Haben nur Frauen Familie?

Mittwoch, 29. September 2010 um 6:37

Kleiner unsachlicher Ausbruch.
(Seit ich bei bei Antje Schrupp mitlese, die mir vor Augen führt, wie sachlicher und wissenschaftlich fundierter Feminismus aussieht, habe ich bei solchen subjektiven anekdotischen Schilderungen ein schlechtes Gewissen. Zum Ausgleich dicke Leseempfehlung von Schrupps 15 Thesen zu Feminismus und Post-Gender.)

Da draußen in der Freien Wirtschaft haben immer noch allein Frauen eine Familie – zumindest im Sinn von Lebensbestandteil und nicht nur als Hobby (doch, das habe ich in Intranet-Profilen von männlichen Kollegen immer wieder gelesen: „Hobby: meine Familie“).

Aktuelle Beispiele sind zwei Schwägerinnen, beide promoviert. Die eine hat zusammen mit ihrem Ehepartner nach mehrjähriger Berufstätigkeit vor anderthalb Jahren ein Kind bekommen. Jetzt will sie zurück in ihre Firma, zunächst in Teilzeit. Diese Firma aber – übrigens der deutsche Ableger eines französischen Unternehmens – bescheidet ihr schlicht, sie könne nur ganz oder gar nicht zurückkommen. Abgesehen davon, dass ich hoffe, der dortige Betriebsrat macht ob dieser Ungeheuerlichkeit gehörig Rabatz: Als ich fragte, wie denn die Teilzeitmöglichkeiten des Kindsvaters aussähen, sah man mich an wie die sprichwörtliche Kuh wenn’s blitzt: Ja, nein, also das, sie hätten doch gerade ein Haus, also nein, das sei außer Diskussion.

Vor nicht allzu langer Zeit hat mir eine leider verlorene Quelle einen Floh ins Ohr gesetzt: In Ländern wie Frankreich gebe es nicht deshalb ein so gut entwickeltes Netz an Kinderbetreuung, um die Fertigkeiten der Mütter möglichst bald dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Sondern damit die Männer auch weiterhin nicht Kinderbetreuung einkalkulieren müssen. Dieser Floh will seither keine Ruhe geben. (Nachtrag: Flohquelle gefunden, das waren Antje Schrupps Überlegungen zu Elisabeth Badinter)

Zur anderen Schwägerin: Nach der Promotion seit zwei Jahren freiberuflich unterwegs, mit entsprechenden Höhen und Tiefen. Sie will eigentlich Nachwuchs, sieht diese Möglichkeit hierzulande aber nur gegen den Preis jeglicher beruflichen Weiterentwicklung. Ihr Ehepartner, Akademiker, ist seit 13 Jahren in etablierter, gut bezahlter und gleichzeitig unambitionierter Position in einem Großunternehmen angestellt. Von ihm ist auffallenderweise nie die Rede, wenn es um die Organisation potenzieller Nachkommen geht. Nun könnte diese Schwägerin 2 sich die Schieflage selbst zuschreiben, da sie halt einen 15 Jahre älteren Mann geheiratet hat – aber nicht mal das sollte doch ein wirkliches Problem sein.

Es gibt ein Erlebnis, dass mir zu diesem Thema immer wieder einfällt: Vor einiger Zeit sah ich einen neuen Finanzvorstand vor die Mannschaft treten und sich vorstellen. Er wirkte sympathisch und nahbar, listete launig seine Qualifikationen auf und erzählte unter anderem, dass er dieser Tage Vater von Zwillingen werde. Da schoss mir die Erkenntnis durch den Kopf, wie völlig undenkbar da vorne eine Frau mit genau denselben Aussagen war. Das machte mich mutlos.

Und gerade als ich diese seit Wochen übel gärenden Überlegungen ins WordPress-Backend goss, erschien in meinem RSS-Reader dieses Posting der Mädchenmannschaft: Väter ohne Zeit.

die Kaltmamsell

18 mal Beifall zu “Haben nur Frauen Familie?”

