Essen & Trinken

Journal Freitag, 24. Februar 2017 – Georgische Küche und Blognostalgie

Samstag, 25. Februar 2017

Anstrengender Arbeitstag, mit Kopfweh vor Wut. So verließ ich meinen Schreibtisch nicht mit dem Enthusiasmus über die anstehende Urlaubswoche, den ich sonst kenne.

Ich radelte noch raus ins Lehel, um in der Schokoladengalerie Pralinen zu kaufen – zum einen überhaupt, weil diese die derzeit besten sind, die ich in München kenne (die Schließung der Konditorei Rottenhöfer hat eine immer noch nicht geschlossene Lücke geschlagen), zum anderen als Verpflegung für die Oscarnacht.

Daheim mit empfohlener Methode nach meinem Mi gesucht, doch meine Vermutung bestätigte sich: Wenn die App keine Daten der Kapsel findet, findet sie auch die Kapsel nicht.

Abends hatte ich einen Tisch in einem georgischen Restaurant reserviert, das ich beim Vorbeiradeln entdeckt hatte: Marani an der Leonrodstraße. Unter anderem bei Katrin Scheib hatte ich gelesen, dass die georgische Küche in Moskau als die beste der ehemaligen Sowjetrepubliken gilt, alle Beispiele davon, die mir bislang begegnet waren, sahen sehr einladend aus.

Wie ließen uns aus der kleinen, rein georgischen Weinkarte einen Rotwein empfehlen, Mukuzani aus der Saperavi-Traube: nicht zu schwer, mit Beerentönen.

Gemischte Vorspeisen, von denen mir am besten die scharfen, kräutrigen Pilze auf drei Uhr und der Spinatklops schmeckten – alles andere war aber auch ausgezeichnet. Unbedingt probieren wollten wir Chatschapuri, das typisch georgische Käsebrot. Man empfahl es uns zu den Vorspeisen, und es war hinreißend:

Fluffig-schwerer Hefeteig mit schmelzendem Käse gefüllt und mit Käsekrümeln überbacken. Will ich definitiv nachbauen.

Zur Rechnung bekamen wir georgischen Tresterschnaps Tschatscha spendiert – wunderbar weich.

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Derzeit bekomme ich wieder verstärkt Werbung und PR-Einladungen an die E-Mail-Adresse in meinem Impressum, die den Vermerk trägt: „Einer kommerziellen Nutzung (unaufgeforderte Werbung etc.) der oben genannten E-Mail-Adresse, die ausschließlich für dieses Impressum angelegt wurde, widerspreche ich.“ Ich fürchte, dass die Anschrift wieder mal in einer „Influencer“-Datenbank gelandet ist, die verkauft wird. Also antworte ich wieder jedesmal mit der Bitte, aus dem Verteiler gestrichen zu werden, jetzt aber ergänzt um den Hinweis: „Sollten Sie die Adresse in einem Paket von einem Dienstleister gekauft haben, könnten Sie dort Rabatz schlagen – wahrscheinlich sind dann nämlich auch andere Adressen nicht belastbar.“

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Dazu passt dieser schöne, nostalgische Aufsatz übers Bloggen im Merkur von Ekkehard Knörer, einem der allerersten Blogger deutscher Sprache, aus eben der Generation Ins-Internet-Schreiber, die auch mich zum Bloggen gebracht hat:
„Feuerzeug, du“.

Aus seinem Blog dem Blog Der Kutter habe ich die Einsicht, die ich als Zusammenfassung über meine Leben stellen könnte:
„Verdrängung ist, was uns über Wasser hält“.1

Es gab tiefe Gedanken, heftige Gefühle, aber vor allem ging es um den Alltag, das Profane, das Banale, einen geschärften Blick auf die wenig aufregende und in manchen Hinsichten kleine und beschränkte Welt, durch die wir, oft prekäre, irgendwie kulturaffine Mittelschichtexistenzen, uns von Morgen bis Abend, und nachts auch, bewegten. Es war eine kleine Welt, keine Frage, es verband uns ein ziemlich spezifischer Blick, AkademikerInnen, die wir fast ausnahmslos waren, sanft dissident zu Normalitäten, müde und wach, voller Lust auf das Schreiben und Denken der andern, begeistert für Bücher, Filme, Kultur überhaupt, wobei der prekäre Alltag auch Einblicke in Altenheime und Blumenläden erlaubte.

