Ehrlich währt am längsten?

Donnerstag, 18. Dezember 2003 um 9:30

Mag schon sein – wenn man endlich bei „ehrlich“ angekommen ist. Doch das ist nicht so einfach.

Sucht man nach Tipps, den Staat – also die gesamte Bevölkerung – übers Ohr zu hauen, bekommt man Hilfe von allen Seiten. „Steuern sparen“ – also so geschickt lügen, dass man alle Begünstigungen mitnimmt – dafür gibt es sogar Software. Dass das ab einer bestimmten Größenordnung „Steueroptimierung“ heißt, habe ich erst kürzlich gelernt. Genaue Kenntnisse von Abgabepflichten und den zugehörigen Gesetzen haben ganz offensichtlich nur die, die sie umgehen wollen. Und zumindest einen Kontakt zu einem Schwarzarbeiter hat nun auch wirklich jeder. „Kavaliersdelikt“ ist selbst bereits ein Euphemismus, nämlich für Kleinkriminalität.

Jetzt habe ich da aber eine Freundin, die verzweifelt versucht, gestohlenes Geld nachzuzahlen – allerdings ohne andere mit hineinzuziehen. Sie hat Geld geerbt, für meinen kleinstbürgerlichen Horizont sogar ziemlich viel Geld. Nun kommt dieses Geld aber aus einem Ausland, in dem die Erbschaftssteuer niedriger ist als in Deutschland. Nach dem offiziellen Transfer ins Inland wird demnach die Differenz zum deutschen Erbschaftssteuersatz nachgezahlt. Hört sich eigentlich einfach an.
Das fanden allerdings nicht die direkten Erben, Verwandte der Freundin. Die schaffen das ererbte Geld seit einigen Monaten schrittweise in bar aus besagtem Ausland heraus und zahlen nicht nach. Als Bargeld haben sie einen beachtlichen Teil des Erbes an meine Freundin weitergegeben. (Ob das dann wieder so was wie „Schenkung“ ist und noch mal Steuern kostet, weiß ich nicht.)

Diese Freundin freut sich über das Geld, heißt das Procedere aber nicht gut. Sie möchte bitteschön die gesetzlichen Steuern zahlen. Nicht so einfach, denn sie möchte die anderen direkten und indirekten Erben nicht denunzieren. So begann sie sich also in ihrem Bekanntenkreis zu erkundigen, bei Leuten, die sich immer als interessiert und kundig in Gelddingen gezeigt hatten. Die konnten ihr zwar Tipps geben, auf welchen Umwegen sie das bare Schwarzgeld waschen kann (sehr nett, wie das reflexartig immer als Erstes aus den Befragten rausbricht, in vielen Facetten). Doch als sie insistierte, sie wolle es gesetzeskonform legalisieren, verstummten sie alle. Komplette Ratlosigkeit. Der einzige brauchbare Vorschlag: Vielleicht mal unter falschem Namen beim Finanzamt anrufen und nachfragen, wie tief die Beamten bei einer offiziellen Anmeldung des Geldes nach der Quelle forschen? Doch genau genommen ist das ja schon wieder gelogen.

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Unterm Strich fällt mir auf, dass ich auf der Vorspeisenplatte eigentlich nie meine Stimmung beischreibe. Mit einer vorsichtigen Ausnahme, weil ich sehr gereizt war. Ort für Stimmungsäußerungen ist mein Tagebuch, das ist seit dem 9. Lebensjahr führe und nach fast zwei Jahren Pause vor kurzem reaktiviert habe. Wenn ich hier mit Stimmungsäußerungen anfinge, zum Beispiel schriebe, dass ich gerade in dem für Depressive typischen Morgentief sitze – wäre mir das zu intim?

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Ehrlich währt am längsten?“

  1. marion meint:

    ich fühle mich inzwischen von den Politikern so betrogen um meine Steuern, (Toll, Beraterhonorare blabla) dass ich gute Lust hätte zu einer Steueroptimierung, bin aber ein zu kleiner Fisch leider

  2. die Kaltmamsell meint:

    Mir geht’s umgekehrt: Ich sehe, wie um mich rum fast jeder Kleinkriminalität betreibt und frage mich, warum die sich über Leute aufregen, die dasselbe an höherer Stelle tun.

