Alles übers Streiten

Dienstag, 8. Dezember 2009 um 6:39

Mit steigender Verlegenheit muss ich seit mittlerweile 17 Jahre bekennen, dass ich mich mit meinem Partner nicht streite. Verlegenheit deshalb, weil es eine allgemein akzeptierte Tatsache ist, dass Streit Leidenschaft und Lebendigkeit einer Partnerschaft beweist, die Abwesenheit desselben wiederum Gleichgültigkeit und Langeweile belegt. Ein bis zwei Mal im Jahr kommt es zwar zu einer gewissen Gereiztheit zwischen uns, meist ausgelöst durch äußere Umstände, ungefähr ebenso oft schnappe ich wegen irgendeiner Kleinigkeit ein – aber zu Streit führt auch das nicht.

In der Folge hat sich meine ohnehin angeborene Konfliktscheu im Leben außerhalb dieser Partnerschaft zur kompletten Streitunfähigkeit entwickelt. Dies resultiert in ausgesprochen geringer Erfahrung im Streiten, ich weiß so gut wie nichts über die Details und Abläufe. Wie sehr freute ich mich also über die Lernmöglichkeit, als ich letzthin einer Dame gegenüber saß, die nach eigener Zählung einmal wöchentlich mit ihrem langjährigen Partner streitet – zumal die Art, in der sie über ihn spricht, Wertschätzung und große Zuneigung verrät. Also bat ich sie, mir einen solchen Streit möglichst detailreich zu beschreiben; ich wollte herausfinden, wie das geht. Ihre Schilderung ließ mich allerdings noch ratloser zurück. Im jüngsten Streit war es um ein vom Herrn geschätztes Buch gegangen; ihr hatte es nicht gefallen, was sie an einigen Merkmalen begründete. Nun warf ihr Partner ihr und ihrem Leseverhalten eine ganz Reihe unvorteilhafter Dinge vor – die ganz eindeutig nicht zutreffen. Jeder, der die Dame auch nur einmal über Literatur hat sprechen gehört, weiß das, umso mehr jemand, der seit vielen Jahren an ihrer Seite lebt. Wieso hat der Partner also das Gegenteil behauptet? Seine Absicht kann ja nur gewesen sein, sie zu beleidigen. Vielleicht hatte er sich durch die Kritik an dem Buch selbst abgelehnt und angegriffen gesehen und mit Beschimpfungen zurückgeschlagen.

Allein daraus habe ich schon Fundamentales über Streit gelernt: Dabei werden Aussagen getroffen, die sich nicht mit der tatsächlichen Ansicht des Sprechers decken. Vor ein paar Wochen warf mir der Chef einer anderen Abteilung wütend vor, ich hätte ihn absichtlich hintergangen, um zu einem Ziel zu kommen. Ich hatte nicht einmal dieses Ziel, und der Vorwurf des Hintergehens gehört zu den schlimmsten Beleidigungen, mit denen man mich treffen kann. Entsprechend getroffen war ich auch und reagierte mit einem wortreichen Bedauern, dass er zu dieser Sicht der Dinge gekommen sei. Jetzt ziehe ich in Erwägung, dass der Kollege gar nicht wirklich annimmt, ich hätte gegen ihn intrigiert: Er wollte mich lediglich treffen und verletzen. Auch das tut mir zwar leid, auch dafür wüsste ich gerne den Grund. Doch es nimmt mich erheblich weniger mit als das Wissen, dass jemand, mit dem ich mehrfach gut zusammengearbeitet habe, mich für eine falsche Schlange und Ränkeschmiedin hält.

Mir fällt eine weitere Meisterin in Partnerschaftsstreit ein: Peppinella. Sie schildert immer wieder, wie sie und ihr Partner kunstvoll jede Aussage des anderen durch ihre Reaktion in einen angeblichen Angriff verwandeln. Meisterstreiter bringen es offensichtlich fertig, bereits Streitbereitschaft zu projizieren.

Könnte es sein, dass Streit vor allem in der Partnerschaft eine Art unendliches Konto ist, in dem beide Seiten für sich penibel, aber doppelt Buch führen? Die Währung wären Kränkungen und Rechthaben. Ich fühle mich von ihm verletzt oder missachtet, also habe ich ein Soll auf meinem Konto. Das kann ich mit jeder Art von Gegenkränkung oder Rechthaben bei unterschiedlicher Ansicht ausgleichen. Da er aber sehr wahrscheinlich die erste Kränkung gar nicht mitbekommen hat, sieht er das Konto dann für sich im Soll und sucht nach einer Kränkungs- oder Rechthabgelegenheit, mit der er es aus seiner Sicht ausgleichen kann. Und so weiter und so fort. Ich habe mir ja schon von Küchenpsychologen mit Frauenzeitschriftenabschluss erklären lassen, dass es in Streits fast nie um das Thema geht, das explizit be-stritten wird, sondern um die Dinge, die Unwillen ausgelöst haben, aber nicht kritisiert wurden.

