Essen & Trinken

Journal Donnerstag, 3. September 2020 – Könnten aussterbende Arten die Theresienwiese retten?

Freitag, 4. September 2020

Gemischte Nacht, früher Wecker für Sport. Ich freute mich an untergehendem Vollmond vor blauem Himmel und an meinem Milchkaffee, strampelte völlig gedankenversunken auf dem Corsstrainer (leider zu kurz für echte Entspannung).

Sonniges Radeln in die Arbeit, auf der Theresienwiese sah ich eine Herde Streifengänse. (Wenn sich jetzt in Abwesenheit von Oktoberfest über zwei Jahre vielleicht ein paar streng geschützte Pflanzen- oder Tierarten kurz vorm Aussterben ansiedeln würden? Und deswegen künftig weder Oktoberfest noch Bebauung möglich wäre, weil sonst Artensterben-Apokalypse?)

Theresienhöhe in Spätsommermorgensonne.

Turboarbeit von Anfang an, viele belastende Anrufe und Probleme. Mittags Reste des Rote-Bete-Salats vom Vorabend, Pfirsich, Manouri. Nachmittags ein Stück schwarze Schokolade, getrocknete Aprikosen.

Aber! Ein guter Anruf privat: Die Klinik, die meine Hüfte operieren soll (NOCH VIER WOCHEN!), meldete sich, genauer: Der Sozialdienst, der für die Planung der anschließenden Reha zuständig ist. Die eigentlich angepeilte Reha-Klinik, ärztlich betreut von der OP-Klinik, kommt nämlich nicht in Frage, weil Menschen im Arbeitsleben ihre Reha von der Deutschen Rentenversicherung gezahlt bekommen, und die zahlt nur bestimmte Kliniken – diese nicht. (Als Rentnerin käme meine Krankenkasse dafür auf.) Unter den genehmigten Reha-Kliniken, die die freundliche Anruferin nannte, entschied ich mich kurzerhand für Tegernsee. Jetzt muss dort nur noch ein Platz frei sein.

Wieder wurde es spät, diesmal wegen eines kurfristigen und eiligen Jobs. Zum Glück hatte ich dabei Hilfe, denn nach zehn Bürostunden arbeite ich nicht mehr verlässlich (ach). Danach war ich erledigt und böse.

Daheim verlangte ich wieder nach medizinischem Alkohol, Herr Kaltmamsell machte Martinis.

Nachtmahl: Ernteanteil-Salat mit viel restlichem frischen Estragon vom Vortag und Tomaten. Dazu passte ein Joghurt-Dressing.

Schmeckte sehr gut, doch der Frisee-Salat war so robust und mächtig, dass wir ihn nicht ganz schafften – und das mir Super-Salatesserin! Nachtisch: verderbende Pfirsiche und Süßigkeiten.

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Wurde seit Veröffentlichung von meinem Internet gefeiert, nach Lektüre weiß ich: zu Recht. Mely Kiyak schreibt in ihrer Zeit-Kolumne „Kiyaks Deutschstunde“ über die Reaktionen auf die Corona-Demos vom vergangenen Wochenende:
„Alufolie drauf und gute Nacht“.

Fressomio, haben sich alle in diesem Land fertig entsetzt? Könnte man Nazitum wegempören, wegtweeten, weglamentieren, wäre es längst weg, so akribisch und streberhaft wie der über Jahrzehnte von linkspolitischen Randgruppen geforderte und ausgebliebene „Aufschrei“ seit einigen Tagen ausgeübt wird. Dabei taten die rechtsextremen Gruppen doch überhaupt nichts Überraschendes. Worüber erschreckt man sich denn gerade so? Sie kündigten einen maskenlosen Sturm auf den Reichstag an und führten das aus, im Prinzip genau wie angekündigt. Das muss man dem Nazibürgertum schon lassen, sie lügen nicht, sie lügen nie; wenn sie eine infantile Intifada ankündigen, dann ziehen sie den Aufstand auch durch.

