Journal Samstag, 1. April 2017 – Führung durch den Alten Südfriedhof (Mittlerer Weg)

Sonntag, 2. April 2017 um 9:41

Dass der Alte Südfriedhof die Honoratioren der Münchner Stadtgeschichte beherbergt, wurde mir schon beim ersten Besuch klar, kurz vor der Jahrtausendwende, als ich eben nach München und nur zwei Ecken weiter gezogen war: Ich kannte die Namen auf den Grabsteinen als Straßennamen – und die wiederum bereits aus meiner Ingolstädter Kindheit, weil diese Straßennamen regelmäßig in den Verkehrsnachrichten des Radiosenders Bayern 3 auftauchten. Effnerplatz, Oskar-von-Miller-Ring, Schwanthalerstraße, Trappentreutunnel waren mir vertraut, und hier lagen sie dann, die Effners, Millers, Schwanthalers und Trappentreus. Dazu die Lindwurms, Nußbaums, Ziemssens, Pettenkofers und Reichenbachs, nach denen umliegende Straßen benannt sind. Ebenfalls vertraut waren mir sofort die Namen, die man mit den großen Brauereien der Stadt verbindet.

Er ist ein Juwel, dieser Friedhof, und ich versuche meine Wege so oft wie möglich so zu legen, dass ich es passiere (sie kennen die Fotos von dem einen oder anderen Blogpost – hier ein Sommerbild, hier tief verschneit). Einen guten Überblick über Geschichte und Gräber berühmter Menschen gibt der Wikipedia-Artikel.

Vor einiger Zeit hatte ich mitbekommen, dass es Führungen über den Südfriedhof gibt, und ein Abo der zugehörigen Facebook-Seite erinnerte mich daran. Die Führungen sind gründlich und nehmen sich immer nur einen Teil des Friedhofs vor – eine gute Idee. Gestern ließen Herr Kaltmamsell und ich uns die Gräber interessanter Persönlichkeiten zeigen, die am Mittleren Weg beerdigt wurden – laut Erklärung von Florian Scheungraber die drittbeste Lage am Platz (die erstbeste waren die damaligen Arkaden am Kopf des Friedhofs, die zweitbeste die an der umgebenden Mauer). Scheungraber ist gelernter Steinmetz und als Mitarbeiter der Städtischen Friedhofsverwaltung auch offiziell Experte für diesen Ort. Wir waren eine sehr kleine Gruppe, und das bot Zeit und Raum für Detailnachfragen – ein Glück, denn Florian Scheungraber scheint schlicht alles über den Friedhof zu wissen.

Die Geschichte hinter den bestatteten Persönlichkeiten erschloss mir auf besonders reizvolle Weise die Geschichte Münchens; unser Guide stellte Bezüge her, erzählte Anekdoten (immer mit Verweis, wie historisch abgesichert oder nicht sie waren), verband all das immer wieder mit der Geschichte des Friedhofs selbst. Hier hat er auf seiner Website die gestrigen Eckpunkte zusammengefasst.

Wir bekamen sehr viele Details, alle spannend und interessant erzählt. Gemerkt habe ich mir: Alle Einflussreichen in München waren irgendwie miteinander verwandt (auch beruflich: der eine lieferte Baumaterial, der andere war Architekt, der dritte hatte den Baugrund). Und in München galt schon immer: Wer drin ist, ist drin. Zudem kenne ich jetzt den Ursprung der ewigen Wahrheiten: „Wer ko, der ko“ sowie „Nix g’wieß woaß ma net.“ Von einem Grabstein habe ich mein neues Berufsziel „Münchner Original“.

