Journal Samstag/Sonntag, 29./30. November 2014 – Internetgäste

Montag, 1. Dezember 2014 um 6:44

Samstagvormittag mein Fahrrad endlich zum Schrauber gebracht. Nachdem der Plan ja nicht geklappt hatte, es Donnerstag in der Mittagspause abzugeben, um es am Samstag wiederholen zu können (der Laden ist winzig und hat keinen Platz für Lagerung, besteht also auf umgehender Abholung), werde ich jetzt eine Lösung finden müssen, es am Dienstag abzuholen (Montag ist ebenfalls geschlossen).

Vorbereitung für die kleine Dinnerparty am Abend: Ein paar Leute aus dem Internet zu Gast.

Unter grauem Novemberhimmel gemütliche Einkäufe am Viktualienmarkt sowie in der Kaufhof-Feinkostabteilung, beim Bäcker und im Body Shop.

Daheim den Nachtisch zubereitet: Parmesan-Bavaroise mit Roségelee (das schönste Wort des abendlichen Menüs) aus Sebastian Dickhauts Ich koche. Die Reaktionen der Esser und Esserinnen waren durchwachsen. Wir kamen zum Schluss, dass sich das Gericht besser als herzhafte Vorspeise eignet: Also die Bavaroise ohne Zucker (die Vanille wiederum machte sich sehr gut zum Parmesan), das Roségelee kann bleiben.

Nachmittags um zwei mit dem Hauptgang begonnen: Astrids legendäre Ochsenbackerl in Portwein-Schokoladensoße. Nachdem sie beim ersten Versuch nicht ganz die gewünschte Zartheit erreicht hatten, legte ich anderthalb Stunden Garzeit drauf – genau richtig. Dazu gab’s frische Spätzle, die der Mitbewohner ins Wasser hobelte.

Als Vorspeise hatte ich mir eine bayerische Fischsuppe ausgedacht: Fisch- und Gemüsefond, ein paar getrocknete Steinpilze mitgekocht, darin Zanderstücke und Grießnockerl, darüber ein bissl Schnittlauch. Funktionierte gut.

Schöner Abend in ausgesprochen angenehmer Gesellschaft (drei davon Thomasse, hihihi). Ich sage Ihnen: Im Internet gibt’s großartige Leute.

Nachdem alle weg waren, ließ ich den Abend räumend und spülend ausklingen.

§

Sonntag erst mal Brot gebacken: Der Mitbewohner wollte einem ebenfalls Brot backenden Kollegen ein Probierstück mitbringen, ich entschied mich für den gut haltbaren 7-Pfünder. Das Holen aus dem Ofen übergab ich dem Mitbewohner, um mit seinem Rentnerrad zum Schwimmen zu radeln.

Ganz schön anstrengend, so ein Rentnerradl mit tiefem Einstieg, der Sattel so nah am Lenker, dass ich meinen Po bis fast dahinter schob, um mich halbwegs wohl zu fühlen. Trotz der niedrigen Temperaturen kam ich reichlich ins Schwitzen. Um am Olympiabad hiervor zu stehen:

Mein Gejammer auf Twitter ergab die Information, dass mir wohl Stefan Raab in die Quere gekommen war. Ich hatte nicht genug Energie und Lust, weiter ins Dantebad zu radeln, sonder fuhr heim.

Wasser um mich rum holte ich mir halt durch Vollbad in der Badewanne.

Das Brot war wunderbar geworden.

Den Nachmittag mit dem Bloggen von Lieblingstweets und mit Bügeln verbracht.

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Mich letzthin mit jemandem aus ähnlich international zusammengewürfelter Familie wie meine darüber unterhalten, wie bescheuert wir das Wort “Migrationshintergrund” finden. ICH habe doch keinen Migrationshintergrund, mein bisheriges Leben spielte in einem Radius von 70 Kilometern. Mein Vater hat einen, der ist von Madrid nach Bayern ausgewandert. Aber Kollegin K. hatte einen, die musste sich als Oberhauserin in München zurecht finden.

Und dann höre ich von einem mir nahestehenden Lehrer, dass das Ausschlag gebende wohl ist, ob es im Elternhaus einen Deutsch Muttersprachler / eine Deutsch Muttersprachlerin gibt oder nicht. Dieses Kriterium wirke sich am deutlichsten auf die Bildungskarriere aus. Warum nehmen wir dann nicht dieses statt des blöden “Migrationshintergrunds”?

