Essen & Trinken

Journal Freitag, 12. Februar 2021 – Körperlichkeiten und knackige Sonnenkälte

Samstag, 13. Februar 2021

Unruhige Nacht, weil bei jeder Bewegung mein Kreuz aufweckend schmerzte – zum Glück aber nicht in Ruhe. Morgens also Gymnastik-Übungen für akute LWS-Beschwerden (mittlerweile kenne ich für sehr viele Rückenbeschwerden gezielte Übungen). Ich erwähnte ja schon, dass ich seit Wochen unter vorher ungekannten Rückenschmerzen leide, deutlich über die vertrauten Problemzonen Nacken und LWS hinaus. Offensichtlich ist meine tägliche Gymnastik kein Heilmittel, Orthopäden wissen aber meiner Erfahrung nach auch nichts Anderes (außer sie können es als IGeL verkaufen). Also Ibu drauf und abwarten, noch halte ich mich daran fest, dass sich das Gesamtsystem Körper mit Hüft-TEP erst wieder neu einjuckeln muss. (Ich habe solche Sehnsucht nach Schwimmen und bilde mir mangels Möglichkeit ein, dass das ganz bestimmt helfen würde.)

Draußen war es knackig kalt, passend zum winterlichen Sonnenstrahlen (Soundtrack: Krachen und Knirschen unter den Schneestiefeln).

Mein Büro konnte ich wegen der Kälte immer nur kurz lüften, genoss aber die hereinströmende Luft sehr, die mich an die Skifahrten meiner Jugend erinnerte.

Mittags ein Butterbrot aus Selbstgebackenem, Granatapfelkerne und zwei Ausstandskrapfen aus der Büroküche. Dann war ich sehr satt. Und müde.

Früher Feierabend, ich kam im letzten Sonnenlicht los – die Tage werden spürbar länger, hurra!

Um die Einkäufe des Vortags nachzuholen und um aktuelle zu ergänzen, ging ich zum Vollcorner. Als ich an der Fleischtheke um eine besonders dicke Scheibe Entrecôte bat, scherzte mich die Verkäuferin an: „Ah, da will sich jemand daheim beliebt machen!“ Ich wusste wirklich erst mal nicht, was sie meinte. Dann fiel mir ein, dass im Mario-Barth-Universum das Männchen große Fleischstücke liebt, das Weibchen Salat vorzieht und für die Nahrungszubereitung zuständig ist, also die Macht über die Fütterung des Männchens mit dem geliebten Fleisch hat. (In meiner ganz persönlichen Welt bin ich die Liebhaberin hochwertigen Rindfleischs aus der Pfanne und mein Partner kann das ganz besonders gut zubereiten.) Dabei war es doch die zweite Bestellung, mit der ich mich beliebt machen wollte: Ich hatte ein rares Suppenhuhn erspäht und wollte damit Herrn Kaltmamsell überraschen, der gekochtes Hühnerfleisch liebt. (Als ich ihm beim Heimkommen das Erlebnis erzählte, guckte er auf den Scherz der Verkäuferin hin genauso verständnislos, ich musste erklären.)

Daheim Häuslichkeiten, u.a. Kartoffelschnitze und Postelein fürs Abendessen (beides aus Ernteanteil), dann aber WOCHENENDE, und zwar vier Tage lang, weil zwar kein Rosenmontag und Faschingsdienstag stattfinden, das aber bei mir in der Arbeit schon seit Monaten als „Betriebskalender“ frei ist. Und ich die fünf vollen Arbeitswochen seit Weihnachten darauf hin runtergezählt hatte. Wieder hatte ich pünktlich zum Freitagabend Lust auf Alkohol, beim Vollcorner hatte ich Prinzessinnen-Sekt besorgt (Prinzen-Sekt? auch das gerne). In den vergangenen Wochen hatte ich den Alkohol an Arbeitstagen überhaupt nicht vermisst.

Sich leerendes Wohnzimmer. Herr Kaltmamsell nimmt bezaubernderweise Rücksicht darauf, mindestens eine Yogamatte Platz vor dem Fernseher zu lassen.

Gemeinsam zubereitetes Nachtmahl, zum Nachtisch gab es den Rest Apfelmus vom Kaiserschmarrn mit einem Klecks Crème fraîche.

