Essen & Trinken

Journal Dienstag, 26. November 2019 – Freier Tag mit Schwimmen, Öffi-Irrfahrt, Anfassen und Kochen

Mittwoch, 27. November 2019

Ein freier Tag also. Die Idee hatte ich anlässlich des Physio-Termins am Nachmittag: Anstatt mir die Zeit von der Arbeit anzuzwacken, konnte ich doch gleich den ganzen Tag abzwacken. Ich stellte mir den Wecker eine halbe Stunde später (konnte ich gut brauchen, das Einschlafen war arg schmerzgestört verlaufen), und da Herr Kaltmamsell nicht zur ersten Schulstunde antreten musste, konnte ich ihm dennoch Milchkaffee servieren.

Noch recht früh machte ich mich auf den Weg zum Dantebad, allerdings schonend mit der U-Bahn. Im Bad war kurz nach halb zehn anscheinend gerade Schichtwechsel, mit mir kamen sehr viele weitere Frauen in die Umkleide und die Duschen. Auch die Schwimmbahnen waren so gut besetzt wie am Samstag, ich musste oft überholen (achtete bei der Beschleunigung aber darauf, nur aus dem Oberkörper zu arbeiten und die Beine weiterhin nur Anemonen-sanft zu wedeln). Aber! Es kam immer wieder die Sonne raus, ich genoss die Luft. Anschließend Dehnen im benachbarten Sprudelbecken.

Auch jetzt geriet ich in einen Schichtwechsel, die Duschen waren sogar überbelegt, manche Frauen mussten warten.

Zum Frühstück steuerte ich das Café Puck an und ließ mir von der MVV-App eine Verbindung anzeigen. Doch gestern klappte das sonst so verlässliche System überhaupt nicht: Die genannte Straßenbahnlinie gab es wohl gar nicht, zweimal verstrich die angegebene (und an der Live-Anzeige angekündigte) Abfahrtzeit an der Haltestelle, ohne dass die Tram auftauchte – ich stand 20 Minuten herum (dass eine andere Linie mich ebenfalls an den Umsteigehalt gebracht hätte, verschwieg die App). Also schlug ich mich auf eigene Faust durch, verirrte mich an der vielspurigen Kreuzung Landsberger/Nymphenburger Straße auf der Suche nach der richtigen Bushaltestelle – und brauchte insgesamt über eine Stunde für eine Strecke, die ich mit dem Rad in nicht mal 20 Minuten zurückgelegt hätte. Meine Laune war nicht mehr sehr ferienhaft (zum Glück hatte ich meinen E-Book-Reader dabei und war mit Lektüre versorgt, sonst hätte ich wahrscheinlich aufgegeben und wäre heim gefahren).

Das Café Puck enttäuschte nicht, ich frühstückte ausgesprochen feudal.

Das da rechts unten ist eine monstermäßige Brioche, warm, schwer, butterduftend. Dazu gab es Hirschschinken, Bergkäse, Zimtquark, Ei, frisch gepressten Orangensaft (ich war so durstig, dass ich mich sofort darauf stürzte), Capuccino, Apfelschorle. Und die Süddeutsche des Tages.

Nicht ganz so gemütlich wie geplant nahm ich die U-Bahn nach Hause. Dort konnte ich gerade noch die nassen Schwimmsachen zum Trocknen aufhängen, bevor ich eine S-Bahn zur Anfasserin nahm. Unterwegs las ich Shulamit Lapid, Mirjam Pessler (Übers.), Lokalausgabe aus – überraschend, denn an sich war die Fortschrittsanzeige erst bei 91%: Mal wieder bestand der Rest aus Werbung und Leseproben. Das ärgert mich immer, auch in gedruckten Büchern: Meine Leseerwartung kommt so gerade bei einem Krimi völlig durcheinander; wenn scheinbar noch ein gutes Stück Buch übrig ist, rechne ich noch nicht mit einer Auflösung des Falls. Insgesamt war mir die Hauptfigur im Verlauf dieses israelischen Provinzkrimis, Lisi Badichi, doch noch ans Herz gewachsen. Ich mochte es, an meine Wochen in Israel erinnert zu werden, amüsierte mich auch über die originalgetreue Darstellung des Alltags einer Lokaljournalistin. Und ich war mir des Alters des Romans bewusst: Es gibt noch kein Internet (meine Güte, waren Rechechern ohne noch aufwendig!) und kein Handy, Lisi hat lediglich einen Piepser.

