Essen & Trinken

Journal Sonntag, 18. November 2018 – Fahrt nach Bremen

Montag, 19. November 2018

Der gestrige Sonntag war geprägt von einer langen Zugfahrt nach Bremen, doch weil ich früh aufwachte, gab’s noch ein bisschen drumrum.

Jetzt ergeben sich auch Lärche und Heckenbuche dem Herbst.

Zum Beispiel hatte ich Zeit und endlich wieder Lust auf eine Stunde Kraftsport. Beim Heben und Hocken blickte ich in den sonnigen Morgen und sah auf einem für ihn untypischen Baum einen Sperber. Er hockte zwar mittelfern im Gegenlicht, doch mittlerweile kenne ich die Silhouette und das Verhalten gut genug, dass ich ahnte: So ruhig sitzt keine Krähe, außerdem hat die keinen solch geraden Schwanz. Ich hielt mein Sportprogramm bei Fitnessblender an und lief in Herrn Kaltmamsells Zimmer, um ihm Bescheid zu geben und das Fernglas zu holen. Richtig: Sperber.

Gemütliches Kofferpacken, ich puderzuckerte und alufolierte die Stollen, bevor ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte.

Ereignislose ICE-Fahrt nach Bremen: einmal Eltern, deren Erziehungslautstärke die der zu erziehenden Kinder deutlich übertraf, einmal Trompetentelefoniererin, dafür Freude über zwei gar nicht mehr so junge Männer, die nebenan Quartett spielten, so richtig mit Einheitenvergleichen. Draußen Herbstsonne, die kahle Landschaft in verschiedenen Brauntönen beschien. Ich las die Wochenend-SZ, SZ-Magazin vom Freitag, J.G. Farrell, Troubles – und wunderte mich, wie es mir hatte passieren können, dass ich für fünfeinhalb Stunden Bahnfahrt keine Süßigkeiten eingesteckt hatte. Nach dem Frühstücksquark daheim und der Semmel mit gebratenem Gemüse vom Rischart im Bahnhof hatte ich nämlich durchaus wieder Hunger.

Im nächtlichen Bremen traf ich mit nur wenig Verspätung ein, bezog die Ferienwohnung von vor zwei Jahren und ging ums Eck Pizzaessen.

Die Tagespizza war eine mit Hokaido, roten Zwiebeln, Ziegenkäse und Kürbiskernen, sie machte mich sehr zufrieden.

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„Schweden meiden Flüge
Auf Schiene verreisen – oder gar nicht“.

Viele NordeuropäerInnen haben wegen des Klimas „Flugscham“: Sie bleiben beim Reisen auf dem Boden. Bahnfahren wird immer beliebter.

Ich bin ja immer etwas misstrauisch, was aus dem Ausland diagnostizierte nationale Trends angeht (weil ich oft genug hanebüchenen Blödsinn in US-amerikanischen Medien über Deutschland gelesen habe), aber auch nur die sachteste Bewegung in diese Richtung klingt gut. Ein Anfang wäre bei uns, dass es im durchschnittlichen Berufsleben nicht mehr Prestigesache wäre zu fliegen. Ich erlebe bis heute, dass Menschen nicht mal in Betracht ziehen, dass eine Zugreise in konkreten Fällen auch noch bequemer und schneller sein könnte, weil in ihr berufliches Selbstbild ausschließlich Flüge passen.

Journal Samstag, 17. November 2018 – Schwimmen und erster Stollen

Sonntag, 18. November 2018

Nach zehn Stunden Schlaf aufgewacht, das hatte es offensichtlich gebraucht: Ich war zum ersten Mal seit Langem den ganzen Tag aufs Angenehmste wach. Und obwohl ich mir das eine oder andere vorgenommen hatte, stresste mich nichts davon

Ein wolkenlos sonniger, kalter, windiger Tag (es ist immer noch viel zu trocken!). Am Vormittag radelte ich hinaus zum Olympiapark, um eine Runde zu schwimmen.

