Journal Donnerstag, 1. Februar 2018 – Winter und Beifang aus dem Internet

Freitag, 2. Februar 2018 um 6:40

Wenn man denkt, er hört gar nicht mehr auf, ist der Januar dann doch endlich rum.

Es wurde nochmal Winter: Temperatur kurz vor Gefrierpunkt, Schneefälle. So wenig ich den Winter mag, gruselt mich doch vor einem Talmi-Frühling, nach dem ein Frost eine weitere Obsternte zerstören könnte.

Abends den Sportrucksack ungenutzt nach Hause getragen, weil mir so gar nicht nach schweißtreibender Bewegung war. Dann wird das schon seine Richtigkeit gehabt haben.

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Geständnis: Der größte Vorteil, gerade einen Goldenen Blogger gewonnen zu haben, war auf der Veranstaltung am Montag, dass ich mich traute, all die berühmten Internet-/Bloggerleute mit Namen zu grüßen – weil sie durch meinen Auftritt eben wissen mussten, wer ich bin. Sonst bin ich immer unsicher, ob ich sie bloß vom Lesen kenne oder wir uns wirklich schon mal unterhalten haben und sie mich einordnen können. (Superpeinliches Erlebnis mit einem geschätzten Blogger auf der re:publica: “Haben wir uns eigentlich schon vorgestellt?” “Wir haben schon mal auf einer Lesung zusammen gelesen.” Seither schaut er an mir vorbei.)

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Warum Frauen Anfragen nach Vorträgen oder Teilnahme an Podiumsdiskussionen ablehnen
“Why Women Turn Down Speaking Invitations”.

Kürzestzusammenfassung: Weil ihre durchschnittliche Lebenswirklichkeit in Arbeit und Familie nicht so kompatibel mit solchen Auftritten ist wie die von Männern.
Enthält Tipps für Veranstaltende.

via Frau Nessy

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Die Welt hat Mary Beard bitter nötig. Im Guardian ein ausführliches Porträt über diese ungewöhnliche Person – das mir rührenderweise von mehreren Seite zugeschickt wurde.
“The cult of Mary Beard
How a late-blossoming classics don became Britain’s most beloved intellectual.”

Everyone who has met Beard seems to have a story about encountering her for the first time – usually involving her rigorous intellect, her total lack of formality, and her sense of mischief.

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In public, in private and in her academic writing she is sceptical, wary of consensus, the kind of person who will turn any question back on itself and examine it from an unexpected angle. She is not afraid to take apart her own work

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Caterina Turroni, a television producer who has worked with Beard since the Pompeii documentary, recalled filming with her in Tiberius’s villa on Capri in 2013, when a party of English schoolgirls spotted the cameras. “You could hear them saying, ‘What if it’s her?’ ‘Do you think it’s really her?’ and then they saw her and they went insane – it was like they’d seen a boyband.”

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Since then, Beard has become a standard-bearer for middle-aged women, and beloved by the young – indeed, by anyone who wants to be seen in terms of their ideas, not their looks; anyone who think it’s cool to be smart; and by those who relentlessly ask questions and never reject a contrary opinion out of hand. Beard’s intellectual style, which suffuses all her scholarship – a commitment to rigorous scepticism that refuses to be cynical – has made her a model for those who worry that the shouting and bullying of the digital world make reasoned political debate impossible.

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Beard exemplifies something rare, said Jonty Claypole, the BBC’s director of arts and one of the executive producers of the new Civilisations. “It’s never about her,” he said. “To be a true public intellectual is like offering a form of public service. A lot of people don’t realise that: they confuse being a public intellectual with their ego.” He counted off those he regarded as her predecessors: “Bertrand Russell, Kenneth Clark, Susan Sontag, Robert Hughes, Germaine Greer, Stuart Hall, Simon Schama … ” Figures like these emerge only once in a generation, he said. “She looks at the world through the deep lens of the ancient world, and she shifts arguments.”

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The scepticism that defines Beard’s intellectual approach – so clearly on display in Pompeii – was drummed into her early, when she was a student. Her tutor was Joyce Reynolds, who is now 99 years old. “She is probably working in the library right now,” said Beard. Reynolds would say to her: “Do you really know that, Miss Beard? Is that the only way you can interpret the evidence?”

