Journal Freitag, 6. Oktober 2017 – Böse erkältet, aber mit schönen Füßen

Samstag, 7. Oktober 2017 um 8:35

Nach Langem mal wieder so heftig erkältet, dass ich nichts rieche oder schmecke. Nach sehr unruhiger Nacht tat der ganze Körper weh, vor allem schmerzten die Nebenhöhlen und die Bronchien.

Aber in der Arbeit ging’s. Mitleid von den Kolleginnen gab’s allerdings kaum: „Sieht man dir gar nicht an.“ Ich hätte mich nicht schminken sollen.

Außerdem hatte ich nach Feierabend endlich einen Pediküre-Termin, der meine zerwanderten Füße richten sollte. Ich war in die Arbeit geradelt, um besser zu diesem Termin zu kommen, doch es goss wie aus Kübeln: Ich musste zu Fuß gehen und kam trotz Schirm nass bis zu den Knien an. Diese neue Fußpflegerin besah meine Zehen vor allem medizinisch und gab gleich mal Tipps für Pflege und Schuhe, die zu meinen vielen Fußmärschen passen.

Daheim wollte ich aber endlich krank sein dürfen. Ich erhitzte restliche Hühnerbrühe (Herr Kaltmamsell war aushäusig) und machte mir ein Marmeladenbrot mit Sandwich-Toast – auch das schmeckte ich zwar kaum, aber ich liebe die Textur dieses Brots mit dem Gegensatz der kalten Butter. Früh zu Bett nach einem Gläschen Erkältungslikör – allerdings etwas später als geplant, weil ich an der Graham Norton-Show mit Ryan Gosling und Harrison Ford hängen blieb – Ford geriert sich konsequent als schlecht gelaunter Tattergreis und ist hinreißend (schon in Blade Runner 2049 fiel mir auf, dass er auf seine alten Tage tatsächlich noch Schauspielern gelernt hat).

Im Bett nochmal in Jürgen Roth, Thomas Roth, Kritik der Vögel gelesen, aber nach 50 Seiten abgebrochen: Werde ich nicht zu Ende lesen. Die Grundidee finde ich charmant, doch sie reicht nicht, mein Interesse ein paar hundert Seiten zu halten.

§

Die Niederländerin Noa Jansma wird wie so viele Frauen auf der Straße ständig von Männern angemacht. Einen Monat lang machte sie Selfies mit diesen Männern.
„Diese Frau macht Selfies mit Männern, die sie plump auf der Straße anmachen“.

Sehen Sie sich die Bilder an. Ich finde sie großartig, denn: Nein, die Anmache ist kein Kompliment, sie ist eine Machtgeste – die davon lebt, dass das Opfer nichts dagegen machen kann, sie immer und immer wieder über sich ergehen lassen muss. Ich kann sehr gut Noas Bedürfnis verstehen, sich irgendwie zu wehren.

Die Bilder sind für mich auch wunderbares Anschauungsmaterial dafür, dass diese Belästigungen nicht dadurch einzudämmen sind, dass Frauen sich verändern und schützen (wir sind uns hoffentlich einig, dass Hausarrest keine Option ist). Sondern dass Männer dazu gebracht werden müssen, Frauen nicht zu belästigen. Denn keiner der Männer geht davon aus, durch seine Anmache für die Frau attraktiv zu werden; er will einfach nur in ihr Leben eindringen, sie zwingen, ihn zu wahrzunehmen und auf ihn zu reagieren. Das SZ-Magazin hat Noa Jansma interviewt, und genau das ist ihre Erklärung:

Diese Männer sehen mich bloß als etwas, mit dem sie schlafen möchten. Sie sind sich in diesen Situationen bewusst, dass es niemals dazu kommen wird. Und genau das ist es. Sie spielen mit uns. Das gibt mir das Gefühl, kein Mensch, sondern bloß ein Sexobjekt zu sein.

die Kaltmamsell

6 mal Beifall zu “Journal Freitag, 6. Oktober 2017 – Böse erkältet, aber mit schönen Füßen”

  1. berit meint:

    Bor bei den Catcallers schüttelt es mich richtig und ich bin sehr froh, dass das ausnahmsweise mal etwas ist, das nicht Teil meiner Realität ist. Wie kann ein Mann darauf kommen, dass solch ein Verhalten in irgendeiner Art und Weise positiv wahrgenommen wird und nicht sofort alle Alarmglocken auf „VORSICHT POTENTIELLER VERGEWALTIGER“ schrillen?

  2. Micha meint:

    Gute Besserung – hoffentlich werden Sie die Erkältung bald wieder los!

    Und zu Noa Jansmas Erlebnissen (= intolerabler Spießroutenlauf) fällt mir auf, dass sich urbanes Leben und Landleben wohl doch zunehmend unterscheiden: derartiges Verhalten ist in der französischen campagne schlicht große Ausnahme. Aber eigentlich ein guter Denkanstoß, um eine Debatte zu unseren Werten (besser unserem Lebensstil) neu ins Rollen zu bringen. Wie gehen Sittlichkeit und sexuelle Freizügigkeit zusammen? Vermutlich ruft eine offene Gesellschaft nicht wieder nach strengeren Sittengesetzen, aber beruht eine wünschenswerte Schicklichkeit lediglich auf Freiwilligkeit? Sind solche Auswüchse im öffentlichen Miteinander der Geschlechter Begleiterscheinungen der freien Sexualität? Wie sieht es im Allgemeinen mit dem respektvollen Umgang miteinander und innerhalb unserer Gesellschaft aus? Kurz, wo setzt man den Hebel an, wenn es an Grundsätzlichem mangelt – den guten Manieren?

  3. MissJanet meint:

    Ich weiß nicht, ob ich persönlich den Vorgang mit „schlechten Manieren“ beschreiben möchte, das kommt mir zu wenig vor. Für den Augenblick zwischen „Er reicht einen Spruch, macht ein Geräusch oder starrt dich an“ bis „Situation ist beendet weil du oder er weggeht“ gibt es ja einen deutlichen Machtanspruch des Mannes. Er stielt dir zunächst einmal deine Zeit, stört deine Ruhe. Gleichzeitig macht er dich dafür verantwortlich, dass er dich fickbar findet, auch damit musst du dich auseinandersetzen. Und er will dann auch noch eine Reaktion, die ihm zeigt, dass du ihn als Mann wahrnimmst. Kommt die nicht, oder bist du genervt, dann kann er dich ja auch beleidigen oder dir den Status „fickbar“ entziehen – als hättest du Ihm ein Angebot gemacht und dann ein Abkommen gebrochen.
    Ich finde das ziemlich viel Übergriff und Dreistigkeit auf einmal. Schlechte Manieren ist mehr so „er hält ihr die Tür nicht auf“ für mich.

  4. Lola meint:

    Liebe Kaltmamsell –
    ich wuensche eine schnelle und gute Besserung, bin aber neugierig: Was ist dem Erkältungslikör? Herzliche Gruesse aus Kalifornien.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Mein Erkältungslikör ist Wick Medinait, Lola.

    Freizügigkeit beruht ja wie überhaupt eine freiheitliche Gesellschaft auf dem Respekt vor der Freiheit anderer, Micha, auf Selbstbestimmung und Respekt. Sexuelle Freizügigkeit muss auf Konsens zwischen den Partnern basieren, das gebieten Sittlichkeit und Anstand, so ist sie auch rechtlich verankert. Nichts davon respektieren oder auch nur akzeptieren die Männer, die auf der Straße Frauen anmachen.

  6. Norman meint:

    „Sexuelle Belästigung: Na, Süßer? | ZEIT Arbeit“

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