Dreimal musste ich um Autos, die die Fahrradspur besetzten, auf dicht befahrene Autofahrbahnen ausweichen. Ich verfluchte die Fahrer/Fahrerinnen halblaut und rituell. Auch wenn ich an die Wirkung nicht eigentlich glaube, pufferte das meinen Zorn. Ich muss mir merken, auf der nächsten Bürgerversammlung Mäuerchen wie in Madrid an einigen Stellen zwischen Radspur und Autospur zu beantragen.

Etwas verdutzt war ich, als im Trainigsbecken des Olympiabads (große Halle wird immer noch renoviert) nur zwei Bahnen zum Schwimmen freigegeben waren, im restlichen Becken fanden Schwimmkurse für Kinder statt. Entsprechend dicht beschwommen waren die Bahnen, umso mehr ärgerte ich mich über die vielen Spielzeugschwimmer mit schwerem Gerät, deren Zahl die der schlichten Schwimmerinnen und Schwimmer übertraf. Zwar schwamm ich immer so weit rechts wie möglich, um mich verletzungsfrei überholbar zu machen (und werde wieder einige wenig kleidsame blaue Flecken an rechter Hand, rechtem Handgelenk und rechtem Unterarm davon tragen vom Aufdonnern am Bahnentrenner). Doch war ich offensichtlich dennoch einer anderen, spielzeugfreien Schwimmerin im Weg: Als ich sie an der Wende vorlassen wollte, pampte sie mich verärgert an.

Schlagartig sah ich in einen Spiegel meines eigenen Zorns und schämte mich umgehend: Ich lebe in einem so reichen Land, das sich gepflegte, beheizte Schwimmbäder leisten kann, bin selbst so reich, dass ich mir ohne nachzudenken die 4,80 Euro Eintritt leisten kann, bin so gesund und fit, dass ich problemlos 3.000 Meter kraule – und weiß das so wenig zu schätzen, dass mir gedankenlose Mitschwimmer den Spaß verderben können? (Trotzdem: Gibt es vielleicht inzwischen Wettbewerbe im Geräteschwimmen? Bis 20cm-Flossen / bis 30cm-Flossen? Bis 15cm-Paddel / bis 20cm-Paddel? Jeweils mit Schenkelpolster und ohne?)

Daheim gefrühstückt und geräumt, so lange im sonnendurchfluteten Wohnzimmer lesend getrödelt, bis die Sonne weg war (16 Uhr). Erst dann wechselte ich in die fensterlose Küche zum Stollenbacken. Living the life!

Die nächsten Stunden bestanden aus Stollenbacken verschränkt mit Bügeln, beim Bügeln hörte ich Holger Kleins WRINT: „WR878 Frau Diener verreist mit dem Kreuzfahrtschiff“.
(Zu Schiffsantrieben und den verwendeten Kraftstoffen mag sie sich vor der nächsten Gesprächsrunde über Schiffahrt vielleicht noch von Fachleuten informieren lassen, um nicht ganz so sehr daneben zu liegen?)

Erste Lage Stollen für die italienische Verwandtschaft ist gebacken. Tante und Kusinen möchten lieber kleine Stollen, soll sein.

Abends kam Herr Kaltmamsell von einer beruflichen Verpflichtung zurück, es gab Pak Choy mit Chilis aus der Pfanne und Rosenkohl aus dem Ofen, alles aus unserem Ernteanteil.

Fetter Chlorschnupfen, ich brauchte Nasenspray zum Schlafen.

§

Ist es Größenwahn oder erwachsenes Selbstvertrauen, dass ich privat immer wieder gerne mit Anfängern zusammenarbeite? Auch in Fachbereichen, von denen ich keine Ahnung habe? So gehe ich gerne in die Ambulanzen universitärer Fachkliniken und lasse mich von quietschjungen Ärztinnen und Ärzten untersuchen und behandeln, mit all ihren Unsicherheiten, Nachfragen beim Chef, ihrem lauten Überlegen – an irgendjemandem müssen sie ja lernen, warum nicht an mir?

