Essen & Trinken

Journal Freitag, 13. März 2020 – Wenn es im Nachhinein aussieht, als hätten wir überreagiert, haben wir alles richtig gemacht.

Samstag, 14. März 2020

Die temporäre Wunderheilung verschaffte mir noch eine gute Nacht, auf dem Weg in die Arbeit war der Spaß aber spätestens vorbei: Ich hinkte in Rekord-ROM.

Davor hatte ich aber noch eine Runde Yoga genossen, diesmal mit viel langsamer Dehnung und Hineinspüren in verschiedene Becken-Bereiche.

Energisches Klingeln an der Haustür holte mich aus dem Bad (für eine polizeiliche Hausdurchsuchung zu spät, diese Herrschaften klingeln zwischen fünf und sechs – nein, die Menschen, von denen ich das weiß, hatten gegen kein Gesetz verstoßen, doch es kostete sie Jahre, das zu beweisen): Unten stand ein junger Bursch und suchte nach einer anderen Hausnummer – er hatte sein Handy verloren und eine Nachricht bekommen, dass es dort gefunden worden sei. Ich versuchte zu helfen.

Als ich mein Fahrrad vom Balkon holen wollte, hatte mittelheftiger Regen eingesetzt. Ich war beleidigt, denn meine Feiertagsplanung basierte auf Fahrradmobilität. Außerdem verstärkte der düstere Himmel meine düstere Stimmung, die von der leicht apokalyptischen Lage bösest beeinflusst wird. Ich hoffe doch schwer, dass sich all die Jahre Zombies, Run! des Herrn Kaltmamsell im Notfall auszahlen. (Ich seh schon, das Humorzentrum ist noch nicht völlig überlagert.) Zumal morgens bekannt wurde, dass Bayerns Schulen bis 19. April schließen, Herr Kaltmamsell also zumindest mehr als sonst daheim ist.

Eine schöne Erkenntnis fand ich die, die ich auch zur Überschrift gemacht habe: Wenn es im Nachhinein aussieht, als hätten wir überreagiert, haben wir alles richtig gemacht. (Quelle finde ich leider nicht mehr – irgendeine Neuseeländerin? Der es allerdings darum ging, dass die Verantwortlichen in Politik und Behörden genau das auch aushalten müssen.)

In der Arbeit weiter viel Vorbereitung auf Vorsorgemaßnahmen, im privaten Posteingang eine Info vom Wahlamt für Wahlhelfende: Am Montag (Kommunalwahl braucht einen zusätzlichen Tag zum Auszählen) wird eine Not-Kinderbetreuung eingerichtet wegen der Schließung von Kitas und Schulen.

Bei dieser Gelegenheit: Bitte gehen Sie Wählen. In allen Gebäuden mit Wahllokalen besteht die Möglichkeit, sich die Hände mit Seife zu waschen, einen eigenen Stift können Sie ohnehin mitbringen.

Über den Tag war das Wetter schön geworden, allerdings auch kühl. Mangels Fahrrad nahm ich nach frühem Feierabend eine S-Bahn zum Marienplatz: Ich wollte im Laden der Hofbräuhausmühle Mehle kaufen. Ungewöhnlicherweise musste ich anstehen (wahrscheinlich hatte gerade eine Führung geendet), bekam aber mein Öko-Weizenmehl 405 und die legendäre Pizzamehlmischung 00 des Hauses.

Auf dem Heimweg noch ein Schlenker in den Drogieriemarkt (weiterhin Löcher in den Klopapierregalen, bei einigen Produkten wurde die Höchstkaufmenge auf zwei Stück festgelegt), beim Trippel-Spaziergang nach Haus bog ich nach vielen Jahren auch wieder in den winzigen Pralinenladen Sama-Sama ab und holte „Rohkost-Konfekt“ zum Nachtisch.

Während mir der U-Bahnhof Marienplatz und der Marienplatz selbst ungewohnt leer vorgekommen waren, herrschte am Viktualienmarkt die erwartbare Feierabend-Stimmung zum Einläuten des Wochenendes.

Daheim war noch etwas Zeit bis Abendessen. Herr Kaltmamsell machte dann Polenta mit gebratenem Radicchio und gebratenen Pilzen.

Ganz ausgezeichnet, wir waren uns allerdings einig, dass man die Balsamico-Note runter-, dafür die süße raufdrehen könnte.

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Wann wird es einen Impfstoff gegen Covid 19 geben? ZDF heute veröffentlichte ein Interview mit der Infektiologin Professor Marylyn Addo, die in Hamburg genau daran forscht. Sie erklärt leicht verständlich Grundsätzliches zur Entwicklung von Impfstoffen und warum dieser konkrete 2020 sicher noch nicht zur Verfügung stehen wird. Hier das Filmchen.