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According to Greg Woolf, “One of the things Mary has taught is to look at the window, not through it, because there isn’t really anything behind it.”

Beards erstes Buch unter eigenen Namen übrigens: The Good Working Mother’s Guide, “a practical handbook that included advice on maternity benefit, how to interview a nanny, and the best way to hand-express milk”.

Am Anfang des Artikels wird zwar darauf hingewiesen, dass Beard abseits von Kameras und offiziellen Reden viel flucht (“she swears magnificently and often”), ich war dann aber doch amüsiert, diese Flüche in ihren Zitaten auch zu lesen; Interviews mit ihr, die ich bisher gelesen habe, hatten sie wohl rausredigiert.

die Kaltmamsell

Tweetliebe Januar 2018

Donnerstag, 1. Februar 2018 um 19:12

Mit unerklärlicher guter Laune (vielleicht Symptom einer tödlichen Krankheit?) Lieblingstweets zusammengestellt. Sie wissen ja: Wenn man beim Wiederlesen lachen muss, wird der Tweet aufgenommen, unabhängig von seinen sonstigen Qualitäten – so lautet das Gesetz. Deshalb sind’s ein paar mehr geworden.

Nachtrag: Lieblingstweetsammlungen aus Blogs hat wieder Anne Schüssler gesammelt.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 31. Januar 2018 – Bauchgeschichten zur Unzeit

Donnerstag, 1. Februar 2018 um 7:17

Morgens im Büro wieder Darmgrimmen und Elendgefühl: Ich beschloss, das Nötigste wegzuarbeiten, mich dann krank zu melden und heim zu gehen. Noch etwas wegzuarbeiten. Nur noch diese Bitte zu erfüllen. Es gesellten sich Menstruationskrämpfe dazu, ich verzichtete wegen der Darmgeschichte auf eine Schmerztablette. Meine Sportpläne für abends waren längst gestrichen. Ich erledigte nur noch schnell dieses. Und noch jenes.

Dann war Nachmittag und es ging mir endlich langsam besser. Konnte ich ja gleich den Arbeitstag zu Ende machen.

Nach der Arbeit also kein Sport, statt dessen spazierte ich in die Innenstadt, um ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen. Das Draußen mit der frischen Luft tat mir sehr gut.

Daheim war ich dann auch richtig hungrig; wegen abwesendem Herrn Kaltmamsell machte ich mir ein schnelles Rührei mit Käse und genoss es.

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Goldene-Blogger-Mitinitiator Thomas Knüwer fasst seine Eindrücke zusammen:
“Goldene Blogger 2017: Da ist etwas passiert mit Blogs”.

Ja: Die Berichterstattung über die Veranstaltung erst hat mir bewusst gemacht, dass derzeit Blogs (also die “Everybody has a voice”-Blogs) in den Medien als das wahrgenommen werden, was wir Urgesteine von Anfang an damit gemeint haben: Ums Lagerfeuer sitzen und Geschichten erzählen. Unsere Geschichten, unsere Leben. Um damit diese höchst interessante Welt ein bisschen besser zu verstehen.

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Ein Artikel im Feuilleton der Süddeutschen brachte mich auf das Thema Überwachung in Indien. Er ist nur gegen Abschluss eines Abos lesbar, deshalb verlinke und zitiere ich hier die darin angeführte Quelle im Atlantic:
“The Privacy Battle Over the World’s Largest Biometric Database”.

In 2009, with little attention from abroad, the government of India launched a new identification program that has gone on to become the largest biometric database in the world. The program, known as Aadhaar, has collected the names, addresses, phone numbers—and perhaps more significantly, fingerprints, photographs, and iris scans—of more than 1 billion people. In the process, Aadhaar has taken on a role in virtually all parts of day-to-day life in India, from schools to hospitals to banks, and has opened up pathways to a kind of large-scale data collection that has never existed before.

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Aadhaar was soon linked to so many activities that it has now become almost impossible to live in India without enrolling. Participation in the program is a requirement, or will be soon, for filing taxes, opening bank accounts, receiving school lunch in the state of Uttar Pradesh, purchasing railway tickets online, accessing some public Wi-Fi, participating in the state of Karnataka’s universal health-care coverage, and benefiting from a wide range of welfare programs.