(…)

Politik wird mit Politik gemacht. Dieser Staat und seine Politiker sollten aufhören, ihre Trauerarien in Mikrofone zu sprechen, sondern endlich Gesetze mit Polizeigewalt durchsetzen, also politisch handeln. Man ist diesem Demokratieprekariat derart weit entgegen gekommen, aber jetzt wird das ein unappetitlicher Kampf. Denn die Rechtsextremen sind vorbereitet, haben Geld, Unterstützung, Allianzen. Wenn man sie jetzt mit staatlicher Gewalt aus den öffentlichen Räumen zurückdrängt, und das muss man, werden sie komplett durchdrehen. Weil sie es nicht gewöhnt sind, dass man ihnen Grenzen setzt.

Journal Mittwoch, 2. September 2020 – Schräger werdende Sonnenstrahlen

Donnerstag, 3. September 2020

Wieder eine recht gute Nacht, allerdings drehten sich alle Träume, an die ich mich erinnere, um Arbeitsdinge (sowas wird dann wieder nicht auf bezahlte Stunden angerechnet).

Ich wagte eine Runde Bankstütz – und trauerte der Form hinterher, in der ich Ende Juli gewesen war.

Frühes Radeln in die Arbeit, es war trocken. Mein Plan, durch Arbeitsstart vor allen anderen zackig Dinge zu erledigen, klappte nur halb: Überraschend viele andere waren auch früh da und brauchten etwas von mir.

Mittags Linsensalat vom Vorabend: Immer noch ein großer Genuss. Den Nachmittag verbrachte ich mit vielerlei Arbeit, es wurde weniger anstrengend.

Stand und Farbe des Nachmittagslichts verraten: Bald werden die Blätter bunt.

Auf dem Heimweg stoppte ich im Vollcorner, um Obst und sonstige Brotzeit für die nächsten Tage zu besorgen.

Daheim verschloss ich mein Fahrrad wieder am Ständer vor dem Haus: Seit Hexenschuss schaffe ich das Rauftragen in den ersten Stock nicht mehr, weil ich mich zum Treppensteigen meist festhalten muss.

So weit kommt die sinkende Sonne nur zu dieser Jahreszeit in unseren Flur: Früher im Sommer steht sie zu hoch, später wird sie von Häuserdächern verdeckt.

Herr Kaltmamsell hatte den Nachmittag in der Küche verbracht und servierte a recipe:
Corn cakes with beetroot and apple salad von Ottolenghi.

Es schmeckte selbst für den hohen Standard des Herrn besonders köstlich. Doch der Koch selbst machte beim Essen lediglich „hm, hm“ – was bedeutet: Wenn ich das nochmal essen möchte, muss ich es selbst kochen.

Zum Nachtisch gab es eine der eben gekauften Melonen, die für mich immer die Standard-Honigmelone sein wird, weil sie meine Kindheitssommer in Spanien dominierte: Die grüne, Football-förmige Piel de sapo. Ich erinnere mich an enorme Berge davon am Rand der kastilischen Landstraßen, wo sie direkt von den Bauern und Bäurinnen verkauft wurden.

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U.a. mit vielen Hinweisen von Katharina Seiser: Ein ORF-Hörstück über schnelle Küche – noch bis Freitag nachzuhören.
„Schwerpunkt ‚Tempo! Leben mit Geschwindigkeit'“.

Mir wurde durch Kathas Erklärung klar, dass es für schnelle Küche nicht nur braucht, kochen zu können: Man muss genug gute Sachen schon mal gegessen haben! Um überhaupt auf Ideen zu kommen.

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Ein Twitter-Faden über schlittenfahrende Krähen. (Erntsthaft. Mit Filmchen.)

Journal Dienstag, 1. September 2020 – Arbeit mit Menschen

Mittwoch, 2. September 2020

Wenig unterbrochener Schlaf, das war schön.

Fürs Crosstrainerstrampeln vor der Arbeit brauchte ich erstmals wieder Licht. Draußen regnete es.

Wegen desselben Regens nahm ich die U-Bahn in die Arbeit. Auch wenn ich vor der Hauptpendelzeit unterwegs war, saßen deutlich zu viele Leute in der Bahn (alle mit Mund-Nasen-Schutz), als dass ich mich sicher gefühlt hätte. Wenn die Menschendichte nach Ferienende noch höher wird, lasse ich mich also nicht mehr durch Regen vom Radeln abhalten.

