Essen & Trinken

Journal Montag, 2. November 2020 – Wolverine und ich

Dienstag, 3. November 2020

Das mit der Putzmannanwesenheit war dann gar kein so großes Problem: Er kam erst nach zwölf. Ich spazierte über den Alten Südfriedhof an die Isar und setzte mich in den Frühlingsanlagen (ich wusste bis dahin nicht, dass sie so heißen) auf ein Bankerl, wo ich eine gute Stunde las.

James Rebanks‘ English Pastoral lese ich sehr gern. Ohnehin finde ich es aufregend, seine Entwicklung als Landwirt und die seines Hofs über jetzt doch einige Jahre so nah mitzubekommen. Dass sein Vater kurz vor Veröffentlichung des ersten Buchs A Shepherd’s Life gestorben war, wusste ich; doch wurde mir erst bei der neuen Lektüre erst, dass James Rebanks danach den Hof übernommen hat, jetzt der Bauer war und deshalb all die Veränderungen und Projekte umsetzen konnte, die ich auf Twitter mitverfolge.

Der Tag war bewölkt, aber sehr warm, ich brauchte keine Jacke.

Nachmittags Ersttermin im Schwabinger Reha-Sportstudio. Er startete mit einer Pro-forma-Untersuchung eines Arzts, dann schickte man mich in das Stockwerk mit den Sporträumen, wo ich mich umzog.

Ein Physio-Trainer stellte mein Reha-Programm zusammen. Ich habe wirklich besonderes Glück mit der Einheilung meiner Endoprothese: Der Trainer äußerte sich mehrfach verwundert, welche Übungen er mir nur vier Wochen nach OP auf den Trainingsplan setzen konnte – weil ich sie halt schon problemlos ausführen kann. (Der passende Moment, mich ein winziges Bisschen mit Wolverine zu vergleichen? Adamantium-Titanium / potetoe-potatoe?)

Das Programm besteht ausschließlich aus Übungen, die ich daheim nicht machen könnte, und diese sind fast durchwegs Wackelübungen (Trainer nennt sowas „Stabilität“). Die fallen mir schon immer ausgesprochen schwer, weswegen ich sie nicht ausstehen kann, was bedeutet, dass ich sie wirklich nötig habe. Darunter sind unter anderem Bodenübungen mit Peziball, Kniebeugen auf der Schnittfläche eines Halbkugelpolsters, Seilzugübungen auf Wackelpolster stehend. Weil, wie der Trainer schnell feststellte, „die reine Kraft hast‘ ja schon“.

Wermutstropfen: Im Sportraum ist Maskenfreiheit erlaubt, „wenn die Übung anstrengend ist“ – was die Patientinnen und Patienten offensichtlich ausgesprochen memmig interpretieren. Denn: Nein, Krankengymnastik ist kein Kardio-Training, und wer bei den Übungen ernsthaft außer Atem kommt, hat eigentlich ein Problem. Und in der Rehaklinik am Tegernsee hatte ich ja erlebt, wie Menschen aller Altersgruppen ihre Übungen mit OP-Maske durchführen können. Da ich mir meine Tage weitgehend frei einteilen kann, werde ich versuchen, möglichst menschenarme Zeiten zu erwischen.

Als ich am Sendlinger Tor aus dem U-Bahnhof stieg, sah ich Fledermäuse in der Dämmerung um den Turm von St. Matthäus. Aus dem heimischen Wohnzimmer hielt ich mit Herr Kaltmamsell Ausschau, bis wir auch hier eine sahen.

Zum Abendessen kochte ich uns Exotisches: Eier in Senfsauce.

Mit Petersilie wäre das Gericht etwas hübscher gewesen, doch die hatte ich bereits gehackt in der Küche vergessen.

Wie so viele anderswodeutsche Gerichte habe ich das in einer Kantine kennengelernt. Senfsoße mochte ich sofort. (Lauch – war noch da, musste weg – und Kartoffeln aus Ernteanteil.)

Die Wahlen in den USA dominieren meine Nachrichtenkanäle (neben Corona). Es würde mich sehr erleichtern, wenn ich bald nicht mehr täglich lesen müsste, welche Ungeheuerlichkeiten das gewissenlose Monster Trump jetzt wieder gesagt und getan hat.