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Weitere Corona-Folgen: Herr Rau berichtet, wie sich das Gymnasium, an dem er arbeitet, technisch und organisatorisch auf die Schulschließung vorbereitet hat.
„Letzter Schultag vor Corona-Unterrichtsausfall“.

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Ich bin der Überzeugung, dass die Eindämmung der Pandemie und die Verlangsamung der Ausbreitung gesellschaftliche Priorität hat – auch wenn die Wirtschaft erst mal schmerzhafte Einbußen verzeichnet, auch wenn der und die Einzelne belastet werden. Die Auswirkungen sind vielfältig und noch gar nicht absehbar, von der Imbissbude im Büroviertel, die kein Geschäft mehr macht, wenn alle in Home Office gehen, über die Messebauer, die nach all den Messeabsagen schon bald Insolvenz anmelden, bis zu Dolmetscherin/Beleuchterin/Sicherheitsdient, die ohne Veranstaltungen kein Geld verdienen können.

Auswirkungen auf die Flugbranche schildert Frau Klugscheisser:
„Vom Fliegen und Ratlosigkeit“.

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Jetzt aber noch eine ganz andere Geschichte.
Bernstein ist wohl aktuell die spannendste Quelle für die Paläontologie. Ein Artikel erzählt von dem nur Kolibri-großen Dinausaurierschädel in Bernstein, der derzeit untersucht wird – inklusive einem Film, in dem eine leidenschaftliche junge Paläontolgin Hintergründe und moderne Untersuchungstechniken erklärt.
„A Hummingbird-Sized Dinosaur Skull Found Preserved in 99-Million-Year-Old Amber“.

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https://youtu.be/h3xABEpxNfY

via @dtfdpr

Journal Donnerstag, 12. März 2020 – Pandemie-Eindämmung durch Feierabsagen, Daheimbleiben wird jetzt ernst genommen

Freitag, 13. März 2020

Schönes Yoga, bei aller Unsymmetrie.

Am späten Nachmittag vorübergehende Wunderheilung: Fast kein Hinken, fast symmetrisches Radeln – ich genoss es, solange es dauerte.

Der Arbeitstag war von Corona dominiert: Absagen, Umorganisationen, an manchen Stellen dauerte es etwas länger, bis Vernunft einsickerte. Ich war schon fast irritiert, wenn ich etwas von Corona Unabhängiges bearbeitete, es kam mir frivol vor.

Mittags rote Paprika und frische Gurke, ein Stückchen Käse. Nachmittags Quark mit Orange und Mandarinen.

Auf dem Heimweg Einkäufe beim Vollcorner – nur beim Weizenmehl schreckte ich wieder zurück: Dass die dort verkaufte Marke mehr kostet als das Bio-Mehl aus der Hofbräumühle, müsste ich erst nachvollziehbar erklärt bekommen, bevor ich es zahle.

Das Coronavirus und die Maßnahmen zur Verlangsamung der Verbreitung beeinflussen immer mehr alle Lebensbereiche. Kaum war ich daheim, klingelte das Telefon und die Familienfeier am Samstagabend wurde abgesagt – es tat mir ungemein leid für die Jubilarin, ich hatte mich auch sehr darauf gefreut. Vernunft tut weh.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell aus Ernteanteil Ofengemüse – diesmal schön aufgeräumt.

Es bereitete mir großes Vergnügen, vor allem mit dem dazu gereichten Tahini. Nachtisch war veganes Erdnusseis, das deutlich besser schmeckte als Zutaten und die gräuliche, wässrige Farbe ausgesehen hatten.

Ich erhielt eine E-Mail vom städtischen Wahlamt mit Anweisung für Wahlhelfende, was in Bezug auf Corona zu beachten sei. Gleichzeitig war und bin ich beunruhigt, weil ich immer noch keine Liste mit der Besetzung meines Einsatz-Wahllokals habe: Das Berufungsschreiben führte neben mir als Schriftführerin lediglich einen Beisitzer auf; sonst hatte ich so kurz vor der Wahl schon längst einen Anruf des Wahlvorstehers bekommen, der die Schichten einteilte. Werde ich halt Sonntagmorgen an angegebenem Ort aufkreuzen und schaun, wer sonst noch so kommt.

Zumindest trafen gestern meine Briefwahlunterlagen ein, ich konnte mich also eingehend mit dem kleinen Zettel zur Oberbürgermeisterwahl, dem mittelgroßen Zettel zur Bezirksratswahl und dem riesigen zur Stadtratswahl befassen.

