Essen & Trinken

Abschließendes Englisches 2010

Mittwoch, 1. September 2010

Hier abschließend eine Zusammenfassungen von Trends, die ich während meines letzten Englandaufenthalts zu beobachten glaubte:

Futter

Sie waren uns bei vegetarischem Essen voraus, sie erkannten erheblich früher die Vorteile von Produkten regionaler Herkunft – mal sehen, wann es dieser neueste Futtertrend aus England in der Breite nach Deutschland schafft: Raw Food.

Zum ersten Mal las ich das Stichwort zwar bei der heimischen Frau Coolcat, doch in den Biosupermärkten Brightons ist Raw Food bereits Mainstream – zumindest bei süßen Riegeln. Etwa ein Viertel der Regalfläche an Riegeln werden durch raw-Produkte belegt. Das machte mich neugierig, und ich nahm mir eine Auswahl an Riegeln der Firma Nakd mit. Auch wenn es mich immer zum Kichern bringt1, wenn eine Verpackung detaillierter auflistet, was alles nicht drin ist als den tatsächlichen Inhalt. Die Aufschrift versicherte mir also, kein einziger der Bestandteile des Riegels sei irgendwie gekocht. Ergebnis: Die Riegel schmecken deutlich anders als die Frucht-Nuss-Riegel, die ich aus dem Basitsch kenne, und durchaus nicht schlechter. Was sich allerdings nicht mit dem raw-Konzept verträgt, ist Kakao: Enthielt der Riegel Kakao, schmeckte er staubig.

Zudem: Ein Deli in der St. James Street informierte per Plakat, dass an drei Abenden die Woche Raw Food serviert werde, mit sehr anregenden Menübeispielen.

Auch wenn jede nähere Recherche über Raw Food lediglich zu einer weiteren Ernährungsreligion führt, die ewige Jugend, Gesundheit und Glückseligkeit verspricht, klingt das Konzept reinschmeckenswert. Böte mir in einem Restaurant ein Raw Food-Menü an, probierte ich es gerne.

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Mode

Seit zwei Jahren lese ich darüber, jetzt habe ich es erstmals auf der Straße gesehen, mehrfach: Grau gefärbte Haare an jungen Frauen. Gewählt wird ein sehr helles, einheitliches Grau zu helmartigem Haarschnitt, mit ein wenig dunklem Haaransatz.

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Blödsinn

Bei aller Anglophilie kritisiere ich doch Einiges an englischer Kultur. Bis heute sind Mischbatterien am Waschbecken unüblich – und ich kann bis heute keinen Vorteil darin entdecken, zwei meist extrem kurze Wasserhähne zu installieren, einen für kaltes, einen für warmes Wasser. Das machen die doch mit Absicht, um uns Europäer fern zu halten.

Zudem enthält das Englische einige unakzeptable Wörter. Seinerzeit hielt ich meiner Mitbewohnerin im walisischen Studentenwohnheim eine Birne entgegen und fragte, wie diese Frucht denn auf Englisch heiße (tja, ich kannte mich damals eher im Romanenglisch des 18. Jahrhunderts aus). Den Laut, den sie äußerte, konnte ich auch nach Wiederholung nicht reproduzieren und habe bis heute das Gefühl, mich wie ein Spielzeugteddy anzuhören, wenn ich „pear“ sage. Im Zug nach Glynde ging es mir ähnlich: Die Zugansage informierte an jedem Haltebahnhof, das Ziel dieses Zuges sei Ore. That’s not a word!

Anderer Blödsinn wiederum ist niegelnagelneu. Zum Beispiel Fußgängerampeln auf Warteseite. Bis letztes Jahr blickte ich wie in Deutschland auf eine Fußgängerampel auf Höhe der Autoampel und auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Nun haben sich die Brightoner diese Alternative hingebaut.

Die Verwirrung ist heillos. Zumindest bei mir.

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Und dann noch ein Verdacht: Möglicherweise ist der Anteil an Cricketfans unter der britischen Bevölkerung ähnlich niedrig wie der Anteil an Stierkampffans unter Spaniern.