Und gestern haben Herr Kaltmamsell und ich uns auch bei einer anderen Dienstleistung für die Anfängerinnen entschieden statt für die umfassenden Vollprofis: Sie sind sympathisch, supermotiviert – und irgendwo müssen sie ja Erfahrung sammeln, warum nicht mit uns?

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Am Freitag wurde bekannt, dass William Goldman gestorben ist, der Mann, der so reflektiert und intellektuell war, dass er mir mit seinem Buch Adventures in the Screen Trade Hollywood von hinten nahebringen konnte (große Leseempfehlung). Hier ein fast zehn Jahre altes Portrait im Guardian:
„Newman, Hoffman, Redford and me“.

Goldman is the classic case of the creative genius who respects the rules, but has lived his entire life as if the rules do not apply to him. He encourages young writers to go to Hollywood, but has lived most of his adult life in New York. He knows that stars dominate the industry, but has not been the least bit reluctant to disparage them. He has often been disappointed by the craven stupidity of studio executives, but retains an odd compassion for them.

Journal Freitag, 16. November 2018 – Es wird kälter

Samstag, 17. November 2018

Ein weiterer Tag ohne Frühsport. Dunstiger Fußmarsch in die Arbeit.

Nach Feierabend waren die Temperaturen merklich niedriger geworden, ich hätte Mütze und Handschuhe gut vertragen. Ein paar Einkäufe beim Edeka (Zucker, Puderzucker), damit ich am Samstag auch wirklich die erste Runde Stollen, nämmlich die für die italienische Verwandtschaft, backen konnte.

Herr Kaltmamsell hatte schon vor Tagen angekündigt, dass er Rinderzunge zubereiten wollte, und zwar in der klassischen Servierform meiner Familie: mit Lauchsoße und Kartoffelpüree. Um die Kartoffeln und den Lauch aus unserem Ernteanteil aufzubrauchen. Meine Mutter kauft dafür immer eine gepökelte und geräucherte Zunge – die selten zu finden ist, selbst meine Mutter kauft sie einfach immer, wenn sie eine sieht und friert sie ein. Herr Kaltmamsell bekam bei unseren Nachbarschaftsmetzger Schlagbauer auf dem Viktualienmarkt nur eine gepökelte. Aber auch die gelang ihm ganz ausgezeichnet: mild und superzart.

Bevor wir ins Fresskoma fielen (ich hatte auch noch zum Nachtisch Apple Crumble aus Schwägerinnenäpfeln gebacken), holten wir die Pflanzenkübel vom Balkon: Für die nächsten Tage ist dann doch der erste Bodenfrost angesagt, und sowohl Herr Kaltmamsell als auch ich werden auf Dienstreisen sein.

Journal Montag, 12. November 2018 – Bonbonschwein

Dienstag, 13. November 2018

Seit Tagen höre ich Amselkrawall, auch schon morgens um 4 Uhr. Beim ersten Mal dachte ich noch an Greifvogelbesuch, denn dieses Amselgezeter kannte ich nur als Warnlaut. Am zweiten Frühestmorgen spekulierte ich eher über Katzenbesuch. Doch gestern beim Aufenthalt in Ingolstadt hörte ich auch nachmittags Amselalarm – als praktisch einzige Vogelrufe. Was ist denn da los?

Ruhiges, mildes, meist sonniges Wetter, ganz und gar nicht novembrig.

Es wurde ein langer Arbeitstag.

Auf dem Heimweg warf ich einen vielleicht schicksalhaften Brief bei der Hausverwaltung ein (nur ein paar Häuser von der Arbeit entfernt) und kaufte ein wenig Brotzeit für Dienstag und Mittwoch ein (Paprika, Gurken).

Kürzlich hatte ich Herrn Kaltmamsell den Link zu diesem Candy Pork geschickt, gestern setzte er das Rezept um. Ich machte uns aus Restsahne Cocktails zur letzten Kochphase: Brandy Alexander.

Das süß-scharfe Schwein (frische Chilis aus Ernteanteil) schmeckte ausgezeichnet. Herr Kaltmamsell servierte es mit peruanischem Riesenmais (maiz mote), den er unbedingt mal ausprobieren wollte – auch der schmeckte großartig.