Viel und intensive Arbeit in der Arbeit, die meiste mit Menschen. Mittags Paprika, Gurke, Tomaten aus Ernteanteil mit Manouri, nachmittags zwei Hand voll geschmacksneutrale Zuckeraprikosen. Dann mehr Arbeit mit Menschen, und um mir den Mittwochvormittag für Brockenarbeit freizuschaufeln, arbeitete ich anderes vor. Es wurde spät.

Als ich heimkam, war ich in einer Art erledigt, dass ich erst mal einen Schnaps brauchte. Herr Kaltmamsell reichte im Schnapsglas Tequila an: Erstaunlich aromatisch, der braucht sich nicht hinter Grappa verstecken. Er schlug noch ein Glas Rotwein vor, doch mit dem Stamperl war mein medizinischer Alkoholbedarf gedeckt.

Auf dem Abendbrot-Teller wurde es herbstlich:

Den Mais hatte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch gegrillt, dazu einen aufwändigen Linsensalat nach Ottolenghi gemacht, unter anderem mit gelben Beten, Ruccola, Koriander, Radiserln, Croutons – sehr gut.

Früh ins Bett mit neuer Lektüre: George Orwell, Nineteen Eighty-Four, das ich schonmal auf Deutsch gelesen hatte, nämlich 1984, als es alle lasen. Wie meist bei sogenannter Weltliteratur sah ich ab der ersten Seite allein schon an der handwerklichen Qualität, warum das Werk Weltliteratur geworden ist.

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Citizen Science gibt’s nicht nur beim Sterne- und Vogelzählen: Das Foto-Archiv des Bayerischen Rundfunks bittet um Unterstützung bei der Identifizierung von Menschen.
„Mitmach-Projekt zur Erschließung des rundfunkhistorischen Fotobestandes des BR
Kennen Sie diesen Mann?“

Kennen Sie sich mit Schauspielerinnen oder Schauspielern, Musikerinnen bzw. Musikern, Filmen, Persönlichkeiten aus Politik und Zeitgeschehen aus oder haben Sie generell ein gutes Namensgedächtnis? Wenn ja, helfen Sie uns doch dabei, unseren umfangreichen Fotobestand besser zu erschließen und wichtige Informationen zu den Fotos zu ergänzen.

via @Hystri_cidae

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Kluge Krähe.

Coole Möwe.

Journal Samstag, 29. August 2020 – Mittelgutes Schwimmen, gutes Ossobuco

Sonntag, 30. August 2020

Ungute Nacht, mit bösem Kopfweh aufgewacht, das aber nach zwei Aspirin und Morgenkaffee nahezu weggedämpft war. (Die anschließende Euphorie legt allerdings eine weitere Migräne nahe.) Draußen rauschte der Regen, es war so kühl geworden, dass ich alle Fenster im Wohnzimmer schloss.

Im Haus einem gewissenhaften und bereits recht erschöpften Postpaketler geholfen. Der deutlich hörbare Nicht-Deutschmuttersprachler suchte auf den Klingelschildern des Hauses vergeblich nach dem Vornamen der Adressatin: Die Adresse war Nachname Vorname geschrieben. Ich erklärte ihm, wie die Empfängerin tatsächlich heißt und wies ihm den Weg.

Seit Tagen freute ich mich aufs Schwimmen im Olympiabad, der Hexenschuss hat sich mittlerweile fast völlig aufgelöst. Es machte mir nicht mal etwas aus, dass es weiterhin ausdauernd in wechselnder Stärke regnete und ich die U-Bahn nehmen musste. Und fast nichts, dass die U-Bahn-Fahrt durch die Bauarbeiten am Sendlinger Tor und an der Münchner Freiheit umständlich und lang war.

Schwimmen war ok, bereitete mir aber nicht so viel Freude wie erhofft (Hüfte, Nacken); ich beließ es bei 2.500 Metern.