Es wurde sehr klar, mit welcher Leidenschaft und Akribie Florian Scheungraber die Hintergründe des Friedhofs und seiner Bestatteten recherchiert. Immer wieder verwies er auf neueste Entdeckungen, wog ab gegen vorher Recherchiertes, das dazu im Konflikt stand oder es ergänzte und bestätigte. Zum Beispiel hatte er eben die Lage und den Hintergrund des Grabs eines Vorfahren einer Dame in unserer Gruppe herausgefunden (auf ihre Bitte), bei dieser Gelegenheit, dass ein weiterer ihrer Vorfahren auf dem Alten Südfriedhof liegt. Unterm Arm hatte Scheungraber einen dicken Ordner, gefüllt mit Bildern und anderem Material, die seine Ausführungen illustrierten. Und nie klang er bei aller Begeisterung für die Details vergangener Zeiten nach Früherwarallesbesser – was ich bei Heimatkundlern ein wenig zu fürchten gelernt habe -, ganz im Gegenteil.

Zwischendurch lernte ich unter anderem, dass dieser Friedhof, der heute zentralstes München ist, im 16. Jahrhundert ganz explizit vor den Stadttoren und ganz weit draußen gegründet wurde. Oder dass die freien Wiesenflächen zwischen den Grabsteinen durch den Bombenangriff im Oktober 1943 entstanden. Sie sind weiterhin Grabstätten, nur halt ohne Steine, weswegen es auch nicht so gern gesehen wird, wenn Leute dort picknicken. Aus seiner beruflichen Tätigkeit erzählte Florian Scheungraber, wie er mit einem Kollegen regelmäßig die Standsicherheit der Grabsteine prüft (was im April 2004 zur Sperrung des Friedhofs führte: Nach einer Entfernung von Efeu im Herbst 2003 waren die Steine über den Winter wacklig geworden – der Efeu hatte sie zusammengehalten, in die entstandenen Lücken war Wasser eingedrungen und hatte Frostschäden verursacht). Als Steinmetz konnte er zudem Auskunft zum Material der Grabmäler geben: Die alten Steine, die am schlimmsten korrodiert aussehen, bestehen demnach aus sogenanntem Rosenheimer Granit – war bei seiner Entdeckung im 19. Jahrhundert wegen bläulicher Einschlüsse sehr angesagt, eignet sich aber überhaupt nicht für Einsatz unter freiem Himmel.

Nach der Führung sehe ich schon jetzt meinen liebsten Nachbarschaftsfriedhof mit anderen Augen – und verstehe auch das Verbot von Fahrradfahren und Hunden besser: Florian Scheungraber erzählte zu beidem unangenehme Vorfälle. Und so sprach er auch während unserem Spaziergang Radler und Hundebesitzer an; bemerkenswert war die Unverschämtheit, mit der die Angesprochenen reagierten – auch wenn sie nicht wissen konnten, dass Scheungraber sie von Berufs wegen zur Räson rief.

Mal sehen, wie viele weitere dieser Führungen ich erwische. Ganz abgesehen davon, dass ich jetzt von Spezialführungen zu den Themen Typografie, Botanik, kunsthistorische Entwicklung der Grabmäler träume.

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Die Kastanien vorm Balkon geben Pfötchen.

Morgens war ich durch diesen weiteren Frühsommertag (auf dem Friedhof hatte ich unter den noch laublosen Bäumen Sonnenbrand befürchtet) zum Schwimmen ins Olympiabad geradelt. Ich hatte eigens einen Umweg gemacht (die Bauarbeiten um den Hauptbahnhof zwingen weiterhin zu immer neuer Routenplanung), um nach den Kirschblüten in der Agnesstraße zu sehen: Zu meiner Überraschung waren sie noch nicht so weit.

Dafür sah der neu hergerichtete Josephsplatz prächtig aus:

Schwimmen war nur mittelvergnüglich: Mein eingeklemmter Nackennerv bewirkte, dass mir das kontinuierliche Kopfheben beim Kraulen (für optimales Atmen zur Seite) Schmerzen verursachte. Ich biss die Zähne zusammen und hielt durch, weil ich mir nicht die (ohnehin etwas gereizte) Laune dadurch versauen wollte, dass ich meine drei Kilometer nicht schaffte.