  3. Jens meint:

    an genau dieser Stelle bin ich auch grade angekommen. Ignoranzlevel erhöhen funktioniert nicht immer, die kommen einem ja doch immer wieder hinterher. Vielleicht ist dieses Phänomen ja das, was man unter Dekadenz zusammenfasst.

  4. Thuner meint:

    "Gebt dem Staat, was des Staates ist", sagte schon Martin Luther: "den Zehnten!"
    50 Prozent sind zu viel.

    (gefunden in http://www.brandeins.de/magazin/archiv/2003/ausgabe_07/vermischtes/artikel4.html)

    Das Grundübel liegt wohl darin, dass die Steuerzahler das Gefühl haben, vom Staat beraubt zu werden und mit gleicher Waffe zurück zahlen möchten.
    Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass in Staaten mit sehr tiefen Steuern – und vor allem unkomplizierten Steuersystemen – die Steuerbetrugsrate tief ist. Das gleiche soll für Staaten gelten, die zwar sehr hohe Steuern haben, die Bürger aber auch das Gefühl haben, dass sie etwas dafür bekommen. Zum Beispiel in Schweden. Aber der deutsche Weg des Stuck-in-the-middle, mit hohen Steuern aber keine Gegenleistung, kann definitiv nicht zum Ziel führen!

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ja, auch ich sehe das Grundübel darin, dass der Steuerzahler DAS GEFÜHL HAT, vom Staat (wer war das nochmal?) beraubt zu werden.
    Ich erdreiste mich aber auch zu behaupten, dass sich an diesem GEFÜHL auch dann nichts ändern würde, wenn der Steuer-Höchstsatz zum 1.1.2004 auf 10 Prozent gesenkt würde.
    Teufelskreis: Jeder bescheißt jeden, und hört deswegen nicht mit dem Bescheißen auf, weil er "ja wohl blöd wäre", wenn nur die anderen sich bereichern.

  6. Thuner meint:

    Wenn das System bescheissbar bleibt, dann wird es so bleiben, da gebe ich Dir recht.
    Deshalb bin ich ja schon lange für eine negative Kopfsteuer (jeder erhält vom Staat unabhängig vom Alter einen Betrag in der Höhe des Exixtenzminimums) und alle Steuern werden über indirekte Steuern wie Mehrwertsteuer erhoben. Von mir aus mit höheren Mehrwertsteuersätzen für Ferraris als für Skoda Oktavias. Und ganz bestimmt keine einkommensabhängigen Gebühren für Krankenkassen mehr, denn bei der Definition, was tatsächlich Einkommen ist, fängt die grosse Bescheisserei ja an. Die Altervorsorge, welche über das Existenzminimum hinausgehen soll, kann jeder frei während seiner Arbeitsjahre in Eigenverantwortung regeln.
    Und "Dein" Erbschaftssteuerproblem wäre auch geregelt.

  7. Knut Budnase meint:

    Grob über den Daumen gepeilt bleibt dem deutschen Normalverdiener nach Abzug aller Abgaben und Steuern (Verbrauchssteuer mit eingerechnet) nur noch 1/3 von dem, was der Arbeitgeber für ihn aufwendet, übrig. Kein Wunder, daß die Wirtschaft quietschend und knarrend zum Stillstand kommt und die Bürger den Staat als eine moderne Form des Raubrittertums verstehen.

  8. die Kaltmamsell meint:

    "Die Bürger" und "der Staat" sind für mich nicht die entgegengesetzten Begriffe, als die sie immer verwendet werden. Meiner Meinung nach ist es die grundsätzliche Raubritterhaltung "der Bürger", die sich nach und nach auf ihre Gesamtheit, nämlich "den Staat" übertragen hat. Wodurch der individuelle Bürger sich in dieser Haltung wiederum bestätigt sieht.

  9. Thuner meint:

    Hmm. Wo Du recht hast, hast Du recht.

    Und wenn sich Raubrittertum mit "Belügt-werden-wollen" (die Renten sind sicher!) kombiniert ist die Katastrophe perfekt!

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