Gehen ging gestern leider sehr schlecht. Ich überlegte lange, an welcher Bäckerei ich auf dem Rückweg Frühstück und Weißbrot holen sollte, um dabei möglichst kurze Wege zu haben – wo ich eigentlich meine Strecken am liebsten daran auslege, wo es schön oder spannend ist. Treppensteigen kann ich inzwischen fast gar nicht mehr: Entweder ich steige nur mit der gesunden Seite und ziehe die wehe Seite Stufe für Stufe nach oder ich brauche ein Treppengeländer als Krücke. Rolltreppen, die ich fast Zeit meines Lebens ignoriert habe, sind jetzt hochwillkommen – und gar nicht so weit verbreitet, wie ich bislang angenommen hatte. (Noch fünf Wochen.)

Am Hauptbahnhof kaufte ich beim Rischart Semmeln, Weißbrot und zwei Stück Zwetschgendatschi: Auf letzteres hatte ich seit Tagen Lust, entschied mich aber gegen Selbstmachen, weil ein Blech im Rahmen unserer weiteren Koch- und Essenspläne zu viel gewesen wäre. Frühstück um halb drei waren also Semmeln und Datschi mit Sahne.

Fürs Abendessen sorgte ich: Es gab nach langem mal wieder Ossobuco, dazu cremige Polenta (gutes Rezept: die Idee mit dem Mitkochen von Lorbeerblatt und Knoblauch merke ich mir, die Kräuter zum Schluss ließ ich weg).

Sehr gut gelungen, am besten schmeckte mir das viele Gemüse mit Polenta (und das Knochenmark).

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Angeln.

Journal Freitag, 28. August 2020 – Arbeitsbrocken explodiert, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 29. August 2020

Diesmal nützte das Novalgin nicht so viel, ich hatte wieder eine zerstückelte Nacht mit Schmerzenspausen.

Dennoch kam ich bei Weckerklingeln gut aus dem Bett, rechtzeitig für eine halbe Stunde Crosstrainer-Strampeln. Radfahren in die Arbeit weiterhin asymmetrisch, weil ich nur links wirklich treten kann, rechts Schmerzen.

Wegen Überweisung durch die Hausärztin einen Augenarzttermin festgemacht, diesmal funktionierte das angebotene Online-System zur Terminvereinbarung und ich erhielt eine Bestätigung.

Sie wussten natürlich: Wenn man einen Brocken unangenehmer Arbeit auf kurz vor knapp verschiebt, stellt sich beim panischen Anpacken heraus, dass irgendeine Voraussetzung nicht funktioniert und erst freigeschaltet (o.ä.) werden muss. Wissenschaftliche Freude: Das konnte ich gestern verifizieren. Leider stellte sich bei näherer Betrachtung des Brockens, dessen größte Teile ich von jemandem übernommen hatte, nach und nach heraus, dass ich ihn unmöglich bewältigen kann, zum Teil wegen fehlender Fertigkeiten (Beispiel: ich hätte fließendes Neugriechisch benötigt), zum Teil wegen hint‘ und vornd‘ fehlender Kapazitäten. Bis ich genug Überblick hatte, um zu diesem Schluss kommen zu können, war ich am Nachmittag bereits über meinen Vorsatz eines pünktlichen Feierabends hinaus. Es wurde spät.

Mittags hatte ich die Panik erst mal weit genug weggeschoben, dass ich sogar Pause machte: gelbe Tomaten aus Ernteanteil, eine Schüssel Joghurt und Hüttenkäse mit Marajuca. Nachmittagssnack war ein Stück Eiweißriegel zur Hungerberuhigung.

Nach einem sonnigen Morgen und Mittag zogen am Nachmittag immer dunklere Wolken herauf. Kurz vor meinem eigentlich geplanten Feierabend begann es heftig zu regnen. Ein Blick auf den Regenradar zeigte mir, dass auch der ungeplant späte Feierabend mich nicht retten würde: Das Regenband bewegte sich in nordöstlicher Richtung längs genau über München hinweg. Nachdem ich der Wettervorhersage entnommen hatte, dass es auch am Wochenende durchregnen würde und ich mein Fahrrad sehr wahrscheinlich nicht nutzen würde, ließ ich es stehen und stieg in die U-Bahn. Meine geplanten Einkäufe im Süpermarket erledigte ich dennoch, indem ich bereits an der Theresienwiese ausstieg und zu Fuß weiter hinktrippelte. (Das mit dem Regen ist noch ein Glück: Die Infektionszahlen COVID-19 sind in München so stark gestiegen, dass die Stadt ein gestaffeltes Alkoholverbot verhängt hat – bei Feiermöglichkeit draußen befürchtete ich Krawalle.)

