Auf besonderen Wunsch: Zur Seite 5 des heutigen SZ-Magazins

Freitag, 8. Mai 2009 um 10:30

Diese „Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren“ im heutigen SZ-Magazin haben lediglich die falsche Überschrift. Sie müsste lauten: „Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nichts mit Journalismus zu tun haben“. Blogs funktionieren in Deutschland nämlich sehr gut – nur ganz anders als in Amerika. Bei dieser Gelegenheit verweise ich mal wieder auf die Gespräche, die ich mit den internationalen Jury-Mitglieder des Best-of-the-Blogs-Award der Deutschen Welle führte. Denen konnte ich sehr leicht begreiflich machen, dass Blogs in Deutschland eher in ihrer literarischen Funktion Gewicht haben und in der exponentiellen Vermehrung der öffentlichen Stimmen: All die individuellen, subjektiven Aussagen führen zu einem deutlich differenzierterem Blick. Wer von deutschen Blogs dasselbe erwartet wie von US-amerikanischen, muss zwangsläufig enttäuscht werden.

Mein Blog, finde ich, funktioniert – in der oben geschilderten Art. Und erfüllt dennoch gleichzeitig die vom Artikel des SZ-Magazins aufgestellten Kriterien:

1. Hier im Web bin ich ein Niemand: Durch mein Pseudonym habe ich keinen Status oder Platz in einer außer-weblichen Hierarchie.

2. Dadurch bin ich gleichzeitig jemand ohne zertifizierte Meinungsberechtigung – es zählen nur Stichhaltigkeit, Originalität, Klugheit.

3. Tatsächlich ist niemandem in Politik und Wirtschaft wichtig, was ich hier schreibe – noch ein Glück! Denn Irrelevanz bedeutet in Kunst und Literatur Freiheit. (Mag jemand darüber streiten? Ich stehe ganz auf der Seite von Zadie Smith.)

4. In meinem Bloggen denke ich weder an Karriere oder meinen Beruf – auch wenn ich durch meine berufliche Tätigkeit viele Einblicke und Kenntnisse erwerbe, die mein Bloggen bereichern.

5. Ein guter Blogger muss auch irren? Hossa, ich glaube, darin bin ich ziemlich gut.

Weil ich nämlich, 6., Schnellschüsse liebe. Hey, das hier ist Internet: Morgen kann ich den Schuss schon wieder revidieren.

7. Ansehen ist mir zwar so wichtig wie jedem anderen auch; doch ich habe die Begabung, mir Reaktionen so hinzudefinieren, dass sie mir zum Ansehen gereichen. Ganz einfach.

8. Tut mir leid, für die Blogferne von wissenschaftlichem Personal fühle ich mich nicht verantwortlich. Ich interessiere mich lieber für das blognahe wissenschaftliche Personal auf Scienceblogs.

9. Dass ich fürs Bloggen kein Geld bekomme, fühlt sich ebenfalls nach Freiheit an. (Dieser Punkt hat mich allerdings überrascht: Ich hatte immer gedacht, dass das Problem journalistischen Bloggens in Deutschland der schlechte Ruf von Bloggen gegen Geld ist. Nicht umgekehrt.)

10. Aber hallo kennt der deutsche Blogger Ferien: Darüber bloggt er nämlich besonders gern.

Nachtrag 18 Uhr: Stefan Niggemeier hat herausgefunden, dass die Überschrift tatsächlich falsch ist: Im Englischen Original hatte der Autor getitelt „10 reasons for the lack of German econobloggers“. Und plötzlich ergibt die Liste Sinn.

die Kaltmamsell

10 mal Beifall zu “Auf besonderen Wunsch: Zur Seite 5 des heutigen SZ-Magazins

  1. Thea meint:

    Chère Kaltmamsell, schon lange ein Fan Ihrer Seiten, will/muß ich mich jetzt auch einmal äußern. Zuallererst las ich heute morgen das SZ-Magazin und war beim erwähnten Artikel sicher, bei der Kaltmamsell etwas darüber zu finden! Ich habe mich auch ziemlich aufgeregt.
    Gestern bin ich auch Ihrem Aufruf gefolgt und habe die Petition unterzeichnet. Sind ja jetzt schon über 50.000! Mal sehen, was sich bis 16.6. noch tut.
    Und da hier in Berlin das Wetter am Wochenende eher durchwachsen sein wird, reihe ich mich ein in die neue Brotbackwelle.
    Mit dem nicht schwierigen Vorsatz, mich weiter der Lektüre Ihrer klugen, witzigen und lebensnahen Kommentare zu widmen ganz herzliche Grüße von Nord nach Süd.

  2. Alice meint:

    Ihr Blog könnte auch als Beweis für viele Punkte von Salmon aus der SZ herhalten. Weil Status und Reputation so wichtig sind und Aussenseitertum keine Freunde schafft, trauen sich viele nur unter Pseudonym zu bloggern, (oder meist gar nicht). Für Angestellte ab einer bestimmten Position, z.B. mit Budget-/Personalverantwortung oder Repräsantationsaufgaben) ist ein Blog unter eigenen Namen karriereschädlich.

  3. theodoraa meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Made my day

    *******************************************************

  4. Mareike meint:

    Bei Stefan Niggemeier gibt’s den interessanten Hinweis, dass es im englischen Original nicht darum gehe, dass Blogs in Deutschland nicht funktionieren, sondern dass es keine Wirtschaftsblogs gebe.

  5. Mareike meint:

    Mist… ich bin leider unfähig, den Link richtig zu setzen. :-(
    Der Beitrag auf den ich mich beziehe findet sich bei Stefan Niggemeier (stefan-niggemeier.de).

    Bitte um Entschuldigung für das Kommentarchaos.
    (Vielleicht kann das Blogheinzelmännchen…?)

  6. die Kaltmamsell meint:

    Glücklicherweise, Mareike, bietet mir WordPress eine deppensichere Verlinkungsfunktion im CMS an. Habe ausgebessert.

  7. Gaga Nielsen meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  8. die Kaltmamsell meint:

    Sie machen mich erröten, Thea, vielen Dank. Das Ergebnis Ihres Brotbackens wüsste ich gerne.

  9. dievommond meint:

    also, so dumm wie zum Beispiel Stefan Niggemeier finde ich den Artikel von Felix Salomon nicht. In meinem deutschen Familien und Freundeskreis belaecheln die meisten Menschen die Bloggerszene und unterstellen uns Exhibitionismus. „ich verschwende doch meine Zeit nicht mit Dingen, die jeder Haensel und Gretel schreiben kann…“ hat mir mal eine Deutschlehrerin gesagt. Das zeigt doch, dass zumindest bei einem grossen Teil der deutschen Bevoelkerung die Thesen von Felix Salomon durchaus zutreffen. Leider!

  10. creezy meint:

    Ach liebe Kaltmamsell, Sie haben ja übahaupt keene Ahnung, wie icke ‘se lieben tue!

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