Das würde auch die Probleme der Kollegin mit ruhrpottischem Migrationshintergrund erklären: Ihre Eltern waren keine Deutsch Muttersprachler, sie sprachen Pott (u.a. völlig andere Grammatik).

§

In unserer reichen Gesellschaft gibt es eine immer größere Gruppe Armer mit Arbeit: Das Dienstleistungsproletariat, Konsequenz einer menschenverachtenden Kostenoptimierung der Lehrbetriebswirtschaft. Die brandeins hat ein Interview dazu veröffentlicht:

“Die Unsichtbaren

Zwölf Prozent der Arbeitnehmer gehören in Deutschland zum sogenannten Dienstleistungsproletariat. Ein Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler Philipp Staab über die Entwertung von Qualifikationen, fehlenden Berufsstolz und kleine Racheakte.”

Einfache Dienstleistungsarbeit steht unter hartem Rationalisierungsdruck. Wenn durch Technik rationalisiert wird, etwa durch Selbstzahlkassen bei Ikea oder durch Selbstbedienungsautomaten, wird Arbeit, die früher Beschäftigte verrichteten, auf Maschinen oder Kunden übertragen. Sie wird dadurch standardisiert. In einem Discount-Supermarkt oder bei Unternehmen wie H&M oder Zara gehört Kundenberatung beispielsweise nicht mehr zum Arbeitsprofil der Beschäftigten. Es reicht, wenn die Regale gefüllt und die Böden sauber sind. Die Leute brauchen keine Kenntnisse über Produkte, keine spezifischen Fähigkeiten mehr. Die einfachen Tätigkeiten, die übrig bleiben, werden universalisiert, jeder Mitarbeiter ist für alles zuständig: Ware aus dem Lager holen, einräumen, putzen. Standardisierung, Universalisierung und letztlich die Verdichtung von Arbeit sind wirkungsvolle Instrumente zur Rationalisierung einfacher Dienstleistungsarbeit.

(…)

Eine der besten Eingruppierungen für einfache Dienstleistungen im Supermarkt ist die der Kassiererin, laut Tarifvertrag eine qualifizierte Tätigkeit. Also versuchen Supermärkte, ihre Kassiersysteme so zu vereinfachen, dass sie jeder bedienen kann, und stellen keine Kassiererinnen mehr ein. Ein anderes Beispiel für Universalisierung und Verdichtung von Arbeit: Früher wurde in der Gebäudereinigung detailliert vereinbart, was genau die Reinigungskraft zu tun hatte. Heute bieten die Unternehmen dem Kunden, zum Beispiel einem Bürokomplex-Betreiber, pauschal an, für adäquate Sauberkeit zu sorgen – was das ist, liegt im Auge des Betrachters. Besondere Ansprüche muss die Reinigungskraft auffangen, etwa wenn die Räume besonders stark verschmutzt sind, ohne dass sie deshalb mehr Stunden bezahlt bekäme. Verantwortung wird nach unten durchgereicht. Weil Fensterreinigung tariflich höher eingestuft ist, sagt man, wir brauchen keine Fensterreiniger. Die Fenster werden nach Bedarf von den einfachen Reinigungskräften, die jetzt für alles zuständig sind, mit übernommen.

Jetzt verstehe ich auch die eigenartige Arbeitsweise der Reinigungskräfte in dem letzten Großraumbüro, in dem ich arbeitete: Mir war nie klar, was hier eigentlich gereinigt wurde. Ich unterhielt mich zwar immer wieder mit den Putzleuten, aber halt small talk, ich wollte sie ja nicht aushorchen.

Richtig gefährlich wird diese Entwertung der Reinigungstätigkeiten (und ich habe als Schülerin in Putzjobs noch beeindruckend kenntnisreiche Reinigungsfachkräfte kennengelernt) natürlich in Krankenhäusern.

Wäre es für viele Unternehmen nicht klüger, auf Kundenkontakt, Service sowie selbstbewusste und kompetente Mitarbeiter zu setzen?
Kunden, die sich in Boutiquen beraten lassen, akzeptieren höhere Preise. Aber das große Wachstum sehen wir bei Discount-Supermärkten oder Ketten wie H&M, die genau solche Rationalisierungsstrategien anwenden. Deren Kunden sind längst daran gewöhnt, nicht beraten zu werden.

