Essen & Trinken

Journal Mittwoch, 29. Juli 2026 – Goldener Abschied vom Lerchenlauf

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Juli ist ganz schön lang.

Extrafrüher Wecker nach mittelguter Nacht (eine laute Unterhaltung vor meinem Schlafzimmerfenster weckte mich nicht genug, dass ich zum Fensterschließen aufstand, ließ mich aber auch nicht wieder richtig einschlafen), aufgestanden zu fast noch Nacht: Wahrscheinlich letzte Chance auf einen Lerchenlauf vor der Arbeit für diese Saison. Es war deutlich zu frisch für Balkonkaffee (die Schreie der Gebärenden durch offene Fenster der benachbarten Klinik hörte ich aber), als Laufkleidung wählte ich zur Capri-Hose trotzdem ein Trägershirt.

Beim Kreuzen des Nußbaumparks von Drogis, no rest for the wicked, angebettelt worden (“‘nen Zehner?” – Inflation überall), leider bissig “Seh ich aus, als hätte ich Geld bei mir?” geblafft (statt Ignorieren).

Es wurde ein herrlicher Lauf, unter anderem sah ich zum ersten Mal einen Graureiher mitten in München. Der Körper war praktisch nicht vorhanden (gutes Zeichen), erst nach einer Weile erinnerte ich mich daran, die Füße bewusst zu heben.

Graureiher!

Bei kürzeren Tagen stieg die Sonne erst auf den letzten paar hundert Metern an der Isar über die Baumwipfel der Uferauen.

Alter Südfriedhof.

Für den Körper waren die 80 Minuten wahrscheinlich grad recht, keinerlei Erschöpfung und Schmerzen. Aber mein Gemüt wäre so gerne länger gelaufen.

Die Baustelle am Wohnhaus ist fast beendet. Am Dienstagabend war bis nach 18 Uhr gewerkelt worden, gestern waren die vier Herren deutlich vor acht wieder aktiv.

Arbeitsweg mit zwei Stationen U-Bahn-Fahrt beschleunigt, die Luft unter wolkenlosem Himmel immer noch angenehm. Im Büro gleich losgewirbelt, mich dann von einer lieben temporären Kollegin verabschiedet.

Mittagscappuccino nicht allzu weit entfernt, jetzt stach die Sonne bereits wirklich unangenehm. ABER! Ich hörte nochmal Mauersegler.

Nach einigem weiteren Werkeln gab es zu Mittag Hüttenkäse mit Joghurt, restliche Kirschen (Bauch kurz danach wieder not amused, der soll sich nicht so anstellen).

Wie ich mal meinte: “Oh, wenn derzeit dieser zarten Goldschmuck so in ist,1 kann ich doch das alte Süßwasserperlen-Armkettchen aus Kindertagen wiederbeleben. Merke: “Zart” und ich funktionieren nicht zusammen.2

Nach Feierabend war es unangehm heiß, direkter Weg nach Hause. An den Briefkästen traf ich die Zweitnachmieterin unserer früheren Wohnung im 1. Stock, sie stellte sich vor – eine sehr nette Begegnung. Daheim weitere Urlaubsvorbereitungen: Beine epilieren, Wäsche aufhängen (letzte Ladung Dunkles vor Abreise).

Herr Kaltmamsell kam vom Sommerfest seiner Schule, zusammen spazierten wir zum aushäusigen Abendessen: Es gab asiatische Nudeln bei Honghong Ramen.

Für mich wieder breite Nudeln mit Auberginen und Tomaten (ich kann mich nicht erinnern, dass mir das zuvor schon passiert ist: beim ersten Besuch eines Lokals etwas bestellt, das mir so gut schmeckte, dass ich es jedesmal essen möchte). Davor Gurkensalat, dazu Aloe-Vera-Drink.

Beim Heimkommen war die Baustelle am Haus immer noch aktiv, da wollte jemand unbedingt fertig werden (sie sah auch fast abgeschlossen aus).

Daheim als Dessert Schokolade.

§

Ich freue mich weiter über die Odyssee-Verflmung von Christopher Nolan, weil sie so viele lesenswerte Auswirkungen hat. Auf Bluesky beschließt Emily Wilson: “This is a film about living in LA.”

Auf ihrem Bluesky-Kanal schreibt sie auch über die Gedankengänge hinter ihren Übersetzungen – sofort gefolgt.