Dieser geschärfte Blick, um den es ging, das waren eben die Blogs, war das Wissen darum, dass man, was man erlebte, im Aufschreiben zu fassen versuchen würde, im Aufschreiben und Hinstellen für die Anderen, die sich und ihre Wirklichkeit wiedererkennen würden, und im besten Fall ging es, so hingestellt, über ein Wiedererkennen hinaus: Man sieht das Eigene anders mit den Augen des Anderen. Dieses Wissen war eine Kamera im Kopf, die die Wirklichkeit beim Erleben schon rahmte, scharfstellte, durch Filter jagte: ein Instagram aus Sprache.

„Sanft dissident zu Normalitäten“… Fast weine ich, denn damals dachte ich, ich sei Zeugin eines Anfangs. Und lange wartete ich auf das, wovon es Anfang sein sollte, doch das kam nie.
Tatsächlich war es ein kurzes Jetzt, das nur ohne Vorläufer möglich war, und es endete, als es selbst zum Vorläufer wurde.

Ich bin sehr dankbar, dass ich es beobachten durfte. Und habe längst aufgehört, es anderen erklären zu wollen.

So mache ich einfach weiter, tue so, als sei immer noch Jetzt.

  1. Aus welchem Grund auch immer hatte ich fest angenommen, dass Herr Knörer hinter dem Kutter stehe – danke an Anke für die Korrektur. []

Journal Mittwoch, 22. Februar 2017 – Frühlingsblüten im Sturm

Donnerstag, 23. Februar 2017

Seit zwei Wochen trage ich wieder Lippenstift. Etwa drei Jahre hatte ich praktisch nie einen aufgelegt. Angefangen hat das wohl in meinem Jahr Auszeit, denn Lippenstift verbinde ich mit Büro oder Ausgehen. Dann war die Haut meiner Lippen lange in so desaströsem Zustand, dass ich mit Pflege statt Schminke beschäftigt war. Doch vor zwei Wochen fiel mir ein, dass ich Lippenstift mal sehr gemocht hatte.

Stürmischer, milder Tag. Arbeitssorgen bekamen noch ein Schippchen aufgelegt.

Auf dem Heimweg besorgte ich Grapefruit, Chicorée, Avocado, um zusammen mit dem Feldsalat aus Ernteanteil (und ein paar Datteln und ein wenig Mozzarella) einen Wintersalat zum Abendbrot zu bereiten. Und ich machte einen Umweg, um mir auf der blumigesten Vorgartenwiese, die ich kenne, endlich meine Dosis Frühlingsblüten abzuholen.

§

Es hat schon was von absichtlichen Hammerschlägen auf den eigenen Daumen, dass ich mich von Studien angezogen fühle, die belegen, wie wenig vernünftig der Mensch tatsächlich ist.
Ist vermutlich Selbsterziehung mit dem Ziel, dass ich nicht mehr mit bescheuerten Entscheidungen anderer oder meiner hadere.
„Why facts don’t change our minds“.

“Once formed,” the researchers observed dryly, “impressions are remarkably perseverant.”

(…)

Even after the evidence “for their beliefs has been totally refuted, people fail to make appropriate revisions in those beliefs,” the researchers noted.

Bislang bin ich schwer gescheitert. Vielleicht weil diese Studien keine Schlüsse aus ihren Ergebnissen ziehen, die mich zufrieden stellen. Wahrscheinlich muss ich mich erst mal von meiner Überzeugung verabschieden, es gebe objektiv gute oder schlechte Entscheidungen/Entwicklungen (kommt ja immer auf priorisierte Werte an).
Vielleicht ist jemand, der sich wider besseres Wissen für ein Verhängnis entscheidet, hinterher auf der Ausschlag gebenden Ebene glücklicher als hätte er sich dagegen entschieden.

Dieser Artikel im New Yorker bietet eine Erklärung für die beschriebenen Entscheidungsmechanismen an:

“Reason is an adaptation to the hypersocial niche humans have evolved for themselves,” Mercier and Sperber write. Habits of mind that seem weird or goofy or just plain dumb from an “intellectualist” point of view prove shrewd when seen from a social “interactionist” perspective.