Abendunterhaltung: Men in black II, kann ich immer wieder sehen (das Postamt!).
Die Lendenwirbelsäule hatte sich zum Glück ein wenig beruhigt.

§

Die New York Times sorgt sich, wie hart die zweite Corona-Welle Deutschland getroffen hat und analysiert die Gründe.
„How Germany Lost Control of the Virus“.

Over 50,000 people have died in Germany since October. For a country that led in pandemic control during the first wave, it has been a shocking reversal.

Autorin Anna Sauerbrey rekapituliert:
– Das war nicht einfach Pech, sondern Politik.
– Als am Ende des Sommers die Infektionszahlen stiegen, wurde nicht wie im März mit schnellen, klaren Bewegungseinschränkungen reagiert.
– Selbst nach Verdreifachung der Inzidenz gab es im Oktober nur halbherzige Maßnahmen. Erst kurz vor Weihnachten wurde konsequent geschlossen.
– Folge: Anfang Januar überstieg die Zahl der Corona-Toten pro Einwohner die in den USA.

Ihre Erklärung: Die vielen Wahlen, die 2021 in Deutschland anstehen und die dazu führen, dass die Länderchef*innen sich beim Volk nicht durch unbequeme Maßnahmen unbeliebt machen wollten. Dazu das Durcheinander um die Impfungen, das zu einem sehr langsamen Start führte.

§

Für die Zeit schreibt Insa Wilke über das Schwinden von „Orten für Literatur und ihre Kritik“ in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten – ihrer Ansicht nach Symptom eines viel größeren Problems.
„Ist das wichtig oder kann das weg?“

Der Markt verengt sich mehr und mehr, die Konzentration auf wenige Buchtitel pro Saison nimmt zu, und damit steigen auch die Probleme für Verlage und Schreibende. Diese Verengung des Marktes geht einher mit einer zunehmenden Ausrichtung auf das, was „die“ Leserinnen, „die“ Hörer, also was „das“ Publikum gut findet. Der Trend: Literarische Produkte auf spezifische Zielgruppen zuzuschneiden. Das Menschenbild dahinter heißt: Konsument.

(…)

Dabei gibt es gerade bei den Jüngeren ein neues und deutlich sichtbares Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit. Und sie schaffen sich eigene Räume, weil sie sich in den alten nicht mehr erkennen. Blogs wie 54books.de oder praeposition.com sind dafür ein Beispiel. Hier gibt es Raum, um sich argumentativ mit Fragen auseinanderzusetzen, die man nicht mit 4.000 Zeichen oder in fünf Minuten abhandeln kann und auch nicht im Gespräch mit Moderatorinnen, die keine Sachkenntnis haben. Hier bewegt sich der Nachwuchs, der den Medien einmal fehlen wird, wenn man Autoren und Kritikerinnen und ein Publikum für Literatur braucht. Die interessierten Jungen schalten ab und wandern weg.

(…)

Dabei ist klar, was das Paradox der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist: Die Bürgerinnen und Bürger, also wir, bezahlen sie, damit sie etwas machen, was nicht alle, vielleicht sogar nur wenige von uns interessiert. Weil sie aber von allen dafür bezahlt werden, müssen sie sich für das legitimieren, was sie tun. Wenn man diese Legitimation mit der Quote begründen möchte, kann man also nur verlieren.

(…)

Würde man danach fragen, wie Kriterien für eine gute, gegenwärtige Berichterstattung, etwa „Aktualität“, „Informationsgehalt“ und „Partizipationsmöglichkeit“ sich auf die Literatur übertragen lassen, könnte die Antwort lauten: Bücher ins Gespräch bringen, Ereignisse und Debatten aus dem literarischen Leben diskutieren, Neuerscheinungen in ihren politischen, gesellschaftlichen, literaturhistorischen und ästhetischen Kontexten zeigen und diskursive Formate bespielen sowie eine Vielstimmigkeit dadurch erreichen, dass unterschiedliche Akteurinnen aus der Literaturbranche und dem Literaturpublikum eingebunden werden.

(…)

Eine Rezension kann den Horizont erweitern, diskursiv und partizipativ sein. Durch zugespitzte Urteilskraft oder indem man ein Buch nicht nur unter dem Motto „Ich rate zu / Ich rate ab“ bespricht, sondern es etwas komplexer in seinen gesellschaftlichen und ästhetischen Dimensionen liest. Eine Rezension darf ohne Richterspruch fragen, was genau an einem Buch interessant ist, warum und wie man es heute lesen könnte. Womit müht sich die Autorin, und warum tut sie es?