Daheim freute ich mich nach zehn Tagen Pause auf Alkohol: Es wurde Rieslingsekt von Buhl zur Feier des Wochenendes.

Herr Kaltmamsell servierte viererlei Röllchen:

Mangold gefüllt mit Hühnerhack, gedämpfte Schweineröllchen mit Pflaumenfüllung, Sushi (Gurke und eingelegte Zucchini), Frühlingsröllchen (gefroren gekauft). Das war alles sehr gut, besonders mochte ich, dass die selbstgemachten Sushi deutlicher nach Algen schmeckten als die gekauften. Zum Nachtisch wieder Süßigkeiten.

Im Bett begann ich die Lektüre von Halldór Laxness, Hubert Seelow (Übers.), Das gute Fräulein. Hatte ich in einer meiner Ecken ungelesener Bücher gefunden, keine Erinnerung, wie es zu mir kam. Das erste Kapitel gefiel mir gleich mal.

Neben sonstigen Veränderungen meines Körpers zieht jetzt auch meine Sehkraft nach: Nachdem ich jahrelang gut mit Brille absetzen (Bücher, Zeitung, Ausdrucke auf Schreibtisch, Pediküre, Näharbeiten) und aufsetzen (alles sonst ab Entfernung Computerbildschirm) zurecht kam, ertappte ich mich vergangene Woche zum ersten Mal bei der verräterischen Geste der Altersweitsichtigen: Die Buchstaben des Buchs vor mir waren nicht scharf, erst ein Weghalten um zehn Zentimeter schärfte sie. Weiterer Punkt auf meiner Liste post-OP und nach stationärer Reha: Neuvermessung Sehvermögen, neue Brille.

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Ich bin ja nicht gläubig, habe aber durchaus etwas übrig für bizarre religiöse Rituale (und seien wir ehrlich: ohne Glauben wirkt praktisch jedes religiöse Ritual bizarr). Wieso wurde eigentlich die Götterwelt der Antike abgeschafft? Mit der könnte ich mich anfreunden. Der Kreis ist jederzeit erweiterbar (man weiß ja nie, ob’s nicht bei anderen auch Götter und Göttinnen gibt, die man halt einfach noch nicht kennt – echte Inklusion), keinerlei Illusionen von Allmacht, internes Gehakel, wie’s halt immer ist, die Menschen sind göttlicher Willkür ausgeliefert (haben also immer eine Erklärung/Entschuldigung, Scheitern war halt Hybris gegenüber dem göttlichen Plan, wundern sich über nichts). Und die Rituale: Opfer auf Tempelstufen darbringen, gebetet wird nur laut (um sicherzustellen, dass man nicht heimlich die Nachbarin verflucht). Treffen Sie mich demnächst vor dem römischen Pantheon (erst mal alle anbeten, in die Details gehen wir später).

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Künstler/Künstlerin/Kunstkollektiv Banksy finanziert ein Flüchtlingsboot:
„Banksy funds refugee rescue boat operating in Mediterranean“.

“Hello Pia, I’ve read about your story in the papers. You sound like a badass. I am an artist from the UK and I’ve made some work about the migrant crisis, obviously I can’t keep the money. Could you use it to buy a new boat or something?”

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Falls Sie Tagebuchblogs mögen oder auch nur Erzählblogs der Alten Schule (EAS): Herzbruch hat wieder angefangen. Hier ein empfehlenswerter Einstiegspost, der unter anderem Kinderniedlichkeit enthält:
„When I’m 64“.

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Schönes Online-Projekt eines Teams um den Münchner Rom Radoslav Ganev mit Unterstützung der Stadt München:
Romanity.

via @mosaikum

Journal Sonntag, 23. August 2020 – Grillen bei Eltern

Montag, 24. August 2020

Nachtschlaf mit einer Unterbrechung, weil die Schmerzen dann doch zu stark waren. 600 mg Ibu halfen.

Der Morgen war zu meiner Überraschung trotz Wolken warm genug für Balkonkaffee. Und ich war früh genug aufgewacht, dass vor der Abfahrt zu meinen Eltern noch Zeit für eine Runde auf dem Crosstrainer blieb.

