Essen & Trinken

Journal Donnerstag, 22. September 2022 – San Sebastián 7: Saint Jean de Luz

Freitag, 23. September 2022

Früh aufgewacht. War mir recht, denn ich hatte Einiges wegzubloggen.

Gestern waren wir im französischen Baskenland verabredet, in Saint Jean de Luz. Vor unserer Abfahrt war aber noch genug Zeit für einen Morgenlauf – die Strecke donnerstags deutlich leerer als am Sonntag, klar.

In der Bucht La Concha lag ein sehr malerisches Segelschiff vor Anker – ich gehe von einem instagram-Service aus.

Also gleich mal eine verkünstelte Perspektive gesucht.

Ich lief leicht und mit Genuss, hoffe auf noch einige Wiederholungen (die mir unter anderem ermöglichen zu verifizieren, dass hier unter Läuferinnen nicht gegrüßt oder auch nur gelächelt wird – was mich ein bisschen traurig macht).

Kurz nochmal raus auf einen café vcon leche, dann Spaziergang zum Bahnhof Amara, weil wir mit Euskotren reisten (nicht mit Renfe vom Hauptbahnhof). Mit dem Zug kamen wir gegen halb drei in Saint Jean de Luz an. Seit Jahren schwärmt Joël davon, jetzt lud er uns in die Ferienwohnung der D. ein, die sich ebenfalls Zeit für uns genommen hatte.

Wir sahen uns in dem entzückenden Ort um, besichtigten den ungewöhnlichen Innenraum der Kirche Saint Jean Baptiste.

Kleine Geschäfte mit Köstlichkeiten (Gateaux! Schokolade!) und interessanten Dingen (u.a. Kleidung, Strandtücher), vor allem aber ein wunderschöner Strand. Und die Häuser sehen deutlich anders aus als auf der spanischen Seite des Baskenlands. (Wenig Fotos, weil ich mit Geselligkeit beschäftigt war.)

Spaziergang entlang der Promenade in herrlichem Sonnenschein (der ganz schön wärmte, wegen abweichender Wettervorhersage war ich mit langen Ärmeln zu warm angezogen), ein Getränk auf der Terrasse des Grand Hotels mit wunderbarer Aussicht, mehr Spaziergang durch die Gässchen, Aperitif auf dem Rathausplatz (ich lernte den bitteren Enzian-Likör Suze kennen und mögen).

Fürs Nachtmahl hatte Joël einen Tisch in seinem aktuellen Liebling Bidaian reserviert, einem winzigen Lokal (das Personal bestand aus 1. Koch und Wirt sowie 2. einem Kellner). Wir aßen und tranken ganz ausgezeichnet.

Tomate gefüllt und Tomaten-Essenz.

Schwertmuschel.

Hühnchen mit eingelegten Kirschen (sehr gute Kombi) in Filoteig.

Seehecht und herrliches Gemüse.

Dazu einen Weißwein Bourgogne Aligoté aus dem Burgund von Fanny Sabre: Fruchtig und blumig in der Nase, am Gaumen dann aber supertrocken rass und animalisch, entwickelte sich mit Luft auch noch interessant, vertrug sich besonders gut mit dem gedämpften Fisch.

Als Dessert gebratene Zucchiniblüte und gesalzenen Ziegenfrischkäse mit Feige und Feigenmarmelade (gegenüber ein Kastanien-Dessert).

Journal Mittwoch, 21. September 2022 – San Sebastián 6: Bilbao mit Guggenheim-Museum

Donnerstag, 22. September 2022

Wieder Wecker gestellt, um vor dem gestern aber wirklich stattfindenden Ausflug nach Bilbao fertigbloggen zu können.

Ich sah der Stadt vorm Fenster wieder beim Erwachen zu.

Wir machten uns auf zum 9:45-Uhr-Bus nach Bilbao – und fanden erst mal den Busbahnhof nicht. Laut Karte lag er direkt gegenüber vom Bahnhof, aber da war nichts. Wir fragten einen Linienbusfahrer bei der Rauchpause, der uns freundlich informierte: Der Busbahnhof liegt unterirdisch – wenn man das mal weiß, ist er ganz leicht zu finden.

Bilbao hatte ich auf Spanienfahrten meiner Kindheitsurlaube beim Passieren kennengelernt, ich erinnerte mich an nass, dunkel, Industrieanlagen. In den Medien hatte ich interessiert die Verwandlung der Stadt durch die Ansiedlung des europäischen Guggenheim-Museums verfolgt, gestern sah ich, dass es 2022 bereits 25 Jahre Bestehen feiert.

Eine gute Stunde Fahrt im voll besetzten Doppeldeckerbus (WLAN, reichlich Steckdosen, an jedem Sitz ein Bildschirm mit Medienangebot und Browser, kontrollierte Maskenpflicht), draußen grüne Landschaft mit Eseln, Schafen, Kühen und beeindruckenden Bergen. Vom Busbahnhof in Bilbao waren es 25 Minuten Fußweg durch herrliche Herbstsonne (frisch!), vorbei an einigen Baustellen und am Fußballstadtion, bis die ikonische Silhouette vor uns auftauchte.

Und wir kamen hinter das Geheimnis, wie die Fotos von fotografierenden Instagrammerinnen entstehen, #boyfriendsofinstagram.

Unkomplizierter Einlass, ein Audio-Guide per QR-Code aufs Handy (mit nur mittelbequemer Navigation). Ich wollte erst mal das gigantische Werk The Matter of Time von Richard Serra sehen, das Auftragswerk, für das der größte Raum des Museums erbaut worden war, aus Stahl, dem Material, das wie kein anderes für die Industriegeschichte des Baskenlandes steht. Den Audioguide stellte ich gleich mal ab. Vorschlag: Kunsthistoriker*innen, die in Museumstexten zu Kunstwerken emotionale Reaktionen vorschreiben, wird umgehend der Uni-Abschluss entzogen.

Ich verbrachte eine gute halbe Stunde mit The Matter of Time, erst störrisch wegen des Überfalls mit Riesigkeit (Überwältigungskunst), doch als ich durch jede Passage ging, jede Seite der Stahlplatten besah (nichts davon verankert, fällt trotzdem nicht um), überwog immer mehr der Charakter eines riesigen Spielplatzes: Wie viele Wege es gab! Wie unterschiedlich die Oberflächen desselben Materials aussahen! (Auf instagram habe ich einige zusammengestellt.) Und wie viel Vergnügen die Besuchenden offensichtlich daraus zogen, zum Beispiel die Räume auf Echo testeten.