  1. Eigentlich zum Augenrollen, aber ich versuche hier, so sympathisch wie möglich zu erscheinen. []

Bilder zu Rezepten, Rest des Wochenendes

Montag, 30. August 2010

Bei meinen Eltern ließ ich mich mit Selbstergarteltem verwöhnen. So gibt es jetzt ein Bild zum Rezept Pisto:

Frisch geerntete breite Bohnen, gute Kartoffeln, Olivenöl und Knoblauch ergeben eines meiner ewigen Lieblingsgerichte. Allein der Duft der kochenden Bohnen! Jetzt auch mit Bild.

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Der Sonntagmorgen erinnerte an Migräne, ganz von Ferne: Kopfweh, leichte Übelkeit, Schlafzwang, kein Ausgang möglich. Nun gut, dann buk ich den Zwetschgendatschi halt erst am späten Vormittag. Die Zwetschgen hatte ich am Vortag in meiner Geburtsstadt gekauft, im zum Haus meiner Eltern nächst gelegenen Supermarkt (die elterlichen Zwetschgen brauchen noch zwei Wochen Reifen). Es gab nur riesige ungarische, die nicht sehr reif wirkten, doch ich hatte mir für das Wochenende nunmal Zwetschgendatschibacken in den Kopf gesetzt. (Rührend: Vor dem Supermarkt verteilten echte MarxistenLeninisten Flugblätter – habe ich ja seit vielen Jahren nicht mehr erlebt.)

Der Datschi wurde ein rechter Murks: Die Zwetschgen waren zu wenig und sehr sauer, der Hefeteig viel zu dick, wenn auch für sich ok. Ich beschloss eine Umbenennung in Zwetschgen-Focaccia und gab dem Mitbewohner recht, der da sagte: „Sauer gibt es nicht. Es gibt nur zu wenig Zucker.“

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Nach Mittag war ich fit genug, doch noch an die Isar zum Laufen zu gehen und nahm eine U-Bahn nach Thalkirchen. Kurz vor Pullach wollte mich ein Regenguss nässen, doch das dichte Blätterdach fing ihn fast völlig auf.

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Abends Männer im Wasser im Kino ums Eck angesehen. Sehr niedlicher Film, gut gemacht unter Umgehung von Kitsch- und Konfliktausbreitung. Ich hätte ihn gerne auf Schwedisch gesehen, entdeckte leider kein Angebot in München. Es sollte viel mehr männliches Synchronschwimmen als Breitensport geben.

Barthelmarkt in Oberstimm

Sonntag, 29. August 2010

Seit über 20 Jahren verpasse ich den Barthelmarkt in Oberstimm: Jahr für Jahr wurde ich erst daran erinnert, wenn meine Eltern erzählten, dass sie am Wochenende davor auf selbigem gewesen waren. Das Besondere an diesem Markt mit Volksfest: die Pferde. An sich handelt es sich nämlich um einen Pferde- und Viehmarkt. In meiner Kindheit war ich ein paar Mal dort, immer eindringlich gewarnt, den netten Pferdehändlern bloß nicht die Hand zu geben, denn mit einem Handschlag werde ein Kauf besiegelt. Selbstverständlich übertrieben die Warner schon damals; die Ingol-urban legends um arglose Marktbesucher, möglichst von weit her, die auf diese Weise unvermutet in den Besitz eines Esels oder Maultiers gekommen seien, sind unzählig.

Dieses Jahr erinnerte mich meine Mutter rechtzeitig daran, dass am letzten Wochenende im August Barthelmarkt ist. Schon der orientierende Blick auf die Website machte mir klar, dass Pferde und Vieh mittlerweile eine verschwindende Rolle spielen, dass es sich heute in erster Linie um eine ganz normale Dult mit bierseligem Volksfest handelt, inklusive Trachtenverkleidung der Besucher. Ist ja auch nachvollziehbar: Auf dem Barthelmarkt wurden Arbeitstiere für die Landwirtschaft gehandelt, die Arbeit machen schon lange Maschinen. Und anderes Nutzvieh wird längst in großem Stil auf den großen Viehbörsen gehandelt. Um überhaupt noch einen Viehmarkt zu haben, so hieß es, locken die Veranstalter Händler mittlerweile mit Prämien.

Vierbeiner sahen wir also am Samstag nur wenige. Zumal, das hatte ich vergessen, der eigentliche Rossmarkt nur am Montagmorgen stattfindet. Ich musste mich mit Spuren zufrieden geben. Zum Beispiel mit Pferden in Wurstform.