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Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, der alles änderte. Große Bögen kann man spannen zu Gesellschaft, Kultur, Kunst – und doch besteht Geschicht ja aus einzelnen Menschen. Zum Beispiel aus Crocos Großvater.
„Hundert Jahre“.

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100 Jahre Frauenwahlrecht. Es fällt mir schwer, das zu feiern, weil

Aber es ist großartig, dass jetzt so viel über die Frauen berichtet wird, die das ermöglichten, zum Beispiel über eben diese Marie Juchacz:
„Die Uroma der Demokratie“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war noch viel zu tun: Interview mit der CDU-Politikerin Roswitha Verhülsdonk, 91, über Heiner Geißlers Taschentücher, Helmut Kohls Parteitagsglocke und den Gatten von Marianne Strauß.
„‚Was wollen denn die Mädchen hier im Bauausschuss?'“

Was wollten Sie denn im Bauausschuss?

Zum Beispiel dagegen angehen, dass im sozialen Wohnungsbau maximal 80 Quadratmeter gebaut wurden, nur weil der Bund nicht mehr bezuschusste. Eine Familie mit drei, vier Kindern auf so engem Raum? Nach dem Krieg musste man zusammenrücken, aber jetzt waren wir auf dem Weg in die 70er! Da wollten wir Schwung hineinbringen.

Wie haben Sie sich Gehör verschafft?

Wir trugen unsere Themen vor und stellten Anträge. Die Männer zweifelten. Wir haben gesagt: Dann redet mal zuhause mit euren Frauen darüber, ob das vernünftig ist oder nicht. Und die Ehefrauen haben natürlich gesagt, ja, die Forderung ist richtig. Wir hatten unsere eigenen Wege, die Programmatik der Partei mit unseren Themen anzureichern. Zum Beispiel habe ich mehrfach Marianne Strauß angerufen, wenn wir ihrem Mann etwas beibringen wollten, das er nicht einsehen wollte. Ich kannte sie gut, weil ihre Schwester in Bacharach am Rhein Bürgermeisterin war.

(…)

Franz Josef Strauß und Sie saßen sechs Jahre zusammen im Bundestag. Wie war das?

Ich habe nur ein einziges Mal geheult in meiner Zeit als Politikerin. Das war, als die Unionsfraktion 1980 beschloss, den Strauß als Kanzlerkandidaten zu akzeptieren. Ich bin dann raus aus dem Saal, Heiner Geißler kam hinterher und reichte mir sein Taschentuch. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemanden wie Strauß meinen Wählern zu vermitteln.

Er hat sich damals in der Bundestagsfraktion genauso verhalten wie heute Seehofer in der Koalition. Hatte keinen guten Stil, hat immer gedroht.

§

Die schönste Berlinliebe ist die von @katjaberlin, weil sie sich nie rechtfertigt. Nur wer die flächendeckenden Berlin-Hater-Texte kennt (die von innen wie die von außen), kann ihre Besonderheit erkennen.
„Bürgertum, Bohème, Brüder
Das wahre Berlin gibt es nur in der U-Bahn“.

Seit vielen Jahren wohne ich an der U8. Sie ist Berlins Lebensader und einer der wenigen Orte, an denen es ein bisschen nach Weltstadt aussieht. Und riecht. Vielleicht noch nicht an der Lindauer Allee, aber spätestens ab Gesundbrunnen in Richtung Süden. Wenn ich hier einsteige, fühlt es sich an, als würde ich in eine Hochzeitsparty platzen. Die Gäste kommen aus aller Herren Länder, viele haben schon ein bisschen Alkohol intus, und ich bin im Zweifel overdressed.

(…)

Die U8 bietet den perfekten Querschnitt der Stadt mit Reinickendorfer Ur-Berlinern, Gesundbrunnens Diversität, Mitte-Bürgertum, Kreuzberger Bohème sowie Neuköllner Brudis und Schwestis. Eigentlich fehlen nur noch ein paar Zehlendorfer Villenbesitzer, aber dafür liegen zu wenige Tennisplätze an der Strecke.