§

Interessante neue junge Comedy.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/5NOedI5Vf4E?si=7LS2keRvkjk-HsIg

  1. Ich habe den Goldpreis als Ursache im Verdacht. []
  2. Es gibt ein paar Freundinnen, um die ich mich deshalb bei jeder Begegnung sorge. []

Journal Montag, 27. Juli 2027 – Regnerischer Lerchenschwumm und Arbeitstag

Dienstag, 28. Juli 2026

Letzte Arbeitswoche vor Urlaub, ab sofort zähle ich Tage.

Wecker auf früher wegen Schwimmplänen, nachts hatte ich mal wieder das Fenster wegen irrem Gebrüll im Park schließen müssen.

Die Wettervorhersage stand seit dem Vortag auf Bewölkung und Regen, also schlüpfte ich in einen Badeanzug (statt Bikini mit mehr freier Besonnungsoberfläche für Vitamin-D-Produktion) und nahm eine Bademütze mit gegen Frieren wegen Wind. Die Luft war aber mild.

U-Bahnhof-Kiosk am Westfriedhof (sah ich vergangene Woche morgens zum ersten Mal in Betrieb). Oder doch ein Raumschiff?

Diesmal wurde die Tür zum Schwimmbad bereits wenige Minuten vor sieben geöffnet. Brachte aber wenig, da das Eincheck-Terminal erst ab 7 Uhr bedienbar war.

Auf meine fast leere Schwimmbahn schien zunächst sogar die Sonne, doch bald zog der Himmel zu, und auf den zweiten 1.000 Metern regnete es eine Weile – gar nicht unangenehm.

Sehr guter Schwumm, auf den letzten 1.000 Metern (nach Klo-Unterbrechung – der Morgenkaffee trieb) war ich so schön im Status Schwimmen, dass ich mir ein Ende schier nicht vorstellen konnte. Das Thermometer zeigte über der Sprudelschnecke 20 Grad an.

An der Stempeluhr meines Bürohauses war ich wieder deutlich vor Kernzeit, und ich legte am Schreibtisch umgehend los: zum Glück keine unangenehmen Überraschungen.

Regnerischer Vormittag, der zudem recht kühl wurde. Doch mittags zog es mich raus, ich marschierte eine Runde um die Blöcke. Mittagessen Bananen, Skylei (-jo- war aus). Zeitungslektüre dazu leider beschränkt, weil meine Papierzeitung morgens nicht geliefert worden war und ich nur ein wenig in den frei zugänglichen Meldungen der Süddeutschen-Website rumlas.

Arbeitsnachmittag mit Aufgaben und Menschlichem, das Wetter sehr wechselhaft mit Regendrohung.

Den Heimweg genoss ich in milder Luft und immer wieder Ahnung von Sonne. Daheim eine Runde Yoga, ich ließ mich zur Abwechslung mal wieder von Jessica Richburg mobilisieren.

Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Chinakohl zu einem Pastagericht (mit einem Mascarpone-Rest statt Sahne, funktionierte sehr gut), ausgesprochen wohlschmeckend.

Da ich auf dem instagram-Account der Woidlerin Petra gesehen hatte, dass die Blaubeeren reif sind, hatte ich Herrn Kaltmamsell gebeten, auf dem Viktualienmarkt danach zu suchen.

Das, liebe Kinder, sind Blaubeeren, norddeutsch Heidelbeeren. Nicht die Haselnuss-großen Kugeln in Müsli-„Bowls“. Es gab sie zum Nachtisch leicht gezuckert und mit Schlagsahne – Ultra-Luxus!

Im Bett Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else ausgelesen – die Theaterinszenierung, die mich so beeindruckt hatte, hat schon das Wichtigste rausgeholt. Die Erzählform in innerem Monolog war gut gemacht, doch bis zum Schluss haderte ich mit dem Wissen, dass sich hier ein über-60-jähriger Mann die Gedanken und Gefühle einer 19-jährigen vorstellt. Ein Künstler kann natürlich erfinden, was er will, doch das sagt meist viel über seine Zeit aus.

Journal Freitag, 24. Juli 2026 – Geburtstagsfeier in der Raketenstation Hombroich, Teil 1

Samstag, 25. Juli 2026

Was für ein großartiger Einstieg in ein Geburtstagsfeier-Wochenende!

Für richtig guten Schlaf waren es ein bis zwei Aufwachen zu viel. Von draußen kam es sehr kühl reingeweht, die für Samstag angekündigten 30 Grad in München konnte ich mir nur schwer vorstellen.