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According to an analysis of government data by Reetika Khera, a professor of economics at the Indian Institute of Technology in Delhi, millions of people have missed out on government benefits because of Aadhaar. In some cases, that’s because those who are elderly or disabled are unable to walk to the distribution sites to verify their identities. Others, who do manual labor, find that their fingerprints are too weathered from years of physical exertion to scan correctly, and so are denied their food rations.

Wie bitte? Gerade erst hat mir eine Expertin über die gesellschaftliche Stellung der vielen (!) Millionen Slumbewohner in Indien erzählt. Dieses System grenzt sie noch weiter aus.

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Eine wichtige Beobachtung von Giardino in seinem Post
30.1.2018 – Büro, Morgenrunde, Symbolfotos und Rossi:

Symbolbilder zu sensiblen oder kritischen Themen sind häufig schlicht daneben und schaffen eine gefährlich unbewusste Einordnung von Nachrichten und Artikeln. Nicht nur bei psychischen Krankheiten. Mit zusammengekauerten Frauen im Halbdunkel werden z. B. auch gerne Beiträge über häusliche Gewalt illustriert. Klar, so stellt man sich (zumal weibliche) Opfer von Gewalt gemeinhin vor: sprachlos, passiv, gebrochen. Wehe, sie treten dann ganz anders auf, z. B. selbstbewusst und stark wie Natascha Kampusch, schon sprechen ihnen viele ihre Glaubwürdigkeit ab. Das ist nicht primär die Schuld von Symbolbildern dieser Art, aber sie zementieren durchaus die Stereotype von Opfer- und Täterschaft.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 30. Januar 2018 – Berlin, die wacklige Heimreise

Mittwoch, 31. Januar 2018 um 6:58

Frau Kaltmamsell, fühlen Sie sich nach der Prämierung bei den Goldenen Bloggern besonders unter Druck beim Tagebuchbloggen?

Och. Ich bin seinerzeit mit dem Druck nach dem Klarnamen-Outing klargekommen und mit dem nach der schriftlichen Androhung einer Abmahnung. Mich entspannt der Grundgedanke, dass man eigentlich hier nur freiwillig mitliest.

Mittlerweile stehen auf der Website Goldene Blogger alle Gewinne und einige Fotos der montäglichen Gala. Und Mademoiselle Read on hat dem RBB ein schönes Interview gegeben, in dem sie erklärt, dass das Web auch gut sein kann.

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Viele Follower-Anfragen zu meinem auf privat gestellten Twitter-Account: Das Abarbeiten dauert, da ich aus guten Gründen nicht öffentlich twittere und ich mir die Anfragenden erst mal genau ansehe. Wenn ich keine Möglichkeit dazu habe – selbst auf privat gestellt, gar kein Tweet oder ausschließlich Retweets – und bei Schwanken klicke ich eher “Decline”. Anhaltende Verwunderung über Twitterer, die in der Biografie als erstes die berufliche Stellung nennen, “hier privat” betonen, aber dann ausschließlich Berufliches twittern.
(Und dann gibt’s noch die Anfragen, die ich akzeptiere, weil ich denke: Die entfolgen eh nach zwei bis drei Tagen, weil sie etwas Anderes erwartet haben.)

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Morgens war ich sehr durch den Wind: All die bezaubernde Aufmerksamkeit kann Kater erzeugen. Außerdem hatte sich mein Gedärm ausgerechnet die Nacht nach der Gala für Kapriolen ausgesucht – es hatte bereits am Nachmittag gegrummelt.

Vor dem Berliner Hauptbanhof saßen und hüpften Stare an Stellen, an denen ich sonst Tauben oder Spatzen gewohnt bin – sehr eigenartig. Ich suchte in diesem Einkaufszentrum mit Gleisanschluss ziemlich lange nach einer Bäckerei, die mir Kaffee und Reiseproviant verkaufte, das scheint nicht vorgesehen.

Ich sah zum ersten Mal deutsche Außenwerbung mit einer Hijabi – es wurde Zeit.

