Beifang aus dem Internet

Dienstag, 11. März 2014 um 6:11

Es gibt ja selten Gelegenheit, einer Regierungspartei am eigenen Leib vorzuführen, wo die Gesetzeslage im Argen liegt. Wie wunderbar, dass Sebastian Heiser der SPD eine Lektion in Urheberrecht erteilen konnte: „Liebe Raubkopierer bei der SPD,“.

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Erstaunlicherweise sind Menschen dann besonders ehrlich, wenn sie sich in der vermeintlichen Anonymität des Internets bewegen. Soziale Schranken der öffentlichen Meinungsäußerung werden überwunden – endlich kann gesagt werden, was man sich sonst nicht zu sagen traut.
Dieser Film behandelt das Phänomen exemplarisch am Beispiel von Online-Kommentaren zum Thema Down-Syndrom und wirft dabei einen Blick auf die Realität hinter den Kommentaren.

Da sind wir wieder bei „ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt“. Ja, darf man. Aber muss darauf gefasst sein, sich dadurch zu entlarven.

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Der Kampf einer Posaunistin bei den Münchner Philharmoniker, oder: Wie mein Bild von Celibidache zerstört wurde: „Abbie Conant: Behind the Screen„. (Text von 2010, aber er jetzt als Hinweis in meiner Twitter-Timeline aufgetaucht.)

In 1980, Abbie Conant auditioned for the Munich Philharmonic behind a screen. The orchestra voted for her appointment to the principal solo position, though the conductor, Celibidache, was opposed. Celibidache ordered that she play a „probationary year“, in which any complaints to her playing could be recorded. No complaints were recorded, but he did not award her any solos.

In 1982, Abbie was demoted to second trombone, which required a greater work load for less pay. Celibidache provided no written criticism but simply stated, „You know the problem: we need a man for solo trombone.“

Von da an ging’s erst richtig bergab.

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Ich muss mich immer wieder dazu disziplinieren, besonders bescheuerte homophobe Argumente nicht einfach dezent zu ignorieren (es fühlt sich für mich immer ein bisschen unhöflich an, Menschen durch Gegenargumente zu unterstellen, dass sie diesen Blödsinn jetzt wirklich ernst gemeint haben – völlig fehlgeleitetes Fremdschämen). Sondern mit Argumenten und Fakten gegenzuhalten.

Als da wäre der Vorwurf, Homosexualität sei unnatürlich. Wie bei allen Argumenten mit Natur würde ich am liebsten einen Schritt zurück gehen und fragen, was eigentlich „Natur“ ist und „natürlich“, denn das ist ein hochinteressantes und schrecklich unordentliches Gebiet, aber die Frage wäre – so sozial kompetent bin ich dann doch – in diesen Situationen unangebracht. Also verweise ich darauf, dass es zahllose Arten gibt, die gleichgeschlechtliche Paarungen kennen. Neuestens kann ich konkret und im Detail Flamingos anführen: „Schwule Flamingos. So lebt es sich nach der Natur„.

(Wehe, Sie sagen jetzt: „Jaaaa, Flamiiiiingos! Die sehen ja schon so aus!“)

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Die Deutschen sind sich zu großer Mehrheit einig, dass ihre Bahn Mist ist. Egal, was die Deutsche Bahn anstellt, irgendwas daran wird schon scheiße sein, also wird geschimpft. Das ist in vielerlei Hinsicht fatal: Nicht nur brächte eine sachlichere Perspektive zutage, dass die Deutsche Bahn vor allem im internationalen Vergleich ziemlich gut funktioniert und komfortabel ist. Eine sachlichere Perspektive ermöglichte auch konstruktivere strukturelle Kritik.

Hier zum Beispiel reifliche Überlegungen und Analysen, warum Hochgeschwindigkeitszüge die Feinde einer Bahnzukunft sind: „Hochgeschwindigkeitszüge zerstören das europäische Bahnnetz“.

Das ist ein ernstes Problem: Ich bin überzeugt, dass motorisierter Individualverkehr nicht die Mobilität der Zukunft ist. Machen wir uns gerade die Alternative kaputt?

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Ansonsten: Frühling vorm Büro.

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die Kaltmamsell

8 mal Beifall zu “Beifang aus dem Internet”

  1. mariong meint:

    der mainzer OB, bekanntermaßen homo, trat zur fastnacht als flamingoreitender cowboy auf :o)))
    die welt wird an manchen stellen etwas besser :-)

    danke für ihre Einträge, wie immer hochinteressant und: gerne gelesen.