Frau Physio ließ mich wieder auf ihrem Flur schaulaufen und war eigentlich ganz zufrieden mit der Entwicklung – in diesem Moment ging ich auch rund und hinkte nicht so heftig wie vorher am Tage. Diesmal nahm sie sich meinen zur rechten Hüfte gehörigen Fuß vor. Ich spürte, dass vor allen der Mitelfuß es nötig hatte, weil er knallhart war. Aber auch die Hüftmuskulatur bekam ihre kräftigen Hände zu spüren.

Anschließend hatte ich Einkäufe um den Marienplatz vor, fuhr also mit der S-Bahn bis dorthin durch (und sah als Aufklebern an den Fenstern zum ersten Mal Werbung für Mozillas Firefox). In der Papeterie des Ludwig Beck (danke für den Tipp!) sah ich mich gründlich bei den Notizbüchern um. Bindewerk wäre mir schon sehr sympathisch gewesen, doch in der reichlichen Auswahl gab es nur entweder ein Modell mit Haltegummi drumrum oder eines mit Einmerkeband – keines verfügte über beides (nur Kalender hätte es von Bindewerk mit meiner Idealausstattung gegeben). Meine Wahl fiel schließlich auf ein italienisches Modell von Castelli.

Im Kaufhof holte ich noch Strümpfe, Portwein und Süßigkeiten, bevor ich im Biosupermarkt Zutaten fürs Abendessen besorgte (leider kein frischer Spinat, aber ich war zu faul zu weiterer Suche, also gefrorener). Ich machte das vertraute Palak Paneer nach Germanabendbrot, dazu Naan nach einem neuen Rezept. Fürs Backen des Naan in der Pfanne  rekrutierte ich Herrn Kaltmamsell, um nicht in Hektik zu geraten.

Beides wurde ausgezeichnet, mit dem Naan war sogar der Herr zufrieden.

§

Es schrieb Direktorin Novemberregen.

Und erhielt als Antwort:

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https://youtu.be/zi8ShAosqzI

Wie großartig! Wie vielseitig einsetzbar!
(Norwegischer Humor also. Wieder was gelernt.)

Journal Montag, 25. November 2019 – Nebelnovember

Dienstag, 26. November 2019

Ein richtiger Nebeltag. Ich wachte zu sehr trüben Aussichten in den dunklen Morgen auf, die sich in der innersten Innenstadt bis zu meiner Abfahrt etwas lichteten. Doch die Theresienwiese war eine einzige Waschküche,1 und vor meinem Bürofenster sorgten den ganzen Tag gerade mal die winterlichen Saatkrähen für einen wirklichen Kontrast – alles andere war mit übertriebenem Weichzeichner verwischt. Das Heimradeln fühlte sich wie die Dampfwäsche bei der Kosmetikerin an, es war auch nicht sehr kalt.

Mittags die restlichen Linsen vom Linsen-mit-Spätzel-Mahl vom Freitagabend (die restlichen Spätzle, denn Spätzle macht Herr Kaltmamsell nie wenige, waren im Gefrierschrank geparkt), nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Wenige Übergabegespräche, ich hatte mir den Dienstag freigenommen und freute mich sehr darauf.

Herr Kaltmamsell hatte aus dem Gansgerippe vor zwei Wochen Brühe gekocht, sie war die Basis für ein fleischloses Tom Kha Gai, in das der Pak Choi aus Ernteanteil kam, Chilis aus einem Blumenstrauß und zugekaufte Pilze. Als Aperitif machte ich uns Green Monkeys, weil noch Sahne da war. (Sie merken, wie unsere Speisen- und Einkaufsplanung funktioniert?)

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Das Weinblog Chez Matze erzählt immer wieder von Besuchen in Weingegenden, wunderschön bebildert. Dieser hier bezauberte mich besonders:
„Die schönsten Weinberge an Saale und Unstrut“.