§

OH! MY! GOD!

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https://youtu.be/zmPkCM1seug

Wie soll ich das bis nächsten Sommer aushalten?!

Journal Sonntag, 11. November 2018 – Martinsgans bei Elterns

Montag, 12. November 2018

Familientag mit Martinsgans. Nach Ausschlafen (nachts mehrfach von Darmschmerzen geweckt) und gemütlichem Morgenkaffee an Blog spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell in milder Luft zum Bahnhof und nahm einen Zug nach Ingolstadt.

Dort: Haufenweise liebe Familie sowie köstliche Martinsgans.

Der Dessertlöffel kündigte Zitronencreme zum Nachtisch an.

Plaudereien quer über Ebenen und Themen, grad schön war’s. Und dann gab’s auch noch selbst gemachte Strauben (die ich ebenso wie jeden Alkohol mal lieber ausließ).

Ich erfuhr im Detail, wie aufwändig heutzutage Abiturfeiern sind – und verstehe langsam, woher der Aufwand zeitgenössischer Hochzeiten kommt, wenn die Feier des ersten Schulabschlusses getoppt werden muss.

Reichlich Geschenke aus Schwägerinnen- und Elterngarten, die ich daheim nach Spielanleitung der Schwägerin auspackte.

Walnüsse, frisch geerntet: Die sollte ich im Warmen trocknen, damit sie nicht schimmlig werden.

Boskopäpfel: „Die halten bis März.“ Erst mal in einer Papiertüte auf den Balkon – unser Keller ist ziemlich warm.

Glockenäpfel („Je weicher und rotbackiger, desto schneller essen.“) und „Sind zwar ein bisschen schrumplig, geben aber super Apfelmus“-Äpfel für gleich. Der Glockenapfel zum Abendbrot war schonmal köstlich.

Und dann die wunderbaren Haselnüsse von meinen Eltern.

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Fotografin Smilla Dankert hat ihr Blog reaktiviert und zeigt Südafrika-Urlaubsbilder von vor zwei Jahren – in ihrem unverwechselbarem Stil:
„Neulich vor zwei Jahren“.

§

Vivian Maiers Fotos hören nicht auf mich zu phaszinieren. Der New Yorker stellt einen neuen Bildband mit ihren Farbfotos vor:
„What Vivian Maier Saw in Color“.

Journal Freitag, 9. November 2018 – Ein fleischiges Kochbuch vorgekocht

Samstag, 10. November 2018

So viel beschäftigt und unterwegs war ich doch eigentlich nicht, und so wenig Schlaf war das wirklich nicht (halt die eine oder andere Nacht mit sieben statt knapp acht Stunden) – aber gestern fühlte mich derart bis in Knochen erschöpft, als hätte ich eine brutale Arbeitswoche plus durchfeierte Nächte hinter mir, mein Kopf war migränoid schmerzhaft und benommen. Wahrscheinlich dann doch irgendein Infekt, der weiterhin bekämpft wird. Auf dem Heimweg machte dann auch der Kreislauf Sperenzchen mit Schwindel und Schweißausbruch inklusive Frösteln, ich war sehr froh, dass ich mich vor dem Abendtermin noch ein halbes Stündchen hinlegen konnte – und auch sofort einschlief.

Den Abend hatte ich bereits vor vielen Wochen gebucht, denn:
Bei einem meiner seltenen Facebook-Besuche sah ich, dass Foodbloggerin Petra Hammerstein (Blog: Der Mut anderer) endlich ein Kochbuch veröffentlicht, und zwar zu ihrer Kernkompetenz Fleisch. Es heißt Zart und saftig, und darin schreibt Petra über die heutzutage selten verwendeten Fleischschnitte, inspiriert von den alten Kochbüchern ihres Antiquariats und der eigenen Familientradition. Es ist nach Tierarten aufgeteilt und enthält neben Rezepten Warenkunde und Einkaufstipps.