Dazu kommt wohl, dass das Wissen, das innerhalb einer Gesellschaft vorhanden ist, zum gefühlten eigenen Expertentum wird:

People believe that they know way more than they actually do. What allows us to persist in this belief is other people. In the case of my toilet, someone else designed it so that I can operate it easily. This is something humans are very good at. We’ve been relying on one another’s expertise ever since we figured out how to hunt together, which was probably a key development in our evolutionary history. So well do we collaborate, Sloman and Fernbach argue, that we can hardly tell where our own understanding ends and others’ begins.

(…)

Where it gets us into trouble, according to Sloman and Fernbach, is in the political domain. It’s one thing for me to flush a toilet without knowing how it operates, and another for me to favor (or oppose) an immigration ban without knowing what I’m talking about.

via @mspro

§

Dabei gibt es viele Arten der Unvernunft, die ich ausdrücklich gut heiße. (Weil ich sie natürlich in Wirklichkeit für besonders vernünftig halte.) Zum Beispiel:
„Der höflichste Krieg der Menschheitsgeschichte“.

Journal Freitag, 17. Februar 2017 – Trübe Wolken

Samstag, 18. Februar 2017

Ich war den ganzen Tag über traurig. Das kann nicht nur am Regenwetter gelegen haben.

Mittlerweile misstraue ich meinem Gefühlshaushalt ja derart, dass ihn als Ursache und nicht als Folge im Verdacht habe. Mal hat mein Stoffwechsel vergnügte Stimmung zusammengemixt, dann habe ich schöne Ideen, nehme Vergnügliches wahr, freue mich an Menschen, bin milde mit ihren und im Extremfall sogar meinen eigenen Unzulänglichkeiten, packe fröhlich die Erledigung von Aufgaben an, lerne aus allem etwas.
Hat derselbe Stoffwechsel allerdings Düsternis produziert, sehe ich die tief hängenden Wolken, fühle den kneifenden Hosenbund, nehme jede menschliche Ansprache als Belastung wahr, dann drückt mich jede Erinnerung nieder und jeder, wirklich jeder Gedanke, dann löst jede Aufgabe Seufzen aus, wenn nicht sogar Zorn, ist meine schiere, anscheinend nur aus Verkehrtheiten bestehende Existenz eine einzige Zumutung.

§

Schön fand ich, morgens wieder einen Blogpost fertigmachen und veröffentlichen zu können.
Außerdem gibt es eine neue Generation Pokémon zu fangen, die nicht nur interessant aussehen, sondern erst mal (weil neu im Pokédex) besonders viele Punkte bringen.

Schön war die Plauderei mit dem Metzger im Süpermarket. Als ich ihn bat, von den deutlich mehr als bestellten Kutteln etwas wegzuschneiden, „sonst essen wir wieder drei Tage daran“, fragte er, ob ich denn Suppe damit mache. Nein, erklärte ich ihm, ich würde sie mit Tomaten und Minze zubereiten, römischer Art. Aha, das habe er ja noch nie gehört.

Und dann überraschte mich mit Herr Kaltmamsell mit Congee zum Abendbrot.

§

Auf der re:publica wird es keine Show der drei Damen aus dem Internet geben: Unser Vorschlag wurde abgelehnt. Schade.

Journal Montag-Donnerstag, 13.-16. Februar 2017 – Nur Stichpunkte wegen fix und fertig

Freitag, 17. Februar 2017

Alles ein bisschen viel gewesen, ich kam zu wenig mehr als Arbeit, war feierabends fix und fertig mit Ausreißern in Verzweiflung. Deshalb nur Stichpunkte über die vergangenen Tage.

Montagabend Rotweincreme gefertigt für die dienstäglichen Gäste.
Da ich jetzt Routine habe, gibt’s hier das Rezept.

Herr Kaltmamsell servierte als Abendessen meine geliebten Sellerieschnitzel.

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Dienstagabend Leserunde bei uns.

Herr Kaltmamsell hatte Tortillas gebraten, ich richtete Käse an (Tetilla, Manchego, Cabrales, Mahón), mallorquinische Oliven, Chorizo, Salchichón und frisch gesäbelten Jamón.