Journal Mittwoch, 21. Oktober 2020 – Vorträge und Erkenntnisse

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Im Wechsel eine gute Nacht, schön.

Nur Tee zum Frühstück, es ging gleich mit Sport los: Da ich fürs Training im Bewegungscenter nur eine Stunde zur Verfügung hatte, ließ ich diesmal die Oberkörpermaschinen weg und konzentrierte mich auf Hüfte und Bauch. Erkenntnis: Ich brauche mich gar nicht kellerkindlich zu fühlen, weil ich als fast einzige in alter, abgeschraddelter Sportkleidung rumlaufe (einige Teile nutze ich seit 15 Jahren), fast alle anderen blitzend schicke, neue tragen – es belegt in erster Linie, dass ich schon immer diese Art von Sport treibe, so manche Patientin, so mancher Patient das in der Reha-Klinik zum ersten Mal tut.

Vortrag Ostheoporose: Knapp und interessant, unter anderem erfuhr ich, dass in Saudi Arabien (Heimat des referierenden Arzts) eine große Mehrheit der Bevölkerung unter Vitamin-D-Mangel leidet, weil dort zwar die zum Aufbau nötige Sonne scheint, aber zu heiß ist, als dass man sich ihr aussetzt. Auf der Liste von Risikofaktoren zu ersten Mal bei welcher Erkrankung auch immer gesehen: „Untergewicht“ (Übergewicht tauchte ausgesprochen nicht auf).

Genug Zeit bis zum Mittagessen, dass ich in milder Luft, nur mit Pulli auf eine Spazierrunde mit Krücken außerhalb der Klinik gehen konnte: Den Söllbach ein Stück hinauf nach Altwiessee, es idyllte massiv. Ich freute mich über die vorbildliche Hundebesitzerin, die den unangeleinten Wauzi beim Entgegenkommen mit einer Geste an ihrer Seite behielt, sich dabei auf ihn konzentrierte und mich nur für einen kurzen Gruß ansah. (Zwar fürchte ich mich nicht vor Hunden, hätte ihn auf diesem schmalen Weg aber wirklich nicht zwischen meinen Krücken haben wollen.)

Ich beendete den Gang früher als geplant, weil ich zittrig wurde, ließ deshalb auch den eigentlich möglichen Cappuccino bleiben und legte statt dessen im Zimmer die Beine hoch.

Das Mittagessen schmeckte mir ausgesprochen gut:

Weiße Bohnen in Tomate, weich gebratene Auberginenscheiben, Basilikumsauce, Grilltomate. Davor Salätchen, danach Grießpudding.

Das Nachmittagsprogramm startete mit Physio, ich ließ mir beim Muskellösen weh tun (das kenne ich ja von meiner Anfasserin). Dann passive Bewegung mit Schiene, im Anschluss nochmal ein Vortrag: Diesmal ging es um Hintergrund und Nachbehandlung von endoprothetischen Hüft- und Knie-OPs, sehr lieblos abgehandelt. Interessant hätte ich den Inhaltspunkt „Sexualität“ gefunden, doch darüber ditschte die Referentin nur kurz hinweg und bot dazu ein Handout an. (Selbstrecherche ergab: Die einen sagen so, die anderen so, spannend vor allem, dass anscheinend nach OP-Methode unterschieden wird, was Frauen ab wann dürfen. Laut männlichen Experten.)

Programmabschluss Wasserturnen. Herr Physio hatte auf meine Frage gemeint, Kraulschwimmen mit minimalem Beineinsatz dürfe ich, das probierte ich also gleich ein bisschen aus. Ja, geht. (Metermachen/Kachelnzählen heben ich mir natürlich noch die eine oder andere Woche auf.)

Weil ich mich auf Twitter damit brüstete zu wissen, wie man das englische „sarcophagi“ korrekt ausspricht (Lebensleistung), wurde wild mit im Englischen absurd ausgesprochen Begriffen um sich geworfen. Mein absoluter Favorit, den ich noch nicht kannte: „Thermopylae“. (Klick auf Link führt zur Möglichkeit, sich das vorsagen zu lassen.)