§

Der Advent hat begonnen, die Jahrezeit der Wohltätigkeit: Die, die haben, geben denen, die nicht haben – einfach herzerwärmend. Oder einfach nur wärmend.

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http://youtu.be/oJLqyuxm96k
die Kaltmamsell

Lieblingstweets im November 2014

Sonntag, 30. November 2014 um 17:25

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Anderer Leut’ Lieblingstweets hat wieder treu und redlich Anne Schüßler gesammelt.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 28. November 2014 – U-Bahn-Fahren mit Profis / O’zapft is

Samstag, 29. November 2014 um 9:32

Eine ganz kleine, helle Spinne, die während meiner morgendlichen Bloggerei mit Karacho über die oberste Reihe der Tastatur rannte, dann zum Tischrand, um sich von dort geschossartig auf den Boden abzuseilen. Wer ko, der ko.

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Wie ich es genieße, mit Profipassagieren U-Bahn zu fahren. Nach sehr Langem war ich mitten im Berufsverkehr unterwegs. Und wo zu anderen Uhrzeiten Grant, Schieben, Dummheit und Stolpern herrschen, lief kurz vor acht alles nach einer perfekten Choreographie.

Viele Menschen standen am Bahnsteig, die einfahrende U-Bahn war dicht besetzt. Als sich die Türen öffneten, bildete sich eine breite Gasse am Bahnsteig, aussteigende Passagiere kamen schnell und ungehindert voran. Hinter ihnen schloss sich die einsteigende Menge zu einem Strom, der selbstverständlich auf die freien Sitzplätze und in die Gänge floss – keiner und keine wurde zum Pfropf an den Türen. Als am nächsten Halt Sitzplätze frei wurden, rutschten die Nebensitzenden umgehend so nach, dass sie schnell nachbesetzt werden konnten.

An der Münchner Freiheit machte ich mich zum Aufstehen bereit; es genügt eine kleine Bewegung, und die Umstehenden rückten zur Seite – weiterhin vertieft in Buch, Smartphone, Zeitschrift. Ich konnte schnell und ungehindert aussteigen.

Auch die Rolltreppe war stark frequentiert; hier half das eherne Münchner Gesetz “rechts stehen, links gehen”.

Bereits zwei Stunden später waren nur noch Dilettanten unterwegs. Wenn sich die Türen öffneten, machten sie einen Schritt in die U-Bahn und blieben stehen – ein wirkungsvoller Pfropf. Eine Gangsteherin wollte aussteigen: Die Umstehenden versteinerten zu Kreidefelsen. Sie musste die Ellbogen ausfahren, um es raus zu schaffen.

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Ich hatte einen Termin zur Zahnreinigung. Da ich mich mit dem Personal dieser Praxis sehr gut verstehe (wir sind zusammen durch meine Zahnimplantierung gegangen), stehen Behandlung und Gespräch etwa im zeitlichen Verhältnis 1:1. Das führte auch an den Rand des Slapsticks. Mit der Zahnpflegerin tauschte ich mich als Erstes intensiv über unser beider Laufleidenschaft aus (sie hatte mich irgendwann in der Nähe ihrer Wohnung an der Isar laufen sehen und mich darauf angesprochen). Doch danach während der Behandlung fielen ihr immer wieder neue Aspekte und Fragen ein – für meine Antworten entfernte sie einfach kurz den Sauger.

Wie es anschließend mit der Zahnärztin weiterging, habe ich im Techniktagebuch aufgeschrieben.

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Zum Abendessen mit dem Mitbewohner auf den Christkindlmarkt am Sendlinger Tor gegangen (das Menü: Fränkische Bratwurst, Glühwein, Pommes mit Majo, Reiberdatschi mit Apfelmus, Jagertee). Auf dem gleichnamigen Platz standen immer noch ein halbes Dutzend Polizeibusse, darin Polizisten und Polizistinnen. Ich fragte mich, ob die sich nicht langweilen? Der Mitbewohner äußerte sich überzeugt, dass sie zum Zeitvertreib Bibi-Blocksberg-Kassetten dabei haben.

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Die Situation der neuen Küche: Sie piepst!
Fürs Techniktagebuch habe ich Details aufgeschrieben.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 27. November 2014 – Radlschrauberjagd

Freitag, 28. November 2014 um 7:11

Ein konsequent nebliger Tag. Jetzt ist aber wieder gut.

Stündchen auf dem Crosstrainer, Bürotag.

