. Und nochmal ein Menge Zeug aussortierten.

Freude über den neuen Küchenbalkon.

Kurz vor sechs brauchten wir aber eine Pause: Herr Kaltmamsell musste das Abendessen kochen, außerdem hatte ich beim Bäcker Himbeerschnitten für Kuchenpause gekauft.

Der Rest war schnell erledigt: Mehlschrank ausräumen – den nehmen wir mit, da er nach der Sanierung keinen Platz mehr hat – und Töpfe (mit Abschied von den beiden größten, die nicht Induktions-geeignet sind). Anschließend entspannte Herr Kaltmamsell mit Kochen, ich damit, die Lieblingstweets des Februars zusammenzustellen.

Das Abendessen war dann ein englischer Sellerie-Eintopf mit Rotwein (und weiteren Rüben), obendrauf Sellerie-Knödel.

Was neben Sport noch flach fiel an diesem Umzugswochenende: Zeitunglesen, Bügeln, Sonne draußen genießen.

Früh ins Bett mit neuem Buch: Amitava Kumar, Immigrant, Montana.

Zum vorherigen Roman:

Ich fand Anke Stellings Bodentiefe Fenster sehr gut geschrieben, die Not der Ich-Erzählerin nachvollziehbar. Die Beschreibung des Alltags im Mehrgenerationenhaus und in welchen ständigen Konflikten die Hauptperson Sandra darin lebt, sind gar nicht mit Wertungen verbunden (die ich anfangs meinte finden zu müssen). Menschen sind halt so, Sandra kann den Hintergrund und die Motivation von jedem und jeder nachvollziehen. Ihre Biografie entspricht dem Westberlin-Klischee meiner Generation: Kinderladenkind, ihre Mutter ist die beste Freundin der Kinderladen-Betreiberin. Sandra wächst auf mit Liedern und Spielen, die eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben, die alle Kinder zu freien, solidarischen und engagierten Menschen machen wollen und fest davon ausgehen, alle gleich zu behandeln. Doch sie merkt mit ihrer angeborenen besonders großen Empathie von klein auf, dass auch in dieser Gesellschaft Menschen ausgeschlossen werden, dass Glück, Veranlagung und Zeitgeist den einen bevorzugen, die andere hängen lassen. Und sie leidet darunter, auch als Erwachsene, weil sie einerseits keine Lösung dagegen hat, sich aber dazu verpflichtet fühlt (Kinderladen-Erziehung), etwas zu tun. Ebenso wenig wird uns Leserinnen am Ende eine Lösung geboten, so ist das Leben, so sind die Menschen halt. Da muss man durch, selig diejenigen, die sich ihre Illusionen erhalten.


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