Nachdem Herr Kaltmamsell in den vergangenen Monaten vermehrt mit ausgefallenen Fleischstücken experimentiert hatte (sogar irgendwann fallen ließ, Teile wie Entrecôte finde er mittlerweile langweilig – mein entgeisterter Blick ließ ihn aber versichern, mir brate er selbstverständlich auch weiterhin eines), dachte ich bei dem Buch sofort an ihn. Und als ich entdeckte, dass Petra einige Rezepte daraus an einem Supper-Club-Abend servieren würde, buchte ich umgehend.

Die Location kannte ich bislang nicht, den Meatingraum im Westend. Und ich hatte mich durchaus gefragt, wo das denn sein soll, denn die Gollierstraße gehe ich auf meinem Heimweg von der Arbeit regelmäßig entlang. Doch der Raum ist mit seinen sicher sieben Metern Fensterfront abends durchaus sichtbar, nämlich wenn er erleuchtet ist.

Gestern Abend waren alle 22 Plätze besetzt, und es gab neben dem Menü, das Petra mit dem Meatingraum-Chef Marc Christian gekocht hatte, interessante Weinbegleitung: Kathrin Kohl vom Weinladen 225 Liter hatte Raritäten zusammengestellt, die sie beim Einschenken ausführlich erklärte.

Und so gab es gestern neben neuen Bekanntschaften am Tisch samt interessanten Gesprächen:

Als Aperitif einen PetNat „Ungezogen“ vom Weingut Schnitt nach méthode ancestrale, der mir dann doch ein bissl zu bittersauermostig schmeckte.

VitelloNoTonnato: Sous-vide-Tafelspitz mit einer Soße aus bayrischem Räucherfisch, frittierte Kapernäpfel mit Limettenmayo und Habanerohauch – eine sehr schöne, leichtere Variante des Klassikers. Im Glas einen fränkischen Auxerrois, der mit etwas Wärme schön vielfältig passte.

Tryptichon von Ox und Alk: Consommé als Shot mit Sherry, Ragout mit Madeira auf Röstbrot, Portwein-Sülze – der Ochsenschwanz schmeckte so schön aromatisch, dass ich mir sofort Wiederkochen vornahm. Die Weinbegleitung war meine Entdeckung des Abends: Ein Winzerwermuth vom Silvaner, Vogel, Franken. Eher auf der süßen Seite passte er nicht nur hervorragend, sondern war die Variante, die mir in der neuen Wermuth-Bewegung bislang am besten schmeckte, weil am ungewöhnlichsten. (Vielleicht sollte ich erklären, dass ich aus einer Wermuth-Familie komme: Der spanische Einfluss durch meinen Madrider Vater machte bei uns daheim Wermuth zum Standard-Aperitiv.)

Versaut von Kopf bis Bauch: Bäckchen in Safran, Schmorzwiebeln, Graupenrisotto, Sous-vide-Bauch mit Orange und Miso – die Orangennote machte sich ganz ausgezeichnet. Im Glas ein Württemberger Lemberger, der wieder ganz schön rass war, den ich mir mit seiner starken Säure gut zu einem Rote-Bete-Gericht vorstellen konnte.

Hello China: Geschmorte Rinderwade aus Shanghai mit verprügelten Szechuan-Gurken, Koriander-Eier-Reis, Röstsesam – umgehender Nachkoch-Auftrag für das Fleisch an Herrn Kaltmamsell, die geprügelten Gurken kannte ich bereits vom Uiguren und genoss sie sehr, der Reisbrei war eine schöne Beilage. Beim Wein kam ich ganz auf meine Kosten: ein sardischer Musso, Vignaioli Contrà Soarda erinnerte mich daran, dass ich sardische Weine mit ihrer Kraft und der vulkanischen Note besonders mag.

Dessert: BEIDES!! Käse und WasSüßes, harmonisch vereint – Milder Ziegenkäse mit Thymian-Honig und Mandel-Chili-Krokant, Feigen-Apfel-Tarte mit Roquefort und Pflaumen-Zwiebel-Marmelade. Passte alles wunderbar zusammen, der süße Blaufränkisch Syss vom Neusiedler See war die Wucht.