Danach eine weitere Vernunftnachricht: Wir einigten uns darauf, den Salzburgausflug der Familie Anfang April zu stornieren. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich daran denke, was diese Ausfälle für die Gastronomie und Hotelerie bedeuten. In meinem Twitter gibt es bereits Aufrufe, sich Tickets für ausgefallene Konzerte und Vorstellungen nicht erstatten zu lassen, wenn man es sich irgendwie leisten kann – mit Kunst und Kultur ist eh nicht viel zu verdienen.

Und noch eine Absage zur Pandemie-Eindämmung: Ein ebenso lange geplantes Twitterfreundinnen-Treffen in München Ende März wurde erst mal gekippt.

Es wird spannend ob die Internet-Bandbreite hält, wenn so viele Leute daheim bleiben und per Streaming fernsehen. Die Stunde des Buchs!

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Ja aber sicher gibt es auch gute Corona-Späße! Pandemie-Tipps von italienischen Oma.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/Ey08XMOisiw

Journal Mittwoch, 11. März 2020 – Counting my blessings

Donnerstag, 12. März 2020

Na count ma mal:

    1. dass ich aufstehen konnte, als der frühe Wecker mich aus Tiefschlaf weckte, obwohl mich böse Kopfschmerzen plagten.
    2. dass die stürmisch Luft, die durchs Schlafzimmerfenster herein kam, schön mild war.
    3. dass Yoga gut tat, ich neben der Beschränkung durch Schmerzen auch Verknotungen wahrnahm, die ich auf die Ermunterung von Adriene wegschmelzen („melt“) konnte. Außerdem dass mir später klar wurde, wie wahr es ist, dass diese „time for yourself“ mir etwas ermöglicht, was nur dort und dann passiert: mir meiner Schmerzen und Beschränkungen ganz bewusst zu sein. Sonst investiere ich rund um die Uhr Energie, sie zu überspielen und zu verdrängen, weil Isthaltso und Kannmanjetztauchnixmachen – wie es ja in der Reha bei chronischen Schmerzen von allen Stellen geraten wurde. Aber in dieser guten halben Stunde spüre ich den Schmerzen und den Ausfällen nach. (Mit dem Ergebnis, dass ich mir eingestehen muss: Eigentlich ist es doch ziemlich schlimm.)
    4. dass ich trotz Knochenmüdigkeit im Büro nur mittelstark Zähne zusammenbeißen musste.
    5. dass die Aspirin kurz vor Mittag wirkte.
    6. dass die Mango zum Mittagessen (nach Stinkekäse und gekochtem Mais vom Vorabend) ein unerwarteter Genuss war.
    7. dass der englische Versender des Bildbands zu Design Munich ’72, das ich mitgecrowdfunded habe, nicht aufgegeben hat, sondern sich mit dem Hinweis meldete, GLS habe das Paket zu ihm zurückgeschickt – ob denn die Adresse auch stimme? Ja, die stimmte genauso wie für die Schuhe aus England, die GLS ebenfalls nicht geliefert hatte, mich auch nicht über eine Abholmöglichkeit informiert.
    8. dass einer der friendly neighbourhood Turmfalken an meinem Bürofenster vorbeisegelte (ich weiß schon, dass Falken nicht segeln, aber er bewegte seine Flügel fast gar nicht).
    9. dass ich beim Neuaufsetzen des Projekts „berufliche Zukunft“ (tja) auf einiges von vor drei Jahren zurückgreifen kann und gleich mal ein mögliches Ziel entdeckte.
    10. dass ich den Familiengeburtstagsmenschen telefonisch erreichte und meine Freude darüber ausdrücken konnte, ihn in der Familie zu haben.
    11. dass ich Zeit fand, mal wieder beim Süpermarket Verdi einzukaufen und mich an der bunten Mischung der Kundschaft freuen konnte (u.a. die zahnluckerte alte Ur-Ludwigsvorstädterin, die mit der jungen Frau an der Kasse Gesundheitswunschbanalitäten austauschte – es ging ja nicht um Inhalt, sondern um den menschlichen Kontakt).
    12. dass ich möglicherweise meine mehrjährige Riesling-Krise überwunden habe: Der 2017 Deidesheimer Herrgottsacker Reichsrat von Buhl bereitete mir schon vor dem Abendessen großes Vergnügen mit seinen animalischen Anklängen, seiner Vielfalt und Frucht, Mineralizität und Säure.
    13. dass Herr Kaltmamsell zwar warnte, „erwarte dir nichts allzu Leckeres“, aber dann aus den getrockneten, gebleichten, gekochten Maiskörnern vom Vorabend unter Zuhilfenahme von allerlei Zusatzzeug wirklich schmackhafte Bratlinge produzierte.