Abends (der Himmel war mittlerweile zugezogen) wurde es sehr lukullisch. Herr Kaltmamsell servierte Udon-Suppe und Tintenfischsalat, ich hatte Mohn-Käse-Streuselkuchen nach Grain de sel gebacken.

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Da schau her: Die neue Rechte möchte Latein sprechen. Lateinprofessorin Mary Beard nimmt sich die Fehlverwendung vor:
„The Latin Right“.

Rule number one is always, don’t quote Latin if you don’t know it!

(Haken ist natürlich, dass die entsprechenden Herren von ihrem Vollcheckertum überzeugt sind.)

Als Beispiel wollte ich anführen, dass ich mal jemanden kannte, der „divide et impera“ oft und immer im Sinn „einen Job aufteilen, um ihn besser bearbeitbar zu machen“ verwendete. Doch nun höre ich von Herrn Kaltmamsell, dass „divide and conquer“ in der Informatik genau in diesem Sinn Standard ist. Gehört dann wohl doch zu den populären Uminterpretationen, die sich festgesetzt haben (siehe „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ et al.).

die Kaltmamsell

7 mal Beifall zu “Journal Samstag, 1. April 2017 – Führung durch den Alten Südfriedhof (Mittlerer Weg)”

  1. Anke meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Sabine meint:

    Da möchte ich doch gleich freundlich herüberbitten zu meinem (nur halb öffentlichen) Facebook-Artikel zu einer der beeindruckendsten Persönlichkeiten, die am Alten Südfriedhof begraben liegen: Ellen Ammann. Sie liegt nicht am Mittelweg, also wird sie kaum vorgekommen sein.

    Man hört ja, die neue Rechte zitiere auch Jane Austen. Pff. Mehr Ellen Ammanns braucht die Welt.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für den Hinweis (mal wieder), Sabine!
    Florian Scheugraber verweist auf seiner Website auf einen Kalender „Vergessene Münchnerinnen – Spaziergang auf dem Alten Südlichen Friedhof“, der unter anderem Ellen Ammann portraitiert; seine Führungen scheinen nicht an ihrem Grabmal vorbeizukommen – müsste der neue Teil im Süden sein, richtig?

  4. Sabine meint:

    Ja, auf der östlichen Seite des Südteils in einem der zur Mittelachse parallelen Gänge, da wiederum auf der westliche Seite. Ich habe eine Erwähnung durch Scheungraber gefunden, da geht es aber um ihre Gründung der Bahnhofsmission. Ammann hat ein unglaublich aktives Leben geführt – Gründerin der Bahnhofsmission und einer Schule für Soziale Arbeit gründen, Krankenschwester, streitbares Landtagsmitglied, katholischer Frauenbund, eine der ganz, ganz wenigen erfolgreichen Nazibekämpferinnen, Mutter einer Schar Kinder und dazu noch eine wohl sehr romantische Liebesgeschichte mit ihrem Mann. Es ist ein Skandal, dass sie kaum einer kennt. Ich kannte sie auch nicht, bis die SZ mal einen guten Artikel über sie brachte (ist noch zu finden)

    Meine Hitlerputsch-Stunden haben jetzt immer einen deutlichen Ellen-Ammann-Schwerpunkt. Klarsichtige, besonnene, gut vernetzte und professionell agierende PolitikerInnen als Vorbild braucht es ja mehr denn je.

  5. Thea meint:

    ich empfehle Rückenschwimmen.

  6. Bernd Lehmann meint:

    Südfriedhof:
    Nicht zu vergessen die Königliche Eisenbahnerkondukteurswitwe und der erste evangelische, dem in München Bürgerrechte erteilt wurde.
    Jahrelang morgens und abends zwischen Wohnung und U-Bahn über den Friedhof gegangen.
    Einmal dabei eingeschlossen wurde und über das Tor geklettert.

  7. philine meint:

    Agnesstrasse: zum Wochenende 8./9.4 dürften die Kirschbäume in der Agnesstrasse in Blüte stehen. Sie schlagen gewaltig aus.

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