Wir unterhielten uns über Penelope Fitzgeralds The Bookshop. Der schmale Roman erschien 1978, spielt aber 1959: Die Hauptfigur Florence Green eröffnet in dem englischen Provinznest, in dem sie seit zehn Jahren lebt, einen kleinen Buchladen. Und scheitert damit.
Zu meiner Überraschung war ich die einzige in der Runde, die das Buch fad gefunden hatte, die Personenausstattung sowie die Handlung vorhersehbar und klischeereich. Die anderen in der Runde fanden die Beschreibungen und erzählerischen Mittel subtil und charmant, hatten eine ganz besondere Geschichte gelesen.

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Die Temperaturen steigen, zwei sonnige Tage.

Mittwochabend einträchtiges Pokémonentwickeln vor dem Fernseher. Das ist erwähnenswert, weil sich Herr Kaltmamsell monatelang nicht einloggen konnte und nun mächtig hinterher hinkt. Ich bin mittlerweile auf Level 32, aber es ist schon arg mühsam geworden.

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Donnerstag erwischte mich die Migräne. Ich war schon mit leichten Kopfschmerzen ins Bett gegangen, doch das Aspirin, das ich nachts um zwei nahm, schien zu helfen – ich sah schon Entwarnung. Als ich aber mit Kopfschmerzen über meinem Morgenkaffee saß und dringend zurück ins Bett wollte, war klar: Migräne. (Ich weiß, dass das für viele Menschen das normale Gefühl vor einem Arbeitstag ist – bei mir ist es ein Krankheitssymptom.) Also meldete ich mich krank und ging zurück ins Bett. Ich schlief mit kurzen Unterbrechungen bis halb zwei. Dann war auch das Kopfweh fast weg.

Als ich nach Essen und Duschen halbwegs wiederhergestellt war, öffnete ich die Balkontür in einen sonnigen, milden, Tag und bügelte. Inklusive meinem Bügelendgegner Jerseykleid mit Raffungen.

Dazu hörte ich mir Frau Dieners Reise nach St. Louis an.

Zum Abendbrot hatte sich Herr Kaltmamsell von den roten Zwiebeln und dem Schnittlauch im Ernteanteil zu Flammkuchen a la deliciousdays inspirieren lassen. (Ergebnis.)

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Ein erster Kandidat für „Grauenhaftestes Kleid der Award-Saison“!

(Vergangenes Wochenende hatte ich festgestellt, dass ein paar Wochen lang der RSS Feed von Go Fug in meinem Reader nicht funktioniert hatte – was habe ich verpasst!)

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Erst durch einen Tweet wurde ich darauf aufmerksam, wie cool das ehrwürdige Wörterbuch Merriam Webster ist. Seither folge ich deren Twitter-Account und profitiere sehr davon.

Im Boston Globe eine schönes Geschichte darüber:
„How the dusty Merriam-Webster dictionary reinvented itself. Bigly.“

The company’s routine reporting on word-search spikes — such as a deluge of inquiries about “ingenue” upon the death of Debbie Reynolds — can distill the public’s collective reaction to breaking news.

Merriam-Webster’s social media presence “is impressive and unexpected,” notes David Skinner, who has written extensively about the dictionary world. “Lexicography, remember, is not show business,” he continues in an e-mail. “Sure, the age of social media bestows all sorts of minor celebrity on one type of person or another, but that Merriam-Webster has been able to make lexicographers look cool is still kind of shocking to me.”

Journal Sonntag, 12. Februar 2017 – #12von12

Montag, 13. Februar 2017

Diesmal erinnerte ich mich erst nach Kaffee daran. Und dann beschloss ich, der ursprünglichen Spielanleitung für #12von12 zu folgen: Den Tag über Fotos aufnehmen, davon 12 im Blog posten – ohne instagram-live-Begleitung, denn da instagram die Beiträge nicht mehr als Timeline anzeigt, sondern in geheimer gemischter Reihenfolge, ist das Posten eines Ablaufs sinnlos geworden.