Meine müde und kränkliche Benebelung führte dazu, dass ich auf der Bahnfahrt (pünktlich, problemlos) vor allem aus dem Fenster sah, hin und wieder die Gratulationen auf allen Online-Kanälen checkte, aber dann zum Glück zumindest genug Aufmerksamkeit hatte, um Zoë Becks Die Lieferantin auszulesen: Ein richtig gut gemachter Krimi (“Thriller” wie auf dem Buchtitel hätte ich den Roman nicht genannt), Handlung und Sprache sauber gearbeitet. Die Geschichte (kein who done it, wir wissen immer, wer was gemacht hat – vielleicht deshalb die Einordnung als “Thriller?) handelt in einer nahen Zukunft in London, es geht um Drogengeschäfte und -politik, um Nationalismus, organisierte Kriminalität und wunderbar viel Technik. Angenehmerweise stören keine Liebesgeschichten. Die Charaktere sind genau genug gezeichnet, dass ich sie glaubte und mich hineindenken konnte.

Daheim in München ging ich nach dem Auspacken eine Runde Einkaufen: Ich hatte große Lust auf Salat zum Abendessen und besorgte die Zutaten: Radiccio, Thymian, Gorgonzola.

Minimale Veränderungen auf den Abendbrottisch, ahem.

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Katrin Scheib, unser aller Moskau-Korrespondentin, hat schon vor einiger Zeit einen berühmten Hersteller von Ballettschuhen besichtigt, Grishko. Jetzt steht ihr bebilderter Bericht dazu online:
“So viel rohe Gewalt steckt in einem Spitzenschuh”.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 29. Januar 2018 – Berlin, Tag 3 und ein Goldener Blogger für mich

Dienstag, 30. Januar 2018 um 9:42

Den Vormittag verbrachte ich im Berlin der Jahrhundertwende (19./20.) ganz im Süden bei einem wunderbaren Frühstück mit der späteren Gewinnerin des Goldenen Bloggers für das beste Blog 2017 (da lesen Sie ja eh).

Ich fuhr nochmal zurück ins Hotel und zog mich für die Gala zur Verleihung der Goldenen Blogger um. Vor der Veranstaltung war ich aber noch im ausgesprochen uncoolen und wundervollen Nö! verabredet (die Website ist ein Museumsstück, sollten Sie unbedingt angucken und ihren Kindern zeigen: Ungefähr so sahen Websites um die Jahrtausendwende aus).

Auf dem Weg zum Treffen wartete ich gerade an einer roten Ampel, die mich über Unter den Linden lassen sollte, als mich eine Frau ansprach, die ich aus dem Internet kannte: Großes Hurra, und als ich ihr erzählte, dass ich auf dem Weg zu einem Treffen mit Frau Indica sei, stellte sich heraus, dass sich die beiden ebenfalls vor Kurzem getroffen haben. Berlin und Großstadt, pft – es geht zu wie in Eichstätt auf dem Marktplatz.

Mit Frau Indica brachte ich mich auf den neuesten Stand des Lebens (weder Details noch die großen Bögen bekommt man übers Bloglesen mit), aß einen ausgezeichneten Flammkuchen mit Blutwurst, Sauerkraut, Roter Bete, Meerrettich.

Im Nieselregen spazierten wir zur Gala zur Verleihung der Goldenen Blogger. Es war alles wunderbar glatt und entspannend professionell organisiert – vielen Dank. Mit ein paar Mitnominierten sammelte ich mich in einem hinteren Eck. Daniel, Franzi, Thomas und Christiane als Organisatoren und Präsentatorinnen der Gala hatte eine richtig gute Show zusammengestellt, wechselten sich mit Vorstellung und Ansagen ab, präsentierten jeden Preis auf andere Art und mit einem anderen bunten Einsprengsel: U.a. fragte Daniel ein Quiz zur Archäologie des Bloggens ab – in dem Lyssas Lounge eine der richtigen Antworten war (ich schwanke zwischen Wehmut und hysterischem Gelächter). Jetzt warte ich auf die Web-Edition von Trivial Pursuit, ein Panini-Album Webstars gibt’s ja schon.

Abgestimmt wurde im Saal per Lautstärke (App auf dem Telefon von Thomas Knüwer) oder online per Abstimmungstool, das jeweils fünf Minuten lang freigeschaltet war.

Für die Abstimmung zum besten Tagebuchblog 2017 wurden wir drei Nominierten, Barbara Bierach aus Irland, das Taxiblog “Gestern Nacht im Taxi” und ich, auf die Bühne gebeten. Und wo ich schon nicht recht verstehe, warum überhaupt jemand das lesen mag, was ich hier so vor mich hin schreibe – bekam die Vorspeisenplatte die meisten Stimmen in der Online-Abstimmung. Ganz herzlichen Dank an alle, die dabei mitgeholfen haben!
(Wenn ich auch noch nachprüfen werde, ob nicht jemand von den Nifften ein Skript gebastelt hat.)