§

Katharina Seiser im ORF über die Avocado, gespickt mal wieder mit nützlichen Infos und Tipps, u.a. dass spanische Bio-Avocados derzeit Saison haben.

Journal Samstag, 6. Februar 2021 – Blöde Idee Ausflug, Sahara-Himmel

Sonntag, 7. Februar 2021

So richtig gut geschlafen!

Nach dem Bloggen buk ich den Wochenendkuchen: Orangenkuchen nach Moey’s Kitchen. (Ging wunderbar auf, fiel aber beim Abkühlen zusammen – sehr seltsam.)

Nach Twitterlesen machte ich mich spazierfertig: Herr Kaltmamsell hatte Zeit für einen Ausflug. Angekündigt war ein sonniger Tag, doch das Wetter hatte das Briefing nicht bekommen: Es war sogar ausgesprochen düster. Doch zumindest regnete es nicht und war mild. Zum Frühstück aß ich eine Scheibe gebackenen Blaukrauts mit Käse vom Vorabend.

Wir nahmen eine S-Bahn nach Starnberg, um die Maisinger Schlucht entlangzuwandern und in Possenhofen eine S-Bahn zurück zu nehmen (postoperative Wanderdauer auf deutlich über zwei Stunden erhöht). Die Fahrt war nur kurz entspannt, dann stieg ein zehnköpfiger Trupp mit Mountainbikes zu. Wir suchten uns einen weniger dicht besetzen Abschnitt der Bahn.

Doch auch der Spazierweg war bald überlaufen. Um Abstand zu halten, gingen wir weite Teile im Matsch neben dem Weg (Hintereinandergehen, um Abstand auf dem Weg zu ermöglichen, wird bei größeren Gruppen ja auch schnell doof – größeren Gruppen, grrr).

Maisinger See, nicht im Bild: knallvoller Parkplatz. Jetzt verstand ich den Ärger, den die Ansässigen auf die Ausflügler aus München haben: Sie können ja selbst das Haus nicht mehr entspannt verlassen. (Und wenn jedes Wochenende Ausflügler-Kinder große Äste von jungen Bäumen brechen, wie ich es einen Buben ohne Einspruch der begleitenden Erwachsenen tun sah, würde ich anfangen, Elektrozäune zu bauen.) Noch stärkere Reue empfand ich auf der Rückfahrt nach zweieinhalb Stunden Wandern – physisch kein Problem, lediglich leichtes Ziehen in der operierten Hüfte -, als die S-Bahn immer voller wurde. Auch mit FFP2-Verweigerern; weil wir keine Lust auf eine Auseinandersetzung hatten, stiegen wir in Laim aus und nahmen die nächste, deutlich leerere S-Bahn für die verbleibenden Stationen.

Auf dem letzten Stück Fußweg war es immer noch düster, aber mit seltsamem gelben Schein – den ich (auch das ist Alter) sofort richtig deutete: Saharastaub.

Daheim machte ich mir eine große Tasse Tee und stillte meinen Hunger mit einem Viertel des Orangenkuchens.

Während Herr Kaltmamsell das Nachtmahl kochte (Ochsennieren-Curry nach Delia Smith), machte ich eine Runde Yoga und genoss die Einheit wieder so wie am Vortag.

Im Sessel las ich die Wochenend-Süddeutsche – ging recht zügig. Herr Kaltmamsell servierte das Curry mit Kartoffelpü und Rosenkohl (er hatte sich „etwas Viktorianischeres“ vorgestellt, meinte damit aber die devilled knidneys aus der Literatur), das sehr gut schmeckte.

Früh zu Bett mit Buch.

