Journal Dienstag, 18. Juli 2017 – Sichtbarkeit oder sexuelle Attraktivität alternder Frauen

Mittwoch, 19. Juli 2017 um 7:32

Wunderbare Morgendüfte. Dennoch ein Tag, an dem mir keine angenehme Erinnerung einfallen wollte. Sogar meine Happy Places, an die ich zum Einschlafen gehe, schnitten mir verächtliche Fratzen.

Zum Frühsport wieder das neue Langhanteltraining, diesmal mit erhöhten Gewichten – immer noch nicht genug, der entsprechende Muskel war nicht ermüdet. Vielleicht schummle ich ja bei den Übungen ohne es zu merken und müsste eigentlich nur sauberer arbeiten.

Auf dem Heimweg von der Arbeit Obsteinkauf für den freien Mittwoch (ich nahm mir frei, um endlich mal wieder im Kartoffelkombinat mithelfen zu können). Herr Kaltmamsell war aushäusig und hatte mir zum Nachtmahl köstlichen Graupensalat mit gebratenen Auberginenwürfeln, Tomaten und Feta hinterlassen, an dem ich mich mit Ansage überfraß.

Margaret Atwoods The Heart Goes Last ausgelesen – oyoyoy, am besten schnell wieder vergessen (Details nach Leserunde, vorab: Lesen Sie besser ein anderes von ihr).

§

Mein Internet diskutiert den Wunsch von alternden Frauen nach Sichtbarkeit, angestoßen durch diese Meinungsäußerung von Diana Weis im Zeit Magazin:
„Botox
Eine glatte Lüge“.

Hier zum Beispiel Journelles Antwort:
„Sichtbarkeit einfordern“.

Wie so oft bei diesem Thema stolpere ich über die Prämisse: Ich warte nämlich seit 20 Jahren vergeblich darauf, dass mich endlich die Unsichtbarkeit umfängt, die sich Frauen angeblich beim Altern zuziehen.

Mit Mitte Dreißig stehen Frauen im Zenit ihrer sexuellen Anziehungskraft. Ein paar Jahre später interessiert sich keiner mehr dafür, ob sie auf einer Party den Raum durchschreiten oder nicht.

Und zwar warte ich auf genau diese Unsichtbarkeit angeblicher sexueller Anziehungskraft. Offensichtlich geht die Welt davon aus, dass sich jede, jede Frau danach sehnt. Das Streben danach wird als Motivation für praktisch alles vorausgesetzt, was Frauen tun. Das ist die Prämisse, mit der ich als heterosexuelle Frau seit meiner Pubertät hadere.

Sie fragen sich: Wo bleibt das Natürliche, das Allgemein-Menschliche? Die Würde des Alters, die Wertschätzung eines gelebten Lebens? Nun, das sind edle Gedanken, nur helfen sie wenig, wenn man an einer überfüllten Theke einen Drink bestellen möchte. Ein straffes Gesicht sichert Aufmerksamkeit. Altersanzeichen wirken bei Frauen wie eine unfreiwillig getragene Tarnkappe.

Ja wenn’s doch so wäre! Ich weiß um die Gefahr, eigenes Erleben als repräsentativ anzusehen – aber zum einen tut die Autorin des Artikels offensichtlich genau das, zum anderen halte ich mich nun wirklich für durchschnittlich genug, dass meine Erfahrungen nicht einzigartig sein können. Auch mit 50 bekomme ich an einer überfüllten Theke meinen Drink ebenso wie mit 25 – und zwar nicht, weil ich dem Herrn dahinter meinen inzwischen faltigen Ausschnitt über seine vorgeschnittenen Zitronen halte, sondern weil ich aufmerksam, höflich und freundlich bin – genauso wie mit 25. Sehr wahrscheinlich aber frequentiere ich ganz andere Etablissements als die Autorin.