    (Erinnern Sie mich daran, dass ich mir im Büro brutal den Ellbogen am Stehtisch angehaun habe, wenn ich mich in den nächsten Tagen wundere, woher der blaue Fleck und die Schmerzen kommen?)

    §

    Bei Corona gilt immer noch: Nicht verrückt machen lassen, aber vernünftig sein. Und: Individuelles Risiko überschaubar, Systemrisiko groß. Deswegen ist wichtigstes Ziel, dass sich das Virus so langsam wie möglich ausbreitet.
    Die Süddeutsche erklärt eine der Grundlagen dahinter:
    „Die Wucht der großen Zahl“.

    Der Mensch ist an lineare Prozesse gewöhnt, die kann er begreifen. Beim linearen Wachstum kommt in festen Zeitabständen eine feste Anzahl an Fällen hinzu, beispielsweise Tausend pro Woche. Beim exponentiellen Wachstum dagegen findet in einem festen Zeitraum jeweils eine Verdopplung der Fallzahl statt. Exponentielles Wachstum ist gefährlich, weil man es am Anfang leicht unterschätzt. Denn zu Beginn läuft die Kurve gemächlich vor sich hin. Dann wird sie immer steiler und schießt bald nahezu senkrecht nach oben.

    (…)

    Mathematisch betrachtet verbreiten sich Epidemien nach dem gleichen Prinzip. Entscheidend für die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist die Zeitspanne, in der sich die Fallzahlen jeweils verdoppeln.

    Deshalb: Beachten Sie die Empfehlungen von Experten (Virologinnen, Epidemikern – nein, auch die Hausärztin ist normalerweise keine Expertin), ignorieren Sie Tante Trudis und Onkel Sašas Meldungen über WhatsApp oder die Bonmots irgendwelcher Fernseh-Komiker auf Facebook. (Ich bin mal wieder froh um meine sorgfältig kuratierte Twitter-Timeline.) Um eben die Ausbreitung zu verlangsamen und unter anderem die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, die auch Corona-unabhängige Todesfälle verursachen würde (z.B. Herzinfarkt/Schlaganfall, die nicht gleich behandelt werden können).

    Ja auch ich bin verunsichert, weil ich sowas noch nie erlebt habe – das ist ganz normal. Und ich hoffe, dass die staatlichen (also unsere) Gelder, die wirtschaftliche Schäden dämpfen sollen, auch bei Freiberuflerinnen und -beruflern ankommen, die schon jetzt die Aufträge der nächsten Monate zum Teil komplett verlieren.

    §

    Als fachlich tiefe, verständliche und jeden Tag aktuelle Infos über die Entwicklung der Corona-Epidemie wurden mir die NDR-Interviews mit Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, empfohlen – doch ich fand keine Zeit zum Anhören. Jetzt gibt es die Interviews auch als Transkripte zum Nachlesen:
    „Coronavirus-Update – Die Podcast-Folgen als Skript“.

    §

Journal Samstag, 7. März 2020 – Wiederbegegnung mit dem Crosstrainer

Sonntag, 8. März 2020

Ausgeschlafen, aber mit Kopfweh aufgewacht. Eine Paracetamol half nicht, nach einer Stunde die zweite zum Glück schon. Es war mir aber nach dem Verbloggen des Vortags eh zu spät für die geplante Schwimmrunde geworden, ich plante um: Nach langem mal wieder Crosstrainerstrampeln – und es ging problemlos! Ich zwang mich dennoch nach 40 Minuten zum Aufhören, genoss es aber so sehr, mal wieder den Puls hochzubringen und zu schwitzen. Davor hatte ich brav meine Rumpfübungen absolviert, ich bemerke Fortschritt.

Nach Duschen und Anziehen eine Einkaufsrunde im kalten, gemischtwolkigen Wetter mit gelegentlichen Regenduschen. Im Drogeriemarkt passierte ich das Klopapierregal: Es waren tatsächlich einige Sorten ausverkauft, ein Zettel der Firma am Regal mit beruhigenden Worten. Auch vom Wäschedesinfektionsmittel gab nur noch wenige Flaschen einer Sorte. Ich war überrascht, bis mir einfiel, dass irrationale Sorgen bestimmte Menschen vermutlich zu allem greifen ließen, auf dem „Desinfektion“ steht. (In meinem Fall ist es der Fungus versicolor, ein harmloser Hautpilz, den ich damit seit Jahren erfolgreich in Schach halte. – Möglicherweise, denn ich kann nicht sicher sein, dass die konsequente Verwendung der fungiziden Wäschespülung und das Ausbleiben der Hautflecken ursächlich zusammenhängen.)