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Die Intensivmedizinerin Rachel Clark arbeitet in Großbritannien und berichtet, wie sie nicht nur in völlig überfüllten Intensivstationen mit zu wenig Personal Covid-19-Patient*innen versorgen muss, sondern mittlerweile täglich mit Drohungen und Beschimpfungen von Covid-Leugner*innen fertigwerden.
„‚I’ve been called Satan‘: Dr Rachel Clarke on facing abuse in the Covid crisis“.
via @dalcashdvinsky

We have reached the point in the pandemic where what feels like armies of trolls do their snarling, misogynistic utmost to silence NHS staff who try to convey what it’s like on the inside. Worse even than the hatred they whip up against NHS staff, the deniers have started turning up in crowds to chant “Covid is a hoax” outside hospitals full of patients who are sick and dying. Imagine being forced to push your way through that, 13 hours after you began your ICU shift. Some individuals have broken into Covid wards and attempted physically to remove critically ill patients, despite doctors warning that doing so will kill them.

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Warum die Yoga-Welt vor allem in den USA eine Neigung zu Verschwörungs-Mythen hat: Der Kanadier Matthew Remski ist als Yoga-Lehrer und Autor auf beides spezialisiert und erklärt diese Verbindung in einem Twitter-Thread. Was seiner Analyse zufolge diesen Hang begünstigt:
– Historische Verbindung der Gedankengebäude
– Die gemeinsame Ideologie des 1) Nicht ist, wie es erscheint. 2) Alles geschieht aus einem Grund. 3) Alles ist miteinander verbunden.
– Das US-Gesundheitswesen
– Verbreitung über das Web

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Auf instagram die Ankündigung der Nifften, dass es Sonntagnachmittag wieder eine Show aus dem Keller geben wird. Ich erwarte also wieder sowas:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/vYmSAMcwXA8

(SPASS! IHR SEID GANZ ANDERS UND VIEL TOLLER!)

Journal Samstag, 30. Januar 2021 – Frühlingsboten und große Müdigkeit

Sonntag, 31. Januar 2021

Zu früh aufgewacht nach unruhiger Nacht, ich war den ganzen Tag schlapp und müde.

Das Wetter mild mit viel Sonne, das Hasenglöckchen auf dem Balkon wird schon munter.

Kneten, Ruhen, Falten, Garen, Backen der Häusemer Bauerekrume, doch anders als geplant verschränkte ich das nicht mit Sport: Ich hatte derart keine Lust, dass ich lediglich eine Runde Yoga machte und eine Hüft-Reha-Übung auf dem Balance Pad.

Das Brot glang sehr gut. Ich viertelte es nach dem Abkühlen und fror drei Viertel ein.

Vormittags hatte ich auch das Dessert fürs Abendessen zubereitet: Aus einigen Löffeln Orangenmarmelade 2021, die Herr Kaltmamsell in der Woche davor gekocht hatte, wurde mit Sahne, Crème fraîche, Orangensaft und Orangeschale mit Hilfe von Gelatine eine Creme, die der Guardian „Marmalade panna cotta with bay and bourbon“ nennt. Bourbon war keiner im Haus, ich griff zum braunen Rum.

Schmeckte abends sehr gut, hätte etwas fester sein dürfen – vielleicht nächstes Mal mit einem zusätzlichen Blatt Gelatine (oder weniger Orangensaft, die Mengenangabe „Saft einer Orange“ finde ich beim Einsatz von Gelatine wegen der großen Bandbreite der Saftmenge aus einer Orange fahrlässig).

Ich brachte das vorerst letzte Buchpaket weg, dieses zu einer Hermes-Annahmestelle bei St. Paul. Bei ausreichender Leere hatte ich Obsteinkauf im Süpermarket geplant – doch dort wie an manchem Ketten-Supermarkt im südlichen Bahnhofsviertel standen Schlangen bis draußen. Ich spazierte zum Hauptbahnhof für Frühstückssemmeln (das Brot musste erst auskühlen); der Rischart in der Bahnhofshalle nutzte nur die Hälfte des Ladens und war mit nur einer Verkäuferin besetzt – mehr lohnt sich wohl beim Pandemie-bedingten Reisenden-Aufkommen nicht.

Frühstück kurz nach zwei. Da es weiterhin in Hüfte und Rücken zwickt, setzte ich mich für die Lektüre der Wochenend-Süddeutschen mit Füßehoch aufs Bett. Hin und wieder stand ich auf, um die Sauerteigreste der vergangenen Wochen zu Sauerteig-Crackern zu backen, die ich den Nachmittag über gleich knabberte. Das Wetter war düster geworden, windiger Regen.

