Das Projekt Marie

Donnerstag, 21. April 2005 um 9:03

Ich schätze, ich wollte einfach, dass es diese Frau gibt – vermutlich ähnlich wie die Erfinderin diese Frau sein wollte. Eine Frau, die schön war – und es wusste und genoss! Eine Frau, die schon jung mit sich selbst zurecht zu kommen schien. Die vielfältige Interessen hatte, mit Hirn (Geschichte) und mit Händen (Garten, Handarbeit) umzugehen wusste. Die zwar hin und wieder ungeheure Dummheiten von sich gab – dadurch aber einfach interessanter und komplexer wurde. Natürlich hatte sie mit ihrem Leben in einem großen Haus, mit Vermögen und in einer Führungsposition ein wenig etwas von einer Figur aus einem Lore-Roman – aber, hey!, Menschen gibt es in den verschiedensten Formen. Ich ließ es zu, dass mein Weltbild durch diese Figur ein wenig heller wurde.
Über Jahre hinweg diesen komplexen Kosmos um Marie aufzubauen und am Leben zu halten, ist eine beachtliche Leistung. Die Details hielt die Autorin / der Autor so vage, dass keine Widersprüche entstanden. Angebliche Begegnungen mit Lesern in der Realität und tatsächlicher E-Mail-Kontakt verhinderten Misstrauen. Wie in einer Soap Opera hielten sich tragische und glückliche Ereignisse die Waage, und dass der Figur ein wenig der Humor fehlte, akzeptierte ich eben.

Wie schrecklich einsam muss der Mensch hinter dem Projekt Marie all die Jahre gewesen sein. Die Gestalt und ihr fiktiver Kosmos waren wunderbar geeignet für eine Flucht aus unerträglicher Realität – anders als die wohl ebenso fiktive Miriam, die mit ihren Drogen- und Sex-Eskapaden auf die Dauer eher eine Belastung wurde. Zwar hoffe ich, dass der Autor / die Autorin eine wirksame Lösung für dieses Unglück findet, möglichst mit professioneller Hilfe. Doch gleichzeitig wünsche ich mir, er / sie ließe Marie weiterleben. Diese Begabung für die Schaffung eigener Welten sollte ruhig weiter dieses Ventil nutzen. Vielleicht könnte sie Marie in ein Leben führen, das sich immer mehr mit dem des Schöpfers / der Schöpferin deckt? Und so die Verstrickung lösen? In diesem Projekt steckt schon so viel Energie – es wäre schade, wenn sie einfach so verpuffen würde.

die Kaltmamsell

13 mal Beifall zu “Das Projekt Marie”

  1. mequito meint:

    Sehr schön und richtig was Sie hier schreiben. Ich bekomme bei ihr allerdings nicht den Eindruck, dass sie nun furchtbar gelitten hätte oder bis zur Verzweiflung einsam wäre, sondern eher, dass „Marie“ eine ganz normale Flucht aus dem Alltag war, wie manchmal eben auch der Urlaub hilft.
    Maries/Annes Einträge sind durchzogen von einer sehr schönen, optimistischen Melancholie, und darum schliesse ich daraus, dass es sich hier um einen Charakter handelt, der es ganz einfach überwinden wird, falls das überhaupt nötig ist.

    Über eine Fortsetzung würde ich mich auch freuen, kann mir jedoch vorstellen, dass das nicht mehr geht.

  2. Sabine meint:

    Ein wenig hatte ich schon immer geahnt, dass es solche Frauen nicht gibt, aber ich habe auch gern daran geglaubt und gern dort gelesen.

  3. kid37 meint:

    Ich habe lieber „Miriam“ gelesen. Das hat mich natürlich angerührt, eklig-patriarchale Beschützerinstinkte geweckt – diese Leier eben. Aber da ich keine Aktien in dem Fall hatte, bin ich nun auch nicht pikiert. Man weiß auch nicht, wer da wen am Ende genasführt hat, ob die „Opfer“ nicht ihren eigenen Illusionen erlegen sind. (Nach Berlin bringe ich jedenfalls besser mal einen Gartenzwerg mit, sonst bin ich dran.)