Ich kam mit Semmeln heim und frühstückte. Internet- und Zeitunglesen, nachmittags kochte ich für den abendlichen Nachtisch Schokoladenpudding mit Schokolade drin. Kurz vor dem Servieren mischte ich geschlagene Sahne unter.

Herr Kaltmamsell wiederum bereitete aus dem mächtigen Ernteanteil-Sellerie das Nachtmahl:

Die Sellerieschnitzel hatten eine Panade mit Tahini, Senf und Sesam bekommen – ausgezeichnet. Eigentlich hätte es die Soßen dazu gar nicht gebraucht, aber auch der Schnittlauchquark schmeckte köstlich. Die anderen Selleriehälfte wurde Waldorf-Salat.

Abendunterhaltung war Staatsanwälte küsst man nicht im Fernsehen, ist ja ein Klassiker, wollte ich nachholen. Und war arg enttäuscht: Eine derart an den Haaren herbeigezogene Handlung, ihre komödiantische Seite platt und stereotyp, niemand durfte schauspielerisches Können zeigen. Da hatten die 80er wirklich Besseres zu bieten (z.B. Working Girl, einer meiner Lieblingsfilme).

§

Es gibt weitere wirklich beunruhigende Seiten der Coronavirus-Verbreitung:
„How Facebook turned into a coronavirus conspiracy hellhole“.
Facebook ist eine Brutstätte für Coronavirus-Verschwörungstheorien geworden.

This overlap between conspiracy theories is to be expected, says Adam Kucharski, an epidemiologist and the author of The Rules of Contagion: Why Things Spread – and Why They Stop. “The best predictor that I’ve found of people believing in conspiracy theories is that they have a worldview in which events and circumstances are caused by shadowy groups acting in secret for their own benefit and against the common good,” he says. “So every new event or circumstance that they see, they’re likely to go to that same explanation – it must be caused by a conspiracy.”

So weit, so erwartbar. Gefährlich wird das ganze, wenn falsche und sogar schädliche Tipps für Schutzmaßnahmen verbreitet werden – weil die von offizieller Stelle ja doch nur… Verzeihung, mir fehlt die spezielle Verschwörungstheoretiker-Fantasie.

Journal Freitag, 6. März 2020 – Angematscher aber schöner Abend im Broeding

Samstag, 7. März 2020

Frisch und munter aufgestanden, als Morgenbewegung nur ärztlich verordnete Kräftigung und Schulterdehnen. Auch die Radfahrt in die Arbeit genoss ich.

Doch schon am Vormittag wurde ich bleiern müde und gleichzeitig innerlich hibbelig – ich sah das als Nachwirkung der Migräne. Zum Glück gab es genug Arbeit, um mich abzulenken.

Mittags eingeweichtes Birchermüesli von Daheim mit Joghurt, Nüssen und einen Ernteanteil-Apfel, nachmittags eine mächtige Orange.

Auf dem Heimweg Abstecher zum Vollcorner für Obsteinkäufe. Daheim nur eine kleine Runde Ausruhen, dann ging ich mit Herrn Kaltmamsell aus: Wir lösten unseren Rosenfestgeschenkgutschein im Broeding ein.

Wir waren noch am Anfang unseres Menüs, als ein junger Koch aus der Küche kam und den Gästen stolz den Hauptgang im Ganzen zeigte: ein mächtiges Entrecôte an vielen Knochen, rundum dunkelröstig und verlockend glänzend.

Auch diesmal ließen wir uns mit Wein begleiten. Somelier Matthias Hegele schenkte uns jeweils erst ein und ließ uns in Ruhe probieren, bevor er mit der Flasche kam und uns etwas zum Wein im Glas erzählte.

Den Apertif hielten wir alkoholfrei mit einem Tokyo Mint Fizz, als Gruß aus der Küche gab es Garnelenschwänze in würziger Sulz mit Finger-Limes – ganz ausgezeichnet.

Der erste Gang des Menüs war mein Liebling des Abends: Saibling vom Schwebelbach mit Erbsen, Eigelb und Nussbutter. Die pürierten Erbsen schmeckten ganz intensiv, erdrückten aber nicht den Sous-vide gegarten Saibling, das Eigelb dazu war eine großartige Idee. Der Wein dazu – eine Überraschung und ein Erlebnis: Das Dunkelgoldene im Glas, nahezu säurefrei und mit einer Wermuthnote, war ein gereifter Grüner Veltliner aus dem Kremstal, von Sepp Moser und aus dem Jahr 2007. Genau deshalb mag ich ernsthafte Weinbegleitung: Weil ich so zu Geschmackserfahrungen komme, die ich als Weinlaie nie allein machen könnte.

