Krieg. Eine archäologische Spurensuche – Ausstellung in Halle

Sonntag, 15. November 2015 um 11:33

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„Kriege gehören ins Museum“ – das ist zwar der Leitsatz des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, taugt aber als Überschrift für jede seriöse Ausstellung über Schlachten und Kriege. Weswegen ihn der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, auch gerne zitiert, wenn er über die Ausstellung „Krieg. Eine archäologische Spurensuche“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle spricht. Kuratiert hat diese Ausstellung die Archäologin Anja Grothe, die vergangenen Sonntag eine kleine Freundesgruppe durchführte.

Das zentrale Exponat der Ausstellung ist ein Massengrab aus der Schlacht von Lützen 1632. Gleich beim Betreten der Räume ist es mit seinen 47 Toten der riesige Blickfänger. Das ist die Hauptfolge von Krieg: Tod, Leid, Zerstörung.

(Die Fotos sind der Pressemappe zur Ausstellung entnommen: Im Museum ist Fotografieren verboten – ich habe aber erfahren, dass Presse nach vorheriger Anmeldung eine Fotoerlaubnis bekommt.)

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© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták
Eine Hälfte des Massengrabs, das aufgestellt ausgestellt ist.

In Halle hat man die technischen Möglichkeiten der Blockbergung: Der Fundort wird mit ausgegraben und als Block (bei diesem Massengrab erinnere ich mich an die Größe zweimal 27 Tonnen) in die Museumswerkstatt gebracht. Dort wird er so präpariert, dass die Funde genau wie gefunden sichtbar sind. Hier ein Bild während der Restaurationierung. Das Ergebnis ist sehr beeindruckend, als Besucherin kommt man ganz nah an die archäologische Arbeitsweise. (Was die meisten vermutlich nicht bemerken: Der Fund liegt frei, er ist nicht durch eine Glasscheibe abgedeckt.)

Die Ausstellung Krieg. Eine archäologische Spurensuche ist zweifach zweigeteilt. Zum einen gibt es den Ausstellungsteil über die Schlacht von Lützen 1632, die zum 30-jährigen Krieg gehörte, zum anderen den Ausstellungsteil Vorgeschichte, der sich archäologisch mit den Anfängen menschlicher Gewalt gegen Menschen und mit der Entstehung von Krieg befasst. Die andere Zweiteilung ist die, auf die Anja Grothe in ihren Erklärungen immer wieder zu sprechen kam: Historische Schriftquellen auf der einen Seite, ihre archäologische Überprüfung auf der anderen. Historikerinnen und Historiker gehen ja nicht gerne raus (wie ich bereits im ersten Semester meines Geschichtsstudiums leidvoll feststellte, diese Geschichte muss ich auch mal aufschreiben), umso wichtiger ist die Arbeit von Archäologinnen und Archäologen, die immer wieder an Dingen und Spuren nachsehen: Kann das überhaupt sein, was da steht?

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Funde vom Schlachtfeld bei Lützen auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht.
© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

Der Ausstellungsraum zu 1632 ist nicht nur wegen des Massengrabs beeindruckend: An den Wänden verläuft als Band ein Panoramafoto vom Schlachtfeld heute. Die Vitrinen und Texte erklären die Waffen und die Munition der Zeit, der Schlachtverlauf selbst wird als Zeichenfilm in Stop-Motion-Optik erläutert. Jeder der 47 Toten im ausgestellten Massengrab wurde untersucht, seine wahrscheinliche Herkunft und der wahrscheinliche Verlauf seines Lebens ist dargestellt. Anja erklärte uns ein wenig zur Methode dahinter: Da im 17. Jahrhundert die Menschen noch ausschließlich das Wasser ihres Lebensraums tranken, die Früchte des Bodens aßen, auf dem sie wohnten, lässt sich anhand von Strontiumisotopenanalysen des Zahnschmelzes die Herkunftsgegend ziemlich genau eingrenzen.

Als weitere wichtige Quellen über den Alltagshintergrund der Zeit zeigte die Archäologin uns zwei ausgestellte BlogsTagebücher: Eines des Kusins des Schwedenkönigseines regionalen Fürsten, ein deutlich kleineres eines Soldaten Nachtrag: – das einzige von einem Soldaten geschriebene Tagebuch überhaupt.

Ein eigener Ausstellungsraum (von dem aus man Teile der freigelegten Unterseite des Massengrabs sieht) beleuchtet die Heeresführer der Schlacht: Den schwedischen König Gustav II. Adolf und den kaiserlichen General Albrecht von Wallenstein.

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Reitjacke König Gustav II. Adolfs aus der Schlacht von Lützen.
© Livrustkammaren Stockholm, Schweden

Anja war besonders stolz darauf, dass sie dieses Koller des Schwedenkönigs zeigen konnte – das als Ding allein schon eine abenteuerliche Geschichte hat. In der Ausstellung sieht man es allerdings nicht wie oben auf dem Foto, sondern liegend in einer Vitrine und kann es dadurch sehr genau betrachten, einschließlich der Spuren der tödlichen Verletzungen. Hätte er seinen Panzer getragen, so erklärte Anja, hätte dieser Gustav Adolf das Leben gerettet. Doch zum einen habe er eine Wunde am oberen Rücken gehabt (dabei fasste sie sich über die Schulter an genau die Stelle), die einen Panzer unangenehm machte. Zum anderen habe es ihm in den Monaten davor wohl besonders gut geschmeckt: Er habe nicht mehr recht in den Panzer gepasst. (Wenn das die Diätredaktion der Brigitte mitbekommt – PR-Fest!)