Wenn ich wieder Wandern kann (TFU TFU TFU), wünsche ich mir eine ausgedehnte Weinbergwanderung.

§

Kathrin Passig seziert in einer Kolume für die Frankfurter Rundschau wieder eine weit verbreitete Haltung zu Technik, nämlich die Annahme, es gebe einen übertriebenen und damit schädlichen Technikeinsatz
„Technik ohne Seil“.

Was wir überhaupt als Techniknutzung wahrnehmen und diskutieren, ist meistens der Umgang mit den Neuerungen der vergangenen paar Jahre. Mit den ersten Aufzügen fuhr man nur aufwärts und nahm bergab die Treppe. Auch im Ende der 1920er Jahre erbauten „Karstadt“ am Berliner Hermannplatz fuhren die Rolltreppen tagsüber nur nach oben. Der Rückweg musste zu Fuß zurückgelegt werden – eine perfekt ausgewogene Techniknutzung, aber eine schon lange von niemandem mehr vorgeschlagene.

§

Ganz was anderes: Stichwort „Nazikeule“ und der Vorwurf, der Begriff „Nazi“ werde inflationär verwendet. Sie ist nicht frisch, aber ich fand diese Definition von Martin Lindner sehr hilfreich:
„Was ist ein Nazi?“

(Meine erste Begegnung mit einem Etherpad, Winken zu Martin Lindner.)

  1. Ist das überhaupt noch ein sinnvoller Vergleich? Selbst ich kenne Waschküchendunst ja nur noch, weil meine polnische Großmutter darauf beharrte, ihre Bettwäsche auszukochen, und zwar in einem gemauerten Zuber im Keller ihres Wohnblocks, in dem sie schwitzend mit einem hölzernen Paddel rührte. []

Journal Sonntag, 24. November 2019 – Erster Stollen

Montag, 25. November 2019

Mittel-unruhige Nacht, mit Kopfschmerzen aufgewacht und Migräne befürchtet. Ließ sich aber mit Ibu, Kaffee und nochmal kurz Hinlegen vertreiben. Dass es doch eher Migräne gewesen war, verriet mir das Hochgefühl über das Verschwinden der Schmerzen.

Herr Kaltmamsell brachte von seiner (für meine Dimensionen) kleinen Laufrunde Semmeln mit, wir saßen frühstückend und plaudernd mit Bruder und Schwägerin zusammen, bis sie zu einem Mittagstermin in heimatlicher Gegend aufbrechen mussten.

Lust auf Sport: Crosstrainer. Eigentlich hätte ich laut Frau Physio mittlerweile sogar 25 Minuten lang strampeln dürfen, doch bereits nach 20 Minuten hätte ich über den Hüftschmerz hinweg weitermachen müssen. Wäre natürlich gegangen, ging ja viele Jahre – hat mir aber sehr wahrscheinlich meine derzeitigen Probleme eingebrockt. Danach Dehnen und zwei Runden Bankstütz.

Ich wollte den Stollen gestern möglichst komplett fertiggestellt haben, also inklussive Puderzuckerschicht nach vollständigem Auskühlen samt Einwickeln in Alufolie, also machte ich die ersten Schritte bereits vor dem mittäglichen Duschen.

Während der Stollenteig ging, gab es Frühstück – unter anderem mit Honig von Schwägerins Schwester, sehr andächtig.

Stollenbacken, Twitterlesen, Zeitunglesen.

Es war schon weit vor fünf dunkel, ich wollte aber noch eine Runde raus – um herauszufinden, wie’s draußen roch. Es war recht kühl geworden, doch ich kam ohne Mütze aus. Es roch nach wenig, gerade mal nach Herbstlaub auf dem Boden. An allen Plätzen standen bereits die Buden der Christkindlmärkte. Ich spazierte über den Gärtnerplatz zum Isartor, über den schlafenden Viktualienmarkt zurück.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell ein Curry mit Lamm gekocht, dazu gab es Couscous, ich machte den Nachbarin-Salat an (mit mal einem ganz anderen Dressing, nämlich Vinaigrette auf Basis Honig-Balsam-Essig und Sonnenblumenöl).