Mittags radelte ich zu meinem Radlschrauber, auf dass er nun bitte mein Radl winterfest mache (Achter aus Felgen entfernen, Gangschaltung checken) und die Vorderbremse repariere, der eines der beiden Seile gerissen ist. Da der Schrauberladen am Montag geschlossen ist, sonst um 10 und damit eine Stunde nach meinem Arbeitsbeginn öffnet, um 18 Uhr schließt, also zu meinem frühesten Arbeitsende, blieb mir nur die Mittagspause. Doch auch das klappte nicht: Von 13 bis 14 Uhr ist ebenfalls geschlossen. Ich werde nicht drumrum kommen, den Mitbewohner zu schicken.

Nach Feierabend in der Haustür des Bürohauses einem Bewohner mit Fahrrad begegnet. Angesichts der Plastikkiste auf seinem Gepäckständer gefragt: “Ernteanteil?” Als er bejahte: “Kartoffelkombinat?” Jawohl, er war ein Co-Genossenschaftler. Dem ich gleich mal erzählen konnte, dass ich eben einen Tweet gesehen hatte, laut dem gute Aussichten auf eine neue Gärtnerei bestehen.

Zum Nachtmahl Postelein und Kresse als Salat, Topinambur und Kartoffeln als sahniger Gratin, Lende und Rib-Eye-Steak aus der Pfanne – alles vom Mitbewohner zubereitet und sehr köstlich (das alte SZ-Magazin liegt noch rum, weil ich etwas daraus zitieren will).

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Max arbeitet in einer großen Firma. Die Firma hat zehn Abteilungen und sechs Dependancen in ganz Deutschland. Jede dieser zehn Abteilungen hat eine Abteilungsleiterin. Die Dependancen haben ebenfalls je eine Leiterin.

Frau Nessy spielt durch, was ich seit meiner Kindheit gerne mache: Gewohnte Szenarien mit vertauschten Geschlechtern.
“Max Mustermann wundert sich”.

(Kommentare besser meiden, dort haben sich die ewig gleichen Scheingegenargumenten eingenistet, u.a.: Frauen drücken sich vor harten Berufen / also in meiner Firma gibt es diese Ungerechtigkeit nicht.)

§

Für UK hatte ich ja letzthin auf die Studie der London School of Economics and Political Science hingewiesen. Jetzt findet die Bertlesmann-Stiftung im Auftrag der Stiftung vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) die Stiftung vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der der Bertelsmann-Stiftung dasselbe für Deutschland heraus:
“Zuwanderung entlastet deutschen Sozialstaat”.

Jeder Ausländer zahle pro Jahr durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben als er an staatlichen Leistungen erhalte. Das Plus pro Kopf sei in den vergangenen zehn Jahren um über die Hälfte gestiegen.

Die Rechnung sei dabei noch vorsichtig, heißt es in der Studie, da nur Menschen ohne deutschen Pass berücksichtigt wurden. Erfasse man auch Migranten mit deutscher Staatsangehörigkeit, so “würde der fiskalische Nutzen mit großer Wahrscheinlichkeit noch höher ausfallen, da dieser Personenkreis im Durchschnitt ökonomisch erfolgreicher ist als die Gruppe der Ausländer”.

Hier die Studie selbst als PDF.

Zwei Drittel der Deutschen sind laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung davon überzeugt, dass Zuwanderung nach Deutschland zulasten der Sozialsysteme erfolgt. Die Frage steht also im Raum: Sind Ausländer tatsächlich eine Belastung für den deutschen Sozialstaat?

Ein Blick auf die Fakten schafft hier Klarheit. Die vorliegende Studie von Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) belegt, dass Ausländer den Sozialstaat entlasten, das heißt, sie tragen mehr zu den öffentlichen Haushalten bei, als sie von diesen in Form von Transferleistungen empfangen. Rechnet man alle Sozialtransfers inklusive der Ausgaben für Bildung und Bildungsförderung, die die 6,6 Mio. in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländer 2012 erhalten haben, gegen die Steuern und Abgaben, die diese Gruppe im gleichen Jahr dem Staat überwiesen hat, bleibt dem Staat ein Nettogewinn von 3.300 Euro pro Kopf. 22 Mrd. Euro haben Ausländer im Jahr 2012 insgesamt beigetragen; Deutschland profitiert finanziell also beachtlich von seiner ausländischen Wohnbevölkerung.