Fertigpacken für das Geburtstagsfeier-Wochenende in der Raketenstation Hombroich, ich würde mich mittags mit Herrn Kaltmamsell am Zug treffen und nahm das Gepäck gleich mit. Weil ich eh eine Jacke mitnehmen wollte (Feier-Location eher ländlich), trug ich sie schon auf dem Weg in die Arbeit – und war sehr froh drum.

Mal wieder hörte ich ein “Ich mag keine Menschen” von jemandem, der wirklich freundlich und umgänglich ist – und fand heraus, dass auch hier die Corona-Einschränkungen zu dieser Erkenntnis geführt hatten: Die erzwungene Vereinzelung bewirkte beim ihm spürbar mehr Wohlfühlen. (So wie andere dadurch merkten, wie sehr ihr Wohlbefinden von menschlichen Kontakten abhängt.)

Im Büro legte ich zackig los, der halbe Arbeitstag musste für alles reichen. Pünktlich um Mittag eingepackt, U-Bahn zur Haltestelle Hauptbahnhof. Mit Herrn Kaltmamsell den sehr langen ICE Richtung Essen bestiegen; unsere Sitzplätze lagen im vordersten Wagen, der gerade noch an den Bahnsteig passte. Pünktlich abgefahren.

Hopfencheck in der Holledau.

In einem pünktlichen ICE, der mit fast 300 Stundenkilometern die Autos auf der parallel verlaufenden Autobahn überholt, konnte ich zwischen Ingolstadt und Nürnberg dem Zungerausstreck-Impuls Richtung Fenster nicht widerstehen. Uns begleitete sommerblauer Himmel.

Pünktliche Ankunft in Düsseldorf, von dort brachte uns eine Regionalbahn nach Neuss Holzheim. Und das letzte halbe Stündchen zum Gästehaus der Raketenstation Hombroich spazierten wir zu Fuß.

Nach Herzen und Küssen der Freundin, die wenige Tage davor 60 geworden war, und erstem Hallo an die anderen Gäste bezogen wir unser schlichtes, schönes Zimmer – und stürzten uns ins Feiern.

Köstliches Essen, das einige Gäste gekocht hatten (große Selbstversorgerküche), wunderbare Weine dazu (mein Favorit war der rote Didier Desvignes Brouilly Retour aux Sources), vor allem aber Unterhaltungen. Unter anderem erzählte mir die Jubilarin, wie es mit der einen oder anderen Bekanntschaft und Freundschaft aus unseren gemeinsamen Studientagen weitergegangen war.

Erst deutlich nach Mitternacht kam ich ins Bett.

§

Southpark reist weiter in Litauen und berichtet von einem weiteren Tag in Vilnius – mit hochinteressanten Eindrücken und Informationen:
“27-07-23 Eishockey, Basketball, Deportationen (Vilnius)”.

In der Sowjetunion gingen Menschen zur Toilette und kamen danach nicht wieder. Sie waren dem KGB in die Hände gefallen. In Litauen gingen Menschen zur Toilette und kamen nicht wieder. Sie waren der Toilettentechnik zum Opfer gefallen. Aber das passierte erst auf dem zweiten Teil der „Vilnius in Soviet Times“-Tour, die harmlos begann.

§

Gabriel Yoran, der das Buch Die Verkempelung der Welt geschrieben hat, im Interview mit Matthis Füssler, Geschäftsführer des Schweizer Werkbunds, über Dinge, Gestaltung und Konsum:
“Ein Bund gegen Schund”.

Journal Mittwoch, 22. Juli 2026 – Lerchenlauf / Arzt am Ende der Galaxie / Arbeit / Pediküre / Schnitzelgarten

Donnerstag, 23. Juli 2026

Das war gestern ein sehr voller Tag. Aber ich setzte alle Pläne um, ohne mich gestresst oder genervt zu fühlen.

Wecker auf extrafrüh, denn gestern war die beste Chance der Woche auf einen Lerchenlauf: Wegen eines vormittäglichen Arzttermins ganz weit draußen würde ich morgens von daheim aus arbeiten, davor passte wunderbar eine Laufrunde an der Isar.

Ich wachte kurz vor Weckerklingeln auf und freute mich sofort über die Aussicht auf Laufrunde. Draußen war der wolkenlose Himmel dämmrig, der Tagesanbruch wandert bereits deutlich nach hinten. Ich war auf niedrige Temperaturen gefasst und reaktivierte mein Merino-Laufshirt (immer noch ungewaschen und unstinkig, ich bin beeindruckt).