Telefonat mit meiner Mutter (alles in Ordnung), ein Resterl Tatort im Fernsehen.

§

„My Life as a Child Chef“.

via @ankegroener

Ungewöhnliche Geschichte einer Kindheits- und Jugendleidenschaft für Restaurantküche, die eben nicht in professionellen Gelderwerb mündete.

Journal Samstag, 23. November 2019 – Mein erstes Mal Hot Pot

Sonntag, 24. November 2019

Das angekündigte Wetter lautete strahlender Sonnenschein, also legte ich meine Schwimmrunde ins Dantebad, um im Freien zu schwimmen. Nur hatte das Wetter das Memo nicht bekommen. Nicht dass es greislich gewesen wäre, aber strahlender Sonnenschein war das nicht.

Sehr spät im Jahr läuten Heckenbuche und Lärche die letzte Farbphase des Herbsts ein. Ohnehin scheint es mir, als hängten heuer die Blätter besonders lange an den Bäumen – nächsten Sonntag ist ja schon erster Advent.

Ich machte mein Schlafzimmer Besuchs-fertig: Mein Bruder und seine Frau hatten sich zur Übernachtung nach einem Fest in der Nähe angekündigt, ich freute mich auf sie.

Zum Dantebad wählte ich die Panorama-Strecke, also über Hackerbrücke, Nymphenburger Straße, Gern; leichte Mütze und Fingerhandschuhe genügten. Im Bad selbst war gut schwimmen; Zwicken in der Hüfte erinnerte mich daran, dass ich die Beine besser wirklich locker schlug und nicht mit Spannung. Brav wieder nur 2.000 Meter geschwommen, trotz großer Lust auf mehr (unter Ignorieren des Hüft-Protests).

Auf dem Heimweg kurzer Stopp an einem Bäcker am Weg. Dort legte ich Mütze und Handschuhe in den Fahrradkorb, es war so mild geworden, dass es sie nicht brauchte.

Als spätes Frühstück gab es Semmeln und Salat aus restlichem Ernteanteil-Zuckerhut (wir bekamen am Freitag zusätzlich zum Erntenanteil von einer verreisenden Nachbarin einen Kopf Salat geschenkt und jemand in diesem Haushalt, der nicht ich ist, wurde unruhig, wann denn all der Salat gegessen werden sollte).

Bruder und Schwägerin kamen, ließen nur kurz ihre Sachen da und machten sich auf eine kleine Einkaufsrunde in der Innenstadt. Später bekamen sie einfach einen Wohnungsschlüssel für möglichst eigenbestimmtes Kommen und Gehen.

Abends waren auch Herr Kaltmamsell und ich verabredet, nämlich mit zwei Freunden zum Hot-Pot-Essen im Chois.

Der Gastraum ist schlicht und schön eingerichtet, es herrschte angeregter Trubel mit vor allem jungen und vielfältigen Publikum. Unsere Freunde kannten das Lokal und konnten uns die Modalitäten erklären: Man wählt aus einem Sortiment Brühen aus (wir nahmen drei verschiedene), die in Töpfen auf den Tisch gestellt und mit Gasflamme heiß gehalten werden, außerdem Zutaten, die man darin gart. Für einen Pauschalpreis kann man zweieinhalb Stunden lang aus dem Angebot bestellen, pro Bestellrunden und pro Gast bis zu drei Zutaten aus den Kategorien Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Gemüse, Nudeln (Exklusiveres wie Jakobsmuscheln kostet Aufpreis). Nach frühestens 15 Minuten kann man eine neue Bestellrunde beginnen. Das Ganze, auch die Getränkebestellung, funktioniert über ein Tablet für den ganzen Tisch.

Bild: Herr Kaltmamsell.

Wir aßen viel und lange, schwitzten, saßen bis nach Mitternacht noch über Cocktails zusammen. Gesprächsthema war unter anderem der kürzliche Segelurlaub der Freunde um karibische Inseln – und der Vergleich der sonntäglichen Stollenbackpläne, die der eine Freund und ich teilten: Der Freund hat inzwischen so viele Freunde und Familie zu versorgen, dass er in der ersten Runde zehn Stück backt und vergangenes Jahr keiner für ihn und seinen Mann übrig blieb. Ich wiederum habe dieses Jahr die Stollen für die italienische Verwandtschaft gestrichen, nachdem sie in der vergangenen Runde vier Monate bis zur Empfängerin gebraucht hatten und steinhart eingetroffen waren. (Ich zudem die Freude über Stollen von deutscher Verwandtschaft wohl ein wenig überschätzt hatte.)