Mich hat bereits als junges Mädchen gestört, dass ich keinen schön schwingenden Rock tragen konnte, ohne dass er als Haschen nach männlicher Aufmerksamkeit angesehen wurde. Schon damals hatten für mich Unbefangenheit und Umgang mit einem interessanten Menschen höhere Priorität als ein mögliches Techtelmechtel, zog ich kein Selbstwertgefühl aus sexueller Bewunderung – im Gegenteil: Wenn ich sie überhaupt bemerkte, machte sie mich befangen und unsicher.
(Ein Ergebnis war regelmäßig, dass mir auf geselligen Veranstaltungen der interessante Gesprächspartner abhanden kam, weil er das Angeflirtetwerden einer anderen Frau spannenden Diskussion vorzog, selbst wenn sie sich um spanische Philosophen des Siglo de Oro drehten oder um die Zukunft der europäischen Landwirtschaft – völlig unverständlich. Vielleicht war schon immer mein Problem, dass mich potenzieller Sex mit den Herren weniger interessierte als die Mehrheit der Frauen?)

Dass all mein Tun in erster Linie als Werben ums Attraktivsein für Männer interpretiert wurde, schränkte mich ein. Ich war ausgesprochen genervt,

  • dass ich den klugen Kommilitonen im Seminar nicht einfach ansprechen konnte und um eine Fortsetzung der Diskussion über einem Bier bitten.
  • dass ich den witzigen Arbeitskollegen nicht zum Essen einladen konnte.
  • dass ich den jungen verwurschtelten Bedienerich mit schönem Hund nicht von Herzen anlächeln konnte.
  • dass ich den jungen Mitschwimmer mit langem Bart nicht ausfragen konnte.
  • dass ich männliche Praktikanten nicht so intensiv betüdeln konnte, wie ich es gerne hätte.

Weil ich eine Fehlinterpretation fürchten musste. Und wenn ich sowas dann doch tue, in der Hoffnung, außerhalb des Attraktivitätsheischsystems zu stehen, merke ich leider bis heute an der Art der verlegenen Reaktion, dass meine Geste weiterhin in erster Linie aus der Balzperspektive wahrgenommen wird.

Was sicher stimmt: An Männer und Frauen werden verschiedene Maßstäbe zur Einordnung ihres Werts angelegt, das ist ein wirkliches strukturelles Problem. Doch vieles weist darauf hin, dass die Autorin eher ein psychologisches hat.

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war?

Das ist die wirkliche Frage? Wer dem zustimmt, der kann ich nur empfehlen, tatsächlich Botox anzuwenden und was die chemische Industrie sonst noch so ausspuckt, um sich ein wenig Frieden mit sich selbst zu erkaufen.

§

Wissen’S, ich hab doch gar nichts gegen den Newsletter an sich. Als zum Beispiel @SammyKuffour twitterte, Gerhard Polt habe jetzt eine richtige offizielle Website – da haben Sie gar nicht so schnell schaun können, wie ich den Newsletter abonniert habe.

(Nebeneffekte der Polt-Sozialisation von Kindesbeinen an: Beim Datenbankpflegen keinen Herrn Gschwendner eingeben können, ohne Gisela Schneeberger mit „Herr, äh, Geschwendner“ im Ohr zu haben.)

die Kaltmamsell

12 mal Beifall zu “Journal Dienstag, 18. Juli 2017 – Sichtbarkeit oder sexuelle Attraktivität alternder Frauen”

  1. Brigitte Novacek meint:

    Gerne gelesen.
    Die Unsichtbarkeit äußert sich bei mir darin, dass ich ab ca. 35 Jahren nicht mehr angepöbelt bzw. belästigt worden bin. Ich liebe es!

  2. Anonyma meint:

    Danke für den Beitrag! Mich hat an dem Botoxartikel auch gestört, dass männliche Aufmerksamkeit als maßgebendes Handlungsmotiv genannt wurde.

    Ich kommentiere auch deswegen anonym, weil ich jetzt mal gestehe, dass ich seit 2 Jahren auch Botox verwende. Ich schließe nicht aus, dass ich mich zum Teil auch selbst bescheiße (eine gewisse gesellschaftliche Prägung lässt sich auch nie wegdiskutieren) aber meine Beweggründe hatten direkt mit der Männerwelt und mit Werben um Aufmerksamkeit gar nichts zu tun. Im Gegenteil, mein Mann findet es total bescheuert, dass ich das machen lasse. Warum lasse ich mir also ein Nervengift in die Stirn injizieren?