An der winterlichen Minestrone mit Kerbel und Parmesan mochte ich am liebsten das frische Kerbelpesto, von dem ich gerne nachgefasst hätte. Die Weinbegleitung kam ungewöhnlicherweise aus Italien (es gibt im Broeding eigentlich nur Österreichisches), ein herrlich spritziger Soave Corte Sant’Alda 2018.

Herzhaft winterlich dann der Mangalitza Raviolo mit roten Linsen und Grünkohl – besonders die Kombination Linsen und Grünkohl gefiel mir, daraus möchte ich mal einen Eintopf basteln. Wieder ein ungewöhnlicher Wein dazu: Der Lichtenberger González Rot und Weiß 2018 aus dem Burgenland wurde aus Blaufränkisch und Gemischten Satz (weiß) hergestellt. Kühl serviert hatte er genug Frische zum Herzhaften.

Nun nicht mehr am Stück, sondern aufgeschnitten: Trocken gereiftes Entrecôte mit Perlzwiebeln, Pastinaken und Rotweinjus. Vor allem das süßliche Pastinakenpüree gefiel mir (aber ich finde Gemüseküche ja immer den interessanteren Teil gehobenen Essens). Im Glas ein als „echter Rotwein“ angekündigter Blaufränkisch von Uwe Schiefer aus dem Burgenland, schön edel und rund (sehenswerte Website, wie so viele Winzerwebsites).

Zum ersten Mal in unserer Broeding-Geschichte ließen wir den Käse aus: Zwar war ich diesmal die matschigere am Tisch, aber das so sehr, dass ich schon den Hauptgang nicht ganz geschafft hatte. (Es entspann sich ein Gespräch darüber, warum ich mir Sorgen über schwindende geistige oder körperliche Fertigkeiten mache, Herr Kaltmamsell aber nicht: weil die Möglichkeit zum geistigen oder sinnlichen Genuss mir das Leben erst erträglich macht, während der Herr an meiner Seite schon aus der schieren Existenz Vergnügen zieht. Das an ihm zu sehen, gehört dann wieder zu den Erlebnissen, die mir das Dasein versüßen.)

Einstimmung aufs Dessert waren diese beiden Löffel mit weißer Schokoladencreme, Quitte, Pistazie – köstlich.

Wunderbares Hauptdessert: Pandanus-Parfait mit Ananas, Passionsfrucht und Zitronengras. Pandanus ist, wie ich erst jetzt herausfinde, eine Palmenart, das Parfait daraus war köstlich duftig (könnte sich auch als Kosmetik-Duft eignen), ich genoss den Teller sehr. Dazu ein Kracher-Süßwein (WORTSPIEL!): Oloroso-farben im Glas ein Kracher Nouvelle Vague 1999 Nr. 3, der sich vor Aromen in Geruch und Geschmack schier überschlug. Süßwein macht immer wieder, was nur Süßwein kann.

U-Bahn-Heimweg und schnell ins Bett.

§

Ein Aspekt der Informationen zum Coronavirus, über den ich nur in englischsprachigen Medien stolperte (was nicht heißt, dass er in deutschen Medien nicht auftaucht): Die Unterscheidung zwischen individuellem Risiko und Gefahren fürs System.
„How Worried Should You Be About the Coronavirus?“

Kurzfassung in meinen (!) Worten: Das individuelle Risiko ist gering – selbst sollte man sich infizieren, ist es wahrscheinlicher, dass man nichts davon merkt, als eine schwere Erkrankung, die einen Krankenhausaufenthalt erfordert. Eine Erkrankung an Grippe ist deutlich gefährlicher.
Doch die überraschend schnelle Verbreitung des Virus überfordert das Gesundheitssystem – anders als die jährliche Grippewelle – und hat massive Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Systemisches Risiko also sehr hoch.

§

Langer Artikel im Guardian über einen Obdachlosen, der sich im Park Hampstead Heath eine Untergrundbehausung baute. An diesem Beispiel wird erzählt, wie weitreichend und vielfältig Obdachlosigkeit in Großbritannien mittlerweile geworden ist: Der Barista, der Ihnen in einem Londoner Café den Cappuccino serviert, hat vielleicht kein wirkliches Zuhause, sondern schlägt sich seit Jahren mit Übernachtungen auf Sofas von Bekannten oder im Sommer in Parks durch.
„The invisible city: how a homeless man built a life underground“.