Gemütlicher Spaziergang nach Hause, zum einen um die immer noch eher milde Luft zu genießen, zum anderen weil schnelleres Gehen mir Schmerzen bereitete.

Journal Freitag, 22. November 2019 – Jagd nach einem neuen Notizbuch

Samstag, 23. November 2019

Halbe Stunde vor Wecker aufgewacht. Eigentlich wollte ich noch ein wenig dösen, aber dann ging wieder Gerumpel im Müllkammerl unter meinem Schlafzimmerfenster los.

Die programmierte Waschmaschinenwäsche aufgehängt, festgestellt, dass der 25 Jahre alte Trockner entfuselt werden muss und bis dahin erst mal nicht geht, also noch mehr Wäsche in der Wohnung verteilt.

Früher in die Arbeit gefahren – zu früh, denn der Bäcker Zöttl auf dem Weg hatte noch keine Laugenzöpferl, von denen ich eines für meine Brotzeit geplant hatte, das Lieferfahrzeug legte gerade erst an. Statt dessen zwei Brezen gekauft – und jetzt weiß ich, dass der Zöttl Brezen genau so macht, wie ich sie am liebsten mag (die unkanonische Vorliebe verrate ich aber nicht, weil ich mich ein bisschen dafür schäme).

Mittags also zwei Brezen, Hüttenkäse mit dem letzten Rest Latwerge. In der Post eine besonders schöne Briefmarke.

Wissen Sie: Ich sammle nämlich Briefmarken. Das heißt: Wenn ich eine schöne Briefmarke auf einem Brief sehe, schneide ich sie mitsamt möglichst vollständigem Stempel aus (die finde ich nämlich auch interessant) und werfe sie in eine Schachtel in einem Schränkchen, das im Flur meiner Wohnung steht. Seit 18 Jahren. Wenn der Brief in meinem Sekretärinnenbüro ankommt und nicht an mich adressiert ist, frage ich die Empfängerin, ob ich die Briefmarke haben kann. In meinem früheren Berufsleben bekam ich Post aus fernen Landen, bis von Südeseeinseln, diese Briefmarken fand ich besonders aufregend. Ich habe weiterhin keine Ahnung von Philatelie, plane auch nicht, irgendwelche Alben anzulegen – ich sammle einfach. (Und sehe eine Zukunft, in der nach meinem Tod meine dann sehr spärliche Hinterlassenschaft aufgelöst wird und sich die professionellen Auflöser ganz kurz wundern, dass jemand, die so sorgfältig dafür gesorgt hat, möglichst wenig Mühe mit ihrem Nachlass zu machen und sogar Bücher, Kleidung und Geschirr in den letzten Lebensjahren fast vollständig abgeworfen hat, bis zuletzt ausgerechnet ein Kistlein Briefmarken besitzt.)

Früher Feierabend, es war noch nicht mal ganz dunkel. Ich brauche nach sechs Jahren ein neues Notizbuch, Anforderungen DinA6, liniert oder kariert, Einmerkebändchen, stabil mit einem Gummi rum (weil ich es einfach in meine Taschen werfe und es sonst aufklappen und zerküllen würde), möglichst von einem kleinen, am besten auch noch lokalen Hersteller.

Das jetzige Notizbuch hat zusätzlich eine schmale Klappe zwischen den Deckeln, die die Seiten schützt. Ich hatte es im Semikolon-Laden in der Hohenzollernstraße gekauft (Hersteller Legami Milano), und dahin radelte ich gestern wieder (ziemlich kalt, aber trocken) – nachdem ich mich im Internet versichert hatte, dass der Laden dort noch ist. Es stellte sich heraus, dass das Internet fehlinformiert war: Die Dame, die in dem Laden Werkhaus an der früheren Adresse des Semikolon stand, berichtete, dass er schon vor einem Jahr geschlossen hatte.