Das Nachtmahl bereitete wieder Herr Kaltmamsell zu: Er machte aus dem Ernteanteil-Wirsing eine Wirsing-Lasagne mit Wurst-Brät, darin auch Linsen, überbacken mit Ricotta-Käse-Ei-Masse. Sie schmeckte ausgezeichnet.

Dazu gab es ein Glas rassen Blaufränkisch vom Heinrich.

Journal Freitag, 29. Januar 2021 – Alkohol aufs Wochenende und „Bolero“-Erinnerungen

Samstag, 30. Januar 2021

Fast sogar gut geschlafen – wenn das am Wochenende MIT Ausschlafen funktionierte, wäre das wundervoll.

Die milden Temperaturen und der fast ununterbrochene Regen hatten den Schnee beseitigt, übrig blieben klägliche Häufchen und viel, viel Rollsplit (den meine Stiefel durch komplexe Sohlenimpulse und Luftströme so reichlich ins Innere wirbelten, dass ich eine Rechnung des Winterdienstes befürchte). Der Tag wurde stürmisch, das fegte immer wieder große Wolkenlöcher frei, durch die Sonne kommen konnte.

Mittags reichlich Radicchio mit Balsamico-Dressing, nachmittags Kiwi und Birne.

Ich war sehr froh um das Ende der Arbeitswoche. Auf dem Heimweg erledigte ich ein paar Einkäufe in einem weiträumigen Edeka, zu Hause setzte ich erst einmal Vorteige für Häusemer Bauerekrume an. Dann Einstieg ins Wochenende mit Cosmopolitans, während Herr Kaltmamsell fürs Nachtmahl sorgte: Es gab Miesmuscheln, er hatte ein Nigel-Slater-Rezept mit Tamarinde und Kokosmilch umgesetzt. Dazu gab es einen Riesling von Buhl Deidesheimer Herrgottsacker 2017, der mich gleich beim ersten Schluck daran erinnerte, warum ich seinerzeit nach dem Probieren sofort ein Kistlein bestellt hatte.

Köstliche Muscheln, wenn auch mit ziemlich viel Ausschuss.

Früh zu Bett, um noch in William Maxwell, So long, see you tomorrow zu lesen, während Herr Kaltmamsell neben mir beim Leseversuch sofort einschlief.

§

Eine 53-Minuten-Doku auf arte über den Bolero von Maurice Ravel:
„Bolero – Ein Refrain für die Welt“.

via Buddenbohm und Söhne

Es gehört zu meinen Kindheits-/Jugenderinnerungen, als meine Eltern den Bolero von Ravel entdeckten (wodurch eigentlich? ich muss mal fragen – die Filmmusik zu Les uns et les autres?, denn ich glaube, dass er 1984, als er nochmal durch das Eistanz-Paar Jayne Torvill und Christopher Dean um die Welt ging, schon ein Familien-Ohrwurm war) und er wieder und wieder von Schallplatte durchs Haus (oder schon durch die Wohnung?) klang. Die Choreografie von Maurice Béjart, ausgeführt von einem Tänzer mit nacktem Oberkörper auf einem roten Podest, sah ich als Schülerin bei einer der regelmäßig angebotenen Fahrten zur Münchner Oper (war das möglicherweise sogar Jorge Don, der in der Doku auftaucht?), die mich tief beeindruckte.

Journal Samstag, 23. Januar 2021 – Auf den Spuren des schwulen 80er-Pop

Sonntag, 24. Januar 2021

Ausgeschlafen – nach zerstückelter Nacht war die Stunde morgens zwischen 6.45 und 7.45 Uhr die beste.

Auf dem Sportplan stand Cardio mit Crosstrainer. Bereits in Sportkleidung, aber mit Winter drüber ging ich vorher noch zur Post: Wieder ein paar Bücher losgeworden. (Das Angebot steht weiterhin: Große Mengen Belletristik auf Deutsch und Englisch gegen Porto abzugeben.)

Auf dem Crosstrainer stellte ich fest, dass sich meine In-Ear-Kabelkopfhörer endgültig verabschieden: Immer wieder ist ein Kanal unhörbar, zudem fallen sie trotz Kabelführung übers Ohr raus, ich schwitze sie weg. Ich werde für heftiges Gehoppel ein Modell mit Klammer/Bügel ums Ohr brauchen.

Noch nassgeschwitzt buk ich den Wochenendkuchen: Amerikanische Apfeltorte. Wurde gut, allerdings waren mir die Äpfel noch ein wenig zu knackig.