    Nun, ich hatte mich mit 32 mit Hilfe von Therapie aus einer mehrjährigen Depression gezogen. Funktioniert hatte ich während dieser Zeit immer. Aber es hatte Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Diese tiefe Furche zwischen den Augenbrauen in einem ansonsten noch komplett glatten und faltenfreien Gesicht – das war einfach nicht ich. Also dachte ich mir, ich probier es einfach mal aus. Denn das Botox baut sich ja mit der Zeit wieder ab, wenn man es also blöd findet, belässt man es bei einem Mal. Es ist also reversibel.

    Tja, ich war total begeistert. Furche war weg, mein Botoxeur kennt das richtige Maß, so dass bei mir von einer Maskenoptik keine Spur war, meine Spannungskopfschmerzen waren weg. Bei mir hat auch die Laune davon profitiert, denn wenn man nicht mehr dauerböse gucken kann erhellt sich davon auch das Gemüt (klingt schräg, ist aber so). Ich fühlte mich wieder mehr wie ich. Seitdem lasse ich das ca. 2 Mal pro Jahr machen. Einen Unterschied in der Wirkung auf die Umwelt konnte ich nur dahingehend feststellen, dass ich nicht mehr als so abschreckend wahrgenommen werde (ich habe selbst mit Botox immer noch von Natur aus ein ziemlichen Fall von resting bitch face ;-)) und Menschen mir gegenüber etwas aufgeschlossener erscheinen. Beim Flirtverhalten jedoch konnte ich keinen Unterschied feststellen. Direkt gemerkt hat übrigens auch keiner was, die Falte verschwindet ja graduell und nicht auf einen Schlag. Und eine ganz feine Linie bleibt auch (das ist auch ok so, grade deswegen sieht es natürlich aus).

    Von daher bleibe ich bei der Aussage, dass ich das für mich gemacht habe, nicht um vermeintlicher Unsichtbarkeit zu begegnen. Denn mit Unsichtbarkeit habe ich aufgrund meines Berufs sowieso kein Problem, und die Männerwelt an sich brauche ich auch nicht zu beeindrucken weil ich mir schon vor 10 Jahren einen tollen Ehemann an Land gezogen habe.

    So, jetzt warte ich darauf verbal zerfleischt zu werden :-D

    (Übrigens sei hier angemerkt, dass Botox in der Medizin schon seit Jahrzehnten bei Spastiken angewendet wird. Es ist also ein erprobtes Mittel und die Risiken sind sehr gering).

  3. Thea meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  4. berit meint:

    Ich finde es ja interessant woher die Frau Journelle wissen will, warum andere Frauen sich so benehmen, wie sie es tun. Ich persönlich halte mich fit, weil ich sonst Rückenschmerzen habe und gerne eben stark bin, statt schwach, schließlich hat es diverse Vorteile im Leben wenn man dies selbsttändig durchführen kann und nicht ständig um HIlfe bitten muss.

    Und ob sich jetzt jemand Botox spritzt, oder die Nägel rosa lackiert oder ein schickes Kleidungsteil trägt – was geht mich das an? Macht das diejenige dann automatisch zu einer schlechten Frau? Ich kann Feministin sein, selbstbewusst und stark und mich feminin kleiden, dekorieren etc.

  5. Pamela meint:

    Ich finde es sehr schade, dass die scharfzüngige Dame als erstrebenswertes Modell für die zweite Lebenshälfte von Frauen so vollständig vom Radar unseres Milieus verschwunden ist. So gern würde ich eine stets tipptopp gekleidete, frisierte und geschminkte Dame sein und meine Umgebung mit starken Meinungen, fallweise hundsordinären Sprüchen, lautem Lachen und entspanntem Geldbörsl beeindrucken.

  6. Norman meint:

    Vielleicht schummle ich ja bei den Übungen ohne es zu merken und müsste eigentlich nur sauberer arbeiten.
    Da ist sie wieder, die Selbstverdächtigung.