Rosswürscht gehörten in meiner Kindheit fest zum Christkindlmarkt und zum Barthelmarkt. Nach einem sehr unglücklichen Ausflug in den Reitsport, zu dem ich achtjährig meine Eltern überredet hatte, aß ich sie noch viel lieber als ohnehin schon. Die gestrigen Würste waren allerdings recht fad. Für einen Test des zweiten Anbieters auf dem Markt reichte leider mein Hunger nicht. Denn, und das hatte ich bereits völlig vergessen: Eine traditionelle Speise auf den Volksfesten der Region ist Emmentalter Käse („Kas“, gesprochen mit einem breiten A wie in „na“ für nein). Man ordert ihn an den traditionellen Wurst- und Fischsemmelständen nach Gewicht (z.B. „a hoib Pfund“) und bekommt ihn dann frisch von einem riesigen Laib gesäbelt. Vor dem Einpacken in Wachspapier wird man gefragt: „Soitz un Pfeffa?“ Was man besser bejaht, denn der Käse selbst ist ausgesprochen mild, fast geschmacksneutral.

So einen Kas holten uns meine Eltern, damit und mit der zugehörigen Riesenbrezel setzten wir uns in eines der noch recht leeren Bierzelte und bestellten zwei Mass dazu.

Die erwähnten Fischsemmeln gibt es immer noch, und immer noch traditionell mit Hering oder Lachsersatz (wenn Sie sich gefragt haben, wo diese Speise Ihrer Kindheit abgeblieben ist: hier) und viel milder Zwiebel.

Weitere Viehspuren entdeckten wir an den beiden letzten verbliebenen Ständen, die auf dem Barthelmarkt Stallbedarf verkauften. Zum Beispiel Ausstattung für Viehtränken.

Dass wir den Aufmarsch zum samstäglichen Pferderennen verpasst hatten, sahen wir auf dem Rückweg an den Straßen Oberstimms.

Wo die Viehhaltung selbst wohl auch nur Vergangenheit ist.

Hier eine nette Reportage über den letztjährigen Viehmarkt aus der Lokalzeitung. (Mit dem Autor, damals „Fahnderl“ genannt, habe ich Abitur gemacht. Dessen Eltern mit meiner Mutter in der Katholischen Arbeiterjugend gewesen waren. Ja mei.)

Journal Brighton, Freitag, 20. August 2010

Sonntag, 22. August 2010

Den letzten Tag in Brighton verbrachten wir mit Gammeln. Erst mal im Bett, dann an Rechner und Buch, bevor wir zum besten Kaffee der Stadt spazierten.

Dort verabschiedete sich gerade eine große Gruppe sehr junger Leute aus anscheinend aller Herren Länder voneinander, und ein nicht so junger Mann bat den Begleiter, ein Foto von ihnen allen zu machen. Woraufhin ein Mädchen aus der Gruppe dem Begleiter auch ihre Kamera mit derselben Bitte hinhielt. Dann ein weiteres Mädchen. Dann noch eines – schließlich standen sechs Fotoapparate auf unserem Kaffeehaustischchen, die der Begleiter gewissenhaft nach und nach abarbeitete. Selbstverständlich fotografierte ich ihn dabei.

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Mittagessen nochmal im Food for Friends: Gestapelte Kräuterpolenta mit mediterranem Ragout, Schafskäse und Pistazienpesto für mich, der Begleiter hatte den Curry Platter.

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Dann Einkauf von Fudge, Bratwürsten (für das Samstagsabendessen in München) und englischem Käse in North Laine. Letzter Punkt von der Einkaufsliste: Backpulver (gibt es hier in praktischen und sehr billigen großen Dosen). Bei dieser Gelegenheit fotografierte ich das Zuckerregal, das mich schon einmal ob seiner Vielfalt hat in Tränen ausbrechen lassen. 2004 hatte ich 14 Zuckersorten aufgelistet, mittlerweile gibt es von den meisten eine zusätzliche Diversifizierung in organic und Fairtrade. Die künstlichen Süßungsmittel rechts oben sind natürlich nicht mitgezählt. (Bildmontage: Mitbewohner)