  1. Bolliskitchen meint:

    ja, und die wollen das auch nicht anders…..Ist ja auch bequemer, wenn man sich nicht im Job abrackern muss, sondern shoppen gehen kann, Kaffeetrinken mit den Freundinnen ( O-Ton: bin ja so im Stress…)etc, ist meine Erkenntnis, wenn ich mich im Bekannten- und Freundeskreis umsehe!
    In Frankreich’s Grosstädten müssen die Mütter nach 3 Monaten wieder arbeiten, damit die Familie ein Dach über dem Kopf hat und sich das Leben leisten kann, ausserdem gibt’s keinen langen Mutterschaftsurlaub oder gar Anspruch auf den Job wenn man nach 3 Jahren wiederkommt….was ich gut finde, in D. werden doch deshalb erst gar keine Frauen im „gebärfähigen“ Alter eingestellt…..

  2. nosch oko meint:

    danke für die super links – kann ich gleich morgen in einen workshop mitnehmen, wo es um gender awareness bei forstbeamten geht… :/

    lg u

  3. Susanne meint:

    Ja, nur Frauen haben Familie, nur Frauen können Kuchen backen und haben das Bügel-Gen.

    Und wenn in der Grundschule Eltern gesucht werden, die sich mal von den Kindern vorlesen lassen, dann heißt es: „Das machen wir morgens um 8, da kann dann vielleicht auch mal ein Papa eine halbe Stunde später ins Büro gehen.“ Und da muss ich mich dann auch noch freuen, dass die Lehrerin nicht ausschließlich die „Mamas“ einbezieht.

    Und wenn dann mal ein Vater zu Hause bleibt während die Mutter die Brötchen verdient, dann wird er nach kurzer Zeit depressiv, weil er überhaupt kein soziales Umfeld mehr hat.

    Sorry, bin heute etwas negativ drauf.

  4. Lila meint:

    Ich hab es für mich persönlich aufgegeben und mich damit arrangiert. Ein Mann meiner Begabungen und Kenntnisse, ganz sachlich konstatiert, säße heute ganz woanders. Er hätte aber auch andere Entscheidungen gefällt und andere Prioritäten gesetzt. Ich kann mich nicht mal beschweren, weil ich selbst einige folgenschwere Sabotageakte an meiner Karriere vorgenommen habe, zu denen mich niemand gezwungen hat. Ich selbst war es, die nicht mutig und selbstbewußt war. Andere Frauen machen das anders. Männer sowieso.

    Für die nächste Generation aber, Söhne und Töchter, erhoffe ich mir mehr Optionen.

    Danke für den Link zu Schrupp, die hatte ich noch gar nicht entdeckt, sehr interessant.

  5. windsbraut meint:

    Liebe Frau Vorspeisenplatte,
    Zu diesem Thema möchte ich folgende Anekdote zum Besten geben:
    Vor sieben, acht Jahren musste ich bei einer Dienstreise meinen kranken Abteilungsleiter ersetzen. Das Ziel der Reise war eine Bank in Kopenhagen und die Mitreisenden zwei Chefs der obersten Liga. Die Verhandlungen mit dem dänischen Direktor der Bank verliefen wie andere Verhandlungen auch und man hätte nicht sagen können, dass da große Unterschiede waren, zwischen den deutschen Männern und dem Dänen.
    Doch da blickte der Däne auf seine Armbanduhr und sprach: „Also wir haben jetzt noch eine halbe Stunde Zeit, dann muss ich meinen Sohn vom Kindergarten abholen“. Nie wieder habe ich zwei Männergesichter vor Entgeisterung und Unglauben derart entgleisen sehen, wie die meiner damaligen Chefs.

    So und nun bitte, schließen Sie mal die Augen und versuchen sich vorzustellen, wie ein deutscher Bankdirektor (z.B. Josef Ackermann) sein Kind vom Kindergarten abholt.

  6. KochSchlampe meint:

    @ windsbraut:

    Zwar ist mein Chef kein Bankdirektor, aber es gibt Termine, die für Besprechungen mit ihm nicht gehen, weil er dann sein Kind vom Kindergarten abholen muss.
    Vereinzelt gibt es das schon, nur nicht vollkommen selbtverständlich.