  4. Lila meint:

    Oh Mann, ich habe mal wieder keine Ahnung, wovon die Rede ist, und habe da wieder mal was verpasst. Ich habe aber die Erklärung und Entschuldigung gelesen und habe nun an die Leser eine Frage: hat sie Grund, sich zu entschuldigen? Wie kann man sie „erpressen“, wenn sie in meinen vielleicht naiven Augen keine Missetat begangen hat? Es ist doch bekannt, daß Reiz und Risiko des Internet in der Anonymität und damit in der möglichen Vortäuschung aller möglichen Tatsachen liegt. Fühlen sich Leser betrogen? Ich lese bei Kaltmamsell eher Enttäuschung über das Ende einer schönen Fiktion, aber keinen Ärger. Sie klagt nichts bei Marie ein. Ich bin ja vielleicht wirklich doof, aber in meinen Augen existiert so eine Marie nicht weniger als ihre Schreiberin. Die Schreiberin hat Marie erschaffen, und in der Welt der Kunst ist die Infantin nicht weniger wirklich als Velazquez. Oder liege ich da total falsch???

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ah ja, Herr kid, das erinnert mich daran, dass ich dringend noch weißes Schürzchen und Häubchen besorgen muss.

  6. robert meint:

    TNG / Das Schiff in der Flasche:
    „Computer Programm beenden!“

    Wer wohl die Frau auf dem Bild ist?

    Noch ein Schatten auf der Höhlenwand?

  7. Sabine meint:

    Hat sie nicht mal ein Foto gezeigt, von sich in einem Hosenanzug? Zu dem du gemeint hast sie solle den Kopf nicht so kokett auf die Seite legen? http://www.bohusch.de zeigt diese Frau, sie ist dort Geschäftsführerin. Ob man es ihr sagen sollte? Damit sie nicht mit den Schmuddelgeschichten der „Mimmy“-Charles- Bukowski für Blogger in Zusammenhang gebracht wird? Und auf http://mytagebuch.tiscali.de/profil.php?action=alleeintraege&id=8381 schreibt sie auch, aber sieht wieder ganz anders aus! Bei NEON gibts noch was von ihr – ich blicks langsam nicht mehr …

  8. die Kaltmamsell meint:

    Sabine, Sie verwechseln mich mit Meike:
    http://www.wunder.blogspot.com/
    Und von Hetzjagden halte ich überhaupt nichts.

  9. Jens meint:

    Sabine: Das macht dir richtig Spaß, gell? Obacht, da ist Geifer auf der Tastatur.

  10. Bon Anza meint:

    …wer sich die (/seine) Sonne am Himmel sucht wird ohne Brille geblendet. Unweigerlich.

  11. Brenda meint:

    Die Geschichten von Marie alias Anne fand ich immer eine Spur zu ordentlich, zu gepflegt um nicht zu sagen: keimfrei. Alles schien seinen Platz zu haben, schien restlos aufzugehen. Auf mich wirkte diese Marie immer etwas puppenhaft, leblos, was sich nun auf unerwartete Weise bestätigt.

    Nur zwei Mausklicks von Marie entfernt „wohnte“ Mimmy alias Miriam, die über einen Zeitraum von etwa drei Jahren ungeschönt pikante Details aus ihrem Leben, das sich grösstenteils unterhalb der Gürtellinie abzuspielen schien, veröffentlichte. Sie schrieb oft ungemein scharfsichtig, manchmal wirr, den Boden unter den Füssen verlierend, dann wieder aufrecht oder gar stolz. Sie kippte von unschuldig taumelnd zu berechnend böse – das oft mitten im Satz. In beissenden Spott mischte sich die eigene Hilflosigkeit zu einem Wechselbad der Gefühle. Sie ging oft hart ins Gericht mit anderen, zuallererst aber mit sich selbst, den eigenen Abgründen – eine wahre Projektionsfläche, wie kid37 oben andeutete.
    Miriam beendete ihre Schreibtätigkeit um den 20. April 2004 – ziemlich genau ein Jahr vor Marie alias Anne – schade um beide Weblogs, die jetzt nur noch mit technischen Tricks in Korea und aderswo nachgelesen werden können.

  12. Nono meint:

    Ich bin sicher, dass viele Blogger ein „Ich“ erfinden, dass ihnen besser gefällt als ihr eigenes, manche mehr manche weniger, jedenfalls halte ich es für sehr sehr unwahrscheinlich, dass auch nur einer wirklich „sich selbst“ darstellt. Marie hat nur gemacht was jeder (in unterschiedlichen Ausmaßen) macht……

  13. Harald meint:

    ich bitte euch. das war doch kein projekt. Mirjam-Magdalena gibt es immer noch. wer das Blog mal in ruhe durchliest, wird sehr viel Ähnlichkeiten zur aktuellen Autorin feststellen und einige details auch überprüfen können. Wie die HipHoper gerne sagen: authentisch, die gute.

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