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Für den Abend hatten wir einen Tisch im Restaurant Graze reserviert. Wir waren zufällig daran vorbeigekommen und an der Speisenkarte mit einem hochinteressanten Tasting Menu samt begleitenden Weinen hängen geblieben. Wir aßen und tranken vorzüglich (Leitungswasser – „Brighton’s Finest“ – wurde uns, wie schon am Vorabend in The Meadow, ungefragt angeboten – München, lesen Sie das?):

Suppe aus weißen Zwiebeln und Mandeln (Fino Fernando de Castilla, Jerez)

Terrine aus gepökelter Schweinshaxe und Ente (Grauburgunder Villa Wolf, Pfalz)
Erbsen- und Holunderblütenmousse (Weißburgunder Rene Mure, Elsass)

Kräuter-Zitronen-Risotto (Sauvignon Touraine, Loire)

Krabbensalat mit Apfel-Ruccola-Vichyssoise und Kokosnussschaum (Riesling Tamar Ridge, Tasmanien)
Makrelen-Sashimi, Algen und Calamari-Tempura (Gewürztraminer Enate, Aragón)

Gewürzter Schweinebauch, Kartoffelpüree, Essigbirnen, knuspriges Schweineohr (Sangiovese Pikes, Clare Valley)
Geschmorte Rinderzunge und -backe, Petersilienpesto (Zinfandel Ravenswood, Sonoma)

Kalte Pfirsich-Safran-Suppe mit Joghurteis (Oloroso Fernando de Castilla, Jerez)

Schokoladen-Brownie, weißes Schokoladenmousse, Baleys-Eis (Muscat John Cambell, Rutherglen)

Alles war sehr gut, der Krabbensalat und der Schweinbauch für mich sogar echte Highlights. Auch unter den Weinen war eine Entdeckung: Der spanische Gewürztraminer von Enate. Er gehörte eigentlich zum Makrelen-Sashimi des Begleiters, doch den musste ich probieren – ein ganzes Rosenbouqet in der Nase und auf der Zunge.

Journal Brighton, Donnerstag, 19. August 2010

Freitag, 20. August 2010

Zu Regengeräuschen erwacht, die nach dem Fertigmachen zum Laufen bereits verstummt waren. Vorsichtshalber schlüpfte ich in meine Regenjacke und setzte eine Schirmmütze auf, die mir Regen von der Brille fern hält. Doch wieder blieb ich trocken – zumindest äußerlich, denn diese „Windbreaker“ genannten Regenjacken sind in Wirklichkeit Schwitzkästen.

Die Aussichten auf dem Undercliff Walk waren zauberhaft.

An der Brighton Marina gibt es einen riesigen Asda-Supermarkt. An einem der überdachten Einkaufswagen-Sammelplätze auf dem dortigen Parkplatz traf ich wieder auf fünf Stare: Sie lungerten – wie schon bei jedem vorherigen Passieren dieses Unterstandes am geschütztesten Punkt auf den Einkaufswagen herum. Sicher nicht der schlechteste Wohnplatz.

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Wir sahen uns ausgiebig in Hove um, das sich dann doch erheblich weiter nach Westen zieht, als ich vermutet hatte. Sehr später Morgenkaffee wurde der in einem französisch daherkommenden Café: Der dünnste Cappuccino meiner Kaffeelaufbahn. Wir stellten fest, dass Hove auf die klassischen Sommerurlauber ausgerichtet ist, mit billigen Speiseangeboten, möglichst vielen Sitzgelegenheiten draußen und Läden, die Strandutensilien verkaufen.

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Für den Weg ins Zentrum Brightons nahmen wir erstmals den Bus. Ich hakte bei Marks & Spencers den vorletzten Punkt meiner Einkaufsliste ab: Strümpfe. Sind hier hochwertig und sehr günstig.

Mittagessen zu spanischer Zeit gab es in einem indischen Lokal, das wir bereits seit unseren Anfangszeiten in Brighton besuchen: Bombay Aloo bietet vegetarisches Buffet für wenig Geld, das war seinerzeit eine sehr attraktive Kombination. Die Gerichte waren noch exakt die gleichen. Sie schmeckten gut, nach zahlreichen Erlebnissen in anderen indischen Restaurants aber nicht mehr so aufregend wie noch vor acht Jahren.

