Trotz frühem Weckerklingeln munter aufgewacht. Frühsport: Rumpfkräftigung, Dehnen, eine Runde Mady-Yoga.
Überraschung beim Radeln in die Arbeit durch Sonne: Es war saukalt geworden, ich hätte Mütze und Handschuhe vertragen.
Im Westend sah ich auffallend viele parkende Autos, die laut Kennzeichen von weit (Paderborn) bis sehr weit her (Slovakei) kamen, geschätzt 20 Prozent. Gar nicht quarantänig.
Emsiger Tag mit interessanter Recherche. Vormittags aß ich gegen den großen Hunger eine Hand voll Nüsse, mittags gab es eine Scheibe selbst gebackenes Brot, ein Ei, ein wenig Schinken, Nachmittagssnack war eine Birne.
Beim Heimradeln kurz vor sechs war es immer noch sehr kalt – aber sonnig: Wenn schon, hätte es doch bitte auch gleich regnen können, es ist viel zu trocken.
Ich machte uns Sahnecocktails Green Monkey, zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell gebratene Nudeln und Waldorf Salad.
Im Bett las in ich hinein in Mark Holt, Munich ’72. The Visual Output of Otl Aicher’s Dept. XI. Ich hatte das Buch durch Beteiligung an der Kickstarter-Finanzierung mitermöglicht, vor ein paar Wochen war der 536-Seiten-Prügel geliefert worden (nach einer Ehrenrunde, weil der Paketdienst GLS behauptet hatte, das sei nicht meine Adresse). Mark Holt hat das Werk im Alleingang recherchiert, geschrieben, gestaltet und drucken lassen, selbst die Versendung organisiert er selbst – der erste Blick ins Ergebnis von vier Jahren Arbeit beeindruckte mich sehr. Gleich mal gelernt: Die Symbole für die Sportarten, die ja bis heute verwendet werden, stammen von Gerhard Joksch. Hier die Website zum Buch, man kann es auch ohne Kickstarter-Beteiligung kaufen.
Am Montag hatte ich ja Matt Ruff, Lovecraft Country ausgelesen, bis zuletzt sehr angetan.

Das “Lovecraft” im Titel hatte mich ursprünglich abgeschreckt, aber vielleicht hätte ich dem Lovecraft-Experten an meiner Seite genauer zuhören sollen, als er sich enttäuscht von dem Roman äußerte – weil er eben fast nichts mit Lovecraft zu tun habe. Dann hätte ich das Vergnügen der Lektüre nämlich schon früher gehabt. Lovecraft Country erinnert mich wie keine anderes von Matt Ruffs Bücher an seinen legendären Erstling Fool on the hill (anders gesagt: Wenn Sie zu den vielen Menschen gehören, die mit Fool on the hill nichts anfangen können, ist Lovecraft Country sehr wahrscheinlich auch nichts für Sie): Wir haben viel Mythologie im Hintergrund, aber ein ganz neuzeitliches Setting, in dem sie durchgespielt wird.
Verkauft wurde der Roman im Genre Horror – das konnte ich nicht nachvollziehen. Wir haben das klassische Set-up einer Gruppe von Helden und Heldinnen (!), die sich in einer feindlichen Umgebung durchschlagen müssen. Und ich fand es einen großartigen Kunstgriff von Ruff, dass er das mit einer Gruppe von Schwarzen in den rassistischen USA der 1950er durchspielt: Für sie ist praktisch jeder Schritt lebensbedrohlich, wenn Weiße beteiligt sind. Sie können sich nicht frei bewegen, sie sind konstant der Willkür von Behörden und weißen Nachbarn oder Passanten ausgesetzt – selbst im Hauptort der Handlung Chicago.
Übernatürliches spielt schon auch eine Rolle, doch charmanterweise sind es die weißen Freimaurerlogen, von denen die bösartige magische Gefahr ausgeht (im Kontrast zum rassistischen Stereotyp, das POC mit Aberglauben, Voodoo und Magie besetzt).
Ich hatte großen Spaß an dem vielfältigen Hintergrund der Protagonisten-Familien, von denen eine den Verlag führt, der den Safe Negro Travel Guide herausgibt (dank des gleichnamigen Films kannte ich das reale Vorbild Green Book), in der es einen jugendlichen Comic-Zeichner gibt, eine sehr ernsthafte Hobby-Astronomin – und den unehelichen Nachkommen eines großen weißen Logenvorsitzenden. Es gibt mehrere und sehr verschiedene Frauenfiguren, auf der ersten Abenteuerreise rettet eine davon den Männern der Gruppe mehrfach den Arsch.
Rassismus ist dominantes Thema: Die USA sind aufgeteilt in Jim Crow-Gegenden und andere, Farbige werden strukturell und individuell von Bildung und Wohlstand ferngehalten. Ich wünschte, das wäre heute anders, doch heute beträgt dort das durchschnittliche Einkommen afroamerikanischer Familien ganze 61 Prozent des mittleren Einkommens weißer Familien (Quelle), und bis heute kommt es regelmäßig vor, dass Schwarze in den USA ohne Grund von der Polizei getötet werden und ohne wirkliche Konsequenzen (-> Black Lives Matter). Als Weiße in einem dominant weißen Land kann ich mir das nicht vorstellen.
Ich empfand es als geschickten Kunstgriff, wie Matt Ruff die grotesken Details des US-Rassismus’ als Antriebskraft für einen klassischen Gruselroman nutzt. Oder wie es auf der Buchausgabe heißt, die mir Herr Kaltmamsell geliegen hatte und die das Aussehen eines Pulp-Heftchens imitiert: “America’s demons exposed!”
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Die taz über den zusammenbrechenden Altkleidermarkt und stillstehende Fabriken in Bangladesch und Indien:
“Bekleidungsindustrie leidet unter Corona:
Das Elend der vollen Schränke”.
Ich fühle mich bereits überfordert von all den Meldungen über die negativen Auswirkungen, die die Corona-Krise schon jetzt hat – weswegen ich alle Spekulationen über künftige wirtschaftliche Schäden ignoriere. 
die Kaltmamsell