(…)

Geht diese positive Rechnung ebenfalls auf, wenn man berücksichtigt, dass die bei uns lebenden Ausländer älter werden und damit künftig mehr Sozialtransfers in Anspruch nehmen sowie weniger Steuern und Beiträge zahlen werden? Um diese Frage zu beantworten, hat das ZEW Generationenbilanzen berechnet, die für jeden Geburtsjahrgang die bei unveränderten wirtschaftlichen und fiskalpolitischen Rahmenbedingungen noch bis an das Lebensende anfallenden Steuern, Beiträge und Transfers aufaddieren.
Im Ergebnis bleibt für die 2012 in Deutschland lebenden Ausländer das Bild auch bei dieser vorausschauenden Generationenrechnung positiv. Durchschnittlich werden sie in ihrem Leben pro Kopf 22.300 Euro mehr an den Staat überweisen, als sie an Transfers von diesem erhalten. In Summe wird der Sozialstaat demnach in einer Größenordnung von 147,9 Mrd. Euro von den hier bereits lebenden Ausländern profitieren.

Damit die Regierungsparteien der letzten Jahre nicht auf die Idee kommen, das als ihren Erfolg zu verbuchen:

Doch es wäre falsch, diese Momentaufnahme als Ergebnis einer rechtlich und kulturell klug gestalteten und konzeptionell langfristig ausgerichteten deutschen Migrationspolitik zu interpretieren. Vielmehr profitieren wir momentan von den ökonomischen Krisen anderer, vor allem südeuropäischer Industrieländer. Wenn Deutschland aber dauerhaft ein begehrtes Zielland für qualifizierte Einwanderer werden will, muss es auch für Fachkräfte aus Drittstaaten attraktiv werden und dafür seine gesamte Migrationsarchitektur konzeptionell neu überdenken.

(…)

Eine moderne Migrationspolitik muss Zuwanderer gewinnen, hier halten und zu selbstbestimmten Mitbürgern machen – unabhängig davon, ob sie als Hochqualifizierte, Familiennachzügler oder Flüchtlinge ins Land kommen.

Amen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 26. November 2014 – Backsteinhäuser

Donnerstag, 27. November 2014 um 9:37

Morgens ganz in Gedanken versunken auf dem Crosstrainer gestrampelt, das Stündchen verflog geradezu.

Büroarbeit.

Abends Verabredung zum Vortrag “Über Baukunst und Gesinnung. Eine Einführung in Werk und Lehrmeinung von Martin Elsaesser”. Leider stellte sich der Titel als Mogelpackung heraus: Wir hörten eine nahezu gar nicht kommentierte oder eingeordnete Aufzählung von Daten, um Gesinnnung ging es nicht. Interessant fand ich die illustrierenden Bilder von Häusern und Entwürfen. Besonders gefielen mir die Backsteinhäuser mit Sprossenfenstern, die mich an diesen Komplex in Brighton erinnerten.

Den Abend im Café Puck fortgesetzt, dabei schloss ich eine neue, sehr erfreuliche Bekanntschaft. (Ich weiß schon, dass man eigenlich Bekanntschaften macht und Freundschaften schließt – dabei ist eine Bekanntschaft doch erheblich schwerer aufzulösen als eine Freundschaft?)

Doch dann wäre ich fast nicht mehr heim gekommen. Die Sonnenstraße war ab Höhe Schwanthalerstraße gesperrt, dahinter mehr Polizeikleinbusse, als ich je auf einem Haufen gesehen habe (und das nach dem Erleben zahlreicher NATO-Sicherheitskonferenzen). In die Abzweigung zur Nußbaumstraße durfte ich selbst mit dem Radl nicht: Sie war durch eine Kette von Polizisten blockiert, dahinter sah ich schemenhaft tumultöse Menschenmengen. Als ich grüßte und um Hilfe beim Nachhausekommen bat, bekam ich nach ein, zwei grimmigen Sätzen tatsächlich einen freundlichen Tipp und Abschiedsgruß.

Und darum ging’s: Die Polizei hatte das Flüchtlingscamp am Sendlinger Tor aufgelöst.

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Kulturwissenschaft der Typografie – faszinierend. Ich bin sicher, auch Sie sehen manchen Büchern allein an der Schriftart die Sprache an, in der sie geschrieben sind.