Ich sehe eine Chance, doch noch das Streiten zu lernen. Wenn ich also das nächste Mal enttäuscht bin, weil mir der Mitbewohner von einer Köstlichkeit nicht mal eine Probiermenge übrig gelassen hat, gehe ich nicht mit der leeren Schachtel zu ihm, lasse die Schultern hängen und klage: „Och, du hast mir ja nicht mal was zum Probieren übrig gelassen!“ Sondern sage nichts. Und dann fresse ich ihm an Ostern alle Krokanteier aus dem Nesterl, das er von seiner Mutter bekommt, obwohl ich die gar nicht mag. Halt nein, das wäre zu nah am eigentlichen Unwillen. Nein, ich weise ihn bei nächster Gelegenheit darauf hin, dass schon wieder eines seiner Hemden überm Bauch spannt. Was so gemein wäre, dass ich schon beim Gedanken daran Herzweh bekomme. Aber niemand hat gesagt, dass Streiten Spaß machen soll, richtig?

die Kaltmamsell

19 mal Beifall zu “Alles übers Streiten”

  1. Sanníe meint:

    > Was so gemein wäre, dass ich schon beim Gedanken daran Herzweh bekomme.

    Das rührt mich.
    Vielleicht lassen Sie das mit dem Streiten, ich glaub das ist nichts für Sie.

  2. Nathalie meint:

    War dieser Zustand des Nichtstreitens in Ihrer Partnerschaft schon immer so?

    (Vor ca. 20 Jahren stritten wir mehr, sicher nicht so viel wie andere Paare, aber mehr als heute. Inzwischen haben wir gelernt, „Konflikte“ rechtzeitig anzusprechen und auch zu artikulieren, was uns nicht paßt. Streit kommt eigentlich nicht mehr auf. Ist das unnormal? Abgeklärt? …? …? – Ich/Wir fühlen uns wohl.)

  3. kid37 meint:

    Auch ich möchte Ihnen vom Streiten abraten. Manches lernt man halt nicht mehr, so wie ich, sagen wir mal, den Ski-Abfahrtslauf besser nicht mehr anfange.

    (Und ja, es geht sicher selten ums explizite Thema und wohl eher um unkommunizierte Gefühle des Mißachtetwerdens. Dann greift man ins Arsenal der Scheinangriffe und Projektionen, sagt und tut Dinge, die man nicht meint. Unter Erwachsenen oder besser Menschen mit offenem Visier hilft eine Aussprache, manchmal auch einfach ein Kuchen. Macht aber Mühe, und das ist dann ja auch wieder nichts für jedermann.)

  4. die Kaltmamsell meint:

    Wir beiden haben noch nie gestritten, Nathalie. Ihre Erfahrung ist aber auch besonders: Der stereotype Ablauf einer Beziehung beginnt doch mit harmonischster Verliebtheit und zeigt erst dann steigende Streitfrequenz.

    Vielleicht sollte ich mir das Streitenlernen tatsächlich nochmal überlegen, Sanníe, kid37 – wir schaffen es ja nicht mal, Missachtetwerden nicht zu kommunizieren. Der Mitbewohner setzt sich auch mal neben mich, stupst mich und sagt: „Beachte mich!“ Und ich souffliere ihm notfalls, welchen Kommentar ich von ihm hören will: „Psst, du musst jetzt sagen…“ Möglicherweise sind wir pervers.

  5. Nathalie meint:

    Hilfe … wir sind dann möglicherweise auch pervers: Ich kenne von mir den Spruch „Du mußt jetzt sagen …“ ebenso.

  6. Remington meint:

    Küchenpsychologe mit Frauenzeitschriftenabschluss…herrlich.

  7. carvo meint:

    Mit oder ohne Streit, darauf kommt es, glaube ich, nicht an. Sie haben eine funktionierende Paarkommunikation. Ich kenne Ehepaare, die haben sogar eine „Ehesprache“. Kann man nur gratulieren. In meiner Ehe wurde anfangs viel gestritten, dann nicht mehr und schließlich haben wir uns auch ohne Streit getrennt und sind jetzt befreundet. Mehr geht und ging nicht, wir haben uns nie wirklich verstanden.

  8. croco meint:

    Ich streite mich nur mit fremden Männern.
    Und das macht unglaublich Spaß.
    Es ist wie Degenfechten, ducken, ausweichen, zustoßen, touché.