Vom Zug aus Holledau-Check: Gut steht er da, der Hopfen.

Bei den Eltern freudiges Wiedersehen und ausführliches Grillen ohne Anfassen und mit Draußensitzen: Auberginen, Zucchini, Lammkoteletts, Salsicce, Kalbsfilet, geröstetes Brot, Tomaten, sensationelle selbst gemachte Tomaten-Grillsoße – es war köstlich. Ich bedauerte allerdings sehr, dass ich keinen Wein dazu trinken konnte (genauer: wollte, denn ich möchte eine neue Medikation möglichst schnell möglichst sauber einstellen, damit sie zum OP-Termin funktioniert). Erzählungen aus Mutters Kindheit, die ich noch nie gehört hatte, Gang durch den schönen Garten.

Zum späten Dessert gab es wundervoll aromatische Honigmelone.

Ereignislose Rückfahrt (ich habe ein kleines Mädchen über den Maskenrand angelächelt, Ereignis genug) (sie war mir wirklich sympathisch, strahlte genau die Art freundlicher Gewitztheit aus, auf die ich Alters-übergreifend anspringe), Warten auf die Vor-Arbeits-Panik nach Urlaub. Aus dem Freibandschwimmen war dann auch im Urlaub nichts geworden: Die Slots im Schyrenbad waren immer bereits ausgebucht, anscheinend gleich bei Buchbarkeitsbeginn.

Zum Nachtmahl hatte ich bereits wieder genug Hunger für eine Portion Pasta. Abendunterhaltung:
„Django Asül live! – Höhepunkte aus ‚Letzte Patrone'“. (Das war sein vorletztes Programm bis 2019.)

Ich werde die griechische Mythologie nie mehr anders erzählen. Außerdem werde ich das Pänomen künftig nur noch „Golobalosierung“ aussprechen.

Früh ins Bett, um genug Zeit zu haben, mich verrückt zu machen.

Journal Samstag, 22. August 2020 – Bett-Investitionen

Sonntag, 23. August 2020

Stand des Hexenschusses: Ich kann wieder die Bauchmuskeln und den Beckenboden anspannen, ohne dass Lendenwirbelsäule und Iliosakralgelenk aufbrüllen, hurra!

Morgens war es bewölkt, aber warm genug für Kaffee auf dem Balkon.

Ich freute mich nach fast einer Woche Pause über eine Runde Crosstrainer-Strampeln mit Filmmusik auf den Ohren.

Familientelefonate: Auf allen Seiten Medizinisches, zumindest in meiner Generation waren wir uns einig, dass der Körper um den 50. Geburtstag sehr deutlich signalisiert, dass evolutionär nach 45 Jahren das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. You’re on your own now, mate.

Einkaufsrunde unter sich verdunkelndem Himmel. Beim Betten Rid bestellte ich nach ausführlicher Beratung und Probeliegen neue Lattenroste und eine neue Matratze für mein Bett – erstere, weil seit Jahren Latten aus den Halterungen brechen, Matratze, weil sie nach ebenfalls 22 Jahren erneuert werden sollte (ohne dass ich mich als Marketing-Opfer fühle). Kostet alles zusammen im Gegensatz zu den Vorläufermodellen von Ikea fast ein Monatsgehalt, ist aber auf die nächsten 22 Jahre runtergerechnet in meinen Augen vertretbar. UND wird geliefert, die Vorläufermodelle werden mitgenommen. (Die neue Taschenfederkernmatratze lag sich so gut Probe, dass sich die alte Latexmatratze danach geradezu gammlig anfühlte.)

Auch auf meiner Einkaufsliste: Nicki-Tücherl aka Bandanas, die ich mir beim Sport um den Kopf binde, damit mir Vielschwitzerin der Schweiß nicht ab Minute 10 in die Augen rinnt. Mittlerweile sind aus meinem Altbestand (so alt, dass ich bei keinem wusste, woher ich es hatte) alle bis auf eines zerrissen. Da ich diese Baumwolltücher aus der Bergsteiger-Welt kannte, lief ich erst mal ins Sportkaufhaus. Zu meiner Verdutzung hieß es, man führe „nur so Schläuche zum Überziehen“, vielleicht ist mein Bergsteigerbild schlicht in den 1960ern hängengeblieben. Ansonsten kenne ich Bandanas an Musikern, aber auch die sind ein paar Jahrzehnte her, also ging ich nicht als nächstes in einen Musikinstrumenteladen, sondern fragte Twitter. Die Lösung sind wohl Kaufhäuser! (Wie bin ich als begeisterte Kaufhaus-Kundin bloß nicht selbst draufgekommen?)