“Erik Spiekermann über Typografie
‘Schrift muss ein bisschen fusseln'”

Welche Eigenschaften muss eine Schrift mitbringen, damit sie am Monitor gut lesbar ist?

Da gibt es mehrere Kriterien. Zum einen das Historische: Wir lesen, was wir gewohnt sind. In Deutschland sind das zwei Schriften: Die serifenlose Grotesk und die Antiqua. Eine Schrift muss in den Kulturraum passen und ich muss ihr auch ansehen, ob es ein längerer oder ein kürzerer Text wird. Dann kommen die physischen Kriterien dazu: Der Kontrast darf nicht zu stark sein. Tiefschwarze Schrift auf glänzendem Papier oder auf dem Bildschirm ist scheußlich! Wir können inzwischen ganz präzise Schriften machen, weil die Pixel so klein geworden sind. Dann sind die so wie Nylon. Aber das möchte ich nicht an der Haut haben, da möchte ich lieber Baumwolle. Das fusselt zwar, ist aber angenehmer. Schrift muss auch ein bisschen fusseln, die muss angenehm weich sein. Wie beim Buchdruck, da wurde der Buchstabe eben ins Papier eingepresst wobei eine eigene Unschärfe entstand. Die Unschärfe, die runden Ecken, machen sie schön und angenehm.

§

Alle Berichterstatterinnen und Berichterstatter über den Nahost-Konflikt sind Angriffen von allen Seiten ausgesetzt, die ihnen Parteilichkeit unterstellen. Seit einigen Monaten beobachte ich, dass sich immer mehr von Ihnen um größere Transparenz ihrer Arbeitsweise bemühen und öffentlich ihr Herangehen reflektieren.

Margaret Sullivan hat das ausführlich und bewundernswert nüchtern für die New York Times getan, inklusive Verbesserungsvorschlägen fürs eigene Blatt:
“The Conflict and the Coverage”.

What can Times editors and reporters do in this situation in which so many readers mistrust their motives and their efforts, and in which charges of bias and cries of “shame on you” come unrelentingly from both sides?

I’m not a believer in the idea that if both sides are upset, The Times must be doing something right. That would be convenient in this case, but sound journalism isn’t a matter of hewing to the middle line.

via @NicoleDiekmann

§

Und weil heute Donnerstag ist:
“Die Wahrheit über ‘quer'”.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
http://youtu.be/ltOWzU4ajWU

Selbst kann ich die Existenz von zumindest einem der drei Süß-Zwillinge augenbezeugen: Ich bin ihm mal auf der Straße begegnet.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 25. November 2014 – Zugticket

Mittwoch, 26. November 2014 um 6:57

Morgens Krafttraining, fürs Radeln dorthin und anschließend in die Arbeit brauchte ich nicht mal Handschuhe. Doch dann kam ein kalter Hochnebel, in der Mittagspause fror ich draußen.

Draußen, weil ich zum Bahnhof ging und mir für Dezember eine Fahrkarte nach Fano kaufte (immer noch nicht online möglich), wo eine Kusine heiraten wird. Mal wieder überrascht, wie preisgünstig das Bahnfahren ins Ausland sein kann: Für die Fahrt nach Fano sowie eine Rückfahrt ab Rom zahlte ich inklusive Platzreservierungen 128 Euro.

Wie sehr ich mich auf die Reise freue, wurde mir klar, als ich nicht aufhören konnte die Bahnfrau am Schalter anzustrahlen.

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Im Hochsommer unterhielten sich Mary Beard und Laurie Penny auf einem Podium darüber, warum Frauen im Web oft so brutal beschimpft werden, wenn sie sich öffentlich zu Wort melden. Beide erzählen von ihren Erfahrungen und wie sie damit umgehen (durchaus unterschiedlich).

Die deutlich ältere Mary Beard äußerte sich sogar dankbar, weil die Beschimpfungen ihr klar gemacht hätten, wie sehr sie sich in ihrer Wahrnehmungsblase geirrt hatte, Sexismus (sie bevorzugt misogyny) sei am Verschwinden. Laurie Penny wiederholte ihr Argument, dass die oft vorgebrachte freedom of speech der Beschimpfer tatsächlich silencing der Beschimpften ist (shut up! gehört sogar zu den häufigsten Rufen der Angreifer) – also ihr diese freedom nehmen soll.
Ermutigend: Das Thema Sexismus wird in den vergangenen vier, fünf Jahren immer breiter diskutiert. Laurie wies darauf hin, dass ein solch großer Zulauf, wie diese Podiumsdiskussion hatte, vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre.
Sehenswert, auch wegen der Schlussanekdote.