Gleich ums Eck wurde in einer umgewidmeten Kirche, die jetzt die Galerie Fabrica ist, Kunst ausgestellt: Den großen Raum füllte eine filigrane, riesige Konstruktion. Ich geriet in eine Umfrage. An sowas beteilige ich mich bereitwillig, da ich selbst regelmäßig Umfragen beauftrage und gestalte und deshalb neugierig bin, wie andere das machen. Am interessantesten war die Frage, in welchem Sektor ich berufstätig sei: Industrie oder verarbeitendes Gewerbe waren nicht unter den ankreuzelbaren Möglichkeiten – diese Zeiten sind in England wohl endgültig vorbei. Dabei gehörte ein Resultat dieser Vergangenheit zu den interessantesten Details der Galerie.

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Den Rest des Nachmittags verbrachten wir auf dem Palace Pier: Karussels und Leute ansehen, Aussichten genießen, Seeluft atmen, auf einer wind- und sonnengeschützen Bank sitzen und lesen (ich amüsiere mich derzeit mit Nick Hornbys The Complete Polysillabic Spree – The Diary of an Ocasionally Exasperated But Ever Hopeful Reader).

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Zu Abend aßen wir in Hove. Das Lokal, das wir uns eigentlich ausgesucht hatten, schloss bereits zweieinhalb Stunden vor der ausgehängten Zeit, also gingen wir schräg gegenüber in The Meadow. Das Restaurant konzentriert sich auf Einheimisches (die Monatskarte zählt alle Lieferanten im Kleingedruckten auf), und so aßen wir ganz hervorragend und frisch: Der Begleiter hatte „Pressed ham hock with capers & gherkins, homemade piccalilli“ zur Vorspeise, ich „English garden pea & feta crush with marjoram & lemon, cumin snap bread“ – wunderbar sommerlich. Als Hauptgang gab es für den Begleiter Ente mit Kartoffelpüree und Bohnen, für mich „Rye Bay Thornback Skate, brown shrimp, capers, sea purslane & local pak choi“, also Rochenflügel – ein ungemein userfreundlicher Fisch, dessen Fleisch sich von den ganz langen und dichten Gräten leicht abziehen lässt. Er schmeckte vorzüglich. Auf der Karte war auf englischer Wein aus Sussex angeboten, doch die freundliche und aufmerksame Bedienung („I know, I shouldn‘t say that.“) riet uns ab: Es gebe deutlich bessere auf der Karte. Wir einigten uns auf einen kastilischen Verdejo.

Journal Brighton, Mittwoch, 18. August 2010

Donnerstag, 19. August 2010

Nachdem ich am Vorabend die anderthalb Stunden Joggen plus vier Stunden Wanderung tatsächlich in Knochen und Muskeln gespürt hatte, gab ich mir für Mittwoch sportfrei. Statt dessen schlief ich aus (fast bis acht!) bloggte, las Internet und Buch – mit Blick aufs sonnenbeschienene Meer.

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Auf dem Weg zum Morgenkaffee im Red Roasters trieben wir uns wieder auf der Strandpromenade herum, einschließlich Besichtigung des Penny Arcade Museums. Der Begleiter hatte 1990 noch einige der musealen Amüsierautomaten in den Hallen des Palace Pier erlebt.

Junge Frauen, denen man durch Kurbeln (blätternde Fotos) bei ihren Badeproblemen zusehen kann – musste ich unbedingt machen.

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Nach Cappuccino an Buch ging es ans ernsthafte Einkaufen: Der Begleiter brauchte eine Jacke, die gingen wir suchen. Und kamen sogar mit zwei Jacken heraus. Der Begleiter kauft ähnlich ungern Kleidung wie ich, nur dass ich seit ein paar Jahren auf Bestellkataloge ausgewichen bin und sehr selten noch das klassische Bekleidungskaufen benötige. Mein Liebesdienst besteht also darin, den Begleiter entweder ein bis zwei Mal zu erinnern („Morgen könntest du dir doch eine neue Jeans kaufen!“) oder ihn zu begleiten. Ich marschiere voran in den einen oder anderen Laden (mehr als drei waren noch nie nötig), zupfe das eine oder andere Stück aus Regalen und von Ständern und heiße ihn anprobieren. Was passt und gut aussieht, wird gekauft. Diesmal muss ich den Herrn allerdings noch in München zum Schneider schleifen, auf dass dieser die Ärmel kürzt.