Obst und Brot holte ich beim Eataly (sehr voll), da begann es bereits gischtig zu nieseln. Zum Glück regnete es erst richtig los, als ich heimgehumpelt war, das blieb dann aber die nächsten Stunden so, inklusive deutlicher Abkühlung.

Zum Frühstück Tomaten-Gurken-Salat aus Ernteanteil (so gut!) mit italienischem Weizensauerteigbrot, ein Pfirsich. Ich legte mich eine Runde flach, um die Hüftschmerzen zu mildern.

Nachmittags las ich, unter anderem die Wochenend-SZ. Als Snack ein Stück Käse mit Brot. Dann holte ich doch den Arbeitsrechner hervor und schaute die E-Mails der drei Urlaubswochen durch, in der Hoffnung, dass der erste Arbeitstag so ein weniger großer Horror wird. (Am Sonntag bin ich unterwegs.) Klappte nur so mittel, weil die beiden akuten großen Brocken, von denen ich wusste, halt wirklich akut, groß und brockig sein werden.

Nachtmahl war von Herrn Kaltmamsell zubereiteter Gazpacho.

Danach teilten mir uns ein gebratenes Entrecôte, zum Nachtisch frische Feigen und Eis. Kein Alkohol, weil Medikamente.

Vermisst irgendwer im Norden zwei Mauersegler? Gestern flatterten sie zu unserer Überraschung am Abendhimmel, gut drei Wochen nach der letzten Sichtung.

§

Die Reihe „Reden wir über Geld“ der SZ-Wirtschaftsredaktion mag ich besonders gern. In ganzseitigen Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen (und in sonst für den Wirtschaftsteil ungewohnter Diversität) beleuchtet sie das Thema Geld aus immer wieder neuen Blickwinkeln. Am Freitag war der Gesprächspartner der Soziologe Aladin El-Mafaalani, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, heute Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück (€).
„‚Verzichten kann nur, wer hat'“.

Zum einen erläutert er, wie das Aufwachsen in Armut die künftige Einstellung zu materiellem Besitz prägt.

Ich bin in Waltrop aufgewachsen, ein Ort, den man ohne Auto schlecht verlassen kann, und da gab es zwei Gruppen, die Hip-Hopper, die Graffiti cool fanden, und die Punks, die Skateboard gefahren sind. Ich mochte Graffiti und Skateboard – deshalb hatte ich mit beiden viel zu tun. Interessant ist im Nachhinein der Umgang dieser beiden Freundeskreise mit Geld.

(…)

In der Hip-Hop-Kultur sind Statussymbole wichtig. Die Punkkultur ist das genaue Gegenteil davon. Meine Eltern stammen aus Syrien, mein Vater ist Arzt, meine Mutter hat Psychologie studiert, ich bin sehr privilegiert aufgewachsen. Ich hatte zu beiden Gruppen eine gewisse Nähe, habe aber auch zu beiden Differenzen gespürt. Bei den Punks war ich lange Zeit der einzige, der nicht blond war, und in der Hip-Hop-Gruppe war ich der einzige, der aus einer wohlhabenden Familie kam.

(…)

Wer wenig Geld und Anerkennung hat, will reich und berühmt werden und orientiert sich an Statussymbolen. Und wer Geld hat, hat einen selbstverständlichen Umgang damit und kann sich die Haltung leisten, Statussymbole abzulehnen.

(…)

Warum gibt es diese Milieugrenzen schon bei Jugendlichen?