Am besten zum Titel des Werks passte für mich dieser Anblick:

Staubflusen oben auf einer Schräge. Ich ließ sie tanzen durch kräftiges Pusten zwei Meter in die Höhe.

Wir gingen durch die weiteren Stockwerke des Hauses. Die Ausstellung ist übersichtlich, der Richard Serra als Centre Piece kann sich voll entfalten. Und die Übersichtlichkeit macht Auswahl und Entscheidungen überflüssig, in drei Stunden lässt sich alles würdigen (wenn man, wie wir, einen Bogen um die zeitraubende Multimediakunst macht, derzeit The Otolith Group. O Horizon).

Fast schon rührend der wiederholte Hinweis des Audio Guides, wie viel Arbeit und Forschung hinter den Tulips von Jeff Koons stecken – ein bisschen Rechtfertigungsgefuchtel. Hier wurde mir klar, wie sehr die Besuchenden im Guggenheim Bilbao Teil der Kunstwerke sind.

Und das zentrale Kunstwerk dieses Museum ist das Gebäude. Wir besahen es abschließend ausführlich rundum.

Unser Bus zurück fuhr erst am Abend, wir hatten reichlich Zeit, uns noch in Bilbao umzusehen. Die Altstadt mussten wir auf der Karte erst mal suchen, fündig wurden wir mit der Eingabe “Kathedrale” – und stellten fest, dass sie ein ganzes Stück entfernt liegt, eine halbe Stunde Fußweg entlang dem Fluss Nervión (schöner Geh- und Fahrradweg). Das muss man wissen, zufällig gerät nach dem Besuch des Guggenheims niemand dorthin – so fürchte ich, dass die Bekannte, die vor meiner Reise über das restliche Bilbao sagte, es sei eher untineressant, dort gar nicht war.

Nach meinem Dublin-Besuch erkannte ich als Urheber dieser Fußgängerbrücke Santiago Calatrava von selbst.

Die Altstadt um die Kathedrale erwies sich als sehr hübsch renoviert und malerisch, allerdings sahen wir viele leer stehende und aufgegebene Läden – das kann damit zu tun haben, dass die Besucher*innen des Guggenheim nicht herfinden. (Und kann natürlich ebenso eine Auswirkung der Corona-Schließungen sein.)

Wir ließen uns vor einem Café nieder, nach einem Apfel unterwegs brotzeitete ich hier ein Stück Tortilla (ohne Zwiebel!) mit Brot. Ich las Zeitung, Herr Kaltmamsell beobachtete Umgebung und Menschen.

Den Rückweg zum Busbahnhof spazierten wir in einer großen Schleife, wir hatten noch reichlich Zeit.

Abfahrt nach San Sebastián mit Verspätung, der Bus war verspätet eingetroffen.

In San Sebastián kam ich sehr hungrig an. Ich wollte dem Pinxtos-Essen in der Altstadt nochmal eine Chance geben. Wir steuerten im Marschschritt die Straße 31 de Agosto an, von der es hieß, hier sei jede Pinxtos-Bar verlässlich gut. Was man offensichtlich allen, allen Besuchenden erzählt hatte, wir hörten praktisch kein Spanisch oder Baskisch. In einem einladenden Bar bekamen wir sofort einen Tisch und Wein, auch Pinxtos.

Schmeckten gut! Herr Kaltmamsell holte eine zweite Runde, ich bestellte nochmal Wein. Weil ich sie in der Auslage gesehen hatte, bat ich als Dessert um tarta de queso.

Hatte eine ganz andere Textur als die vom Markt am Samstag, nämlich gar nicht cremig, schmeckte auch ganz anders, nämlich intensiv nach Butter. Die tarta de queso vom Markt mochte ich lieber, das ist aber schlicht persönlicher Geschmack.

Doch auch hier und auch im Sitzen fühlte ich mich ein wenig gehetzt und auf dem Sprung – und ich esse einfach so viel lieber ganz in Ruhe. Leider fürchte ich: Diese Art der Nahrungsaufnahme wird nie meine präferierte werden.

Außerdem erscheint es mir eine gute Idee, die Altstadt künftig für Essengehen möglichst zu meiden: Dorthin werden offensichtlich derart konsequent und überzeugend Touristen geschickt, alle für dieselbe Spezialität jeweils zum selben Lokal, dass das für mich (ganz persönlich! keine Wertung!) nichts mehr Genuss und Neugier zu tun hat, sondern wie eine Vorführung wirkt (Assoziationen mit der Show im Moulin Rouge). Dass wir vor dem Restaurant La Viña eine achtköpfige Touristengruppe älteren Semesters (also unseren Alters) stehen sahen, die um neun Uhr abends alle Käsekuchen auf ihren Tellern hatten, weil halt in jedem verdammten Kulinarik- und Reiseführer steht, dass der in La Viña “der beste” ist (im Vergleich zu welchen zum Beispiel?), fand ich grotesk.

Journal Dienstag, 20. September 2022 – San Sebastián 5: Ruhetag mit Rumgucken

Mittwoch, 21. September 2022

Wieder gut geschlafen, erfrischt aufgewacht.

Bloggen mit den Hühnern, hier wird es erst um acht hell. (Liegt ja auf der Breite von Wales, aber in einer anderen Zeitzone.)

Ich hatte Tickets fürs Guggenheim-Museum in Bilbao besorgt, und zwar für den Zeit-Slot 13.30 Uhr – genug Zeit für einen gemütlichen Vormittag und für Buchen eines Busses nach Bilbao (es gibt keine direkte Zugverbindung), dachte ich. Was sich aber als Irrtum herausstellte, als Herr Kaltmamsell auf meine Bitte die Busverbindungen recherchierte: Wir hätten um 9.45 Uhr vom Busbahnhof abfahren müssen, denn die zahlreichen Überlandbbusse überall hin, die ich auf der Basis von Erfahrungen vor 30 Jahren vorausgesetzt hatte, gibt es wohl nicht mehr.

Wir entschieden uns dagegen, alles liegen und stehen zu lassen, um diesen Bus zu erreichen, und dafür, die Museum-Tickets verfallen zu lassen (innerlich als Spende für Kultur verbucht). Statt dessen zogen wir den für Mittwoch geplanten Ruhetag vor. Ich brauchte allerdings eine Weile, um über mein planerisches Versagen hinweg zu kommen.