Zur Verdeutlichung sieht man eigens angefertigte Illustrationen von Karl Schauder – im Stil sehr 70er Was ist was? und damit ein wenig aus der Zeit gefallen. Manche Details widersprachen dann auch den Erklärungen der Archäologin: Sie hatte zum Beispiel die typischen Hygieneumstände und Krankheiten des Soldatenlebens geschildert, doch auf dem Bild trägt der Soldat einen Hipster-Vollbart – wegen der Läuseplage sehr unwahrscheinlich.

Dieser Teil der Ausstellung endet mit dem Friedensvertrag von Münster. Anja war als Schlusspunkt wichtig: Am Ende jedes Kriegs steht ein Frieden, Frieden ist immer möglich.

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Da der vorgeschichtliche Teil von Krieg. Eine archäologische Spurensuche nicht von Anja, sondern von Michael Schefzik kuratiert wurde, erzählte sie auch weniger darüber. Hier ist unter anderem das erste Zeugnis menschlicher Gewalt gegen Menschen dokumentiert, die Entstehung von Waffen (über Werkzeug, das als Waffe genutzt wurde, zum Menschentöter), die Entstehung von Krieg.

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Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr.
© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

Auch hier ist mit archäologischen Funden eine Schlacht dokumentiert: Sie fand prähistorisch im harmlosen Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern) statt – Anlass und genauen Verlauf kennt man allerdings noch nicht. In der aktuellen Süddeutschen schreibt Hans Holzhaider dazu eine große Geschichte mit Details:
„Gemetzel in der Bronzezeit“.

Aber am Ende auch dieses Ausstellungsteils steht der Frieden: Der älteste bekannte Friedensvertrag der Welt.

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Sie merken hoffentlich: Ich finde die Ausstellung großartig, auf vielen Ebenen, und empfehle sie sehr. Neben den Texterklärungen und multimedialen Darstellungsformen gibt es einen Audioguide, den die Kuratoren Anja Grothe und Michael Schefzik konzipiert und getextet haben. Anja schrieb mir dazu:
„Er enthält immer ein paar Infos mehr als die Texte, aber wir haben uns bemüht, nicht länger als anderthalb Minuten, selten einmal zwei Minuten pro Station zu bringen.“
Zudem wurde ein umfangreicher Begleitband zur Ausstellung herausgegeben.

Mehr zu Krieg. Eine archäologische Spurensuche unter anderem auf der Website des mdr.

Sollte hier etwas sachlich falsch dargestellt sein, liegt das nicht an Anjas Ausführungen, sondern an meinem Laientum und geht ganz auf meine Kappe. Ich freue mich über Korrekturen (bitte in die Kommentare schreiben oder per E-Mail an mich).
Nachtrag 16.11.2015 – Archäologin Anja Grothe war so nett, ein paar Schnitzer des ursprünglichen Posts zu korrigieren: Das eine Tagebuch wurde nicht von einem Kusin des Schwedenkönigs geschrieben, sondern von einem Fürsten aus der Region, das andere Tagebuch ist das einzige von einem Soldaten überhaupt. Und es heißt nicht Restauration, sondern Restaurierung. Danke!

die Kaltmamsell

12 mal Beifall zu “Krieg. Eine archäologische Spurensuche – Ausstellung in Halle”

  1. Ulrike meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, nur eine Kleinigkeit im zweiten Absatz, da steht bei der Schlacht von Lützen noch die Jahreszahl 1932, wenn Sie das bitte korrigierren würden, danke!
    LG

  2. die Kaltmamsell meint:

    Danke für den Hinweis, Ulrike!

  3. Kai meint:

    War der olle Gustav Adolf nicht auch noch stark kurzsichtig und ist dadurch aus Versehen damals in die feindlichen Reihen geritten? War meines Wissens auch der letzte König, der so etwas gemacht hat. Die anderen blieben seither schön in der Etappe. :D

  4. Kai meint:

    …ach noch was. Kriege sind keine Erfindung des Menschen. Bekanntlich führen auch Schimpansen „Kriege“.
    Wir sollten uns an den Bonobos orientieren. Die machen buchstäblich Love statt War!

  5. iv meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  6. die Kaltmamsell meint:

    Tatsächlich, Kai, präsentiert der prähistorische Teil der Ausstellung Filmaufnahmen von Schimpansengruppen, die ein entsprechendes Max-Planck-Insitut aufgenommen hat. Als „Krieg“ wird das Verhalten aber hier nicht definiert.

  7. berit meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  8. die Kaltmamsell meint:

    So, jetzt sitze ich an komfortablem Internet: Es handelt sich um das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Kai, das für die Ausstellung Material und Erklärungen zur Verfügung gestellt hat.

  9. Kai meint:

    Als „Krieg“ hatte das auch Jane Goodall mal bezeichnet (meine ich aus dem Gedächtnis). Der Begriff führt hier natürlich in die Irre, das ist ja mehr Raserei mit Massaker. Beim Krieg verkloppt man sich ja auf „kultivierte“ Art. :O

  10. Susann meint:

    Wie interessant, vielen Dank! Das Massengrab ist sehr beeindruckend.

  11. kid37 meint:

    Ameisen führen Beutekriege oder solche, um Völker anderer Arten zu versklaven.
    (z.B. http://www.themarysue.com/enslaved-ants-rebel/)

    Vielleicht also muß es erst dauerhaft organisierte, soziale Gruppen einer gewissen Größe geben, um Krieg interessant zu machen. Der Zivilisationsgrad jedenfalls scheint keine Rolle zu spielen.

  12. ilse meint:

    Na, und jetzt geht’s wieder los: Hollande vs. IS

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