Das Licht war sensationell, die Laufzeit verflog geradezu, kaum hatte ich ein paar Fotos gemacht, klingelte mein Handy schon für Halbzeit (40 Minuten) und umkehren. Kurz davor Sichtung eines Mäuseleins direkt auf dem Weg vor mir, SO NIEDLICH.

Wittelsbacherbrücke gestern mit Krähen-Deko.

Beim Heimkommen wurde die Baustelle am Haus gerade von zwei Herren betrieben, ich musste ein wenig um Gruben hangeln, um zur Haustür zu kommen.

Letzte Handgriffe Morgentoilette am hochfahrenden Arbeitsrechner – der auch diesmal in Homeoffice-Umgebung mehrere Neustarts und 20 Minuten benötigte, bis ich arbeitsfähig war (währenddessen schon mal gepackt für später und die Wohnung fertiggeräumt).

Rechtzeitig für Arzttermin am Ende der Galaxie Abbruch der Arbeit, Arbeits-Laptop eingesteckt. Die Öffentlichen Verkehrsmittel verkehrten (ist ja egal, wenn ich statt der geplanten eine sehr verspätete S-Bahn erwische, die zur Planzeit fährt), auch wieder los kam ich in guter Zeit, noch deutlich vor Mittag saß ich an meinem Büroarbeitsplatz und packte dort an. Mittagscappuccino aus der Cafeteria, um mal ein bisschen PEPP! in meinen Arbeitstag zu bringen, bestellte ich EINEN GROSSEN.

Online-Besprechungen, dann Mittagessen: Nektarine, Nüsse, Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot.

Emsiger Nachmittag, jemand hatte schlechte Nachrichten bekommen, ich versuchte sie durch Unterricht abzulenken.

Pünktlicher Feierabend: Ich hatte einen Vor-Urlaub-Pediküre-Termin (schon jetzt fühlte es sich an, als sei ich nicht am selben, sondern am Vortag an der Isar gelaufen). Auf dem Weg durchs Westend (jetzt war es warm) aufmerksames Horchen: Nein, keine Mauerseglerpfiffe mehr, die letzten hatte ich Dienstagmorgen gehört.

Heimweg mit schönen Füßen, ich holte Herrn Kaltmamsell für Abendessen im Schnitzelgarten ab.

Nein, wir schafften unsere Cordonbleus nicht (jemand hat morgen Brotzeit), aber das war sehr gutes Abendessen.

Der Himmel über dem Biergarten.

Daheim gab es als Nachtisch Honigmelone – fast so gut wie die meiner Kindheitsurlaube in Spanien. Und ein wenig Schokolade.

Im Bett die nächste Lektüre: Arthur Schnitzler, Fräulein Else. Berühmt für die Erzählweise in stream of consciousness, doch ich fand vor allem reizvoll, wie sich der über-60-jährige Schnitzler das Innenleben einer 19-jährigen ausmalte.

§

Maximilian Buddenbohm als Hamburgbewohner in Bahnhofsnähe bekommt es täglich mit, ich als Anwohnerin des Münchner Nußbaumparks (in deutlich geringerem Umfang) ebenfalls: Deutsche Großstädte haben ein massiv wachsendes Drogenproblem.

Gestern widmete die Süddeutsche Zeitung ihre Seite Drei dem Thema Crack und dem Zürcher Modell des kontrollierten Konsums (€):
“Eine Crack-Pfeife am Klettergerüst”.

Um Crack geht es auch in diesem ausführlichen Text (mit vielen, vielen Quellen am Ende) von Stefan A K Weichelt, Schwerpunkt Frankfurt.
“Willkommen in Zombieland”.
Hier mit der zusätzlichen Bitterkeit, dass Frankfurt in den 1990ern die Heroin-Krise in den Griff bekam – eben mit demselben Modell, das auch Zürich anwendet. Aber:

Für Heroinabhängige gibt es Methadon, Buprenorphin, in der Schweiz sogar ärztlich verschriebenes Heroin. Für Crack gibt es: nichts. Kein zugelassenes Substitut, keine etablierte medikamentöse Behandlung. Der Werkzeugkasten, mit dem Frankfurt einst zum Vorbild wurde, passt nicht mehr zum Schloss.

Er beschreibt das Vorgehen in Frankfurt, in Paris, in Brüssel, São Paulo – nennt sie “Freiluftlabore der Verdrängung”.