1. Ungewöhnlich aufgeräumtes Wohnzimmer.

2. Ungewöhnlich aufgeräumtes Schlafzimmer.

Grund: Am Samstag hatte ich beim gemeinsamen Mittagessen meinem Vater (Elektriker) von den eigenartigen Lichtausfällen in unserer Küche erzählt. Er hatte einige Ideen, woran das liegen könnte und gab mir Tipps für Diagnose und Reparatur – die alle mein aktives Eingreifen in die Elektrik der Küche erfordert hätten. Nun fürchte ich mich nicht vor Elektrizität, doch weiß ich mittlerweile, dass meine grundsätzliche Haltung „Pah, mit ein wenig gesundem Menschenverstand muss sich das doch reparieren lassen!“ in Wirklichkeit Selbstüberschätzung ist. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass ich damit in 90 Prozent der Fälle Schaden verursache statt beseitige.

Bevor ich mich aber vor meinem Vater in den Staub werfen konnte und ihn um tatkräftige Hilfe bitten, war schon meine Mutter eingeschritten: „Komm, da fahr‘ ma morgen rüber nach München und du richst‘ ihr des.“ Mein Vater war einverstanden, puh.

Also räumte ich die Wohnung ein wenig auf. Damit meine Eltern beruhigt sein können, dass sie nicht in allen Erziehungsdingen versagt haben.

3. Elektriker bei der Arbeit, einen Phasenprüfer verwendend.

Zu diesem Anlass brachten meine Eltern frisch gemachten Limoncello mit, ich teilte einen spanischen ganzen Käse mit ihnen und versorgte sie mit einem halben Apfelkuchen. So geht Familie.
Die Küche ist jetzt wieder sehr hell.

Ab an die Isar zum Laufen.

4. Da schau her, das Brückerl über den Westermühlbach (der Bach im Glockenbachviertel heißt nämlich gar nicht Glockenbach) hat neue Planken.

5. Am Tierpark vorbei.

6. Es war ganz schön frostig und neblig.

7. Kein Hindernis für echte Grillfans.

8. Daheim Aufwärmen und Körperpflege im Vollbad – der Blick auf verschiedene 12von12-Sammlungen weist darauf hin, dass das gestern eine beliebte Freizeitbeschäftigung war.

9. Mit der eigens dafür über die Woche gereiften Banane Granola nach Nicky Stich gebacken.

10. Hillary Mantels Beyond Black weitergelesen; so gut es mir auch gefällt, nach zwei Wochen wollte ich doch mal durchkommen.

11. Das ist ein Krakelee-Glas, wie Herr Kaltmamsell und ich es aus unserer Kindheit kennen – hatte man in den frühen 70ern sehr, sie gingen aber auch sehr leicht kaputt. Bei seinen Eltern hatte er am Samstag ein allerletztes Exemplar abgestaubt, gestern tranken wir daraus den ersten offiziellen Drink meiner Jugend: Grüne Jungfer (bei Herrn Kaltmamsell nannte man den Cocktail Grünes Gift), bestehend aus blauem Bols mit Orangensaft. Ich hatte damit auf den Tanzschul-Abschlussbällen im Festsaal des Ingolstädter Stadttheaters Bekanntschaft gemacht.

12. Herr Kaltmamsell entdeckte, dass Tele5 40 Wagen westwärts zeigte (BUR LANCÁSTER! – wie meine spanische tía Luci ihn aussprach). Dazu MUSS man ja praktisch Whisky einschenken. Samma: Der von Hans Clarin gesprochene Off-Text war doch wohl reiner Spaß der Synchronübersetzungsmannschaft?

Interessanter wird’s nicht. Ich werde mir für #12von12 ein Haustier zulegen müssen.

§

Wie so viele Einwanderer späterer Generationen hadert Jem Yoshioka mit ihrem Verhältnis zum Erbe ihrer Vorfahren. Weil sie Comiczeichnerin ist, hat sie das gezeichnet:
„Home & Home“.

via @ruhepuls

Journal Samstag, 11. Februar 2017 – Kalbsleber beim Settele

Sonntag, 12. Februar 2017

Ein wunderbar sonniger Tag, im Sonnenschein war nicht mal Mütze nötig.

Wir waren mittags mit meinen Eltern bei Schwiegers eingeladen. Vorher backte ich noch den Apfelkuchen und strampelte eine Runde auf dem Crosstrainer. Wieder hatte ich Lust auf Musik beim Strampel, wieder leistete mir der Sport-BH dabei gute Dienst: Dorthinein schob ich nämlich mein Musi-tragendes iphone. Allerdings muss ich mich nach anderen Kopfhörern umsehen: Die bisherigen In-Ear-Hörer schwitze ich nach spätestens einer halben Stunde aus.

