Archiv für November 2004

30. Taken a sick day when I was not ill

Freitag, 19. November 2004

eben nicht

Herr Darmvirus war der Ansicht, der letzte Besuch habe noch nicht sein ganzes Potenzial ausgeschöpft. Nur erfreute er mich diesmal nicht die Nacht hindurch, sondern machte sich beim Aufstehen durch leichte Übelkeit bemerkbar (so konnte ich auch den unvermuteten Schweißausbruch gestern Abend einordnen).

Ich habe noch nie krank gefeiert, tut mir leid. Meine katholischen Eltern brannten mir ihr protestantisches Arbeitsethos derart gründlich ein, dass ich keine Chance habe. Mein Problem ist viel eher herauszufinden, ob ich nun wirklich zu krank bin, um in die Arbeit zu gehen. Instinktiv bin ich das nicht, so lange ich aufrecht stehen kann und niemand bei meinem Anblick zu Schaden kommt (oh ja, mein Instinkt ist ziemlich kaputt). Und in dieser Kondition bin ich dank meiner Rossnatur fast immer.

So hielt ich heute Morgen immer wieder inne und versuchte, meinen Krankheitsgrad zu erfühlen. Glücklicherweise meldete sich rechtzeitig der Mitbewohner: „Genau so schaust du, wenn du krank bist.“ Na gut, ich zog mich wieder aus und legte mich ins Bett, hielt mich wach, bis ich meinem Chef Bescheid sagen konnte.

Und diesmal zeigt der Herr Virus so richtig, was er drauf hat. Alle Achtung. Ich geh dann mal wieder ins Bett.
(Im Moment ertrage ich nicht mal den Gedanken an Gemüsebrühe. Wie kriege ich den sonst mein Salz zurück?)

Mode marginal – Ringel für Herrn kid

Donnerstag, 18. November 2004

Nach der Vorführung von Herrn kid37 selbst und der wunderbaren Vorlage von Frau Lu beweise ich hiermit, dass die Frau von Welt nicht nur spanische Umhänge hat, sondern auch Ringelstrümpfe.

Ringel für kid

Turniertanz-Filme

Donnerstag, 18. November 2004

Samba!

So, jetzt sind es drei, hiermit führe ich das Genre der Turniertanz-Filme ein:
- Strictly Ballroom (Australien 1992)
- Shall We Dansu (Japan 1996)
- Shall We Dance (USA 2004)

Strictly Ballroom

Strictly Ballroom sah ich seinerzeit in der Begleitung eines Dates. Ich erkannte so viele böse Anspielungen auf den Wahnwitz der Tanzturnier-Szene, dass ich Tränen lachte – als einzige im halb leeren Kino. Das Date hatte anschließend keine Lust auf ein gemeinsames Bier und ging gleich heim.
An Strictly Ballroom mochte ich zwischen Farce und all dem Konfetti die kleinen realistischen Details, zum Beispiel dass Hauptdarstellerin Tara Morice (Topos: die Anfängerin, die für den Profi einspringt) ganz offensichtlich keine geschulte Tänzerin war.

Shall We Dansu

Shall We Dansu mit Untertiteln war herzzerreißend und so schön fremd. Gleichzeitig konnte ich wieder den Anblick der Standardtänzer genießen – und wie die äußere Haltung die innere verändert.

Über die Tatsache einer US-Neuverfilmung wunderte ich mich zunächst, denn der japanische Film basiert ja auf der Verwerflichkeit, die diese Art von Tanzen durch ihren intensiven Körperkontakt in der japanischen Kultur hat. Außerdem war Richard Gere in der Rolle eines unauffälligen Büroheinis angekündigt. Ahaha, haha, hahahahahahahaha….. Aber dann fand ich heraus, dass Peter Chelsom Regie geführt hatte, und der hat in meiner persönlichen Filmhistorie durch Hear My Song und Funny Bones so dicke Meilensteine gesetzt, dass ich ihm The Mighty nicht übel nehmen will und in Serendipity lediglich die unausweichliche Hollywoodisierung sah.

Shall We Dance

Die Ergebnis: Kann man machen. Der Film ist schön erzählt und enthält einige wunderbare Tanzszenen. Die Prämisse, dass ein Testaments-Anwalt Ende 40 sich über sein Interesse an Turniertanz schämt, funktioniert mit Ach und Krach. Aber dass jemand einen langsamen Walzer einmal von Könnern vorgetanzt bekommt und das daraufhin unbedingt auch können möchte – das glaube ich dem Film. Außerdem spielt die wunderbare Susan Sarandon mit.

Mode marginal – die Capa

Montag, 15. November 2004

Von diesem Kleidungsstück träumte ich, seit ich zwölf war: eine Capa. Ich sah die Capa, einen enormen Umhang aus schwerem Wolltuch, an einem fränkischen Freund meiner Eltern, der in Madrid studiert und sie von dort mitgebracht hatte. Sie war so weit, dass seine kleine Tochter auf seinem Arm bequem darin mit Platz hatte.