Verdrängung funktioniert nicht, das ist die vielleicht am besten belegte Erkenntnis der europäischen Drogenpolitik. Die Menschen lösen sich nicht auf, wenn man sie wegschiebt. Sie tauchen hundert Meter weiter wieder auf, kränker als zuvor, weil unterwegs der Kontakt zu Ärzten und Sozialarbeitern abreißt.

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf eine Zahl, die in keinem Influencer-Video vorkommt und die man zweimal lesen muss. 2023 starben in Frankfurt, der Stadt mit Deutschlands größter offener Drogenszene, 32 Menschen an ihrer Sucht. In München, wo das Straßenbild ordentlich ist und keine Crackpfeifen aufblitzen, waren es 86.

München hat keine Konsumräume. Bayern hat sie als Bundesland nie zugelassen, ebenso wie die Hälfte der deutschen Länder. Konsumiert wird trotzdem – nur eben in Parks, auf Bahnhofstoiletten, in Wohnungen, dort, wo niemand einen Notruf absetzt, wenn jemand aufhört zu atmen. Das Elend ist nicht kleiner, es ist nur besser versteckt. Und im Versteck stirbt es sich leichter.

Was allen, auch uns Anwohnenden bei der Betrachtung gemein ist: Bestürzung und komplette Ratlosigkeit. Weichelt nennt zumindest ein paar Ansätze, die schonmal funktioniert haben – die allerdings nichts weniger als einen gesellschafltichen Umbau bedeuten.

§

Bei Frau Klugscheisser Schulbuchbeispiele von “Ist doch nix passiert!”, also Belästigungen von Frauen und Mädchen, die sie in ihrer alltäglichen Freiheit einschränken: Keine soll sich so wehren müssen, so vorbereiten, ausrichten müssen. Vor allem Menners: Bitte lesen.
“Ampersand”.

§

Workaround beim Kampf gegen Chatbots.

Geheimtipp beim Kampf gegen Chatbots von xkcd.

Bei mir half schon mehrfach beherztes Singen, um Service-telefonisch an einen echten Menschen zu kommen.

Journal Samstag, 18. Juli 2026 – Einmal gemischte Gewitter

Sonntag, 19. Juli 2026

Mit mehr Unterbrechungen als ideal, aber lang geschlafen. Draußen war es mild genug für Balkonkaffee.

In Socken und Strickjacke.

Die Wettervorhersage war für Samstag und Sonntag sehr gemischt, irgendwann würde es ziemlich sicher Gewitter geben. An diesem Wochenende hatte sich Herr Kaltmamsell auf meine Anregung Zeit für eine Wanderung freigehalten, doch es war nicht absehbar, welcher Tag stabileres Wetter versprach. Ich entschied einfach mal, dass wir Sonntag wandern würden.

Auch gestern ließ ich es darauf ankommen und packte für meine Schwimmrunde im Dantebad ein Handtuch für die Liegewiese ein. Als ich losradelte, schien warm die Sonne.

Im Bad insgesamt und auf den Schwimmbahnen speziell war wenig los, neben wolkigen Abschnitten schien meist die Sonne, nur am Ende meiner 3.200 Meter kam eine Gruppe Piranha-Schwimmer mit Spielzeug ins Becken, die mich um das Ende meiner Einheit froh sein ließ.

Jetzt war der Himmel gerade überwiegend blau: Ich legte mich mit Musik auf den Ohren in die Sonne und genoss sie ein Stündchen – mit wenigen schattigen Unterbrechungen. Gerade als ich mich aufrichtete um zu packen, warfen kleine dunkle Wolken, denen ich es gar nicht zugetraut hätte, dicke Regentropfen, die auch noch mehr wurden – ich raffte hastig alles zusammen und verlegte Anziehen und Packen in den Schutz des Schwimmbad-Gebäudes. Beim Heimradeln wurde ich aber nur wenig angeregnet.

Frühstück kurz vor halb drei: Selbstgebackenes Brot mit Butter und Tomate, von Herrn Kaltmamsell angesetztes Kimchi (ein Schüsselchen Kimchi essen: 2 Minuten. Kimchi-Pflanzenfasern aus den Zahnzwischenräumen pulen: 5 Minuten), selbstgebackenes Brot mit Butter und Zuckerrübensirup, Nektarine, Kirschen.

Bauernbrot im Anschnitt.

In unsere frühere Wohnung im 1. Stock wurde schon wieder neu eingezogen, eine Woche nach dem Termin, den die Hausverwaltung per Aushang angekündigt hatte – das direkte Nachmieterpaar (nach einjähriger Grund-Renovierung, die so nötig gewesen war, dass wir in eine andere, bereits renovierte Wohnung im Haus gewechselt hatten) hatte nichtmal vier Jahre dort gewohnt. Das Einzugs- und Einrichtungsgerumpel von unten ließ mich zunächst das Gerumpel eines Gewitters überhören, das aber nur einen kurzen Regenduscher brachte.

