Diätterror – die Serie (6): Die Sprache des Terrors

Sonntag, 18. Januar 2004 um 10:41

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Sprache und Bewusstsein haben viel miteinander zu tun. Was davon zuerst da ist, wie stark der gegenseitige Einfluss ist – darüber sollen sich Linguisten kloppen (Sapir Whorf et al.).

Doch dass der Diätterror auch Sprache als mehr oder weniger subtile Waffe benutzt, das scheint mir eindeutig. Allein schon einzelne Wörter habe ich zu hassen gelernt.

Spitzenreiter ist für mich ungeschlagen
Sündigen: Selbst meine gläubige katholische Mutter hat keine Scheu, dieses Wort für jede Form von Nahrungsaufnahme zu verwenden, die nicht den eisernen Regeln der Brigitte-Diät entspricht. Dabei ist es vielleicht sogar genau das richtige Wort: Weltliche Vergehen werden ja eigentlich nur dann als sträflich angesehen, wenn sie sich direkt oder indirekt gegen jemand anderen richten. Ein Verstoß gegen die metaphysischen Gesetze der Diät MUSS fast „sündigen“ heißen.

Mit etwas Abstand kommt
Problemzonen: Wie bitte? Ein Zugereister von einem anderen Planeten, der sich ein wenig mit der menschlichen Anatomie befasst hat, würde vermutlich als erstes auf die geplagte Wirbelsäule tippen, die wohl früher oder später jedem Mitglied unserer Zivilisation Probleme bereitet. Aber nein, damit meint die Sprache des Diätterrors diejenigen Bereiche des weiblichen Körpers, der von der Natur für die Einlagerung von Fettreserven vorgesehen sind. Also Hüften, Oberschenkel, Bauch. Fitness-Studios bieten sogar eigene „Problemzonen-Gymnastik“ an – und wieder ist damit NICHT die Wirbelsäule gemeint. Wer mag, kann sich jetzt über die zugrunde liegende Definition von „Fitness“ Gedanken machen.

Von der gegenüberliegenden Seite schießt
Idealgewicht: Der Diätterror bemüht ja seit etwa einem halben Jahrhundert auch die Wissenschaft, um sein Waffenarsenal zu füllen. Die Definitionen dieses „Idealgewichts“ ändern sich fast monatlich, meist genau dann, wenn ein neues Produkt (Medikament oder Methode) sich anschickt den Markt zu erobern. Dass bei gesunden Menschen überhaupt das Gewicht zentrales Kriterium zur Einordnung der eigenen Figur sein soll, ist ohnehin medizinisch nicht haltbar (Stand 01/04).

Eine kleine Gruppe für sich bilden
pummlig, mollig, vollschlank: Gemeint ist normalerweise „dick“. Oder auch einfach nur „über dem Idealgewicht“ (s.o.). Während die ersten beiden Ausdrücke eine herablassende Verniedlichung enthalten, brauchte ich für die korrekte Deutung von „vollschlank“ bis ins Jugendalter. Davor hatte ich nämlich die erste Silbe als Verstärkung gesehen: voll schlank, also sehr schlank. Dieser Ausdruck ist allerdings meiner Beobachtung nach mit den frühen 80ern fast ausgestorben und hat nur noch in Medien wie Burda Moden überlebt.

Weil wir gerade bei Verniedlichungen sind – da wären noch
Pfündchen und Pölsterchen: Bevor ich so richtig Gift und Galle spucke – einigen wir uns einfach darauf, dass wir diese beiden nicht hören wollen.

Sie kommen ja auch gerne aus den Mündern von gestylten Verkäuferinnen, die selbst nur aus Haar und Knochen zu bestehen scheinen, und die Kleidungsstücke gerne deshalb anpreisen, weil sie
kaschieren und überspielen: Damit wird der Kundin brutal klar gemacht, dass sie ihr peinliches Äußeres möglichst zu verstecken hat. Denn ein zeltförmiges Hemd erweckt ja wohl keineswegs die Illusion, darunter befinde sich eine dünne Person; das Kleidungsstück verbirgt lediglich jede definierte Kontur. „Figurbetont“ dürfen Klamotten höchstens bis Größe 40 sein. Warum denn? Ist mein Körper denn eine Beleidigung fürs Auge anderer? Das möchte ich energisch bestreiten. Reicht ja schon, dass ich ihn selbst zum Kotzen finde.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu “Diätterror – die Serie (6): Die Sprache des Terrors”

  1. Gerhard meint:

    Es gibt kein Übergewicht, nur Gewicht und man ist für das aktuelle Gewicht vielleicht ein wenig zu klein. Solange die Blutfette im Bereich der Standardabweichung liegen kein Grund zur Trauer.