Ich erinnerte mich sehr an die ersten Tage meines Auslandssemesters an der Universität in Swansea, Wales. In der Vorlesung Literaturtheorie verstand ich jedes dritte Wort nicht: Es handelte sich offensichtlich um Fachbegriffe mit lateinischem oder altgriechischem Ursprung, die hier völlig bescheuert ausgesprochen wurden. Ich verlegte mich darauf, lautmalerisch mitzuschreiben, reverse engineering anhand üblicher englischen Ausspracheregeln zu betreiben und so auf die wahrscheinlichste Annäherung zu kommen. Meist kannte ich das Wort dann doch.

Die Zeit bis zum Abendessen wurde meinem Hunger sehr lang, ich hatte aber keine Lust auf Nüsschen oder Trockenfrüchte. Auch das Abendessen war dann hervorragend: Es gab Tsatsiki, dazu viel frisch gebratene Paprika, Oliven.

Abenunterhaltung Telefonate und Romanlesen.

§

Ein Kapitel Internet-Geschichte: Wie der Informatiker Werner Zorn (damals Angestellter der Uni Karlsruhe) 1987 China ins Netz bastelte – und die heutige Online-Weltmacht ermöglichte.
„Wie das Internet nach China kam“.

Journal Dienstag, 13. Oktober 2020 – Evidenz-Skepsis

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Fast fünf Stunden am Stück geschlafen!

Das Wetter war zunächst weiter kalt und grau, doch die Aussicht auf See und umliegende Berge ist durch die tiefen Wolkenbänke auch bei diesem Wetter interessant.

Beim Frühstück (wieder Lust auf Müsli mit Joghurt) verabschiedete ich meine Tischgenossin, deren Reha endete: Sie war sympathisch gewesen, und da sie sich wirklich auf freundlichen Smalltalk beschränkte, auch keine Belastung.

Ich lernte manuelle Lymphdrainage kennen: Der ausführende Physio wusste nicht zu erklären, wozu sie mir verschrieben wurde, auch nicht den Kompressionsstrumpf – mein operiertes Bein ist weiterhin nicht geschwollen. Laut ihm hätte ich beides am ehesten in den Tagen direkt nach der OP gebraucht. Wir einigten uns, dass ich im Tragen des doofen Strumpfs flexibel sein kann.

Bis zum nächsten Termin lungerte ich im Foyer herum (das hatte ich von der vergangenen Reha keineswegs vergessen: die vielen 20-30-minütigen Pausen zwischen den Terminen, mit denen nichts anzufangen ist) und las Zeitung auf meinem Handy. Dann endlich: Fango! Der Weg zur Behandlung war im labyrinthischen Bäder-Untergeschoß halbwegs nachvollziehbar. Da die Fango-Platte für den Rücken platziert wurde, ist auch ihr Nutzen mir unklar, aber die Wärme war angenehm.

Jetzt wäre ein Cappuccino schön gewesen, doch die Cafeteria hatte gestern um 11 Uhr noch keinen Betrieb.

Neugierig war ich auf „Pilates Einführung“. Im mittelgroßen Gymnastikraum waren wir nur zu dritt plus Trainerin. Sie erklärte Grundsätzliches, auf dem Boden wurden wir zu ersten Übungen angeleitet. Das könnte interessant werden.

Mittagessen in Bildern:

Gemüsesuppe mit deutlicher Kümmelnote.

Penne al arrabiata (die ich im Kopf vermutlich bis an mein Lebensende wie Darth Vader in der Death Star Canteen aussprechen werde).

Vanillepudding (cremig).

Inzwischen regnete es leicht. Ich krückelte dennoch meinen Verdauungsspaziergang im Park, nicht mal die Rauchergruppe war draußen.

Der nächste Termin war nochmal „Bewegungsschiene“. Diesmal kümmerte sich ein Physio und stellte die Schiene ein, auf die ich mein Bein lege und die es dann maschinell anwinkelt und ausstreckt. I’m not an expert, but – da ich dazu neige, im Zweifel $Medikament oder $Therapie in Verbindung mit dem Suchbegriff „Evidenz“ zu recherchieren, sind meine Fragen nach dem Nutzen wohl berechtigt. Aber man kann’s vermutlich halt abrechnen.

Eine Runde „Med. Training“, also Trockenradeln (ich stellte mal auf deutlich aktiver, um den Puls wenigstens ein kleines Bisschen hoch zu bekommen) und Bewegungsmaschinen.