Gestriger Ausblick vom Crosstrainer.

In Augsburg wurden wir zum Settele eingeladen, ich bestellte die gerühmte Kalbsleber.

Und war sehr zufrieden damit, auch mit dem offensichtlich selbst gemachten Kartoffelbrei.

Bei Schwiegers noch Kaffeeundkuchen, Gespräche über Familien- und Arbeitsvergangenheiten. Frau Schwieger packte Fotos von ihrer Zeit Anfang der 1960er als mechanische Programmiererin (Schraubenzieher!) bei NCR aus – die Uniformen für die Hannover Messe allein schon waren sensationell (das war noch vor der Erfindung der CeBIT, dieses „Centrum der Büro- und Informationstechnik“ gab es es erst ab 1986 als eigene Messe).

Gemütliche Heimfahrt im Zug.

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Wer ist „wir“? Wie funktioniert gesellschaftliche Ausgrenzung von Einwanderern und ihren Nachkommen? Der Schweizer Journalist Bruno Ziauddin schreibt im Magazin über seine eigenen Erfahrungen und welche fundamentalen Auswirkungen darauf der Anschlag aufs World Trade Center hatte.
„Vo wo chunsch?“

Sehr interessant fand ich Ziauddins Sicht auf die Funktion der titelgebenden Frage:

… einen wie mich gab es kein zweites Mal. Ausländerkinder mit heller Haut, klar, eine ganze Menge – Italiener, Spanier, Nachkommen von Ostblock-Flüchtlingen (meist Akademiker), hie und da ein Spezialfall mit österreichischem Vater oder schwedischer Mutter. Aber ein Hybride aus Mowgli und Tellensohn? Für homogenitätsgewohnte Stammbaum-Schweizer, die eben erst gelernt hatten, sich mit Gastarbeitern abzufinden, war das eine Sensation, manchmal auch eine Überforderung, und verlangte nach einer Erklärung. Vo wo chunsch?

Die staunende Neugier, ebenso die Starrerei, von der manche Ausländer sagen, sie sei in der Schweiz heute noch ausgeprägt, was ich nicht bestätigen kann, das Unverblümte und Fadengrade jedenfalls, womit man auf seine Andersartigkeit angesprochen wurde, hatte fraglos etwas Hinterwäldlerisches – blondes Mädchen trekkt durchs peruanische Hochland und versetzt Indiobauern in Aufruhr.

Das Unverblümte, Fadengrade, Hinterwäldlerische war aber nicht nur schlecht. Es gab einem die Gelegenheit klarzustellen, dagegenzuhalten, zurückzubellen, gerade wenn man, wie mein Vater, nicht auf den Mund gefallen war. Und es gab einem die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen, sogar Freundschaften zu schliessen.

Und er legt den Finger auf die Stereotype und Vorurteile (ich mag das englische preconception – vorgefasste Einteilung), die auch diejenigen in der privilegierten Schicht haben, die jeden Rassismus weit von sich weisen.

So wie es Antisemitismus von links gibt, gibt es auch Rassismus von links. Wobei Rassismus möglicherweise ein zu starkes Wort ist. Es geht eher um paternalistischen Dünkel. Um die sehr klare Vorstellung davon, wie eine Person mit Migrationshintergrund zu sein hat und welche Rollen ihr zustehen. Und um die ebenso klare Vorstellung, wie über Personen mit Migrationshintergrund geredet und geschrieben werden soll, wie diese in Filmen, Zeitungen und Büchern dargestellt gehören (wichtigste Regel: keine Witze, nichts Negatives). Im Zentrum dieser Vorstellung steht der Migrant als Opfer – als bedürftiges Wesen, dem es die Hand zu reichen gilt und der diese Hand doch bitte dankbar ergreifen möge.

Wehe aber, der Migrant weigert sich, den ihm zugeschriebenen Part zu übernehmen. Dann werden die besonders Rigorosen unter den Ausländerfreunden rasch aggressiv.