Also gemütlicher Vormittag, an dessen Ende wir raus in die Sonne gingen (wolkenlos, aber es wird ganz langsam kühler).

Ein café von leche im Viertel (nur je 1,50 €, die Münchnerin schluchzt auf – ein kleines Craft Bier kostet aber wie in München 3,50 €), dann versuchten wir, einen bestimmten Bar wiederzufinden, an dem die Anwohnenden am Sonntagmittag Schlange für Mitnehmessen gestanden waren, unter anderem für gegrillte Wachteln. Gefunden, dann weiterspaziert zu einem möglichst großen Supermarkt hinterm Bahnhof, in dem wir gründlich Landeskunde betrieben.

Unter anderem lernten wir, dass auch hier Buchweizen gegessen wird (trigo sarraceno), dass es Nocilla (hiesige Hauptquelle für Trinkgläser) jetzt auch aus dunkler Schokolade gibt und dass man einen Frischkäse “queso fresco de Burgos” kaufen kann, der Lab als Zutat aufführt. Letzteren nahmen wir neben weiteren Lebensmitteln gleich mal mit.

Mein Frühstück um halb drei zurück in unserer Ferienwohnung: Die letzte Markttomate mit Salz und Olivenöl, Maisbrot, Burgos-Frischkäse – der mir wie eine Mischung aus Ricotta und Manouri vorkam und gut schmeckte.

Wir lasen beide eine Weile, bis wir nochmal zu einer Runde Frischluft und Kultur rausgingen. Auf dem Weg kamen wir in der Altstadt an wunderbar altmodischen Geschäften vorbei, vorgemerkt für die abschließende Runde Einkäufe vor Heimfahrt (die perfumeria mit riesigen Flaschen Duftwasser! der Schokoladenladen mit selbst gemachten turrones!).

Kultur war dann das Diözesanmuseum, in dem mittelalterliche, moderne und zeitgenössische religiöse Kunst aus zehn Jahrhunderten nebeneinandergestellt wird: Gut gemacht und genau der Bruch mit Sehgewohnheiten, den ich an Kunst mag.

Nachdenken über Materializität von Kunstwerken und darüber, was von der Ausstellungsumgebung dazugehört (nur der Rahmen? auch die Staffelei?).

Heiliger Sebastian.

Das Kirchenschiff wurde volle Kanne beschallt von wechselnder sakraler Musik vom Band (als “Richte Mich, Gott” von Felix Mendelssohn Bartholdy ertönte, sang ich halt ein bissl mit).

Auf dem Rückweg eine zeitgenössische Pietá an der Kirche San Vicente entdeckt, der ältesten in San Sebastián.

Stein am Urumea.

Wir kehrten in einem Bar in unserem Viertel auf ein Pale Ale / ein lokales IPA ein.

Abendessen kochte Herr Kaltmamsell und beseitigte damit mein schlimmes Linsen-Defizit. Er verwendete Wammerl, das er am Samstag auf dem Markt gekauft hatte, Lauch und Aubergine – das Resultat schmeckte ausgezeichnet. Für Nachtisch war noch genug Schokolade da.

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Gestern fotografierte ich den ganzen Tag gezielt Typografie: Es gibt nämlich eine baskische Schriftart, die wollte ich festhalten. Ich habe einige Aufnahmen in einer instagram Story zusammengestellt, schaun Sie mal ob der Klick darauf funktioniert. Nachtrag: Ich heiße auch auf instagram Kaltmamsell.

§

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach platzt der Kragen:

Ich bin es so satt. Immer, wenn es um Veränderungen im Öffentlichen Verkehr (Bus, Bahn etc.) geht oder um ein preiswertes Ticket wie aktuell, werden wir Menschen auf dem Land in Geiselhaft genommen von denen, die möglichst nichts daran ändern wollen, dass unsere gesamte Infrastruktur für eine Kostenloskultur und Gratismentalität rund ums private Auto ausgelegt ist.

Der ganze Text:
“Lasst uns Landmenschen da raus”.

Journal Sonntag, 18. September 2022 – San Sebastián 3: Laufstrecken aus aller Welt, Monte Urgull, neue baskische Küche

Montag, 19. September 2022

Lang und gut geschlafen (bis auf die letzte Stunde mit unangenehmem Traum).

Milchkaffee über Blogpostfertigstellung, Herzen und Küssen von Herrn Kaltmamsell zu seinem Geburtstag. Nach halb zehn brach ich zu meiner geplanten Laufrunde auf: Ich wollte den Spaziergang vom Samstag nachjoggen, um diese Zeit am Sonntag würde sicher nicht so viel los sein.
Little did I know.

Tatsächlich geriet ich in die totale Rush Hour (auf dem Foto schlecht nachzuvollziehen, weil nicht in Bewegung): Ganz San Sebastián war genau hier genau jetzt am Spazieren, Flanieren, Joggen, Hundegassiführen, ich kam auf der Promenade der Concha kaum voran.

Ein idyllischer Nebenabschnitt.

Voran kam ich natürlich doch mit viel Slalomlaufen und gelegentlichem Auf-der-Stelle-Traben. Wenn ich am Weihnachtsfeiertag an der Croisette von Nizza joggen konnte, schaffte ich auch das. Anfangs war es bei allem Sonnenschein doch zapfig frisch (was die Spazierenden nicht von Hochsommerkleidung abhielt).

Nochmal peine del viento – bei riesigen, großteiligen Skulpturen aus rostigem Eisen denke ich ja immer an einen anderen, woanders lokalen Künstler: Alf Lechner.

Für die fast drei Stunden Spaziergang am Samstag (inklusive Eisdielen-Abstecher) brauchte ich gejoggt eine gute Stunde. Das Laufen selbst lief gut, auch wenn ich den am Vortag dumm angestoßenen und nun blauen rechten Mittelzehen merkte, ein längerer Lauf wäre vermutlich gar nicht klug gewesen.

Auf dem Gehweg der Askatasunaren Hiribidea in San Sebastián entdeckte ich diese 20x20cm-Gedenksteine für ETA-Opfer. Für mich als Deutsche erstmal gewöhnungsbedürftig, weil sie Assoziation mit Stolpersteinen hervorrufen, die eine ganz andere Größenordnung von Verbrechen markieren.