Tagesprogramm beendet, zurück im Zimmer zog ich mich um (also von Gymnastikhose und Funktionsoberteil in weite, warme Sporthose, T-Shirt und Pulli – Straßenkleidung habe ich hier tatsächlich noch nie getragen). Ich ackerte mich weiter durch Connie Willis, Doomsday Book. Von all den Details der Pesterkrankungen (auch hier wieder und wieder dieselben Beschreibungen in Varianten) wurde mir selbst ganz kränklich.

Abendessen Biryani, das gut schmeckte, allerdings fast ausschließlich aus Reis bestand. Davor eine Suppe. Über den Nachmittag war es trocken geblieben, ich drehte meine Abendrunde im Park sogar unter Sternen.

Abendunterhaltung war Auslesen des Romans. Die Grundidee der missglückten Zeitreise einer Geschichtsstudentin ins Mittelalter, startend von einer mittelnahen Zukunft Mitte des 21. Jahrhunderts, gefiel mir zwar gut, doch die Erzähltechniken sind sehr verbesserungsbedürftig. Ein Drittel der Auserzählungen (niemand geht einfach in einen Raum und setzt sich, sondern öffnet die Tür, schließt die Tür hinter sich, geht zum Stuhl und setzt sich erst dann) müsste man kürzen, dann bekäme die Geschichte Tempo. Interessantes Detail: Als Willis den Roman 1992 veröffentlichte, stellte sie sich eine Zukunft mit Bildtelefonie als Standard vor, doch die Menschen müssen dafür immer noch zu stationären Apparaten gehen. Offensichtlich gab sie der Mobiltelefonie, die damals ja bereits mit Aktenkoffer-großen Apparaten begonnen hatte, keine Chance.

§

„9 (Kinda) Hilarious Lessons From My 99 Days on a COVID Ventilator“.

via @teresabuecker

Journal Sonntag, 27. September 2020 – Kino! The Personal History of David Copperfield

Montag, 28. September 2020

Deutlich besser und zudem lang geschlafen, little blessings. Bei einem der mehrfachen Aufwachen gefröstelt, gedacht: Jetzt wäre ein klimakterischer Hitzeschub parktisch. Und da war er auch schon. Weitergeschlafen. Beim Rollladen-Hochziehen blickte ich zu meiner Überraschung in blauen Himmel und Sonne, zapfig kalt war es allerdings immer noch.

Ausführlich gebloggt, dazu erst Milchkaffee, dann eine große Tasse Tee.

Das mit dem Sport lasse ich jetzt einfach, Körper says no. (Bloß ein bisschen Trizeps.)

Maniküre und Pediküre – der Termin bei meiner Fußpflegerin hatte nicht geklappt. Ich freue mich sehr, dass sie immer gefragter wird, doch nun reichten bereits drei Wochen Vorlauf nicht mehr für einen Abendtermin.

Zum Frühstück gab es selbstgebackenes Brot mit Butter (gekochter Schinken hätte perfekt zu Textur und Geschmack gepasst, aber es war halt keiner im Haus), ein Stück Käse, Brownie-Kekse. Unterhaltung dazu SZ-Magazin und die Rede des Neffen auf der lokalen FFF-Demo.

Ich schob mir einen Lesesessel vor die Balkontür und las Roman. Herr Kaltmamsell musste mal wieder Gschwerl aus dem Hinterhof vertreiben. (Aber wacker: Die hatten selbst am Regensamstag in – allerdings weniger – Gruppen den Nußbaumpark mit Saufen und lautstarkem Streit belegt.)

Am späteren Nachmittag erstes Kinogehen seit den Schließungen im März. Die Neuverfilmung von The Personal History of David Copperfield war angelaufen, die ich sehr gerne sehen wollte; im Arena-Kino um zwei Ecken lief der Film OmU. Mir war klar, dass einfach hinzugehen wohl derzeit keine gute Idee ist. Online konnte ich ein Ticket kaufen, zwei Plätze auf allen Seiten wurden dadurch blockiert. Der ohnehin kleine Vorführraum (der zweite wird gerade renoviert) war dadurch mit fünf Personen ausgebucht. So fühlte ich mich mit Maske sicher, allerdings waren Straßen und Wege im Glockenbachviertel trotz Kälte in der Sonne so voller Menschen, dass ich für Abstand wieder viel zwischen Autos lief.