(Foto: Frau Indica)
Ich freue mich sehr.

Meine Chance auf Dankesworte an die Academy, meinen Mann, meine Eltern, meinen Bruder mit Familie und meinen Griechischlehrer Nusser musste ich ungenutzt lassen, weil ich wahrheitsgemäß stotterte, ich hätte nur mein graceful loser face geübt.

Und dann ging auch noch der Preis für das beste Blog des Jahres 2017 an dasjenige, das es tatsächlich war: Read on, my dear.

Das Fräulein im Blitzlichtgewitter.

Weil Marie Sophie die wundervolle Marie Sophie ist und jeden Tag der 317 Tage dauernden Haft von Deniz Yücel eine Postkarte ins Gefängnis schreibt, nutzte sie die Gelegenheit, den Brief für Tag 318 an ihn vorzulesen und alle Anwesenden um eine Unterschrift zu bitten (hier das Ergebnis).

Die Organisatoren hatten Buffet auffahren lassen, anschließende Party mit Wein, Futter verschiedener Art – es war ausgelassen und fröhlich. Eine wirklich schöne Veranstaltung.

Wenn Sie ein paar Eindrücke gucken möchten: In der ZDF-Mediathek steht ein Beitrag. (!) (!!) Darin auch Mademoiselle Read on, die in Worte fasst, was wir einst von der Bloggerei erhofften: “Dass man die Welt besser verstehen kann, wenn man über die Welt und was in ihr geschieht Geschichten erzählt.” Diese Hoffnung gebe ich so schnell nicht auf.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 28. Januar 2018 – Berlin, Tag 2 / Spielanleitung Goldene Blogger

Montag, 29. Januar 2018 um 8:34

Das Berliner Wetter entschuldigte sich für den samstäglichen Sonnen-Fauxpas mit Düsternis, Regen und Wind.

Für die fußläufige Frühstückseinladung fand ich einen überraschend akzeptablen Bäcker: Steinecke. Die geflochtenen Laugenkringel hielten dem Vergleich mit Münchner Laugenzöpfen durchaus stand. Lange Gespräche mit der einladenden Freundin, Freude über das Wiedersehen mit ihren Kindern. Dazwischen schien jetzt sogar wieder die Sonne.

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Wenn Sie bei den Goldenen Bloggern heute Abend von Daheim mitspielen wollen:
Irgendwo auf dieser Website wird ab 19 Uhr die Gala übertragen. Und das Charmanteste an der ganzen Veranstaltung: Die Modalitäten der Gewinnerermittlung werden erst am Abend selbst bekannt gegeben. Fest steht nur, dass sie sich aus den Stimmen der Jury, des Saalpublikums und Online-Stimmen zusammensetzen wird. Online abstimmen wird man hier können. Vielen Dank schon jetzt für Ihre guten Wünsche. Graceful loser face müsste ich nach langem Üben beherrschen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 27. Januar 2018 – Anreise Berlin, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Sonntag, 28. Januar 2018 um 9:13

Herr Kaltmamsell ist schon arg niedlich, wenn er maximal nervös in seiner Zimmertür steht und hibbelt, weil ich noch nicht aus dem Haus bin, nicht mal angezogen, und doch schon in nur gut einer halben Stunde (= 40 Minuten) mein Zug geht (zu dem es 15 Fußminuten sind).

Selbstverständlich blieb mir am Bahnhof sogar noch Zeit, Proviant einzukaufen. München verabschiedete sich mit düsterem Hochnebel, den ich als Übung für das Berliner Januarlicht ansah.

Der ICE (erstmals die neue schnelle Strecke) war bis Nürnberg sehr voll, auch mit Passagieren ohne Platzreservierung. Dann lichteten sich die Reihen. Dennoch litt ich darunter, dass mein Geruchssinn derzeit sehr verfeinert ist (Hormone?): Den Fahrgast mit starkem Schweißgeruch konnte ich nicht lokalisieren, hatte aber sofort den Deoreflex aus Angst, selbst nach Schweiß zu riechen. Gut bestimmen konnte ich die Alkoholfahne des Herrn hinter mir, der sehr lange vorgebeugt telefonierte. Und das Parfumwölkchen der Nebensitzerin. Den Knoblauch-Odem von mindestens einer Person konnte ich wieder nicht zuordnen, doch zum Glück gehörte er zu Personen, die sich nicht lange im Großraumabteil aufhielten.