Duschen und Körperpflege, während Herr Kaltmamsell eine Runde Yoga trieb (erinnern Sie mich doch bitte dran, vor der nächsten langen Reise meine Beine mit Wachs enthaaren zu lassen, um mir Rasieren in fremden und unbequemen Umgebungen zu ersparen).

Wir gingen raus auf noch einen café von leche, diesen in einem Bar, in dem sich auf den Tischen breits alkoholische Aperitive zu den Milchkaffee-Tassen gesellten. Der Spanier und die Spanierin haben im Gegensatz zu anderen Mittelmeer-Anrainenden überhaupt kein Problem mit Milch-haltigen Kaffeegetränken bis spät in die Nacht; sie konzentrieren ihren kulinarischen Furor lieber auf gewichtige Fragen wie die, ob in Tortilla Zwiebel gehört oder nicht (selbstverständlich schon, ich komme aus einer Familie von cebollistas).

Frühstück um halb drei: Geburtstagstorte und Honigmelone. Die Torte war ganz anders transportfähig gemacht worden als in Deutschland.

Am Nachmittag zogen wir los zu einem Spaziergang auf den Monte Urgull – dieser war dann wiederum deutlich weniger besucht, als ich an einem sonnigen Sonntag erwartet hatte. Er ist der zentrale Berg in San Sebastían, auf den östlichen Monte Ulia und den ganz westlichen Monte Igueldo wollen wir schon auch noch.

Auf dem Hinweg sahen wir uns die geradezu lächerlich überladen dekorierte Brücke Puente de María Cristina an.

Und guckten Fische im Urumea, die sich immer wieder auf die Seite legten und dann silbern glänzten (kann die jemand identifizieren?).

Auch interessante Vögel sahen wir, die wir nicht kannten (neben den vertrauten Möwen und Kormoranen).

Die Spanier haben’s ja schon sehr mit christlichen Maria Muttergottes, es gibt eine für jede Gelegenheit. Diese malerisch gelegene Basilika ist “Nuestra Señora del Coro” gewidmet.

Einer der vielen Wege hinauf auf den Monte Urgull.

Aussicht mit eben 55 Jahre alte gewordenem Herrn Kaltmamsell.

Friedhof der Engländer, cementerio de los ingleses.

Der Surfistas-Strand Zurriola.

Zurück in der Wohnung Detailplanung des Montags: Wir wollen die erste Wanderung antreten. Für die Anreise zum Start der Runde musste ich Zugtickets kaufen, online ging das nur über die App der spanischen Eisenbahn Renfe. Dazu wiederum musste ich mir dort ein Konto einrichten – und scheiterte an der Fehlermeldung, das Format meiner Telefonnummer stimme nicht. Ich guckte im Web nach einer Lösung, denn wie bei praktisch jedem Online- oder Computerproblem war ich sicher nicht die erste damit. Der Tipp in einem Reiseforum, einfach eine beliebige neunstellige Zahlenfolge einzugeben, funktionierte auch bei mir – SMS-Benachrichtigungen gehörten also nicht zum Service. (Auch dafür ist ja Reisen gut: Damit man merkt, wie gut man es daheim hat.)

Zum Nachtmahl lud ich Herrn Kaltmamsell in ein Restaurant in unserem Viertel ein, das sich laut Empfehlung durch moderne Interpretationen baskischer Küche auszeichnet: Ins Xarma.

Um acht waren wir als früh essende Deutsche die ersten Gäste. Wir entschieden uns für das Degustations-Menü, das die freundliche Bedienung als Zusammenstellung aller signature dishes beschrieben hatte. Den Wein dazu ließ ich uns empfehlen, ohne weitere Erläuterung wurde uns ein Sauvignon Blanc aus Estremadura eingeschenkt: Habla de tí. (Die Informationen entnahm ich dem Etikett.) Schön duftig, mit intensiven Aromen (Himbeer, frische Erbse).

Wir aßen sehr gut, die Empfehlung gebe ich gerne weiter.

Sushi mit den Bestandteilen des berühmtesten Pintxo der Stadt “Gilda”: grüne eingelegte Pepperoni, Sardelle, Olivenölperlen – ganz hervorragend.

Gegrillte Paprika mit Paprikacreme gefüllt und gegrilltem Maniok – holte alles aus diesem Gemüse heraus.

Gazpacho mit einer Couscous-Rolle, Erdbeere, geräucherter Sardine und gehackten schwarzen Oliven – der beste Gazpacho, den ich je hatte (sorry Mama). Und die Kombi mit schwarzen Oliven merke ich mir.

Ravioli gefüllt mit Calamaretti, in eigener Tinte und mit einer Blase voll Zwiebel-Wein-Sud, die wir bitte aufstechen sollten. Mir gefiel besonders der Nudelteig, der eher asiatisch als italienisch war.

Gegrilltes Hähnchen mit Pilzcreme und Senfhonig. Gut, Brathähnchen liebe ich ja.

Zum Nachtisch gab es eine Schokoladenschlange mit Mangoaroma, Erdnusseis, Passionsfrucht. Schokolade ist immer gut, aber wie fast immer wäre mir ein Stück aromatisches, reifes Obst lieber gewesen (ist aber meine ganz persönliche Macke, nur dass sie gerade in Spanien am berechtigtsten ist, wo zumindest früher Obst der Standard-Nachtisch war).

Abschließend ließen wir uns einen Kräuterschnaps Hierbas einschenken: Dieser kam aus Galicien und war sehr gut.

Satt und zufrieden spazierten wir die fünf Minuten zu unserer Wohnung, der tapfere Herr Kaltmamsell begleitete mich auch diesmal zu Fuß in den siebten Stock.

Was mich ein wenig verwundert: Dass so viele von den Restaurants (unterhalb der Sterneklasse), die mir für San Sebastián empfohlen werden, laut Speisekarte schlicht generische spanische Küche servieren, also gegrillten Fisch, Steak, Kottelet mit Beilagen, vielleicht noch geschmorte Backerln. Und das wo ich doch gelernt hatte, dass die spanischen Regionen so stolz sind auf ihre regionalen Spezialitäten. Aber hier sehe ich im Angebot weder besonders Regionales noch Saisonales. Hat sich die hiesige gehobene Küche am End’ genau gegenläufig entwickelt wie die in Deutschland, die sich immer mehr auf Typisches aus der Gegend besinnt? (Im Grunde fast jedes Wirtshaus.) Es muss ja nicht gleich so extrem sein wie im Brightoner Isaac At, das die Food Miles aller Zutaten aufführt.