Der Film unterhielt mich gut. Mir gefiel die wild diverse Besetzung: SWINTON ist in komischen Rollen eh zum Niederkniehen, und Dev Patel macht sich in der Titelrolle durch und durch glaubwürdig. Sehr schön fand ich auch die weiteren vielen nicht-realistischen Erzählmittel: Rückblicke, die auf eine Zimmerwand projiziert wurden, Zeichnungen, die zum Leben erwachten, Handlung, die sich durch Erzähltwerden veränderte.

Zurück daheim stand nochmal eine Runde Bügeln an (auf die OP-bedingte Bügelpause freue ich mich schon). Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell selbst gemachtes Corned Beef, ein Teil gekocht, ein Teil im Ofen gegart. Dazu gekochte Karotten und Kartoffeln.

§

Ich gehöre ja zu den vielen Fans von Michael Spicer und seiner Idee „The Room Next Door“. Im Guardian analysiert Sirin Kale, warum diese Art von Humor und Comedy derzeit die angemessene ist und warum Social Media dabei eine so große Rolle spielen.
„How comedian Michael Spicer hangs politicians out to dry“.

His mother couldn’t understand why his career never seemed to take off.

“She’d say to me,” Spicer chuckles, “‘but there’s so much rubbish on TV. How can there not be room for you?’”

(…)

In this age of howlers so big you can see them from outer space – the gulf of guff, the ocean of lies – the role of the comedian is to remind us that the times we are living in are not normal, no matter how desensitised we have become to the cringing failures and mendacious distortions of our elected leaders.

(…)

There was a period at the beginning of Trump’s presidency when media outlets tried to interpret what he was saying, and parse it into some sort of coherent narrative. Those days are past. Now, many media outlets report Trump unfiltered because there is no discernible message, in any traditional sense. Trump is uncontrolled id with a whipped-cream hubris frosting – how to satirise someone so contemptuous of legal, social, and moral norms?

(…)

Into this logic void has stepped a wave of comedians, who don’t write jokes about the news, so much as literally report it.

Journal Samstag, 26. September 2020 – Der verstörende Salzriese

Sonntag, 27. September 2020

Eine besonders üble Nacht, obwohl ich sie bereits herankommen gefühlt hatte und zum ersten Mal diese Woche zum Ibu gegriffen. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie schmerzfreier Schlaf ging, hatte ich ja noch in der ersten Jahreshälfte dank Cortison gehabt (in der Monaten vor der OP ist Cortison verrbotten).

Aber es war ja Samstag, ich konnte zwei Stunden dranhängen und schlief bis halb acht. Draußen war es regnerisch, windig und kalt, ich genoss den modernen Luxus, einfach nur Heizkörper aufzudrehen.

Vormittags Brotbacken, einen meiner Standards: Glänzendes, großes Bauernbrot nach Plötzblog, diesmal schrieb ich meine Version auf.

Parallel wusch ich zwei Maschinen Wäsche und strampelte auf dem Crosstrainer – allerdings vorsichtig, mein Hüftgelenk gibt wohl kurz vor endgültigem Ende ganz auf.

Während der Stückgare des Teiglings machte ich mich auf eine kleine Einkaufsrunde ins Sauwetter. Am Stephansplatz kam ich an einer neu platzierten, verstörenden Bronze-Skulptur vorbei:

„Giant of Salt“ der Spanier Joan Coderch und Javier Malavia.

In der Galerie Benjamin Eck Projects ums Eck fand ich im Schaufenster eine Anknüpfung, auf deren Website Infos. Die kleinen Skulpturen wirken auf mich vor allem gefällig und dekorativ, doch der Salzriese auf dem Stephansplatz ging mir nach.

Zum Frühstück gab’s Croissant mit Orangenmarmelade, dann Wassermelone, dann Mango mit Joghurt.

Perfekt war das Brot nicht geworden: Es riss unten auf statt oben, hätte vielleicht etwas längere Stückgare gebraucht und mehr Dampf.

Mit der Resthitze vom Brot buk ich Browniekekse nach ZuckerZimtundLiebe.