Das Wetter war recht konsequent greislig: Düstere Wolken, hin und wieder Regen, hin und wieder ein paar Schneeflocken. Ich blieb den Rest des Tages drin, las, hörte, guckte, im Dunklen noch eine Runde Yoga.

Zum Frühstück gab es ein Stück Hartweizling vom Vorabend.

Dazu versuchte ich den Schimmelkäse Sorte Seife-mit-Reißnägeln zu retten, indem ich ein paar Stücke mit Mascarpone verknetete, salzte und mit etwas Ahornsirup süßte. Wurde essbar. Nachmittags gab es Apfelkuchen und die Kerne eines Granatapfels.

Bis zum Abendessen packte ich die diesjährige Meldung von Blogposts bei der VG Wort an, auf dass es wieder reichlich Ausschüttung (GELD!) geben möge.

Nachtmahl war Gockel, Teil 2: Hühnerschenkel mit Paprika-Tomaten-Sauerrahmsoße.

§

Den Morgen hatte ich mit „Tainted Love“ und Soft Cell verbracht (vielen Dank für die Tipps!). Mir wurde klar, wie schwul die 80er waren, musikalisch und ästhetisch – wobei die Definierbarkeit einer schwulen Ästhetik und Szene natürlich Ergebnis der Ausgrenzung und Diskriminierung von Homosexualität ist, die sich in geschützten Nischen verstecken musste. (Nein, Schwule kommen nicht mit einer Federboa / mit einem Nietenhalsband auf die Welt.) (Oder? Was weiß denn ich Vanilla-Hete schon…)

Auch Erscheinungen wie Madonna kamen ja aus der Schwulenszene, in diesem Fall der in New York. Die Londoner Kajal-Schwulen wie Boy George, die Herren Synthie-Pop und androgyne Ästhetik wie die der Eurythmics gehörten ebenfalls zusammen. Waren Lesben damals überhaupt schon erfunden? Ich meine im popkulturellen Sinn. (Wobei mir dazu „Mujer contra mujer“ der spanischen Pop-Band Mecano einfällt, das kam 1988 raus.) Blühte lesbische Kultur erst im Grunge der 90er auf? Ist hier eine Kulturwissenschaftlerin im Publikum, die sagen kann, ob es dazu Forschung gibt?

Einer der Tipps war dieses Guardian-Interview von 2016:
„Marc Almond: ‘I’ve had the chance to be subversive in the mainstream’“.

Wobei der Soft Cell-Gründer Marc Almond darauf hinweist, dass wir als Gesellschaft noch einen langen Weg vor uns haben:

Being a gay artist back then was tough, Almond says, and although things are better now, they’re not as good as they should be. “The less mainstream press are a lot more accepting, but in other areas there’s still a tendency to accept the gay stereotype – I call it the gay clown – who’s prepared to do a gay performance for straight people, and that bothers me.” He rails at The X Factor’s treatment of gay contestants particularly. “There’s this homophobic side to it – they pick a gay person who’s going to be super-super-camp. What they’re saying is ‘Let’s just have a bit of a laugh at them’, really.” He is visibly riled. “I would never have got through these auditions. I’d be one of the quirky ones they’d stick in as a novelty act.”

The “acceptable face of gayness” in general culture gets him bristling too. “You’ve got to be good looking, chiselled, have a bit of Botox, and wear a designer outfit to be accepted – and you’ve got to be married, preferably. Where does the loner outsider in Castleford fit into all that? In the north, camp is still a weapon and a survival mechanism, but it’s still derided. At least the gay community was more unified back then. Parts of the gay community are not valued as much as other parts in 2016… It’s very divided these days.”

Wobei auch das frühere schwule Gemeinschaftsgefühl sehr wahrscheinlich Ergebnis der Diskriminierung und Verfolgung war. Je gesellschaftlich akzeptierter Homosexualität wird, desto individueller kann sie sein.

§

Durch einen Hinweis im SZ-Feuilleton kam ich auf dieses Gespräch zwischen Jodie Foster und Anthony Hopkins zum Start von Silence of the Lambs vor 30 Jahren:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/u2QjdRaLfa8

Hier nachzulesen:
„Jodie Foster and Anthony Hopkins Reunite for ‘Silence of the Lambs’ 30th Anniversary“.