Während mein Organismus wie immer auch bei Erschöpfung in abendlicher Gesellschaft nochmal alles zusammenkrazte, kämpfte Herr Kaltmamsell schon sehr mit seiner nicht minder großen Erschöpfung. Nach dem Essen plauderte ich noch ein wenig mit Petra, ließ mir ein Exemplar ihres Buches signieren, dann gingen wir eher schneller nach Hause.

§

Weiteres Nachdenken über die Bürgerversammlung: Mir war aufgefallen, wie verschieden die Anliegen formuliert und präsentiert wurden, viele davon naturgemäß ganz unprofessionell, es handelte sich ja um ganz normale Mitbürger. Zum Beispiel mit offensichtlicher Leidenschaft – aber genau deshalb mit komplett irrelevanten Argumenten, die vom eigentlichen Anliegen nicht nur ablenkten, sondern manchmal sogar abschreckten. Oder weitschweifend in Klagestimme. Oder mit Nachtarock bei der Rückkehr zum Stuhl: „Oh, das habe ich noch vergessen!“ Genau so muss das.

§

9. November – man weiß gar nicht wohin vor lauter Gedenken. Für mich werden im Vordergrund immer die anti-jüdischen Pogrome von 1938 stehen. Zumal bis heute wir, die Täterseite, darauf beharren zu bestimmen, wie das Gedenken auszusehen hat.

Wie weit das geht, wurde mir erst kürzlich klarer, als ich nämlich im Blog von Richard C. Schneider las, dass die neue Synagoge in München, über die ich mich so gefreut hatte, keineswegs der Wunsch der jüdischen Gemeinde gewesen war: Sie hatte ein Gemeindezentrum gebraucht, das bekam sie nur in Kombination mit einer Synagoge. Und musste dafür den Gedenkstein am Platz der 1938 zerstörten Synagoge aufgeben:
„Die Funktion der Juden in Deutschland / Teil 2“.

Es lohnt sich anzusehen, wie die Opferseite der Shoah gedenkt, alljährlich:
In Israel heulen am Jom haScho’a im gesamten Land um 10 Uhr für zwei Minuten die Sirenen.

§

Nach all der Erschöpfung und Aufregung ein wenig Soothing Eye Candy: Nach der Kür des sexiest man alive (Idris Elba, keine Einsprüche) suchte ein Twitter-Faden den
Sexiest Man Dead.

via @isabo_, eingeführt mit: „Gute Güte, was für ein Thread. Mein Riechsalz!“

Journal Sonntag, 4. November 2018 – The Children Act

Montag, 5. November 2018

Endlich mal wieder im Kino, wohlbekanntes Gefühl des Heimkommens in eine ganz spezielle Geborgenheit – und das, obwohl ich in diesem Kino, dem neuen Metropol, vorher noch nie gewesen war.

Nach einer ausführlichen Runde Crosstrainer und neuem Rumpfprogramm nahm ich eine Tram nach Schwabing, um The Children Act anzusehen, die letzte Möglichkeit. Der Roman hatte mir nur so mittel gefallen, zumal ich auf Ian McEwans Trick hereingefallen war zu behaupten, das Ganze beruhe auf einer wahren Geschichte (tut es nicht). Doch die zentrale Figur der britischen Richterin war mir sehr lebendig im Gedächtnis geblieben, und da sie auch noch von der verlässlich sensationellen Emma Thompson gespielt wird, wollte ich die Verfilmung unbedingt sehen. Vor allem wegen Thompson gefiel sie mir dann auch sehr gut.

Das Drehbuch (auch von Ian McEwan) konzentriert sich noch mehr auf den zentralen Charakter der Richterin Fiona May und arbeitet ihre Konflikte heraus – auch wenn sie nur unausgesprochen in der Richterin stattfinden. Im Roman wird das seltsam altertümliche britische Richtersystem ausführlich erklärt; das hätte den Film natürlich viel zu sehr aufgehalten, deshalb wird es nur durch bildliche Betonung von Details wie Kleidung, Räumlichkeiten gezeigt. Und indem der clerk der Richterin sichtbarer ist als im Buch – der Umgang mit ihm dient auch ihrer Charakterzeichnung.