§

Weil Oktoberfest, hier ein Artikel über den Ursprung des Dirndls, wie wir es heute als typisch für weibliches Oktoberfest-Kostüm ansehen:
“Erfundene Tradition
Wie das Dirndl zuerst jüdisch und dann nationalsozialistisch wurde”.

Mittlerweile finde ich erfundene Traditionen völlig ok (das Münchner Stadtmuseum zeigt dazu eine ganze Abteilung). Wenn eine Gruppe sich jahrelang über etwas definiert, sei ein Gericht, eine Kleidung, eine bestimmte Handlung zu einer Jahreszeit oder zu einem Datum – dann ist das Tradition. Seit dem späten 19. Jahrhundert gehört in Bayern dazu, was als “Tracht” bezeichnet wird. Dass das Narrativ drumrum gerne mal Jahrhunderte alte Wurzeln behauptet, ist halt auch Tradition, und Narrative müssen nicht mit historischer Belegbarkeit überein stimmen.

(Ich empfehle zu Dirndl und Tracht auch diesen Twitter-Thread und seine Kommentare mit weiteren Details und Links.)

§

Ein Autotest nach meinem Geschmack.

Hier vergleicht jemand, der in Frankreich auf dem Land lebt, zwei Riesenbrummer-Automodelle, die man angeblich braucht, wenn man auf dem Land lebt, mit dem Citroen C15.

Unbedingt auch das abschließend verlinkte YouTube-Video gucken. Ich erinnerte mich liebevoll an die Fahrt zu Studienzeiten zu viert im Citroen 2CV von Frank auf der Autobahn in einem Wintereinbruch, als wir dann doch schweren Herzens all die kämpfenden, schleichenden erwachsenen Autos überholten: Mit seinem Frontantrieb hatte der 2CV aka “Eisschneider” in der Schneeschicht kein Problem. Wir machten aber ganz viele entschuldigende Gesten zu den überholten Fahrern, echt ehrlich.

§

Und hier der Drink für den nächsten Sommer: Homöopa-TEA.

Journal Samstag, 17. September 2022 – San Sebastián 2: Suche nach guten Lebensmitteln, einmal ganz rund ums Ufer

Sonntag, 18. September 2022

Gut geschlafen – obwohl wir an einer mehrspurigen Straße wohnen und hinter dem Haus Züge vorbeifahren, war es nicht laut. Nach sieben merkte ich beim Dösen, dass meine Biochemie auf Sorgen- und Ängstesuche umstellte und stand lieber auf. Eine Maschine Wäsche angeschaltet.

Gemütliches und ausführliches Bloggen über Milchkaffee: Die neue Cafetera ermöglicht ein Getränk, wie ich es von daheim kenne. Wäsche auf der Sonnenseite der Terrasse aufgehängt, hier darf ich das laut Vermieterin ausdrücklich.

Ich versuchte eine Runde Yoga auf dem blanken Holzboden: Ging einigermaßen, ich werde mir für eine Wiederholung aber eine Decke für die Knie in bestimmten Haltungen bereitlegen (z.B. child pose). Tat auf jeden Fall sehr gut.

Nach elf machten wir uns zu Lebensmitteleinkäufen für den Abend auf: Ich wünschte mir eine große Schüssel Salat, gerne mit Fleisch aus der Pfanne dazu. Herr Kaltmamsell wies den Weg, damit er sich zu orientieren lernte, er mäanderte erst mal durch unser Wohnviertel Gros, wodurch wir an der Kirche San Ignazio ein paar improvisierte Marktstände sahen.

Am Strand Zurriola stapelten sich Surfer*innen. Sie können es vermutlich nicht erkennen, aber auf eine Welle da draußen kamen ein bis zwei Dutzend Surfwillige in Neopren, ein ganzer Streifen im Wasser war schwarz vor Menschen.

Nachvollziehbar, dass es für das Miteinander der Surfistas Regeln braucht.

Es war windig und sehr frisch, deshalb wunderte ich mich eher über die vereinzelten Bader*innen.

Über das Kongresszentrum Kursaal (das heißt wirklich so) gingen wir zum Mercado La Bretxa. Erst mal schauten wir in den benachbarten Lidl für Milchprodukte, dann guckten wir uns im überschaubaren Mercado im selben Untergeschoß um: Die Ware im einzigen Gemüse- und Obststand sah jämmerlich aus. Wir entsannen uns der vielen Läden und der Marktstände in unserem Wohnviertel und spazierten zurück. Ich kaufte auf dem Markt an einem Stand mit Selbstangebautem die Zutaten für Salat ein, auf meine Bitte nach zwei Tomaten für heute und zwei für die nächsten Tage wählte Señor Standler diese sorgfältig nach Reifegrad aus mehreren seiner Kisten aus. Außerdem am Kuchenstand von Mañeko baskischen Käsekuchen und eine Gemüse-Empanadilla für das Frühstück von Herrn Kaltmamsell.

In einem Laden fanden wir sogar Senf für die Vinaigrette, außerdem Obst, Herr Kaltmamsell kaufte Fleisch, ich dann wieder in einer der unzähligen Konditoreien eine Geburtstagstorte für Sonntag, Herr Kaltmamsell in einer der ebenso unzähligen Bäckereien Brot. Wir lernten ein Wort Baskisch, als man uns überall mit “Agur” verabschiedete.

Und wir kamen an vielen belebten Bars vorbei, deren Pintxos und Getränke wir in den nächsten Tagen mal testen werden.

Zurück in der Wohnung Ausruhen, um halb drei frühstückte ich den letzten Apfel von daheim, Tomate und ungewöhnliches Brot.

Es hatte eine fast Mürbteig-artige Kruste und schmeckte ausgezeichnet.

Am Nachmittag machten wir uns im herrlichen Sonnenschein auf die große Runde am Meeresufer entlang.

Der Baske kann durchaus immer noch Rebellion!

Der große Strand La Concha, ausgedehnter Sandstrand mit angeschlossener Stadt, wurde reichlich zum Baden, Sonnen und Spielen im Sand genutzt. Das konnte ich deutlich besser nachvollziehen als am Zurriola-Strand: Kaum waren wir um den Felsen zu dieser Bucht gebogen, versiegte der Wind – hier ist es geschützt. An einer Eisdiele holten wir uns Eis, eher enttäuschend.