Gemütlicher Nachmittag mit Lesen (Internet, Zeitung), nach Ende des Gewitters auch auf dem angenehmen Balkon. Es kühlte ab. Keine Lust auf Yoga, nachdem mich beim Wäscheaufhängen Kreislaufkapriolen mit Schweißausbruch erwischten.

Gestriger Aperitif war Calvados-Tonic.

Herr Kaltmamsell hatte zum Nachtmahl Ernteanteil veredelt.

Von oben: Bohnensalat mit frischem Ernteanteil-Oregano, Ernteanteil-Zucchini-Salat mit Parmesan und Erdnüssen, chinesischer Ernteanteil-Gurken-Salat. Alles ganz besonders fein und köstlich.

Zum Nachtisch gab es Zimtschnecken-Eis mit Armagnac-Zwetschgen, außerdem (zu viel) Schokolade.

§

Spanien und Vergangenheitsbewältigung – die bei einem Bürgerkrieg besonders schwer ist, wenn Nachbarn, Familienmitglieder einander umbrachten und keine Fremden in der Fremde (siehe auch Kroatien-, Bosnien-, Kosovo-Krieg). 90 Jahre danach schreibt Ulrike Fokken für die taz über den Sonderfall Granada:
“Als die Stadt ihren Dichter ermorden ließ”.

Im andalusischen Granada wurden besonders viele Menschen von den Anhängern Francos getötet. Lange tat sich die Stadt mit der Aufarbeitung schwer.

Journal Freitag, 17. Juli 2026 – Im Sturmwichteln gewonnen

Samstag, 18. Juli 2026

In der Nacht war aus dem Blitzen ein heftiges Gewitter geworden. Aus dem Einschlafen schreckte mich plötzlicher Krach auf unserem Küchenbalkon: Als ich nachsah, hing die Markise samt Rollgehäuse senkrecht vorm Geländer. Herr Kaltmamsell ging hinaus in den Regensturm und sicherte das Ding wenigstens so, dass es bei Gesamt-Herabfallen hoffentlich in unserem Balkon gelandet wäre.

Morgens sahen wir: Das war die Markise der Nachbarn von oben, mir fiel auch wieder ein, dass ich sie beim Heimkommen von außen ausgerollt vor ihrem Balkon sah. Sie hatten offensichtlich vergessen sie einzuholen. Unsere Markise steckte sicher in ihrer Deckennische, aus der sie ein Sturm schlecht rausholen konnte. Wir hatten also, wie es @dentaku formulierte, im Sturmwichteln gewonnen.

Es war nochmal ein halbwegs Sommertag angekündigt, ich schlüpfte in das letzte Sommerkleidungsstück, das ich in dieser Saison noch nicht getragen hatte.

Im Büro war ordentlich was zu tun, eine Besprechung am Vormittag ergänzte das um einige weitere Jobs. Dennoch raus auf einen Mittagscappuccino im Westend, die Sonne brannte überraschend heiß.

Zu Mittag gab es Aprikosen, Nektarine, Kirschen, außerdem etwas Roggenvollkornbrot und ein Becherchen Ayran.

Während ich weitere Dinge wegarbeitete, erreichte mich die Nachricht des heimgekehrten Herrn Kaltmamsell, die Markise sei nicht mehr da, liege aber auch nicht unten. Sie war wohl über den nicht gerissenen Führungsdraht nach oben gezogen worden – also kein Klingeln bei und Benachrichtigen der Nachbarn erforderlich.

Recht pünktlicher Feierabend, direkter Weg nach Hause: Ich plante Brotbacken, den Sauerteig hatte ich Donnerstag kurz vor dem Schlafengehen angesetzt.

Während der Stockgare Auspacken und Yoga, ab Stückgare im Gärkörbchen war Wochenende, Herr Kaltmamsell rührte uns Gimlets zum Anstoßen darauf an.

Fürs Nachtmahl hatte er beim Hermannsdorfer glückliches Rind besorgt, ein ungewöhnlicher Schnitt:

“Fledermaus-Steak”, auch: “Spider-Steak”, von oberhalb der Schulter. Nun ja. Auf kleineres Nachfragen Geständnis erhalten: Es sei ein eigentlich alter Schnitt, in Österreich “Kachelfleisch” genannt.