He had a few thousand put away in the bank, and he could still take on handyman work, putting up shelves and assembling flatpack furniture for £20 or £30 a gig, often arranging these one-off jobs through an app on his phone. Knocked, tired, but still with a Crusoe spirit that never really left him, Van Allen bought good boots and a good tent and moved his life outdoors. Like a lot of people who drift into homelessness, the knack came piecemeal. Van Allen shaved his hair to a grade one, for easy cleaning with soap. He got to know which swimming pools had the cheapest one-off entry fees for showering; which drop-in centres let you use their address for post. He bought underwear and T-shirts in bulk, cheaply, online, so that these could be discarded if necessary – “crash and trash”, he called this. He became a regular at a Catholic church where they cooked a daily breakfast for the homeless.

§

Bundespräsident Steinmeier punktet mit einem unerwarteten Redeeinstieg beim Empfang für den Frauenrat anlässlich des Weltfrauentags. (Nicht die Kommentare lesen.) Es reicht ja nicht, gute Redenschreiberinnen und -schreiber zu haben – man muss sie auch lassen.

Journal Sonntag, 1. März 2020 – Familien-Cocido und Marieluise Fleißer, Der starke Stamm

Montag, 2. März 2020

Weckerwecken, da ich vor dem Mittagessen bei Familie in Ingolstadt noch Kartoffelbrot backen wollte. Zwischen die einzelnen Schritte schob ich Bloggen, Rumpftraining, Yoga.

Durch die sonnige Holledau fuhr ich mit Herrn Kaltmamsell und Mitbringseln für Eltern und Bruderfamilie nach Ingolstadt.

Dort tischten meine Eltern das klassische Madrilenische Sonntagsessen auf: Cocido.

Erst mal die Brühe des Eintopfs mit Nudeln.

Dann (von vorne): Kartoffeln und Karotten aus dem Eintopf, separat gebratenes Weißkraut mit Paprika und Knoblauch / Kichererbsen / allerlei Fleisch von Rind, Schwein, Huhn, Lamm, außerdem Chorizo.

Meine Eltern haben über mehrere Spanienurlaube in Kastilien so viel Tongeschirr mitgebracht, dass sie für neun Personen damit eindecken konnten.

Wir fuhren recht früh zurück nach München, weil Herr Kaltmamsell noch arbeiten musste und ich für den Abend eine Theaterverabredung hatte:
Marieluise Fleißer, Der starke Stamm im Residenztheater.

Eine geradlinige Inszenierung, in der die Regie (Julia Hölscher) keinen Drang vordergründiger eigener Handschrift erkennen ließ, sondern ganz hinter den Text zurück trat. So wurde mir nach vielen Jahren mal wieder einfach (einfach?) eine Geschichte erzählt, eine kleine, erbärmliche Geschichte kleiner, erbärmlicher Menschen. Das Bühnenbild aus Brettern wie eine Scheunenwand, ein schräger Boden, auf dem die Schauspielerinnen und Schauspieler wie auf Tableaus gesetzt waren. Wie in Fleißers Erzählungen, die ich gerade lese, kämpfen in Der starke Stamm in bayerischer Kleinstadt-Nachkriegszeit (Ingolstadt ist als Schauplatz an vereinzelten Orts- und Straßennamen erkennbar) jeder und jede ums kleinstbürgerliche Existenzminimum, die Grenze zur Kleinkriminalität wird mit nur wenig Zögern gerissen. Alles ist darauf ausgerichtet, irgendwie zu Geld zu kommen, praktisch jedes Mittel ist recht. In dieser Welt ist kein Platz für Schönheit, Liebe oder Kunst. Und doch ist alles Mühen immer und immer wieder vergeblich: Erlösung bietet am Ende erst ein Erbonkel ex machina, der die scheinbar taktisch klugen und hart erkämpften Verhältnisse im Handstreich zunichte macht.

Eine starke Besetzung – von der zwei Rollen wegen Krankheit kurzfristig gewechselt werden mussten: Cathrin Störmer sprang in der Hauptrolle Balbina ein und zeigte überzeugend die verbissen Schwägerin, die mit Einsatz aller Mittel um ein besseres Leben kämpft und dabei durchaus die Findigkeit einer modernen Unternehmerin zeigt, Steffen Höld als Bitterwolfs Schwager hingegen musste wenig mehr als Stichwortgeber sein. Herausragend Robert Dölle als zentraler Sattlermeister Bitterwolf, dessen immer wieder sogar sanftes Spiel jemanden durchscheinen ließ, der in anderen Umständen ein guter Mensch hätte werden können.