Wir spazierten die ganze Bucht entlang, auch die benachbarte und deutlich kleinere Ondarreta. Deren Ende mit der Skulptur Peine del viento (Windkamm) vom örtlichen Künstler Eduardo Chillida ist wohl ein eingetragenes instagram-Motiv: Die Leute standen allen Ernstes Schlange für Selfies.

Es gab aber auch faszinierende Gesteinsformationen:

Zurück gingen wir nicht den gesamten Weg, sondern kürzten durch die Altstadt auf die Urumea-Brücke nach Gros ab. Im Fluss sahen wir wieder viele, viele Fische, darunter beachtlich große.

San Ingazio in Viertel Gros.

Vor der Heimkehr gab es ums Eck als Apertif noch ein Glas Txakoli und Pinxtos (Tortilla, Brot mit Thunfischcreme) – gut!

Nachtmahl war spanischer Salat, wie ich ihn aus Kindheitsurlauben kenne: Grüne Romana-Blätter, supermilde Zwiebel, Tomate. Allerdings schummelte ich beim Dressing: Statt des lieblosen Billigessig-Salz-Öl-Gemisches bereitete ich eine Vinagrette mit Zitronensaft und etwas Zucker zu.

So gut! Vor allem die Zwiebel, die auch als “Metzgerzwiebel” in München verkauft einfach nie so schmeckt. Herr Kaltmamsell briet uns Entrecôte, das ganz anders schmeckte als daheim, aber sehr gut. Zum Nachtisch teilten wir uns das Viertel tarta de queso, die sich als bodenlos und sehr köstlich herausstellte.

Journal Freitag, 16. September 2022 – Eine klaffende Lücke in der Bloggosphäre / Von Paris nach San Sebastián

Samstag, 17. September 2022

Mühsames Bloggen mit langsamem Hotel-Internet, den Download meiner Zeitung brach ich irgendwann ab.

Der Morgen begann mit der schrecklichen Nachricht vom plötzlichen Tod einer meiner ältesten Internet-Bekanntschaften aus Blogs: @journelle, Elena. Beim Morgenkaffee im Nachbarschafts-Café erinnerte ich mich an so Vieles, was ich von Elena weiß, mit ihr erlebt habe – mal von Ferne durchs Lesen ihres Blogs, mal näher. Auf der Blogmich 2005 lernten wir uns persönlich kennen und unterhielten uns erstmal über schwere Maschinen und Lastwagen. Später erfuhr ich, dass sie an diesem Wochenende ein Paar mit Blogger Sebas wurde – den ich ebenfalls vom Lesen kannte (ihre Blogpost über die erste Zeit dieser beiden sehr unterschiedlichen Verliebtheitskonzepte waren hochkomisch und hinreißend – sie hat ihr Blog später geschlossen). Wie viel ich über ihre Familie weiß, ihre Karneval-Begeisterung, Body Positivity, Sex Positivity, ihre Schwimmleidenschaft! Ich habe alle ihre Vorträge auf der re:publica gesehen, von “Beyond Porn oder Die digitale sexuelle Revolution” über “Fremd gehen immer nur die anderen – Liebe und Beziehung in Zeiten der Digitalität” bis “Das Internet hat mich dick gemacht!” Und jetzt zerriss es mir das Herz, weil ich natürlich auch von ihren zwei Kindern mit Sebas weiß, beide noch in der Schule.

Die Erinnerungen an diese feministische Urgewalt begleiteten mich den ganzen Tag, ich konnte und kann ihren Tod mit gerade mal Mitte 40 einfach nicht fassen. Elenas Bruder kenne ich ja noch länger. Wie wütend und klug und leidenschaftlich sie war. Ich erinnerte mich an immer mehr Einzelheiten. Dass sie im Musikvideo “Courage” von Wahnschaffe die Hauptrolle spielte, passt hunderprozentig zu Elena.

Währenddessen checkten wir aus dem Hotel aus, nahmen eine U-Bahn zum Bahnhof Montparnasse: Von dort fuhr unser Zug nach San Sebastián.

Noch ein verbreitetes U-Bahn-Zeichen.

Der Bahnhof, ein weiterer der Sorte Shopping Mall mit Gleisanschluss, verwirrte mich, doch wir waren mit so reichlich Zeit unterwegs, dass wir uns umsehen und orientieren konnten. Diesmal waren unsere TGV-Plätze im oberen Stockwerk. Wie auch bei den Autofahrten nach Spanien: Hinter Paris wurde es erstmal flach und langweilig.

Ihre Bilder auf instagram erinnerten mich daran, dass ich fast Celeste Barber gesehen hätte: Sie war am Donnerstagabend auf ihrer Welt-Tournee in Paris aufgetreten, doch als ich das am Dienstag mitbekam, war die Vorstellung längst ausverkauft.

Diesmal hatte ich am frühen Nachmittag auch mal Hunger und aß eingesteckte Äpfel und Nüsse (eigentlich für die Fahrt München-Paris gedacht).

In San Sebastián kamen wir an einem anderen Bahnhof an, als Google Maps ausgeworfen hatte, doch das Rollkoffern zur Ferienwohnung war nicht entscheidend länger. Temperaturen mit ca. 24 Grad angenehm; dass es eben noch deutlich wärmer gewesen war, schloss ich daraus, dass die meisten Frauen Sandalen an den nackten Füßen trugen.

Uns empfing eine sehr herzliche Vermieterin in der Ferienwohnung, mir fielen zum Glück fast alle erforderlichen spanischen Wörter ein (aber die Dame war ohnehin ungeheuer erleichtert, dass ich Spanisch sprach). Die Wohnung hat einen noch schöneren Ausblick als erwartet (das war das entscheidende Kriterium gewesen): 7. Stock mit Dachterrasse in zwei Richtungen – zu genau solchen hatte ich in Urlauben immer sehnsüchtig hochgesehen und mich gefragt, wie es wohl wäre, dort zu wohnen. Jetzt finde ich es heraus.