  7. windsbraut meint:

    @KochSchlampe

    Ja, sich gibt es das vereinzelt. Ich habe sogar mal in einer Firma gearbeitet, da hat der Chef seinen Sohn von der Schule abgeholt und mitgebracht, und der Sohn hat dann seine Schularbeiten in der Firma gemacht. Das ging sehr gut und wir hatten auch noch unseren Spaß mit dem pfiffigen Kerlchen. Nur war der Chef aus sonst die eine Ausnahme, die die Regel bestätigt.
    Im höheren Management einer Deutschen Bank oder eines anderen großen Unternehmens, wie z.B. Siemens, werden Sie dies aber nicht antreffen. Die Herrn dort haben aber Einfluss und bestimmen den Ton maßgeblich.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Die dänische Gegenwelt kenne ich auch: Ich weiß noch zu gut, aus wie vielen Wolken ich fiel, als ich bei einem abteilungsleitenden Kollegen in Kopenhagen anrief und seine Kollegin mir sagte, er sei nicht in der Arbeit, weil eine seiner Töchter krank war.

  9. Sigrid Rettig meint:

    Ja, ja…aber der Hut ist alt.
    Wenn wir als Lebensplan Familie und Anstellung als Bankdirektorinnen im Sinn haben, müssen wir uns das entsprechend einrichten und den passenden Partner dazu suchen. Findet der sich nicht, dann sollten wir vielleicht den Plan überdenken.
    Die Idee, dass der alltagsuntaugliche Liebste seine eigenen Karriereinteressen zeitweise zugunstern der Brutpflege zurückstellen könnte, hat ihm seine Mama nicht vermittelt – und wir meist auch nicht, sind ihm dann aber böse, wenn mit der Kinderaufzucht einige Unbill verbunden ist.
    Und solange wir selbst diejenigen Männer, deren Terminplanung sich auch nach familären Erfordernissen richtet, als exotische Ausnahmen empfinden, ist es mit unserem eigenen Selbstverständnis auch nicht so weit her.

  10. adelhaid meint:

    ja, es gibt sie, die ausnahmen. ein kollege von mir freut sich zum beispiel jeden tag, wenn sein smartphone ihm einen warnton gibt, weil er zur ‚kinder-abholzung‘ muss – da ist wohl die auto-korrektur etwas mit dem gerät durchgegangen, sehr zu freude des gesamten kollgenkreises.
    die ausnahmen werden in meinem bereich aber auch gefördert, wird doch nach dem hochschulgesetz die zeit vor und nach der promotion (jeweils 6 jahre, danach dann festanstellung oder quasi berufsverbot) um zwei jahre verlängert, wenn ein kind geboren wurde. für männer wie für frauen. theoretisch eine schöne geschichte. praktisch sitzen die meisten herren aber auch während der windelphase in den staatsbibliotheken der republik und arbeiten an ihren qualifikationsarbeiten, während die mütter mit den kindern zu hause sind.
    diese bekommen zwar auch zwei jahre draufgeschlagen auf die qualifikationsphase, aber schreiben sie mal eine literaturtheoretische arbeit, wenn sie alle 90 minuten etwas krähendes an sich hängen haben.
    gleichstellung ist ein schwieriger bereich.
    es ist schon vieles besser geworden, im argen ist es aber nach wie vor.

  11. KS meint:

    Oh ja…und es nervt…..
    Als promovierte Naturwissenschaftlerin habe ich Familie…und das Glück

  12. KS meint:

    srry, auf die falsche TAste gekommen…

    das Gliück einen Mann zu haben, der die Kinder versorgt. Trotzdem werde immer nur ich gefragt „Wie machen sie das denn, Vollzeit arbeiten und Kinder?“

  13. Ulrike meint:

    Eindeutig nein, auch Männer haben Familie, gestern Sitzung, 2 Damen, 3 Herren, Punkt 16:00 sprang Herr 3 auf und sagte, er habe jetzt Kinderdienst. Er arbeitet in Teilzeit 60 %, weil er sich mit seiner Frau im wahrsten Sinne des Wortes die Kindererziehung teilt.

    Geht doch!