Eine faszinierende Unterhaltung zwischen zwei völlig verschiedenen Künstler*innen. Auf der einen Seite Hopkins als Vollblut-Schauspieler, der eisern behauptet, er täte doch gar nicht mehr als ans Set zu kommen und seinen Text zu sprechen. (Dann aber doch auf Nachbohren beschreibt, woraus sich die Ausgestaltung seines Hannibal Lecter speiste.) Auf der anderen Seite Foster als Intellektuelle, die plant, analysiert, reflektiert, strukturiert. Die vor der Kamera stand, seit sie drei war – weil das halt das Familiengeschäft war (und nebenher erzählt, wie sie sich als Kind am Set damit beschäftigte, mit welcher Linse was aufgenommen wurde und welchen Unterschied das machte). Die laut eigener Aussage wöchentlich beschließt, nie wieder zu schauspielen, weil sie eigentlich keine Schauspielerin sei, sondern Filmemacherin. Ihre Analyse der Figur Clarice Starling fand ich brillant.

Worin sich beide einig sind: Dass der Schlüssel zu einem außergewöhnlich guten Film ein außergewöhnlich gutes Drehbuch ist. Und dass Silence of the Lambs genau das hatte (von Ted Tally).

Journal Freitag, 22. Januar 2021 – Gockel, erstes Kapitel

Samstag, 23. Januar 2021

Die Nacht war wieder kurz nach fünf zu Ende, doch sie hatte fünf durchgeschlafene Stunden enthalten – erfrischend. Ich spürte die ausführliche Gymnastik des Morgens davor (nach Langem mal wieder Liegestütz sowie Fliegende und Überzieher mit Hanteln).

Wie nach jedem Blumenkauf freue ich mich ganz arg, wenn mein Blick auf den Strauß fällt.

Die milden Temperaturen hielten an, mein Weg in die Arbeit war schneefrei und trittsicher. Unterwegs kaufte ich beim Bäcker Zöttl ein Humusbrot für die Brotzeit. Das gab es mittags vor einer Orange mit Hüttenkäse und sättigte aufs Angenehmste.

Im Büro Telefonate auf interessanter Flughöhe.

Ich machte pünktlich Schluss, um einen Feierabend zu bekommen. Auf dem Heimweg war Süßigkeitenkauf geplant. Ich steuerte dafür den Edeka Theresienhöhe an, weil es bei dem in einem Sonderaufsteller Trockenfrüchte und Nüsse in Schokolade von Meienburg gibt, die wir sehr mögen (ansonsten ist der Laden mir für eine Pandemie eigentlich zu eng). Jetzt sollte wir auf einige Wochen mit Süßkram versorgt sein.

Daheim schaltete ich sofort den Backofen ein, um die Hartweizlinge zu backen, die seit 24 Stunden im Kühlschrank garten. (Vorteil des Arbeitens von daheim: Ich konnte am Vortag den Teig ansetzen.) Wie es mir meist geht: Eine Zeit lang stieß ich fast nur auf Brotrezepte mit Hartweizenmehl, doch nachdem ich ein Kilo in der Hofbräumühle gekauft hatte, waren sie alle verschwunden. Nach diesem hatte ich gezielt suchen müssen.

Anstoßen aufs Wochenende mit Schaumwein.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den ersten Teil von viererlei Gerichten, die aus einem Bio-Gockel werden: Die Hühnerbrüste a la Kim. Mit Erbsen und einem Stück frisch gebackenem Hartweizenbrot. (Die anderen werden Paprikahuhn aus den Keulen, Hühnerbrühe mit Tortellini, aus dem Suppenfleisch Sandwich-Füllung.)

§

„«Wir befehlen Ihnen, die sieben Bundesräte in Gefängnisse einzusperren»“

Ein Gastro-Unternehmer fordert die Nummer zwei der Armee in einem Einschreiben dazu auf, die Schweizer Regierung zu verhaften und vor ein Kriegsgericht zu stellen. Und hält in einem Keller seiner Restaurant-Kette ein Treffen ab, an dem der Systemumsturz besprochen wird. Was geht da genau vor?