Die Capa ist das eine Kleidungsstück in Kastilien, das einem traditionellen Alltagsgewand noch am nächsten kommt (im Gegensatz zu Bayern mit seinen vielen Jankern, Dirndln, Landhausmoden). In seiner klassischen Form besteht der Umhang aus einer vollständigen Scheibe Tuchs, ergänzt durch eine seidengefütterte Pellerine aus demselben Stoff. An der Öffnung ist der Umhang noch mit schwarzem Samt ausgeschlagen. Geschlossen wird die Capa lediglich am Hals mit zwei Häkchen, eines unaffällig schwarz innen, das äußere aus dezent verziertem und geschwärztem Silber, in der Art der Silberschmiede-Kunst von Salamanca.

Von Hand hergestellt und verkauft werden Capas in Madrid in einer Seitenstraße der Plaza Mayor, in der Casa Seseña. Vor drei Jahren machten meine Eltern gerade in dieser Gegend Urlaub und erinnerten sich an den seltsamen Wunsch ihrer Tochter. Und weil sie ihre Tochter kannten, ließen sie sich nicht mit einer modischen Version – leicht, in Rot und mit Knöpfen – abspeisen, sondern beharrten auf dem schwarzen, schweren traditionellen Modell. Sie blieben auch dann noch standhaft, als sie den Preis für das Stück erfuhren und ihnen klar wurde, dass sie ihren Urlaub möglicherweise um den einen oder anderen Tag kürzen mussten.
Am darauffolgenden Heilig Abend lag die Capa als Geschenk unterm Christbaum und nahm mir den Atem.

Praktisch, nein, praktisch ist eine Capa nicht. Sie gehört zu den Kleidungsstücken, die den Träger dominieren. Allein zum stilgerechten Anlegen braucht man viel Platz, denn dieser Umhang will selbstverständlich um die Schultern geschwungen werden wie das gleichnamige Tuch im Stierkampf. Sie ist nicht einmal besonders wärmend, die Capa, dafür ist sie zu weit. Außerdem weht jeder Wind sie auf, man kann sich höchstens ein Ende schräg um die Schulter werfen. Derselbe Wind pappt auch gerne mal die Pellerine auf frisch geschminkte Lippen.

Der Umhang ist zudem so riesig, dass die Trägerin nach dem Einsteigen in ein Auto erst mal damit beschäftigt ist, ihn gesamt im Innenraum zu verstauen. Und er ist so schwer, dass ich einen Gastgeber, der ihn mir freundlich abnahm, erschrocken fast in die Knie habe gehen sehen.
Halt, eine praktische Seite hat die Capa dennoch durch ihr Gewicht: Sie muss nie gebügelt werden. Selbst nach mehreren Sommermonaten in einer Tüte hängt sie sich innerhalb von 48 Stunden selbst wieder glatt.

Und nicht zuletzt: Die Capa verleiht dem Träger eine solche Größe, eine Grandezza und Bedeutung, dass beim Durchschreiten windiger Altstadtgassen ganz deutlich die Overtüre von Mozarts Don Giovanni ertönt…

No logo

Der dünne Herr Lagerfeld

Montag, 15. November 2004

Dass jemand, der Jahrzehnte seine Lebens in leiblichen Genüssen geschwelgt hat, an einen Punkt kommt, an dem er sich sicher ist, dass es nichts mehr gibt, was seinen Sinnen einen neuen Reiz bieten kann. Dass dieser jemand nun das physische Schwelgen darin sucht, sich leiblichen Genüssen völlig zu verweigern – kann ich verstehen.

Dennoch hoffe ich, dass ich niemals an diesen Punkt komme.

Zeit für eine Runde politische Naivität

Samstag, 13. November 2004

Meine Eltern sind von woanders

Wenn die Leute wüssten, wie harmlos wir Nachkommen der Einwanderer sind, würden sie sich vielleicht nicht mehr so fürchten. Und bräuchten nicht mehr NPD oder DVU wählen. Dazu müssten wir Gastarbeiterkinder aber als solche zu erkennen sein. Mir zum Beispiel sieht man gar nicht an, dass meiner Väter Väter Väter und meiner Mütter Mütter Mütter nicht innerhalb der heutigen deutschen Grenzen wohnten.

Don Dahlmann hat unsereiner Gastarbeiterkinder in seinem Shirt-Shop ermöglicht, deutlich auf unsere Abstammung hinzuweisen: Kaufen!

Linguistische Zeugen Jehovas

Freitag, 12. November 2004

Sie kennen Apokalyptiker und Integrierte von Umberto Eco? Ich finde diese Klassifizierung sehr nützlich und weiß, dass Integrierte mir immer die lieberen sein werden. Skeptische Integrierte am allerliebsten.

Genau deswegen habe ich mich heute unverhältnismäßig über das “Streiflicht” der Süddeutschen Zeitung amüsiert:

“(…) Eine der enervierendsten Vereinigungen in diesem Land ist die Gesellschaft für deutsche Sprache. Das sind diese linguistischen Zeugen Jehovas, deren Mitglieder in Sack und Asche durch die Straßen laufen, weil das Deutsch dauernd kaputt geht. Sie wählen das Unwort des Jahres, verwalten den deutschen Sprachschatz und überziehen einen mit Anrufen und Leserbriefen des Inhalts, dass doch unser aller Muttersprache schon längst in Agonie liege. Allein schon die Werbung, Englisch allerorten, quengel, quengel, quengel. (…)”