Einige der Angaben brachten mich zum Schmunzeln und erinnerten mich an das Gesetz meiner Großmuttergeneration, den Teig unbedingt nur in einer Richtung zu rühren, weil sonst der Kuchen zusammenfalle: „die Schale mit der Schokolade und Butter dürfen das Wasser nicht berühren“ (mit Wasserberühung nennt man das Wasserbad und es ist die klassische Methode, Schokolade zu schmelzen), „genau 5 Minuten lang mit dem Teigmischeraufsatz oder Handrührerquirlen mixen“ (ich bin sehr sicher, dass die Geschwindigkeit des Mixens eine Rolle spielt und die Zeit davon abhängt).

Die Kekse waren sehr gehaltvoll und riesig, schmeckten mir auch sehr gut. Das nächste Mal versuche ich es mit der halben Größe und doppelten Anzahl.

Internet und Zeitung gelesen.

Bücher für Klinik und Reha auf mein Kindle gekauft, fünf sollten für den Anfang reichen. Kurzer Heulen- und Zähneknirschen-Anfall, weil ich wirklich sehr, sehr viel lieber kein arthrotisch kaputtes Hüftgelenk hätte und mich von meinem Körper mal wieder verraten fühle.

Fürs Abendessen sorgte ich: Der Lievito Madre im Kühlschrank hatte mich immer wieder auffordernd angesehen, also nutzte ich ihn für Pizzateig, den ich am Vorabend gestartet hatte.

Doch der Teig wollte im Ofen nicht recht aufgehen und blieb klitschig. Sehr viele Chancen werde ich dem Lievito Madre nicht mehr geben.

§

Es macht mich sehr traurig, dass es immer noch eine besondere Geschichte ist, wenn eine geniale Frau ihren Mann überflügeln darf und er sie leidenschaftlich unterstützt:
„May Every Woman Find Her Marty Ginsburg“.

“All too often women are marrying their glass ceilings.”

Ja, auch ich kenne Beispiele aus dem Freundinnenkreis – außerhalb dieser Gruppe ähnlich-gesinnter Menschen wird es allerdings schlagartig dünn. Ich bin gespannt, ob ich in meiner mittlerweile 30-jährigen Berufstätigkeit noch erleben werde, dass eine einzige direkte Kollegin nach Niederkunft in Vollzeit an ihren Arbeitsplatz zuückkehrt (oder auch nur stufenweise darauf hin arbeitet).

§

Ich habe auf dem abgebrochenen Weg zum Doktortitel ja Bekanntschaft mit so manchem schrägen Stipendiumskonstrukt gemacht, aber das von Frau Brüllen schießt alles davon ab:
„So war das mit dem Wurststipendium“.

Journal Freitag, 25. September 2020 – Jahreszeitenwechsel

Samstag, 26. September 2020

Wieder früher Wecker, diesmal für Gymnastik mit ausführlichen Physio-Übungen.

Patientenverfügung individualisiert, lektoriert (der beste Beweis, dass ich sie wirklich durchgelesen habe und ernst meine), ausgedruckt, unterschrieben.

Es regnete, doch ich wollte die unangenehm vollen öffentlichen Verkehrsmittel meiden und nahm trotzdem das Rad. Freundlicherweise fiel mein Arbeitsweg in eine Regenpause, ich wurde lediglich angetröpfelt.

Emsige Arbeit, viel Handwerkliches digital und analog. Mittags Ernteanteil-Tomaten und Bergkäse, eine halbe Riesenpapaya.

Herzliche Abschiede von Kolleginnen, die ich gestern zum letzten Mal vor OP-Abwesenheit sah. (Nachtrag zur Klarstellung: Andere Kolleginnen werde ich nächste Woche noch sehen, dann folgt Telearbeit aus Quarantänegründen.)

Ich machte früh (= fast pünktlich) Feierabend. Dass es jetzt regnete, musste mir einfach egal sein, ich hatte ja eine Regenjacke dabei. Wie geplant hielt ich unterwegs beim Vollcorner für schnelle Einkäufe (vor allem Nüsse, Trockenobst, Schokolade für Klinik/Reha), daheim war ich aber nur mittelnass. Und konnte mich gleich umziehen.

Herr Kaltmamsell reichte Manhattans zum Einläuten des Wochenendes an.

Es war richtig kalt geworden.

Also Wollsocken und Start der Heizperiode (Ende September ist das ok).