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Ausführliches Dim Sum-Essen zu Mittag. Der Begleiter hatte mal in der Bostoner Chinatown Dim Sum bekommen und schwärmt seither. Ein entsprechendes Angebot hatten wir am China Garden angeschlagen gesehen, selbstverständlich nur als Lunch. Und so bestellten wir

- kurz frittierte Dampfnudeln mit Dip aus süßer Kondensmilch

- gedämpfte Teigtaschen mit Jakobsmuschelfüllung

- Ochsenkutteln mit Chilli

- gebratene Teigtaschen mit Schweinefleischfüllung

- Spareribs

- Reis mit Hühnerfleisch in Lotusblatt gedämpft – mein Favorit, weil das Lotusblatt für ein wundervoll duftiges Aroma sorgte und der Reis klebrig-cremig war.

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Nach einem Stündchen Ausruhen im Apartment machten wir uns zur North Laine auf und durchstreiften sie gründlich: Meine Mutter hatte mir beim dortigen Schreiner eine Holzapplikation aufgetragen, die sie letztes Jahr gesehen zu haben glaubte (gab es nicht in genau dieser Ausfertigung, aber ich bekam eine Visitenkarte mit Website, auf der viele Varianten zu sehen sind.) Im gigantischen Antique-Laden Bric a Brac gibt es immer etwas zu sehen, und im Fudge-Laden kaufte ich so umfangreich ein, dass mir der Ladenbesitzer Rabatt gab.

Rumsitzen, Lesen und Biertrinken im Pub, bevor der Hunger fürs Abendessen reichte. Wir stillten ihn bei Wagamama – ich freute mich über die Extraportion Gemüse.

Für den Begleiter gegrillte Calamari, Raw Salad für mich.

Kokossuppe mit paniertem Tofu für mich, Hühnchen-Ramen für den Herrn.

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Moment. DAS HIER war Jamie Lee Curtis, die Frau mit dem zweitschönsten Busen nach einer früheren Regensburger Freundin, im Alter von 44 echt und unretouchiert? Ich bin fast 43 und schlagartig bereit anzunehmen, dass mein durchaus welker, gepolsteter und ältlicher Körper gar nicht so schlecht beisammen ist. Bitte, liebe Hollywoodschönheiten, bitte macht viel, viel öfter solche Aktionen!

Journal Brighton, Dienstag, 17. August 2010

Mittwoch, 18. August 2010

Bilder wieder am Ende des Textes.

Beruhigend: Brighton hat nicht vergessen, wie man regnet.

Am Morgen war der Himmel bedeckt, der Boden nass, die Luft kühl. Meine Laufrunde hinaus auf den Undercliff Walk überstand ich allerdings trocken.

Ich denke immer noch über Ankes wiederholte Fatshionista-Postings nach. Denn es stimmt ja: Sackartige Kleidung in Tarnfarben lässt keine Dicke dünner erscheinen. Möglicherweise erwartet die Gesellschaft von Dicken inklusive ihnen selbst eine Art Büßergewand: Wenn Dicke schon durch ihr reines Dasein eine Beleidigung darstellen, haben Sie sich zumindest dessen bewusst zu sein und bitteschön bis ins Mark dafür zu schämen. Was sie ja tatsächlich eh fast immer tun. Enge Kleidung, bunte und laute Kleidung, tiefe Ausschnitte, nackte Arme, und das auch noch mit fröhlicher Ausstrahlung – das bedeutet ja wohl, dass die Dicke sich nicht nur weigert, sich zu schämen, sondern sich am End keineswegs nichts sehnlicher wünscht, als dünn zu werden. Das rüttelt an einer der Grundfesten der Gesellschaft. (Sie sollten mein inneres boshaftes Grinsen sehen, wenn die dicke und schon immer sehr sportliche Kollegin von ihren Radtouren, früheren Reitausflügen und fast täglichen Joggingrunden am Morgen erzählt – und dem Gegenüber das Gesicht herunterfällt.)

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Wir beschlossen, dass ein grauer Tag genau das richtige Wanderwetter bietet. Morgencappuccino im Costa’s am Churchill Square, Sandwichs von Marks & Spencer’s zum Frühstück im Zug nach Glynde.