Ohne große Hoffnung radelte ich zu dem anderen schönen Papierladen, den ich halbwegs in der Nähe wusste, zu Carta Pura. Doch wie erwartet gab es dort zwar wunderschöne handgefertigte Schreibbücher, aber nichts davon Taschen-tauglich. Ich werde im Internet bestellen müssen.

Daheim war Herr Kaltmamsell bereits startklar für die Zubereitung des Abendesssens: Ich hatte mir Linsen mit Spätzle gewünscht. Erst mal gab es aber Wochenendanfangs-Alkohol (Gin Tonic): Oft meide ich nämlich abends Alkohol nicht nur aus Migräne-Angst, sondern auch weil ich einen klaren Kopf für Konzentration auf meine Abendlektüre behalten will. Gestern war mir das egal.

Zum Essen öffnete ich die Flasche Wein vom Vollcorner, mit der man mich vor zwei Wochen beim Einkaufen betrunken gemacht hatte:

La Marchesana Rosso Pasito, ein apulischer Primitivo, der zum Teil aus angetrockneten Trauben hergestellt ist und Restsüße hat – den konnte ich mir besonders gut zu den Linsen vorstellen. Auch Herr Kaltmamsell war angetan von dem ungewöhnlichen Geschmack, zu den Linsen passte er erst so richtig, als ein wenig Essig dran war.

Wir waren beide von der Woche erledigt und zusätzlich vom Alkohol müde, dadurch noch früher im Bett als unter der Woche.

§

Sacha Baron Cohen (ja, der), hat den International Leadership Award der Anti-Defamation League (ADL) erhalten. Auf dem ADL’s 2019 Never Is Now Summit on Anti-Semitism and Hate hielt er die Keynote Adress – nach eigener Aussage zum ersten Mal als er selbst auf der Bühne. (SO britisch!)

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https://youtu.be/ymaWq5yZIYM

Er erweis sich als kluger und beredter Denker und Sprecher (falls sie mal ein Beispiel für eine gute Rede suchen), hier der Text auch in Schriftform.

via @hatr

Unter anderem erklärt Sacha Baron Cohen die Absichten hinter seiner Art vom Comedy. Sein Argument und eine Rechtfertigung, warum ausgerechnet er die Keynote Speech hielt: Seine Witze – ebenso wie Demokratie – funktionieren nur auf der Basis eines gemeinsamen Glaubens an bestimmte Fakten (er gibt ein paar Beispiele in character).

Democracy, which depends on shared truths, is in retreat, and autocracy, which depends on shared lies, is on the march.

Er nennt die großen Internet-Konzerne die „greatest propaganda machines in history“:

On the internet everything can appear equally legitimate.

Voltaire was right, “those who can make you believe absurdities, can make you commit atrocities.” And social media lets authoritarians push absurdities to billions of people.

Cohen plädiert für eine Regulierung von Social Media Plattformen:
„Freedom of speech is not freedom of reach.“

(Mir gefällt übrigens der Titel der Veranstaltung sehr gut, „Never is Now“, weil er sich gut auf das deutsche „Niemals wieder“ übertragen lässt: Niemals wieder ist jetzt.)

§

Noch ein wenig Niedlichkeit zum Wochenende, diesmal in Comic-Form:
„Things We Realized After We Rescued a Shelter Dog“.

via @claudine

Journal Mittwoch, 20. November 2019 – Berufsradeln

Donnerstag, 21. November 2019

Mühsames Aufstehen, weil der letzte Schlafabschnitt vor Weckerklingeln nicht geklappt hatte.

Aber erst mal bin ich ja immer munter, also Kaffee, Umziehen, für 20 Minuten auf den Crosstrainer, Dehnen, Pflanzengießen. Auf dem Weg in die Arbeit erlebte ich dann etwas Techniktagebuch-würdiges.

Aus Arbeitsgünden war ich vor der Mittagspause nochmal mit dem Radl unterwegs, mochte das ganz gern: Es war immer noch nicht frostig, außerdem war es zwar hochneblig-düster, aber trocken.