Sehr lesenswerter Artikel, auch um mal wieder aufgelistet zu bekommen, welche alltäglichen Anstrengungen ein Aussehen nach sich zieht, das von vielen als bedrohlich empfunden wird.

§

Mehr zu Rechtsstaatlichkeit. Read on my dear geht mit einer Geschichte auf einen weiteren Grundpfeiler unseres Rechtssystems ein: Dass die Justiz nicht Rache ermöglichen soll, sondern Strafe und Besserung. Und dass sie Vergebung vorsieht.
„Der Mann, der auch ein Mörder war.“

Journal Mittwoch, Donnerstag, Freitag, 8./9./10. Februar 2017 – Über Eifersucht sowie Rechtsstaatlichkeit

Samstag, 11. Februar 2017

Die heftige Arbeitswoche hinterließ mich fix und fertig. Die damit verbundene Unruhe verhinderte tiefen Nachtschlaf. Als ich Donnerstagmorgen wieder um fünf wach war, nutzte ich die Zeit zumindest für eine Runde Krafttraining.

Donnerstagabend radelte ich zum Spanienladen am Ostbahnhof, um für eine Einladung nächste Woche einzukaufen. Die Temperaturen sind wieder gesunken, ich kam mit gefrorenen Zehen heim.

Es gab Topinambur aus Ernteanteil mit Kartoffeln gratiniert. Topinambur ist ja eigentlich der Endgegner für die Darmflora: Auch mein Bauch reagierte auf das darin enthaltene Inulin mit bösesten Blähungen, bei meiner ersten Bekanntschaft mit Topinambur noch während der letzten Bissen. Doch diesmal war wohl auch meine Darmflora zu erledigt, als dass sie sich aufgelehnt hätte, ich überstand die Mahlzeit beschwerdefrei.

Freitag schlief ich angenehmerweise bis zum Weckerklingeln um sechs.

Früher Feierabend, auf dem Heimweg noch Obst im Süpermarket geholt. Samstägliches Apfelkuchenbacken vorbereitet: Streusel gestreuselt und kalt gestellt, Äpfel (aus Ernteanteil) geschnippelt und mit Zitronensaft, Zucker, Zimt vorgekocht. Ich mag meine Äpfel im Kuchen nicht knackig.

Zum Nachtmahl ging ich mit Herrn Kaltmamsell nochmal vor die Tür in die mittlerweile wieder eisige Kälte: Aperitif im Auroom, Salat und Pasta mit Miesmuscheln im Viva Maria. Ein sehr entspannender Wochenausklang.

§

Nach der Antwort von Dr. Dr. Rainer Erlinger auf die „Gewissensfrage“ im aktuellen SZ-Magazin (Thema Liebe) mache ich mir dann doch Sorgen. Weil ich nicht eifersüchtig bin.

Erlinger zitiert zum Thema die britische Philosophin Frances Berenson.

„Jemanden zu lieben, ohne jemals Eifersucht zu spüren, würde die Ernsthaftigkeit und Tiefe der Liebe in Frage stellen.“

Das ist schon recht steil behauptet. Berensons Argument:

„wenn mir eine bestimmte Beziehung alles bedeutet in dem Sinne, dass sie mein Leben lebenswert macht (…), dann wird alles, was diese Beziehung bedroht, ganz natürlich mit Feindseligkeit und Besorgnis gesehen“

Zum einen gibt es wohl sehr unterschiedliche Wahrnehmungen von Bedrohung einer Beziehung. Zum anderen richtet sich diese „Feindseligkeit und Besorgnis“ ja oft gegen Partner/Partnerin und bedroht damit die Beziehung.

Bislang bin ich mir doch recht sicher, dass das zwischen Herrn Kaltmamsell und mir Liebe ist. Möglicherweise sogar eine große solche. Und doch bin ich nicht eifersüchtig. Ich kenne das Gefühl der Missachtung, der Vernachlässigung, wenn andere Interessen gerade wichtiger sind als ich. Doch wenn ich mit Interesse von anderen Frauen erzählt bekomme, gar von Verehrerinnen, höre ich das sehr wohl deutlich (wer verstünde Verehrerinnen besser als ich?). Doch in erster Linie macht mich das neugierig auf die Dame. Geht mein Partner ohne mich aus (wenn ich das richtig verstehe, ein klassischer Anlass für Eifersucht), wünsche ich ihm viel Vergnügen. Warum sollte das meine Beziehung bedrohen? Laut Erlinger gibt es diese Haltung nur „unter Heiligen und perfekten Menschen“ – Humbug, Erlinger kennt möglicherweise nicht genug Unheilige und mangelhafte Menschen.