Serviert mit gebratenem (Ernteanteil-)Fenchel und restlichem Blattsalat.

Durchaus interessant, erinnerte an Flank Steak, aber nicht unser Favorit. Noch interessanter dazu der Wein.

Schweizer Besuch hatte an Ostern einen Heida vom höchsten Rebberg Europas, Visperterminen, mitgebracht. (Ohne Direktimport kommen wir ja nicht an Schweizer Weine.) Der St. Jodern aus dem Wallis passte gut zu dem kurz gebratenen Rindfleisch und zum Fenchel. Heida ist für mich eh eine sehr erfreuliche Entdeckung.

Zum Nachtisch gab es erst Dessert-Reste von einer Veranstaltung am Donnerstagabend in der Arbeit, die eine Kollegin gerettet und zur freien Verfügung gestellt hatte: Schoko-Muffins, Apfelstrudel. Dann noch Schokolade.

Noch während der Tagesschau hatte ich das Brot aus dem Ofen geholt.

Das rustikale Bauernbrot aus dem Plötzblog (Rezept seinerzeit ausgedruckt, mittlerweile wurde es verändert) sah ok aus, Anschnitt zum Samstagsfrühstück

§

Die aus der Türkei eingewanderte Romanautorin Elif Shafak notiert für den Guardian ihre Beobachtung:
“People in Britain used to agree to disagree.
Since Brexit, they no longer dare to talk about difficult things”.

Allerdings frage ich mich bereits seit der Brexit-Kampagne vor mehr als zehn Jahren, ob mein Großbritannien-Bild bis zu dieser Zeit einfach auf Wunschdenken und Selbstbetrug bestanden hatte.

§

Interview mit der Altphilologin und Homer-Übersetzerin (ins Englische) Emily Wilson – und ich erinnere mich sehnsuchtsvoll an die Diskussionen in meinem Griechisch-Leistungskurs zurück.
“‘Wäre ich ein Mann, hätten sie weniger Probleme mit meinem Tonfall'”.

via @vicgrinberg

(Die Überschrift ist nur ein kleiner Nebenaspekt des Gesprächs, zefix.)

ZEIT: Sie treffen Entscheidungen und wägen ab, welche Pfade sie beschreiten – und welche nicht. Ist Übersetzung also ihrem Wesen nach politisch?

Wilson: Genau genommen ist »politisch« hier ein anachronistischer Ausdruck, weil diese Epen, diese Gedichte seit dem 8. Jahrhundert vor unserer Zeit entstanden sind, also bevor die Polis des antiken Griechenlands entstand, aus der wir den Begriff »politisch« beziehen.

ZEIT: … das ist ziemlich genau die Anmerkung, die man von einer Altphilologin erwarten würde.

Wilson: Aber auch so bin ich mir nicht sicher, was »politisch« für meine Tätigkeit hieße – es hängt davon ab, was man übersetzt. Die homerischen Epen sind sehr stark auf Gesellschaften und auf Menschen in Gesellschaft ausgerichtet. Sie sind zutiefst sozial. Ist es überhaupt möglich, dass das nicht auf irgendeiner Ebene auch politisch wäre?

Aaaaaah – wie ich diese fachlich fundierte Korinthenkackerei LIEBE!

ZEIT: Sie haben 15 Jahre mit ihren Übersetzungen verbracht. Was hat Sie dazu gebracht, sich so lange in diese Epen zu versenken? Was können uns solche Epen über die Urgeschichten von Krieg und menschlicher Irrfahrt heute geben?

Wilson: Unglaublich viel. Und dennoch zögere ich bei griffigen Lektionen. Wenn eine Quintessenz auf eine Kaffeetasse passt, lohnt es sich nicht, das Epos zu lesen. Stattdessen geht es um die Erfahrung des Lesens selbst.

Journal Samstag, 11. Juli 2026 – Ausruh-Samstag (“Meine Hobbys sind Lesen und Schwimmen”)

Sonntag, 12. Juli 2026

Re: Überschrift – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich vor 50 Jahren die Frage nach meinen Hobbys so beantwortet habe. Und mich offensichtlich seither nicht weiterentwickelt.

Mittelgut (der Alkohol) und nicht so lang wie ersehnt geschlafen, leicht verkatert aufgestanden.

Trotz langer Ärmel und Hosenbeine fröstelnder Balkonkaffee – gut so! Auch für die kommende Woche ist Hochsommer mit Tageshitze, aber nächtlicher Kühle angekündigt, das ließe sich gut aushalten.