Zur Kaffeebereitung stellt die Küche klassische Kaffeemaschine und French Press zur Verfügung – das ist nicht das Spanien, das ich kenne. Als mir klar wurde, wie sehr mir gewohnter Milchkaffee die Tagesanfänge der nächsten knapp drei Wochen verschönen würde, entschied ich mich kurzerhand, dann doch endlich eine Cafetera für Induktionsherd zu kaufen. Wir hatten ohnehin einen Abstecher in die Innenstadt vor (meine Körperlotion war geplant ausgegangen, ich kaufte Nachschub im örtlichen Body Shop), in einer “Tienda del Café” entschied ich mich nach kürzester Beratung (auf Augenhöhe, die Dame empfahl die günstigste, “las más económica”) für eine Cafetera und ließ mir nach meinen Vorgaben auch gleich Espressobohnen dazu mischen und mahlen (auf meinen Wunsch “dunkel und kräftig für Milchkaffee” gab die Angestellte eine Hand voll torrefacto zur Hausmarke). Also kann ich zurück daheim die Adapter-Platte verräumen, die mir den Weitergebrauch meiner alten Alu-Cafetera auf dem Induktionsherd ermöglicht hatte.

Es bestätigte sich, was wir schon auf dem Weg vom Bahnhof gesehen hatte: Hier sind noch mehr Leute mit Surfboards unterwegs als in München!

Zum Abendessen folgten wir Empfehlungen für Bars mit Pintxos in der Altstadt. Auf dem Weg dorthin passierten wir die Eröffnung der Filmfestspiele von San Sebastián mit übersichtlichem Menschenauflauf.

Die Pintxos-Bars in den Altstadtgässchen waren alle voll, die Kellner wirkten angespannt (lag vielleicht an der Anstrengung der Kommunikation mit hauptsächlich Fremdsprachler*innen). Es gab fast keine Ablage- oder Tischfläche für Getränk/Pinxtos – und wenn ich sowas endlich ergattert hatte, fühlte ich mich unter Druck, so schnell wie möglich zu trinken und zu essen, um Platz für die anderen Wartenden zu machen.

Ich fürchte, das ist für mich ganz persönlich eine zu unentspannte und gehetzte Art der Mahlzeit (wieder entspreche ich nicht meinem Wunschbild, diesmal dem der gelassenen, fröhlichen und feierlaunigen Frau, die sich halt mit Menschenmengen arrangiert und mit Fremden smalltalkt). Nach der zweiten Bar gaben wir auf, ohne wirklich satt zu sein. Zumindest lernte ich, dass mir der heimische junge Wein Txakoli sehr gut schmeckt.

Den Heimweg legte ich über unser Wohnviertel auf der anderen Seite des Flusses Urumea, und sieh an: Hier gibt es auch Bars mit Pinxtos und Raciones, unempfohlen, aber gut besucht von möglicherweise Einheimischen, mit Außentischen. Denen gebe ich die weitere Chance für Abendessen mit Pinxtos. In einem kleinen Supermarkt holten wir uns Süßigkeiten zum Sattwerden, aßen sie in der Wohnung zu spanischem Fernsehen (spannend, vor allem die Werbung!).

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Auf der viereinhalb-stündigen Zugfahrt bis zur spanischen Grenze (dort Umsteigen nötig, weil die spanische Bahn eine andere Spurweite fährt) las ich Süddeutsche und SZ-Magazin, empfehle daraus jeweils eine Geschichte:
Sogar gratis zu lesen ist der Artikel über die Recherchen von Historiker*innen und Archivar*innen über die NS-Zeit auf lokaler Ebene am Beispiel von Berg am Starnberger See und von Herrsching am Ammersee.
“‘Ich mache die hässlichen Sachen'”.

Auf den meterlangen Tischen in ihrem Archiv liegen gleich mehrere hohe Papierstapel. Friedrike Hellerer, die Archivarin in Herrsching, sitzt seit rund zehn Jahren an ihnen, weil immer etwas anderes dazwischenkommt – hier eine Chronik, da eine Ausstellung. Sie zieht Papiere aus den Stapeln: Statistiken aus der NS-Zeit, Rundschreiben, Rechnungen, Volkszählungen.

Alles, was auf diesen Tischen liegt, wurde jahrzehntelang im Leichenhaus auf dem Dachboden gelagert. Ursprünglich lagen die Papiere im Rathaus der Gemeinde, sie wurden als das Gebäude in den Sechzigern umgebaut wurde in das Leichenhaus gebracht und dort für ein halbes Jahrhundert aufbewahrt. Man könnte auch sagen: aus dem Weg geräumt. Dann, vor rund zehn Jahren, kam man auf die Archivarin zu. Weil das Dach im Leichenhaus undicht war, sei man auf den Speicher gegangen und habe dort lauter Papier gefunden. Für sowas sei doch sie zuständig.

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Der zweite Artikel ist die Titelgeschichte des aktuellen SZ-Magazins. Patrick Bauer und Roland Schulz schreiben über das Giesinger Bräu, offensichtlich seit Jahren begleitet und recherchiert.

Ich habe ja noch ein paar Flaschen Giesinger Erhellung in der Garage gekauft, als ich vor über zehn Jahren in der Arbeit eine Runde ausgab und auch für die Biertrinker etwas Besonderes anbieten wollte: Die Mini-Brauerei kannte ich, weil ein Freund gegenüber wohnte, und der verwuschelte, alkoholisiert wirkende Kauz in grüner Latzhose und Gummstiefeln, der mir die Flaschen verkaufte, war dann wohl Steffen Marx.

Als ich mit der Lektüre des sehr, sehr ausführlichen und gründlichen Artikels durchwar, immer wieder ungläublig aufgelacht hatte, schloss ich mit: “Vareck.” (Bayerische Respektsbekundung.) Kostet Geld, ist aber die 2,99 Euro eines Tagespasses der Süddeutschen absolut wert.
“Ein Quantum Prost”.

Journal Donnerstag, 15. September 2022 – Paris 3: Dior, Montmartre, gutes Essen

Freitag, 16. September 2022

Etwas matschig aufgewacht. Erstmal war ich eine Weile mit Bloggen beschäftigt.

Als wir loszogen für unseren Morgenkaffee, merkte ich, dass ich mich matt und unfit fühlte – das sollte leider den ganzen Tag anhalten.

Einkehr wieder im Nachbarschafts-Café. Der Kellner wies Herrn Kaltmamsell darauf hin, dass er sich Gebäck zum Café crème beim benachbarten Bäcker holen könne – diese Symbiose ist wohl üblich in Frankreich.

Er frühstückte Croissant und eine Walnuss-Tarte.