Für mich immer wieder auffallend: Wie Ingolstädterisch Fleißers Sprache ist. Sie schreibt ja Mundart, ohne Dialekt zu werwenden; wie auch in ihren Erzählungen sind es Vokabular und Grammatik, die eine bestimmte Sprache eines bestimmten oberbayerischen Menschenschlags präziser zeichnen als jede lustige Wirtshausspeisekarte. Immer wieder hörte ich Wendungen, die bei mir ein „Ah, das sagt nicht nur meine Ingolstädter Mutter?“ auslösten. Zwei Vokabeln fielen mir besonders auf. Von einer wusste ich bereits, dass sie nur in Ingolstadt verwendet wird, allerdings als andere Wortart: „Zepfat“ kannte ich bislang nur als Adjektiv zur Bezeichnung einer schwächlichen, kränklichen Person. In der ersten Szene von Der starke Stamm hieß es nun:
„Lang hats rumzepft, aber zum Schluß ists geschwind gangen mit meiner Zenta.“
(Dank an F. fürs Nachschlagen.)

Den zweiten Ausdruck hatte ich schon lange vergessen: „Bleckn“ für weinen, in Ingolstadt wurde ich angeranzt: „Bleck ned“. Erst als ich ihn gestern hörte, wurde mir klar, dass das wohl nicht Standard-Bayerisch ist.

Die Sonntagsvorstellung hatte früh begonnen, ich war noch vor neun wieder daheim, nach einem Spaziergang nach Hause in milder Luft.

Journal Samstag, 29. Februar 2020 – Daheim mit Narzissen

Sonntag, 1. März 2020

In den frühen Morgenstunden durfte ich den Neuzugang brüllender Kopfschmerzen begrüßen. Gingen nach dem Aufstehen auch mit Aspirin nicht weg, mir war elend, ich blies meine Schwimmpläne ab (Auswirkungen auf meine Laune wie erwartet), absolvierte nur die Yoga-Einheit des Tages.

Joga statt Joggen (deutsch auszusprechen bitte).

Mal wieder eine Reihe Bücher ausgemistet (Duden, weitere Wörterbücher), Herrn Kaltmamsell dadurch zum Umräumen einiger Bücherregale gebracht. Grundsatzdiskussionen über die Zuordnung bestimmter Bücher zu Fiktion/Sachbuch bzw. (so war unsere Bibliothek unsprünglich angelegt) Primär-/Sekundärliteratur.

Eine Runde Semmelholen und Einkaufen, die Luft draußen war mild. Ich erfreute mich mit Narzissen, die laut Banderole sogar aus England kamen.

Unter den Kartoffeln im Ernteanteil sind sehr selten mehlige; als sie vor zehn Tagen wenigstens als „fest- bis mehligkochend“ bezeichnet waren, brach ich umgehend in Verwertungspläne aus. Dazu gehörten Waldviertler Mohnzelten, die nicht nur Kartoffeln aufräumen würden, sondern auch Mohn – durch ein Missverständnis war davon immer noch sehr viel im Haus.

Während der Teig kühlte, frühstückte ich zwei Handsemmeln, dann machte ich mich ans Backen – die Mohnzelten wurden recht gut (aber an der Verschlusstechnik muss ich noch arbeiten). Nochmal mehlige Kartoffeln brauchte ich fürs Kartoffelbrot, das ich Sonntagmorgen backen wollte. Ich setzte Sauer- und Vorteig an.

Zeitunglesen im sonnigen Wohnzimmer, dazu eine Grapefruit und eine Orange, jetzt ist die beste Saison für aromatische Zitrusfrüchte. Besonders interessant fand ich die Geschichte der Konservierung in der Wissen-Beilage (€): „Krieg den Keimen“, der sich nur ein kleines Bisschen über die Haltung „keine Chemie!“ lustig machte (u.A. weil bereits die Haltbarmachung durch Salz selbstverständlich Chemie ist).

Während ich die Lieblingstweets aus zwei Monaten zusammensuchte und festhielt, schuftete Herr Kaltmamsell in der Küche: Es gab geschmorte Schweinerippchen mit Kartoffel-Lauch-Stampf – und er experimentierte mit baked potatoe skins. Das Ergebnis:

Im Fernsehen ließen wir Wenn Liebe so einfach wäre mit Alec Baldwin und Meryl Streep laufen – Herr Kaltmamsell konnte mir anhand meines eigenen Blogs nachweisen, dass ich den Film seinerzeit im Kino gesehen habe – ich hatte keinerlei Erinnerung daran. Ich überlege noch, ob ich mir Sorgen machen soll; bis dahin bin ich froh darüber, wie viel ich hier im Blog nachschlagen kann.

§

Wunderschöne und reich bebilderte Geschichte in der New York Times über den deutschen Metzgerei-/Feinkostladen Schaller & Weber in New York:
„The Butcher Shop Keeping Old World Delicacies Alive“.

Sogar Gelbwurst wird unter den Angeboten aufgeführt – die habe ich wirklich noch nie außerhalb Deutschlands gesehen.

via @Hystri_cidae


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