“VIDEO: Laurie Penny and Mary Beard discuss the public voice of women
Highlights from our Conway Hall event on 30 July 2014.”

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Samstagnacht blieb ich an einer Fernsehsendung hängen, die mich sehr unterhielt und mir seither nicht aus dem Kopf geht. Einwanderer wurden nach ihrer Wahrnehmung Bayerns und der Bayern und Bayerinnen gefragt. Schön selbstironisch gemacht (die Musikzwischenspiele!) und hochinteressant – auch wenn die Fragestellungen manchmal seltsam sind.
Hier nachzusehen:

“Bayern und die Welt
Eine interkulturelle Nabelschau”

Besonders blieben mir in Erinnerung:
– Der Taxifahrer, der nicht nur tiefstes Bayerisch sprach, sondern auch Hochdeutsch (hatte Deutsch im Osten gelernt, musste eine zusätzliche Sprache lernen, als er nach Bayern kam).
– Der Hotelier, der sich über die deutsche Pünktlichkeit überhaupt nicht mehr einkriegte (und die Filmemacher als Beispiel dafür anführte).
– Die Dame im Dirndl (ihren Beruf habe ich verpasst), die erklärte, dass da, wo sie in Brasilien herkomme, Pünktlichkeit als Eigenschaft fauler Leute gelte: Vielbeschäftigte könnten gar nicht pünktlich sein.
– Die Übersetzerin, die erzählte, was passierte, als sie um halb acht morgens gerade noch in die sich schließende S-Bahn sprang und “Guten Morgen beisammen!” wünschte.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 24. November 2014 – Lichtblick Packerlversenden

Dienstag, 25. November 2014 um 9:32

Durchschnittstag:
Morgens Crosstrainer, tagsüber Büro, Abends Zeitung-, Internet- und Buchlesen.
Besonders war höchstens mein Zornausbruch gegenüber einem gefährlich unzuverlässigen Praktikanten. Und der Ratsch in einer DHL-Annahmestelle, die nun die berufliche Hauptanlaufstelle wird: Der bisher frequentierte Schalter im ZOB an der Hackerbrücke wurde geschlossen. Aber dieser Wechsel hat unter anderem den Vorteil, fortan beim Packerlversenden auf herzliche und sympathische Menschen zu treffen (vorher… eher nicht so).

§

Der neue New Yorker analysiert das politische Klima in Deutschland anhand der Biographie unserer Kanzlerin (very, very long read) und arbeitet aus der Außensicht viel Kluges heraus.
“The Quiet German
The astonishing rise of Angela Merkel, the most powerful woman in the world.”

Zentrale Beobachtungen:

In a country where passionate rhetoric and macho strutting led to ruin, her analytical detachment and lack of apparent ego are political strengths.

Merkel’s decision to enter politics is the central mystery of an opaque life.

“People say there’s no project, there’s no idea,” the senior official told me. “It’s just a zigzag of smart moves for nine years.” But, he added, “She would say that the times are not conducive to great visions.” Americans don’t like to think of our leaders as having no higher principles. We want at least a suggestion of the “vision thing”—George H. W. Bush’s derisive term, for which he was derided. But Germany remains so traumatized by the grand ideologies of its past that a politics of no ideas has a comforting allure.

Autor George Packer kommt unter anderem zu dem Schluss, dass Angela Merkel perfekt zum derzeitigen deutschen Bedürfnis nach Sicherheit und Ruhe passt. Ist das vielleicht eine Erklärung, warum Feminismus oder Gender Studies, die Manches an dieser Ruhe hinterfragen, so unverhältnismäßig starken Gegenwind hervorrufen?

§

Genau meine Art lustige Geschichte: Die der ersten Frauen, die NICHT ins All fliegen durften.
“The Incredible Story Of The Women Who Were Meant To Be The First Astronauts But Were Left On Earth”.

Meine Lieblingspassage:

Some were reluctant to send a woman into space because they feared others would see it as a sign of American weakness.

via @hakantee

§

Was E-Book-Verlage so machen: ein schöner Überblick. Ich hatte ja keine Ahnung, was da inzwischen an Vielfalt und Quirligkeit entstanden ist.
“Wir sind die Fährtenleser der neuen Literatur”.

die Kaltmamsell