Der kleine Ort Glynde sieht urenglisch aus, verfügt über eine ungewöhnliche Kirche, das adlige Anwesen Glynde Place und zauberhafte Häuser. Nach einer ausführlichen Besichtigung machten wir uns auf eine kleine Wandertour über Hügel und durch Täler, vorbei an Kühen und Schafen, durch turnstiles und zwei Wäldchen. An einem sahen wir Fasane, erst ein paar Damen, dann einen unkoordiniert herumrennenden Herrn. Ob er wohl vergessen hatte, dass er fliegen kann? Nach etwa 30 Metern im Schweinsgalopp hielt er verdutzt an einem Weidezaun, um dann beizudrehen und daran entlang weiterzurennen.

Dann überlegte sich das Wetter doch, dass es bisschen regnen könnte. Es stieg ein mit dem, was der Begleiter und ich bei unserem durchregneten Brightonaufenthalt vor drei Jahren „Gischt“ nannten, einem ganz feinen Sprühregen mit ordentlich Wind. Macht eigentlich nichts, nur dass Brillenträger wie der Begleiter und ich schnell nichts mehr sehen.

Der Weg, den wir einem zehn Jahre alten Wanderbuch entnahmen, führte uns auch ausgeschildert quer über den Golfplatz von Lewes. Ich hatte Angst, dass mich jeden Moment ein Golfball treffen könnte, doch bei diesem Wetter begegneten wir nur einem einzigen aktiven Grüppchen, und dieses winkte uns freundlich vorbei. Am Rand des Golfplatzes legte ich eine Brombeerbrotzeit ein: Ich hatte im Vorbeigehen einige Brombeergestrüppe auf die Qualität ihrer Früchte getestet, und diese waren mit Abstand die besten – das nutzte ich aus.

Dafür, dass die South Downs immer mit sanft rollenden Hügeln gleichgesetzt werden, ging es ganz schön steil aufwärts und abwärts. Gegen Ende unserer Vier-Stunden-Wanderung (ich scheue mich eigentlich, so kurze Runden, die man auch noch problemlos mit festen Straßenschuhen gehen kann, Wanderung zu nennen) musste die Gischt allerdings echtem Regen weichen. Die Gischt hatte meine Jacke bereits so durchgefeuchtelt, dass die eingesteckte Regenjacke auch nichts mehr gebracht hätte. Die letzte Stunde marschierten wir also mit schlechter Sicht und konzentriertem Blick auf den Meter Boden vor unseren Füßen.

Vor dem Zug zurück nach Brighton war in Bahnhofsnähe noch Zeit für ein köstliches Half Pint Bitter im örtlichen Pub.

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Zurück in Brighton kauften wir beim im Vorjahr entdeckten Brighton Sausage Co. Bratwürste fürs Abendbrot: Klassische Cumberland, Lamm mit Knoblauch, Schwein mit Erbsen, Rind mit Meerrettich & Senf.

Auf dem Heimweg bogen wir zu einem ausführlichen Supermarktbesuch ab. Wieder stand ich weinend vor den 20 sehr verschiedenen Sorten Zucker, von denen es bei uns höchsten fünf gibt. Für das Abendessen packten wir Brot und Bier ein.

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Die Würste briet ich in der eisernen Grillpfanne: Sie war von den vieren im Küchenschrank die einzige mit wirklich flachem Boden. Was nützen auf einem Elektroherd unebene Pfannen?

Romantischstes Abendessen am großen Wohnzimmerfenster mit Blick aufs Meer – ich weiß nicht, wann ich das zum letzten Mal hatte. Sicher noch nie hatte ich das inklusive Zurückgucken: Das Apartment liegt im Erdgeschoß, da wirft man als Passant schon auch mal einen interessierten Blick hinein.

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Östlicher Teil der Brighton Seafront auf meinem Lauf.

Das malerische Örtchen Glynde.

Kann jemand helfen, diesen Baum zu bestimmen? Höhe und Blätter wie eine Rosskastanie, aber ganz andere Früchte.

Haus im Tudor-Stil. Und in England sind die Gebäude gerne mal so alt wie ihr Stil.

Die Pfarreikirche von Glynde.

Glynde von oben.

Zwei Beispiele für die Wanderwege in den South Downs – kurz bevor die Gischt einsetzte.

Das malzige, schokoladige Bier zu den Bratwürsten.


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