  7. MissJanet meint:

    Ooooch, ich genieße es total, nun für (die) Männer (die mich eh nie interessiert haben) nicht mehr sexuell anziehend zu wirken. Ich bin ja schon so ewig nicht frei, nicht interessiert und von jeher total genervt, ich hab nämlich Körbchengröße DD: „Geht mir nicht auf den Geist, das ist keine Einladung!“

  8. MissJanet meint:

    Anonyma: das ist doch Ihre freie Entscheidung, warum sollte da jemand etwas dagegen sagen, Sie sogar verbal zerfleischen? Ich habe diese Depressionsfalte auch, hab sie mir aber erst mit 50 eingehandelt, sie passt zum Rest, außerdem habe ich unbegründete Ängste, wenn es um Spritzen geht. Ich kann Ihre Argumentation gut nachvollziehen, aber auch wenn nicht – für Sie ist es richtig, das ist doch schön.

  9. Susann meint:

    Anonyma: Recht haben Sie, machen Sie, was für Sie passt und Ihnen gut tut!

  10. Hauptschulblues meint:

    Ich fand abgesehen vom Botox-Artikel das ganze Magazin dämlich.
    Mich nerven auch die ständigen Modehefte von Zeit- und SZ-Magazin.

    Ja, auch ich als Mann konnte Referendarinnen nicht einfach auf ein Bier einladen oder mal in eine Kunstausstellung, die zum Thema gepasst hätte. Ich hab da immer höllisch aufgepasst und differenziert und es ist schade, dass so viel in unserem Leben sexbesetzt ist.

  11. Micha meint:

    *Wir Frauen müssen unsere Fuckability bis ins hohe Alter steigern – wir wollen doch nachher nicht einfach als nette Oma enden* – karikierte so ähnlich Caroline Kebekus.
    Mein Eindruck bleibt, dass viele Frauen sich (leider) zu sehr über ihr Äußeres definieren – und das liegt nicht zwangsläufig am männlichen Gegenüber.

  12. Anonyma meint:

    „Mein Eindruck bleibt, dass viele Frauen sich (leider) zu sehr über ihr Äußeres definieren – und das liegt nicht zwangsläufig am männlichen Gegenüber.“

    Absolut richtig, das trifft auf mich auch zu, das sage ich frei heraus – sonst hätte mich die Furche schließlich auch nicht so sehr gestört.

    Es kommt halt leider nicht von ungefähr, dass Frauen sich oft zu sehr über ihr Äußeres definieren, das wird uns schlichtweg seit frühgester Kindheit eingebläut. Ich weiß sehr wohl, dass das auch bei mir eine gesellschaftliche Prägung ist und dass mir das eigentlich total egal sein könnte (weil schon glücklich verheiratet, dem Mann die Furche egal, beruflich schon jetzt erfolgreich und bedingt durch die Position zwangsweise im eigenen Umfeld „sichtbar“. ) Aber man kann solche Denkmuster und Prägungen nicht eben mal so einfach ablegen, und da ich selber zu sehr damit beschäftigt war, andere schädliche Denkmuster abzulegen habe ich in der Frage einfach mal kapituliert und weigere mich auch, jetzt deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben oder mich als schlechte Feministin zu fühlen.

    Ich finde es auch in solche Fragen sehr wichtig, zwischen einem für Frauen nachteiligen gesellschaftlichen Klima und einer individuellen Entscheidung zu differenzieren. Sprich, ich finde es total ok generell zu kritisieren, dass es einen Markt für Brustvergrößerungen, Botox oder auch Prostitution gibt – aber ich finde es nicht ok eine Frau für ihre Entscheidung zu kritisieren, die sich Botox spritzt, die Brüste vergrößern lässt oder Sexworkerin ist. Wir leben halt nunmal nicht im Vakuum, und sich von Randbedingungen nicht mibestimmen zu lassen ist sehr schwer, und nicht jeder ist Superwoman und das muss auch ok sein. Wie jede Frau für sich durch das Minenfeld navigiert ist eine persönliche Entscheidung.

    Von daher setzt die Kritik für mich auch in der Botoxdiskussion falsch an. Es hilft nix, mit dem verbalen Holzhammer auf die ach so blöden Frauen einzudreschen, die das machen lassen. Vielmehr müssen wir uns fragen, was Mädchen vorgelebt wird, müssten schon viel mehr z.B. die Spielzeug und/oder Modeindustrie kritisieren und alle die (nicht immer leicht zu fassenden) Strukturen, die diese Denkweise dass eine Frau in erster Linie hübsch zu sein hat bekämpfen.

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