  2. lihabiboun meint:

    Diese Conant Affäre ist einfach total komplett unfaßbar, habe mich gerade durch die Langfassung der Ereignisse gelesen … man glaubt sich im 19. Jahrhundert, so sexistisch und bevormundend einer Frau gegenüber ist das. Was für Nerven muß die Dame haben, bewundernswert.

  3. Sabine meint:

    Ich hab als Teenager live miterlebt, wie sich Celibidache mit Anne-Sophie Mutter auf offener Probenbühne wegen dem Sibelius-Konzert zerstritten hat. Ein sehr eindrucksvolles Erlebnis. Meine engste Freundin hatte damals bei einem auch heute noch als Superpädagogen geltenden Geigenlehrer Unterricht, der bei den Philharmonikern spielte. Der einzige für mich erkennbare Vorteil aus der Sache war, dass er uns oft zu Proben mitnahm – diese war sogar ganz öffentlich, im Herkulessaal.

    Celibidache war ein Dinosaurier, und das ist jetzt vielleicht nicht mal sehr nett den Dinosauriern gegenüber.

    Das BR-Symphonieorchester, das ich öfter live höre, hat inzwischen ziemlich viele Frauen, aber natürlich sitzen auf den einträglichen Positionen die Männer. Wenigstens sind es teilweise sehr gutaussehende Männer, und gute Musiker sind sie auch.

  4. Angela Leinen meint:

    Zu den schwulen Flamingos noch ein Denkanstoß aus der heutigen Taz (Die Wahrheit): http://taz.de/Die-Wahrheit/!134564/

  5. Andrea meint:

    Es gibt geniale Geister, die gut verwertet haben, dass „die ja schon so aussehen“. Meet them in „Flamingo Pride“ – Enjoy!

    http://blog.zeit.de/netzfilmblog/2013/03/22/flamingo-pride-animationsfilm-tomer-eshed/

  6. Sigourney meint:

    „Flamingos sehen ja schon so aus“, ich schmeiß mich weg, auf dieses „Gegenargument“ wäre ich ja im Leben nicht gekommen. Made my day.

  7. mariong meint:

    „Liebe ist kein Argument“ konnte ich mir jetzt erst ansehen und fand es sehr berührend. Wir kommen wieder an den Konflikt der „Machbarkeit“ und der „Pflicht“ das technisch mögliche auch zu machen. Die Aussage, es sei unethisch wissentlich ein behindertes Kind zu bekommen war schon sehr – ähm – interessant.
    Da ich selbst eine sehr alte Mutter bin, war ich ganz versessen auf Tests, weil ich Angst hatte, was aus einem bis ins Erwachsenenalter hinein hilfbedürftigem, behinderten Kind werden sollte, wenn ich vor ihm stürbe. Ehrlich gesagt kann ich mir vorstellen, dass ich im Falle einer solchen Diagnostik nach zweimal schlafen vielleicht doch wieder gesagt hätte „ach egal, das wird schon“. Ich kenne Familien mit behinderten Kindern und ich weiß, dass sie unter enormen Belastungen leben. Das hat aber mit der Leistungsgesellschaft um uns herum zu tun und damit dass die Familien die gleichen Ansprüche an ein erfülltes Leben haben, wie andere auch. Sie müssen nur ungleich viel mehr dafür tun.
    Die Idee, die Gesellschaft hätte ein moralisches Recht an das Individuum, ein solches Leben zu verhindern, ist schon sehr traurig. Wo bleibt die Stimme, die dafür spricht, dass uns alle Menschen bereichern können. Wo bleibt die Stimme, die fragt, wo die Grenze gezogen werden soll?
    Wer von allem nur den Preis kennt, kennt von nichts den Wert. (sehr frei nach Oscar Wilde)

  8. Sören meint:

    Bei Vögeln ist Homosexualität (eventuell) stärker verbreitet als bei anderen Gattungen, sie kommt aber bei über 1500 (bisher dokumentierten) Arten vor.

    In der SZ war vor einiger Zeit ein Artikel über eine Londoner Ausstellung zur Homosexualität im Tierreich sehr schön mit zwei aufeinanderliegenden Löwenmännchen illustriert. Falls jemand wirklich mal Flamingos nicht gelten lassen sollte.

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