Zunächst schwankte ich, ob mich vielleicht sogar beruhigen soll, dass es selbst in der Basisdemokratie Schweiz Demokratie-feindliche Realitätsverdreher gibt. Doch leider verstärkte es doch nur den Eindruck, dass die ganze Welt immer weiter aus den Fugen gerät. Erst kürzlich unterhielt ich mich darüber, welche Pendants zur deutschen Reichsbürgerbewegung es wohl in anderen Staaten gibt.
(Nebenbei: Drehbuchschreiber*innen von Katastrophenfilmen haben sowas von ausgeschissen. Letzthin lief mein Favorit Arrival im Fernsehen, und obwohl sich hier die Darstellung apokalyptischer Vorgänge angenehm vom Genre-Stereotyp unterscheidet, gab es auch hier das Versatzstück der Fernsehmeldung über einbrechende Börsenkurse. Schallendes Gelächter, denn es hat sich mittlerweile erwiesen, dass gewissenlose Gier auch die Apokalypse in erster Linie als Möglichkeit zur Kapitalanhäufung sieht.)

§

Wahrscheinlich eine Ausnahme, aber eine interessante: Im Techniktagebuch schildert Vater Georg Passig seinen Homeoffice-Alltag mit fünf distanzbeschulten Kindern (1. bis 12. Klasse, Grundschule, Realschule, 2x Gymnasium, Fachoberschule – alle Bayern). Und was er dadurch über die tatsächliche Funktion von Präsenzunterricht gelernt zu haben meint.
„Entspanntes Familienleben dank Homeschooling“.

Mir bricht ja der Schweiß aus allein schon bei dem Gedanken, diese fünf Kinder-Tagesrhythmen zusätzlich zu meiner Arbeit im Blick zu behalten zu müssen.

Journal Donnerstag, 21. Januar 2021 – Esstischbüro

Freitag, 22. Januar 2021

Gestern also Arbeiten daheim, sehr unbequem (kleiner Laptopbildschirm, Laptoptastatur, Esstisch, Esstischstuhl).

Die gewonnene Zeit ohne Arbeitsweg nutzte ich morgens für eine Runde Reha-Übungen.

Gelernt: Wenn man mit Laptop und Ausdrucken arbeiten muss, ist ein runder Tisch ganz besonders blöd.

Draußen leuchtete ein sonniger Tag.

Mittags rote Paprika und ein Stück Käse, Grapefruit und Orange. Später eine Schüssel Haferflocken mit Milch (weil kein Brot im Haus war).

Während ich im Nebenzimmer Herrn Kaltmamsell unterrichten und konferieren hörte, hatte ich Telefonate, Meetings, viel Datenbankarbeit – ich war bei Feierabend erledigt.

Vor allem wollte ich dringend raus an die berühmte frische Luft. Im bereits Dunklen marschierte ich um die Theresienwiese herum, das tat sehr gut (einmal aus der angehenden Entspannung gerissen, als neben mir ein Krankenwagen das Martinhorn einschaltete und ich vor Schreck schrie, sprang, und mir schlagartig übel wurde). Daheim eine Runde Yoga mit Adriene, dann war ich wiederhergestellt. Doch ich wundere mich, dass ich zum ersten Mal im Leben unter ganzflächigen Rückenschmerzen leide (nicht schlimm, aber vorhanden) – an genau denen, die immer mit mangelnder Bewegung erklärt werden und gegen die genau die Gymnastik empfohlen wird, die ich seit Monaten in meinem Programm habe. Derzeit erkläre ich mir das noch mit der Ganzkörperumstellung durch das neue Hüftgelenk, in der sich alle Muskeln zurechtjuckeln müssen.

Zum Abenessen machte ich Salat: Radicchio, rote Paprika – und ein bemerkenswerter Bio-Blauschimmelkäse. Er schmeckte zunächst mild, weil fast salzlos, doch dann biss er zu wie ein Stück Seife mit Reißnägeln. Wir pickten ihn beide aus dem Salat und legten ihn zur Seite (zum Glück hatte ich große Stücke geschnitten), vielleicht kann man ihn mit viel Mascarpone noch zu einem Brotaufstrich/Dip retten. Wir aßen uns an Süßigkeiten satt.

§

„Tainted Love“ von Soft Cell war ein Lieblingslied meiner Jugend, sogar eines der Hand voll, die ich mir als Single auf Platte kaufte. Hier noch jemand mit dieser großen Liebe. Und genug Nerdtum.
via @misscaro


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