Ich denke an frühere Beziehungen zurück:
Mein Freund, der in meiner Gegenwart mit einer anderen Frau massiv flirtete und mich, seine neben ihm sitzende Partnerin, komplett ignorierte. Aber mein Schmerz war doch wohl einfach Verletztheit über ungezogenes, verletzendes Benehmen?
Ein anderer Freund, der mir erzählte, dass er sich möglicherweise in jemanden verliebt hatte. Doch mein Gefühl würde ich nicht mit Eifersucht beschreiben, sondern mit Schmerz über den drohenden Verlust.

Eifersucht im möglicherweise klassischen Sinn kenne ich, wenn ich einen Herrn sehr attraktiv fand, dieser aber andere Frauen mir vorzog. In diesem Gefühl steckten auch Aggression und Wut, nicht nur Verletztheit.

Dr. Dr. Erlinger behautet, wer keine Eifersucht kenne, sehe „den geliebten Menschen als selbstverständlich und sicher gegeben“ an. Dem widerspreche ich für mich energisch: Dieser Mensch und diese Liebe sind ein riesiges Geschenk.

§

Nachdenken über Rechtsstaatlichkeit. Jetzt, wo ein US-Präsident massiv an den Pfeilern von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit rüttelt, merken vielleicht manche Nutznießer dieser Prinzipien, dass sie nicht selbstverständlich sind.
Polen und Ungarn verstoßen zwar seit einiger Zeit ebenfalls dagegen, doch vielleicht nicht so absichtlich und explizit (zudem ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass dort Demokratie und Rechtsstaat vielleicht zu jung sind, um in Fleisch und Blut übergegangen zu sein).

Doch wenn jetzt das Staatsoberhaupt einer der ältesten Demokratien von „so-called judge“ spricht und die Verfassung explizit als Hindernis beschreibt, halten wir erschrocken die Luft an. (Hoffentlich. Bitte.)
Vielleicht hinterfragen manche dieses Luftanhalten. Und bemerken, wie existenziell für uns das Prinzip Rechtsstaatlichkeit geworden ist:

Ein Rechtsstaat ist ein Staat, dessen verfassungsmäßige Gewalten rechtlich gebunden sind, der insbesondere in seinem Handeln durch Recht begrenzt wird, um die Freiheit der Einzelnen zu sichern.

Quelle: Wikipedia

Dass eine Gesellschaft nicht dem willkürlichen Urteil eines Menschen untersteht, sondern Gesetzen, die für alle gelten, ist ein ziemlich neues Ideal – auch wenn schon die alten Römer auf diese damals revolutionäre Idee gekommen sind.

Nun konkreter zum dem Urteil der US-Richter, die Trumps Muslim ban ablehnten. Ich fand diese Erklärung sehr erhellend:
„How to Read (and How Not to Read) Today’s 9th Circuit Opinion“.

via @ankegroener

Lawyers dream about becoming judges, particularly 9th Circuit judges, to write opinions like this.

This case is about two big questions, only one of which the panel’s per curiam today even mentions. The first question is how broad the president’s authority is to limit admissions from the relevant seven countries—and to what extent that authority is limited by constitutional law —under a statute that gives him the sweeping power to do this
(…)
Remarkably, in the entire opinion, the panel did not bother even to cite this statute, which forms the principal statutory basis for the executive order

The other question, one the panel does discuss, is the extent to which the repeated and overt invocations of the most invidious motivations on the part of the President himself, his campaign, his adviser, and his Twitter feed will render an otherwise valid exercise of this power invalid.

… it’s worth emphasizing that the grounds on which this order was fought are not the grounds on which the merits fight will happen. Eventually, the court has to confront the clash between a broad delegation of power to the President—a delegation which gives him a lot of authority to do a lot of not-nice stuff to refugees and visa holders—in a context in which judges normally defer to the president, and the incompetent malevolence with which this order was promulgated.