  9. walküre meint:

    Auch in meiner Partnerschaft ist Streit ein Fremdwort; unsere bislang schlimmste Meinungsverschiedenheit eruierte aus einer extremen Stresssituation externen Ursprungs und dauerte ungefähr zehn Minuten, wobei von Streit keine Rede sein konnte, sondern von Klärung eines Missverständnisses.
    Ich bin vor allem bei der Definition von „Streit“ vorsichtig, denn der eine Mensch sieht darin ein leidenschaftliches Aufeinanderprallen von Meinungen, wobei niemand untergriffig-verletzend agiert, während jemand anderer unter einem Streit etwas versteht, wobei buchstäblich die Fetzen fliegen (oder Teller und sonstiger Hausrat). Streit kann aber auch kalter Krieg sein, in dem sich ein Paar gegenseitig solange schweigend anfeindet, bis einer der beiden nachgibt. DAS allerdings ist jene Variante, die in meiner Kindheit Alltag war und für mich nach wie vor die allerschlimmste Art von Streit darstellt (körperliche Übergiffe einmal ausgenommen).

    Für mich stellt Nicht-Streiten eher einen bestimmten Zustand von Kultiviertheit dar, eine Basis, auf der Kommunikation ohne Ohnmachtsgefühle stattfindet und mit Achtung vor dem und Liebe zum Partner; insofern halte ich es für eine sehr erfreuliche Erscheinung, dass Sie und Ihr Mitbewohner gut auf bühnenreife Szenen verzichten können !

  10. isabo meint:

    So ein kluges Kind.

  11. finchen meint:

    Gnihihi, wenn Sie so ticken, dann lassen Sie sich doch bitte klonen – so etwa 2 Milliarden Mal. Der Weltfrieden dürfte dann in extrem greifbare Nähe rücken.

    Beste Grüße, Finchen

  12. Alice meint:

    @finchen

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

    *******************************************************

  13. l9 meint:

    Ich würde auch lieber nicht streiten, aber bei uns muss das wohl doch sein. Temperament, Launen, all das. Dummerweise wird nach jahrelanger Streiterfahrung der Streitvorgang inklusive der Argumente sehr vorhersehbar (da hab ich doch mal was dazu „getoont“).
    Allerdings verletzen einen die Dinge, die man dann so sagt, auch nicht wirklich. Da ist der Streit mehr so ein Sommergewitter, Blitz, Donnerknall, Regen und dann scheint die Sonne wieder.
    (Deine Aussage: “ Was so gemein wäre, dass ich schon beim Gedanken daran Herzweh bekomme.“ – da muss ich wieder fast weinen vor Rührung.)

  14. l9 meint:

    das meinte ich – getoont (hab mich wohl verTagt im vorherigen Comment.. sorry).

  15. Tanja meint:

    Ich finde es immer schön zu lesen, dass ihr nicht streitet. Neben dem, dass ihr beide sehr nette, höfliche und wohlwollende Menschen seid, könnte es auch ein wenig damit zusammenhängen, dass ihr (bestimmt auch ganz bewusst) keine Terrainkämpfe ausfechtet.

    Viel Streit, den ich bei uns und im Umfeld erlebe, geht um die (von einem Partner als nicht eingehalten reklamierten) Vereinbarungen zum Thema Verteilung Haushalt/Kinderbetreuung/Berufsarbeit. Es ist sehr leicht, dabei müde und gestresst in die „immer“ oder „nie“ Falle zu tappen und viel Geschirr zu zerdeppern.

  16. rip meint:

    Ich wollte zu diesem sympathischen Posting etwas beitragen und habe zu diesem Zweck nach einem griffigen Zitat gesucht. Jetzt zitiere ich aber mal gar nichts, sondern gebe nur den Link an: Zitate zum Thema ‚Streit‘ – dort finden sich nämlich soviele widersprüchliche, teils kluge, teils möchtegernkluge Äußerungen, dass ich keine einzelne herausbrechen wollte.
    Im Übrigen – ich bin auch kein Streitkünstler, und Leute, denen es Vergnügen bereitet, andere zu ärgern und durch Irreführung zu provozieren, sind mir höchst verdächtig.
    Siehe zu diesem Thema auch: „Make our garden grow“ (Schlußlied in Bernsteins „Candide“) :-)

  17. Lu meint:

    wir fechten als zwei temperamentsbündel auch ganz ungern mal ein gewitter aus, können aber ebenso schlimm harmonisch sein. wir sind als paar wie wetter.
    dein satz
    > Was so gemein wäre, dass ich schon beim Gedanken daran Herzweh bekomme.
    ist wunderschön, und genau darum geht es, auch wenn man streitet: nie gemein zum anderen sein, schließlich ist das der, welcher mit einem lebt, schläft und stirbt, wenn alles gut geht.

    (toll, jetzt bin ich janz buttrich)

  18. rip meint:

    Ah – ganz wichtig, noch vergessen neulich:
    Hilde Domin, Unaufhaltsam
    Sollte man sich vor Augen halten, wenn ein Streit tatsächlich einmal ausbricht.

  19. peppinella meint:

    der tägliche streit ist das salz in der suppe….bei mir und dem herrn peppinello. so war es vor 20 jahren. so wird es bleiben. zehntausendfach packte ich schon wegen nichtigkeiten mein kleinen aich-verlasse-dich-köfferchen. bin nie zur tür rausgekommen….:-)

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