Eher früh für einen Samstag brach ich zu meiner Schwimmrunde im Dantebad auf. Ins Becken ließ ich mich bei angezeigten 24 Grad im Schatten herab. Die Bahnen waren mittelrege genutzt, wir kamen gut miteinander aus. Nach ein paar hundert Metern wurde ich ruhig, die 3.200 Meter machten Spaß.

Danach war es unter nahezu wolkenlosem Himmel ein paar Grad wärmer geworden, ich legte mich geduscht und neu sonnengecremt in die Sonne und hörte Musik.

Oben.

Unten.

Da keinerlei Wind ging, wurde mir bald zu heiß.

Rückweg von roter Ampel zu roter Ampel – nervig, aber zumindest regte ich mich dadurch nicht über den Longboard-Fahrer auf, der auf den eh schon schmalen Radwegen und
-spuren an der Dachauer Straße, Seidlstraße, Paul-Heyse-Straße zwischen den Radler*innen kurvte.

Frühstück um halb drei: Ein Teller spanische Ochsenherz-Tomaten, ein paar frische Salzgürkchen (Herr Kaltmamsell hatte am Freitag neue angesetzt), Roggenvollkornbrot mit Tomate, dann noch eine Aprikose und reichlich Kirschen – ich liebe Sommer einfach schon wegen des saisonalen Obsts und Gemüses.

Fürs Zeitunglesen war ich jetzt zu müde und legt mich zu einer Siesta hin. Gerechnet hatte ich mit einem cat nap, doch ich schlief eine Stunde tief ein. Danach war ich erstmal benommen, aber das hatte es wohl gebraucht.

Zeitunglesen auf dem Balkon, mit herabgelassener Markise war die Temperatur wunderbar. Eine Runde Yoga, anstrengend.

Herr Kaltmamsell war aushäusig auf einer Gartenparty eingeladen, und das kommt dabei heraus, wenn ich mir selbst ein Samstagabendessen zubereite:

Reichlich Ernteanteil-Mangold mit Knoblauch gebraten, dazu Beluga-Linsen (eh klar) und Joghurt. Klingt vielleicht frugal, schmeckte aber hervorragend. Nachtisch 1: Lidl-Eis, ich hatte die Sorte Zimtschnecke mitgebracht, weil ich mir nichts darunter vorstellen konnte. Ergebnis: Joah, die Zimtschnecken sind in Form von Mini-Gebäckchen (Durchmesser ca. 4 mm) ins Eis eingearbeitet und kauen sich eher zäh, nicht mein Lieblingseis. Nachtisch 2: Schokolade.

In später Dämmerung nach Fledermäusen Ausschau gehalten – reichliche Sichtung, so schön!

Im Bett neue Lektüre: Immer wieder wünsche ich mir bei der Erinnerung an ein Lesevergnügen, das Buch nochmal zu lesen – habe das aber seit vielen Jahren doch nicht mehr gemacht. On Beauty von Zadie Smith hatte ich gleich bei Erscheinen 2005 gelesen, seither immer wieder daran gedacht, es vor über einem Jahr zum Wiederlesen rausgelegt. Gestern fing ich es tatsächlich an. Allerdings nicht das vorhandene Papierbuch: Lesen physischer Bücher finde ich immer beschwerlicher, und dann auch noch eines so dicken… Ich hatte nur mal geguckt, was das E-Book kostet, und für nur vier Euro war die Entscheidung leicht. Subjektive Bequemlichkeit siegt bei mir über Liebe zu Druckereien und Buchläden.

Und dann vergnügte mich die Lektüre auch gleich, schon 2005 startet der Roman mit E-Mails, die schön indirekt erste Informationen vermitteln.

§

“KI” hat die Betrugsmöglichkeiten bei Prüfungen sprunghaft erweitert. Schulen und Universitäten war das sofort klar, sie sind immer noch dabei, einen Umgang damit zu finden (im bayerischen Abitur 2026 mit Vorsichtsmaßnahmen, die sich fast schon apokalyptisch lasen).

Georg Passig ist Professor an der Technischen Hochschule Ingolstadt – und extrem bastelfreudiger Ingenieur. Er erzählt im Techniktagebuch von seinen Überlegungen, dass im Grunde Sendequellen im Prüfungsraum augespürt werden müssen. Was er bereits testet.
“Juli 2026
Mit dem Spectrum Analyzer durch die Prüfungen”.

(Große Liebe für die Schlusssätze.)