Zu Mittag gab es das Restl Buchweizen mit roter Paprika, Gurke und Petersilie, das ich mir am Vorabend angerichtet hatte, als Nachmittagssnack ein Stück schwarze Schokolade und eine Hand voll Nüsse. (Abends fiel mir ein, dass ich das Glas mit Granatapfelkernen vergessen hatte, das ich nachmittags hatte essen wollen. Hoffentlich war es ihm in der Schreibtischschublade nicht zu warm.)

Nachmittags rief der Gürtelmacher an: Gut zwei Monate nach Bestellung und Anzahlung war das Geburtstagsgeschenk für Herrn Kaltmamsell fertig, ein schwarzer Gürtel. Ich radelte nach Feierabend zum Abholen hin, blieb kurz angebunden, denn wir werden sicher nicht nochmal Geschäfte miteinander machen: Der handgefertigte Gürtel, den ich mir vor ein paar Jahren in Berlin hatte machen lassen, brauchte nach Wahl des Materials und der Schnalle nicht mal zwei Stunden, in denen ich Kaffeetrinken gehen konnte. Der Termin, den der Handwerker mir zum Anvisieren der Abholung angegeben hatte, war „zweite Oktoberfestwoche“ gewesen. Ich hatte vor drei Wochen schon mal in seinem Laden vorbeigeschaut und mich nach dem Verbleib meiner Bestellung erkundigt, der Herr hatte die Verzögerung damit erklärt, dass er auf das Leder habe warten müssen und er jetzt zehn Gürtel zum Abarbeiten habe. Auch für zehn Gürtel finde ich drei Wochen Bearbeitung deutlich zu lange, den nächsten solchen lasse ich wieder in Berlin machen.

Aber die richig gute Nachricht: Die Theresienwiese ist wieder passierbar! Ich hatte schon morgens gesehen, dass der Bauzaun ums Gelände fort war und nahm den Weg über den Bavariapark (sah, dass vorm Verkehrsmuseum dieses Jahr ein Christkindlmarkt aufgebaut wird). Schon hege ich die Hoffnung, dass sich der Zustand meiner Hüfte vielleicht bald bessert und ich wieder morgens mit Blick auf Weite und Kollegin Bavaria in die Arbeit spazieren kann.

Fürs Abendessen sorgte ich, es gab Kaiserschmarrn.

Besonders gut schmeckte das Apfelmus von Denree, nämlich so intensiv nach frischen Äpfeln, dass ich bezweifelte, dass es gekocht war.

§

Wer wie ich das Blog von Nicky Stich, Delicious Days, vermisst, freut sich wahrscheinlich wie ich, dass sie jetzt ein instagram hat, @nicky_deliciousdays (so sagt man nämlich „mein instagram“ nicht etwa „mein instagram-Konto“).

§

Auf Twitter einer Empfehlung gefolgt und diesen Vortrag über die Auswirkung des Klimawandels auf die Kunstgeschichte und des Steigens des Meeresspiegels auf Weltkulturerbe angesehen.

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Ben Marzeion: Before the Deluge – the UNESCO World Heritage under Climate Change from KHI Florenz on Vimeo.

Viele hochspannende Details, darunter ein Praxistipp von Ben Marzeion, Professor für Klimageografie an der Uni Bremen: Wenn man ein Grundstück am Meer hat und einen Gletscher im Garten, sollte man zur Vermeidung von Versinken kontraintuitiverweise den Gletscher so schnell wie möglich ins Meer schmelzen, weil dadurch die Höhe des Grundstücks überm Meerespiegel steigt! (Es folgt die Erklärung, kurz: Druck von Gletscher auf Untergrund und Anziehungskraft Gletscher auf Meerwasser.)