Zum Nachtmahl hatte ich mir in Vorausschau auf Temperaturabfall Gulasch gewünscht; Herr Kaltmamsell hatte eines aus Wildschwein zubereitet (vermutlich das Fleisch mit dem allergeringsten schlechten Gewissen bei mir) und servierte es mit Böhmischen Knödeln sowie selbst gemachter Moosbeermarmelade, einem Kollegengeschenk.

Schmeckte hervorragend würzig, und Böhmische Knödel sind ja das absolute Soßensaugwunder.

Zum Nachtisch etwas ganz Besonderes:

Wassermelone aus Eigenanbau des Kartoffelkombinats. Sie schmeckte wunderbar süß.

Die VG-Wort-Ausschüttung wurde angekündigt, mit einer Auflistung aller Blog-Posts, für die es Geld gab: Dieses Jahr waren das 40 Euro pro Post, der auf die Mindestbesuchszahl gekommen war, in Summe wieder einige Tausend Euro. Ich werde sie in mehr Genossenschaftsanteile am Kartoffelkombinat stecken.

§

Über eine englische Pionierin der Fotografie, mit Bildern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts:
„Lady Clementina Hawarden – an introduction“.

Hawarden was absorbed in motherhood, having ten children – two boys and eight girls – and yet she found time to be a prolific photographer. (…) Her work records the domestic life of an upper-class mid-Victorian woman. While male photographers at that time often set off to explore faraway places, Hawarden had to work close to home. But by creating exquisite images of her adolescent daughters, she staked out new perimeters for art photography.

Journal Montag, 21. September 2020 – Corona wird deutlicher

Dienstag, 22. September 2020

Viel geschlafen (die Kategorie „gut“ hebe ich mir für andere Zeiten auf), aber mit Kopfweh aufgewacht. Gleich Angst, das könnte ein weiterer Migräne-Anfall sein (sie hat jetzt oft genug bewiesen, dass sie keinen Alkohol als Auslöser braucht), doch eine Tablette Paracetamol half.

Eine Runde Bankstütz, um die wichtigste Muskulatur zu erhalten.

Sonniges Radeln in die Arbeit, die Temperaturen machten die langärmlige Jacke nötig.

Mein Bürovormittag wurde strukturiert von Technik-Kämpfen.
Mittags ein Senfhuhnschenkel und Hefezopf. Nachmittagssnack mehr Hefezopf (der am zweiten Tag nicht mehr sehr schmeckt, aber halt satt macht).

Mein Büronachmittag wurde strukturiert von externen Anrufen (möchten Sie auch mal versuchen, Athenerinnen Eulen zu verkaufen?).

Zum vierten Mal, seit ich sie nutze, zeigte die Corona-Warn-App auf meinem Handy eine „Risiko-Begegnung mit niedrigem Risiko“ an. Ich verlegte meine Einkaufspläne für den Abend in einen hässlichen, aber weitläufigen Edeka. Dort wollte ich in erster Linie Leergut loswerden, doch wenn ich schon mal da war, besorgte ich Obst für Brotzeit sowie Süßigkeiten.

Mit drei Tagen Verpätung reagiert München auf die hohen SARS-CoV-2-Infektionszahlen und das fehlende Problembewusstsein von Oktifestfans: Unter anderem mit Maskenpflicht in der Innenstadt, Auflagen für Treffen mit anderen Menschen.

Telefonat mit Eltern, derzeit sammeln wir in der gesamten Familie ausgiebig (geplante) Krankenhauserfahrungen. Da sich im Kreis gesorgt wird, reden wir tatsächlich hauptsächlich über Körperlichkeiten. Ich hoffe, das wird auch mal wieder anders.

Herr Kaltmamsell machte aus Zucchini, Kartoffeln, Karotten eine Kugel aus einem unserer jüdischen Kochbücher (Herr Kaltmamsell hat es auch online gefunden). Schmeckte auch diesmal nach überraschend mehr als die Summe der Einzelteile und sehr gut.

§

Mein Verdacht, seit ich mich mit KI beschäftige, bereits bestätigt von Herrn Kaltmamsell und jetzt auch von Boris Hänßler in der Süddeutschen:
„Wo künstliche Intelligenz draufsteht, steckt oft nur simple Software drin.“


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