Einer der Hauptfaktoren ist Geld. Das trennt und prägt. Wenn man in einer Familie mit sehr viel Geld aufwächst, dann ist der gesamte Alltag darauf ausgerichtet, mit diesem Überfluss umzugehen. Man muss also selektieren. Hat man kaum Geld, muss man den Mangel managen. Schon Kinder entwickeln eine Strategie: Die ärmeren müssen jeden Tag kurzfristige Knappheitsprobleme lösen. Sie fragen: Was bringt das genau, ist das wirklich notwendig? Sie denken funktional, denken kurzfristig, gehen kein Risiko ein und vermeiden Unsicherheiten. Die reicheren Kinder hingegen probieren viel mehr aus, sie gehen Risiken ein, weil sie auch viel weicher fallen. Sie orientieren sich langfristig, entwickeln eine Abstraktionsfähigkeit, denken in Alternativen. Dass die alternative Szene relativ privilegiert ist, kann man alleine an diesem Begriff festmachen. Ob Geld da war oder nicht, wird Teil der Persönlichkeit.

Auch hier erkenne ich wieder einmal, dass ich die zweite Generation des sozialen Aufstiegs bin: Mein spanischer Vater wuchs noch in echter Armut auf, da ging es darum, genug Essen für die Familie zu beschaffen (deshalb auch die Verschickung der Kinder im Sommer zu den Verwandten aufs Land, wo zwar die Arbeit hart war, sie aber ein paar Monate durchgefüttert wurden). Selbst aber hatten meine Eltern die Chance, sich durch enormen Fleiß und kluges (bis halb-legales) Wirtschaften ein Eigenheim zu erarbeiten.

Mindestens so interessant fand ich El-Mafaalanis Gedanken zur Auswirkung von Bildung:

Bildung ist kein Allheilmittel gegen soziale Probleme, sondern eine Grundlage, auf der man nach Lösungen suchen kann und streitet. Klimawandel hat zum Beispiel viel mit Gebildeten zu tun: je gebildeter, desto mehr Einkommen, desto tiefer der ökologische Fußabdruck.

(…)

Wenn Menschen von Bildung sprechen, missverstehen sie sich oft. Dabei gibt es mindestens zwei Begriffsfamilien. Einmal ist Bildung das, was gesellschaftlich verwertbar ist, man spricht oft von Kompetenzen oder von Humankapital. Dann gibt es noch die Persönlichkeitsbildung, also das humboldtsche oder humanistische Bildungsideal: Von Kindheit an bildet man sich ein Selbst- und ein Weltbild, Bildung ist hier Selbstzweck. Wer Bildung in diesem Sinne meint, der denkt, dass ein gebildeter Mensch doch vernünftig ist, das Klima retten muss und nicht rechtsradikal sein darf. Recht romantisch. Die Idee der Persönlichkeitsbildung tut so, als gäbe es keine Gesellschaft, sie ist blind für soziale Ungleichheit. Denn die Motivation von armen Kindern ist relativ gering, Bildung als Selbstzweck zu verstehen. Das wäre ja das Gegenteil von anwendungsorientiert.

Er beleuchtet auch die Fallen von Unterrichtsmodellen, die auf den ersten Blick fortschrittlich wirken:

Offene Bildungsansätze sollen Schülern das selbstorganisierte Lösen von komplexen Problemen beibringen. Ist das Bildung, wie Sie sich das vorstellen?

Ich habe meine Haltung zu solchen Projekten grundlegend geändert. Die Forschung zeigt, dass solche Unterrichtsansätze Ungleichheit derzeit eher verstärken. Das Potenzial ist zwar enorm, aber die Umsetzung ist offenbar nicht gut: Leute aus einem höheren Milieu – Lehrkräfte – überlegen sich Probleme, die Kinder aus einer völlig anderen Lebenswelt als anregendes Problem erkennen sollen. Lehrkräfte finden Probleme sehr spannend, für die man Risiken eingehen und langfristig denken muss. Ein benachteiligtes Kind hat diese Denkweise nicht gelernt. Ärmere Kinder lernen oft keine Selbstorganisation, weil sie in einem Umfeld aufwachsen, das sie diszipliniert. Sie sind im Alltag fremdbestimmt. Der Umgang mit Freiheit muss systematisch gefördert und gelernt werden. Derzeit wird das zu stark vorausgesetzt.

(Erwähnte ich, dass ich als nächstes Studienfach unbedingt Soziologie wählen würde?)


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