Die Filmrezensionen sind gemischt, unter anderem bezeichnen viele die Hauptgeschichte und die Ehe der Richterin als unglaubwürdig. Während ich ersteres noch nachvollziehen kann, fand ich die langjährige, entfremdete Partnerschaft sehr realistisch erzählt.

Obwohl die Geschichte durchwegs ernst ist (sogar die leichteren Momente durch die melancholische Filmmusik von Stephen Warbeck gefärbt), bekommen wir vom Drehbuch den einen oder anderen Lächler, an einer Stelle sogar einen lauten Lacher. Fiona fragt ihren clerk (aus dem Gedächtnis zitiert): „Have you ever been wild and free?“ Und die treue Seele antwortet nach einem Moment des Verdutztseins: „No. Thank God. I’d be hopeless about it.“ (So geht’s mir auch.)

Den liebenden und verletzten Ehemann spielte berührend Stanley Tucci – wieder, ich dachte sofort an die ähnliche Rolle in Julia & Julia. Und ich genoss es, Emma Thompson zwei Stunden lang anzusehen, mit jeder Falte, jeder Runzel – ich freue mich so, dass sie sichtbar altern darf. Ich weiß ja, dass viele Schauspielerinnen schlicht nicht umhin kommen, dem äußeren Altern chirurgisch Einhalt zu gebieten – aber irgendwer muss doch auch die schönen alternden und alten Frauen spielen (die hoffentlich häufiger werden im Kino). Sollen Laura Dern, Darryl Hannah, Gillian Anderson, Michelle Pfeiffer von mir aus 30 Jahre lang wie Mitte 30 aussehen – aber ich freue mich über jemanden wie Judi Dench, Maggie Smith, Helen Mirren, die alle großartig aussehen, lediglich nicht jung.

Daheim war während meiner Abwesenheit Herr Kaltmamsell von seiner Rollenspiel-Mission zurückgekehrt, lebendig. Ich wusch gleich mal eine Maschine blutgetränkte Schlachtkleidung, las Internet und Zeitung.

Das Abendessen durfte ich verantworten, ich machte nach Langem mal wieder die Meatball Sandwiches von David Lebovitz. Das Brot dafür hatte ich auf dem Heimweg vom Kino bei einem Bäcker im Hauptbahnhof besorgt – es ist wirklich praktisch, im Inneren einer Großstadt zu wohnen.

Während nach dem Essen der interessant erzählte Tatort „Der Mann, der lügt“ lief (weil ganz am Hauptverdächtigen dran, wir erfuhren die Hintergründe nur in dem Maß, in dem dieser Verdächtige mitbekommt, was die Ermittler gerade wissen), räumte und sortierte ich Wohnung, bereitete den ersten Arbeitstag nach Pause vor, fühlte mich gehetzt.

Bücher-Challenge, Tag 2,5 (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Fanny Burney, Evelina.

§

Im Freitag schreibt Elsa Koester über:
„Rudel der Schuhgucker
Das Patriarchat unterdrückt auch Männer. Aber warum wehren sie sich nicht?“

via @journelle

Viele Männer leiden unter dem Patriarchat, können sich Feministinnen nicht mit ihnen verbünden? Sich solidarisieren? Erstaunlicherweise sind die meisten von ihnen außer Stande, etwas gegen dieses System zu unternehmen, das in der Lage ist, einen Wagen von 20 Personen unter die Kontrolle eines Angetrunkenen zu bringen. Es gibt nur eine Situation, in der diese Männer Kritik am Patriarchat äußern: nämlich dann, wenn Frauen sie dafür kritisieren, mitzumachen. „Halt, wir sind gar nicht alle Täter!“, protestieren sie dann, „wir leiden ja auch unter den bösen Patriarchen! Vielleicht sogar mehr als Frauen“.


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