Programm für gestern war erst mal ein weiterer Museumsbesuch. Ich hatte mir halb im Scherz gewünscht, Dior zu besuchen – die Bilder im Kopf aus alten Hollywoodfilmen, in denen Kundinnen die Modelle von Mannequins vorgeführt bekommen. Das ist heute natürlich anders, und die Dior-Läden in Paris sehen aus wie die auf der ganzen Welt. Aber Herr Kaltmamsell hatte entdeckt, dass es in Paris im Haus des ersten eigenen Geschäfts mit Werkstatt von Christian Dior ein Museum gibt, eröffnet erst im März dieses Jahres: La Galerie Dior. Dafür hatte er Karten besorgt, wieder mit vorgegebener Zeit.

Wir nahmen eine U-Bahn nach Trocadero und spazierten gemütlich und mit Umwegen zum Museum.

Erst mal von der Baustelle Trocadero runtergucken. (Eine Konstante bislang: Wo auch immer auf Touristenwegen etwas Gitterförmiges ist, werden Vorhängeschlösser drangehängt.)

Damit auch ich ein Foto vom Triumphbogen gemacht habe.

Vor dem Dior-Museum standen wir wieder eine Weile Schlange. Drinnen trafen wir auf eine ausführliche und sorgfältige Ausstellung, verschwenderisch ausgestattet und inszeniert. (Hier schwärmt Silvia Ihring in der Welt anlässlich der Eröffnung der vorhergehenden Ausstellung.)

Es gab viele Informationen zu und Huldigungen an die Person Christian Dior – die mich nicht besonders interessiert. Vor allem aber sahen wir viele sensationelle Kleider und Kostüme von Dior selbst und den nachfolgenden Chefdesignenden des Modehauses: Marc Bohan, Gianfranco Ferré, Yves Saint Laurent, John Galliano, Raf Simons und Maria Grazia Chiuri – mit ihren erkennbaren Handschriften und gleichzeitigem Bezug auf den Gründer. Sie waren thematisch zusammengestellt (z.B. Blumen- und Pflanzenmotive, Einflüsse anderer Kulturen, Filmstars, die Klassiker) und wundervoll ausgeleuchtet. Dazu kamen historische Filmausschnitte, auch Filmdokumentationen aus der Werkstatt. Mich persönlich hätte noch ein bisschen mehr handwerklicher Hintergrund interessiert, allein schon der Raum mit den Erstentwürfen aus Nesselstoff, die auf der Basis von Diors doch eher vagen Zeichnungen gefertigt worden waren, faszinierte mich.

Herr Kaltmamsell fotografierte mich im Treppenhaus, das über vier Stockwerke mit Vitrinen von Miniaturen im Farbverlauf geschmückt ist.

Hier ein kleiner Einblick in die Ausstellung:

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https://youtu.be/9mO_e5ehsfo

Hier hörte ich dann auch endlich auf, auf alle sich selbst oder gegenseitig fotografierenden Menschen Rücksicht zu nehmen: Es waren einfach zu viele, ich konnte mich nie frei bewegen. Ab sofort latschte ich einfach durch jedes Bild, was mich immer noch Überwindung kostet.

Ein aktuelles Schaufenster – ich kriege den Verdacht nicht los, dass Christian Dior zumindest die Schuhe so scheußlich gefunden hätte wie ich.

Nächster Programmpunkt: Stippvisite in Montmarte. Wir nahmen eine U-Bahn zum Place de Clichy und spazierten zu Sacre Coeur – Stadtplan überflüssig, wir mussten uns nur in den immer dichteren Touristenstrom einreihen.

Übergang (!) über den Friedhof Montmartre.

Eingereiht in die Fotografinnen der Kirche.

Wirklich faszinierend: Die 50 Meter blickdichte Besetzung mit Vorhängeschlössern allein schon auf dieser Ebene. Die Gitter auf den unteren Ebenen waren etwas lockerer behängt.

Hier lernte ich, dass die am Vortag entdeckte Touristinnen-Selbstinszenierung mit Baskenmütze auch mit Hijab funktioniert. (Bezieht sich das auf eine bestimmte Fernsehserie oder imitieren Instagrammerinnen einfach einander?)

Auch Herr Kaltmamsell war mittlerweile erschöpft, meine Schlappheit hatte sich nicht legen wollen: Wir machte uns auf den Weg Richtung Hotel – allerdings mit ein paar Umwegen durch Montmarte. Wenige Schritte abseits der Tourismusströme wurde es sofort interessant: Wir kamen an vielen riesigen Stoff- und Füllmaterialläden vorbei (Groß- und Einzelhandel), in Gastronomie und Bekleidungsgeschäften war der nordafrikanische Einflus unverkennbar.

Und ich lernte, dass Kammerjäger keineswegs überall auf der Welt auf Diskretion setzen, manche sogar ordentlich Werbung für sich machen.

U-Bahn von Gare de l’Est, im Hotelzimmer erst mal ein wenig hingelegt.

Zum Nachtmahl (ich hatte wieder den ganzen Tag nichts essen mögen) wollten wir nicht durch die Stadt gondeln und gingen zweimal ums Eck: Das Restaurant L’Avant-Goût hatte gut ausgesehen – und wir aßen gut.

Vorpeise bei Herrn Kaltmamsell Oktopus mit Auberginenpüree, bei mir Tomaten mit paniertem Brie. (Wenn ich mir die Speisenkarten der Lokale hier ansehe, haben Vegetarier*innen es beim normalen Essengehen in Paris schwer.)

Hauptspeise bei mir geschmortes Lamm, gegenüber Schweinekotelett mit Mais und Zucchini. Von der Weinkarte suchte ich uns dazu einen Biowein Crozes Hermitage Les Pitchouettes aus, passte gut.

Als Dessert einmal Käseteller, und für mich Blätterteig mit Matcha-Crème und Aprikosenpüree, außerdem Himbeereis. Dann war ich sehr voll.

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Nachgereichte Musik zu Moulin Rouge.

Zum einen war ich an eine alte spanische copla erinnert: “Si vas a Paris, papa”. (Die erwähnten “abaches”, vor denen gewarnt wird, sind wohl Pariser “Apaches”: “Les Apaches war eine gewalttätige kriminelle Unterwelt-Subkultur der Pariser Belle Époque von Hooligans, Nachträubern, Straßengangs und anderen Kriminellen des frühen 20. Jahrhunderts.”)

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https://youtu.be/ew4l426DhrA

Außerdem trat der erste Artist der Show zu “Roxane” in der Tango-Version auf – aus dem Film Moulin Rouge von 2001.

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https://youtu.be/FHVByhErU8E


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