Ich war auch deshalb fasziniert, weil ich erst kürzlich wieder auf einen Klimaskeptiker gestoßen bin: Viele, viele Fachrichtungen sind seit vielen Jahren damit beschäftigt, Lösungen für die Folgen des Klimawandels zu finden – sie sind längst über das „ob“ hinaus, an dem sich die Klimaskeptiker abarbeiten. Als erste fallen mir Rückversicherer ein, die zu den ersten gehörten, die die Folgen des Klimawandels beschrieben und berechneten: Ihr Geschäft hängt davon ab, so etwas rechtzeitig zu erkennen, weil ihre Kundschaft von den Schäden bedroht ist und sich dagegen absichern muss. Dann fällt mir Weinanbau ein: In absehbarer Zeit, wenn nicht schon heute, sind die klassischen Rieslinganbaugebiete klimatisch nicht mehr für den Anbau von Riesling geeignet, Weinanbau generell wandert immer weiter nach Norden und ist in Europa bereits in Schweden gelandet. Und dann eben Archäologie und Kunstgeschichte: Schon heute ergreifen Museen Maßnahmen zur Absicherung, gibt es Projekte zum Schutz von Kulturschätzen.

§

„Die Hochzeitsfotografin
‚Würde es wirklich auffallen, wenn ich die Hochzeitsfotos, die ich vor zwei Wochen geschossen habe, mit den heutigen verwechsle?'“

Andererseits: Aber wenn’s die Beteiligten halt freut und die richtigen dran verdienen.

Für mich enthielt der Text viel Neues, ich habe nämlich den Anschluss an Hochzeitsstandards direkt nach dem Lokalzeitungsteil meines Volontariats verloren, also Ende der 80er. Damals waren die total individuellen Standards: Kleid wie explodierter Sahnebaiser (die Bräute nannten den Stil „Prinzessin“), Dauerwellenfrisur, Kopfschmuck mit einem Spitzreif in die Stirn. Immer wurde irgendwas gemeinschaftlich vom Brautpaar zersägt.

Klar, gewisse Ähnlichkeiten gab es wohl schon immer. Aber erst in den letzten Jahren hat sich ein ganz bestimmter Stil durchgesetzt. Ich nenne das mal den „Instagram-Pinterest“-Stil, den ich am ehesten als „vintage“ und „bohemian“ beschreiben würde. Also viele Pastellfarben, viel Holz und Selbstgebasteltes.

Aber sehr schön: Das Hochzeitsessen scheint seit den 80ern gleich geblieben. Schon damals wunderte ich mich, dass die Brautleute nicht das servieren ließen, was sie und ihre Freunde gerne aßen, sondern was sich laut Tante Trudi für Hochzeiten gehörte.

Journal Freitag, 15. November 2019 – Besuch aus Oldenburg

Samstag, 16. November 2019

Früher Wecker, um morgens meine 20 Minuten auf dem Crosstrainer zu strampeln. Ich merkte wieder, wie unglaublich gut mir das in meiner arg gestressten Lage tat, ohne die Beschränkung von Frau Physio hätte ich mich sicher eine Stunde freigestrampelt, ohne Rücksicht auf körperliche Verluste.

Mit dem Fahrrad ins Büro. Mittags rote Paprika und Gurke, Hüttenkäse mit Latwerge. Ich schaffte es tatsächlich, so früh wie geplant Feierabend zu machen: Der Besuch einer Freundin aus Oldenburg war ausreichend Antrieb. Auf dem Heimweg nur ein kurzer Abstecher zur Bank, dann daheim die Freundin in die Arme schließen.

Wir gingen ein Stück spazieren (kühl aber trocken) über Alten Südfriedhof an die Isar und über die Fraunhoferstraße, Sendlinger Straße, Sonnenstraße zurück, sahen uns unterwegs ausführlich unter den schönen Dingen beim Radspieler um (ein Tipp für Münchenbesuchende, der ziemlich sicher nicht im Lonely Planet steht: Allein die Räume sind einen Blick wert – und nicht vergessen, die Zimmerdecken anzusehen!).

Herr Kaltmamsell hatte während unseres Spaziergangs das Abendessen gekocht: Der Besuch hatte sich Cocido gewünscht (bester Besuch mit konkreten Essenswünschen!). In der Küche stehend gab es erst mal Rieslingsekt, zum Cocido kastilischen Rotwein – und Gespräche bis weit nach Mitternacht (Herr Kaltmamsell schlief schon bald völlig erschöpft auf einem Sessel ein, worauf ich ihn ins Bett schickte). Es wurden Amsterdampläne gemacht.

Ins Bett mit jammernder Hüfte.


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