Interessant an dem Herrn mit Schnapsfahne: Die langen Telefonate waren nicht nur voll inniger Zuneigungsbekundungen, sondern auch mit verschiedenen Gesprächspartnerinnen (zumindest sprach er die Damen – nur 20 Zentimeter hinter mir hörte ich deren Stimmen – mit unterschiednlichen Namen an). Ein Bilderbuch-Halodri, ich war gerührt, dass es sowas in Echt gibt.

Ankunft im Berliner Hauptbahnhof pünktlich – und bei Sonne! Ich spazierte zum Hotel, packte aus, ging nochmal zum Empfang, um mir die Zugangsdaten zum WLAN zu holen (aha, immer noch nicht so selbstverständlich zur Verfügung gestellt wie die Fernbedienung des Fernsehers) und suchte ein Kino heraus, in dem ich Three Billboards Outside Ebbing, Missouri sehen konnte. Meine Wahl fiel auf die Kinos im Sony Center; weil das Wetter weiterhin hell war und ich mich nach Bewegung sehnte, ging ich zu Fuß.

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https://youtu.be/Jit3YhGx5pU

Sehr guter Film (es hat ja die Zeit im Jahr begonnen, in der ich möglichst alle Oscar-nominierten Filme sehe, die mir liegen). Die Handlung enthält sich mit einer Ausnahme (Bekehrung eines dummen, brutalen Nachwuchspolizisten) moralischer Klischees, das Ende ist sogar komplett offen, bietet nicht mal homerisches Gelächter. Autor und Regisseur Martin McDonagh schafft es, keinen sozialkritischen Film aus dem Kampf einer Mutter auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter zu machen – beeindruckend.

Gelächter gibt es sonst aber eine Menge – mit der interessanten Note, dass sich die handelnden Personen der Situationskomik oft selbst bewusst sind und sie thematisieren. In der Realität gleichen wir heute Situationen ja oft mit Film- und TV-Bildern ab, kommentieren sie mit Pointen daraus – hier kommt dieser Mechanismus in einer 360-Grad-Reise zurück in den Film. Musik von Carter Burwell, der mir mit Musik für die Coen-Brüder im Gedächtnis war. Hier praktisch nichts selbst Komponiertes, die Oscar-Nominierung ist mir ein Rätsel.

Es wird geschauspielt, dass es nur so kracht: Frances McDormand verehre ich eh, sie darf in einer Szene sogar ihre Hausschlappen für sich schauspielern lassen; Woody Harrelson, Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Abbie Cornish lassen alle die Sau raus. Vielleicht insgesamt fünf Minuten zu lang, aber durch und durch sehenswert.

Hanns-Georg Rodek schreibt für die Welt sehr treffend:

Letztlich ist das Einzigartige an „Three Billboards“ wohl eine Verweigerung. Eine der wichtigsten Regeln des handelsüblichen Hollywood-Films besteht darin, dass nach den ersten 20 Minuten der Zuschauer wissen muss, mit wem er sympathisiert und warum. Das kann sich durch Enthüllungen gegen Schluss zwar noch ändern, doch der Zuschauer soll ein emotionales Gerüst haben, an das er sich lehnen kann.

„Three Billboards“ missachtet dieses Gebot konsequent. Jede Figur bewegt sich permanent im Grau des Nichtganzgut und Nichtganzschlecht.

Mit Bilder von Metropolis auf der Leinwand wirkte die Plaza ziemlich bladerunnerig.

Fürs Abendbrot spazierte ich zu den Hackeschen Höfen.

Ich mag das sehr uncoole Café Hackescher Hof, weil es zu meinen Bildern von Kaffeehauskultur zwischen den Weltkriegen passt. Zudem habe ich dort immer gut gegessen, gestern als Abendmenü eine Schwarzwurzelcremesuppe (ich! Schwarzwurzel!) mit einer Entenfleisch-gefüllten Teigtasche, danach Skrei mit Erbesenpürree und Pak Choi, dazu ein Glas Weißburgunder.

die Kaltmamsell