  14. pepa meint:

    Das was die jüngeren unter Euch hier berichten klingt gut und es freut mich ungemein – allerdings scheint es in der letzten Zeit wieder einen Rückwärtstrend gegeben zu haben. Insgesamt sind es immer noch viel zu wenige Frauen, die selbstbewußt ihren beruflichen Weg gehen können, auch und gerade wenn sie Kinder haben.
    Ich selbst habe immer gearbeitet und „nebenbei“, die meiste Zeit allein, zwei Kinder groß gezogen. Das ist einfach ein Kraftakt und frau muss sehen, dass sie ihre (nicht nur) beruflichen Nischen findet. Eine steile Karriere, so wie sie viele Männer hinlegen können, denen „ihre“ Frauen „den Rücken frei halten“ ist auch mit sehr großer Kraftanstrengung kaum möglich (es sei denn, frau verfügt über die entsprechenden finanziellen Mittel, die es ihr ermöglichen eine Fulltime-Nanny einzustellen – das kann aber auch irgendwie nicht Sinn der Sache sein).
    Was allerdings auch zu beobachten ist, dass nach der anstrengenden Brutphase einige (wenige?) Frauen den beruflichen Großkampf wieder aufnehmen, zwar meist nicht glänzend an forderster Front stehen, aber gut fundiert, erfahren und trainiert (ja Kinder trainieren einen!) quasi aus dem Hinterhalt schießen.

  15. mark793 meint:

    @Susanne: Und wenn dann mal ein Vater zu Hause bleibt während die Mutter die Brötchen verdient, dann wird er nach kurzer Zeit depressiv, weil er überhaupt kein soziales Umfeld mehr hat.

    Also ich lebe jetzt seit fast sechs Jahren als Hausmann und Homeofficer mit einer beruflich engagierten und erfolgreichen Frau und kann nur sagen: Danke der Nachfrage, soweit ganz prächtig. Ab und zu kommt ein bisschen Phantomschmerz auf, weil mir der Schnack in meiner früheren Bürogemeinschaft fehlt. Die hat sich aber in der Zwischenzeit eh zugunsten loserer Formen der Zusammenarbeit aufgelöst, und das soziale Umfeld hat sich jetzt halt mehr so ins virtuelle verlagert; da ist die Bloggerei mit den daraus resultierenden Sozialkontakten, bei facebook tummeln sich u.a. Kollegen, Ex-Kollegen und Auftraggeber. Geht auch. Mit Telefon, Mail und so ist man ja nicht aus der Welt. Und Termine muss ich immer mit den Kindergartenzeiten und den weitergehenden Lehr- und Bespaßungsangeboten fürs Töchterlein koordinieren. Aber tauschen würde ich nicht wollen mit der klassischen Ernährerrolle, genausowenig wie meine Frau dafür gebaut wäre, nur noch in Küche und Kinderzimmer zu wirken.

    Unsere Konstellation passt so wie sie ist, und ich würde nicht verallgemeinern wollen, dass das absolut das Rollenmodell der Zukunft ist. Aber vielleicht sollte Frau, wenn sie denn auch mit Kind (oder gar mehreren) im Beruf noch richtig was reißen will, einen Partner mit geringerem Einkommen/beruflichem Status nicht von vornherein verschmähen. Ich weiß nicht, ob ich mich für dieses inverse Rollenmodell hätte erwärmen können, wenn ich den besseren und abgesicherteren Job von uns beiden gehabt hätte.

  16. Veronique meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  17. rollinger meint:

    Ich kann es kaum erwarten, nochmal Papa zu werden und endlich zu Hause zu bleiben. Da freue ich mich jetzt schon drauf. Arbeit? Ist nur Arbeit. Meine Familie, das ist Leben!

  18. Christian meint:

    Ich denke das Problem ist letztendlich nur wie im ersten Kommentar angesprochen zu lösen: Die Erziehungszeiten stark einschränken. Allerdings müsste dann im Gegenzug die Möglichkeit der Fremdbetreuung stark ausgebaut werden.
    Ob das allerdings alle Eltern so wollen ist sicherlich eine andere Frage.

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