    Grenzwertige Grüsse

    Gerhard

  2. Jule meint:

    Schön,schön..gute Sammlung. Ich würde gern noch hinzufügen: die Bezeichnung "starke Frauen" – als ob mehr Gewicht auch Stärke=Kraft, Power etc. bedeuten würde..

    Die "Pölsterchen" in der "Du darfst"-Werbung nerven am meisten.
    Außerdem erscheinen monatlich, wenn nicht wöchentlich neueste Erkenntnisse über "Diät-Lügen"..und man soll sich Tests unterziehen, ob man "Eiweiß-, Kohlenhydrat-Typ" ist..
    Ich will kein Typ sein, ich will auch mein Essen nicht so einteilen, ich will einfach nur was leckeres essen. So!:-)

  3. L9 meint:

    Duuu – ich will mich wirklich garnicht einmischen – und ich find Diätteror absolut fürchterlich… hab auch noch NIE eine Diät gemacht – bis… ja .. jetzt (bin 40 btw)- Mein BMI Wert war übergewichtsmässig – und ICH fühlte mich nicht mehr wohl. Tja ich hab jetzt mit dem Weight Watchers POINTS Konzept angefangen und kann da total viel damit anfangen. Schäm mich ja fast mich damit zu outen. Aber ich machs seit VIER!!! Wochen (ist der Hammer für meine Verhältnisse). Hab zwar "nur" 3,5 Kilo abgenommen, aber mehr soll man garnicht. Eben weils einem nicht die Lust am essen vergällt sondern sehr viele Alternativen bietet, die die Lust am essen unterstützen. Ich esse total gerne – und es gibt Alternativen!
    Ich steh zwar zu, massiveren Äusseren – nur wenn mans nicht mehr mag ists auch nicht sooo gut.
    Es geht AUSSCHLIESSLICH um einen selbst – und ums eigene Wohlbefinden.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Gratuliere, L9! Wer bis ins hohe Alter von 40 Jahren dem Diätterror entkommen ist, muss eine recht gesunde Selbstsicht haben!
    In meinem näheren Bekanntenkreis gibt es keine einzige solche Frau, egal welche Figur sie hat. Natürlich sind einige dabei, die auch irgendwann schon mal mit Weight Watchers gegen Geld Gewicht verloren haben. Das ist ja zumindest keine gesundheitsschädigende Methode.

  5. meike meint:

    die WW sind aber eine portemonnai-schädigende methode. denn auch sie helfen nicht in der "zeit danach"….

  6. L9 meint:

    Hmm – ich hab mir diese CD bestellt – http://www.weightwatchers.de – kostet 49 € (gibts auf eBay noch günstiger) und machs damit. Geh nicht in die kostenintensive Gruppe – ausserdem bin ich da auch nicht der Typ für sowas.
    Langzeiterfolgsmäßig sollen die auf jeden Fall besser sein als andere. Man muss halt seine Ernährung schon langfristig umstellen. ABER das nette ist – es gibt eben Tricks das auch ohne Genussverlust zu machen.

    Gesunde Selbstsicht – tja ich hatte halt den Mutterterror ("mach das", "schau Trennkost ist super", "du bist aber dick geworden") und mein grundsätzlich in mir verankertes Auflehnungsbedürfnis gegen Autorität ;-) kombiniert mit Trotz ("jetzt erst recht").

    Warum ichs jetzt doch mache: weil ich davor stand auf Größe 44 zu gehen, Weil ich beim Step-Aerobic echt schon Schwierrigkeiten hatte meine Rundungen übers Step zu schwingen und weil mein BMI definitiv auf "leichtes Übergewicht" stand.

    Ne Hungerharke werd ich nie, aber jetzt will ich schon nochmals wissen ;-) .

    Allerdings ganz ehrlich: wenn wirklich der Genuss am essen leiden würde, würde ich lieber mit ein paar Kilos mehr rumrennen.

  7. altera meint:

    Liebe Mamsell,
    nach etwas verspäteter Lektüre aller sechs Stücke Diätterror:
    1. Sie sind über 21, also volljährig ("richtig volljährig", wie meine Mutter sagen würde)
    2. erwachsen (? wer ist das schon und würde man den kennen wollen?)
    3. für sich Selbst und Ihren Körper selbst veranwortlich.
    Falls Sie keine Katze sind oder Anhänger gewagter Reinkarnationstheorien, haben Sie nur ein Leben. Irgenwann sitzen Sie und ich auf der Wolke und es wäre schade, sich dann sagen zu müssen "Sch****e", jetzt hab‘ ich’s verpaßt, das Leben.
    ergo:
    Es wird Zeit, aus dem emotionalen Hotel Mama auszuziehen, über dessen Tür "Meine Mutter ist SCHULD, daß ich so bin" geschrieben steht.

    Und jetzt von der Standpauke zum Persönlichen: Ich bin 44, Kleidergröße 42,
    werfe aber Besenreiser, Hängebusen, Kurzsichtigkeit und eine 22 cm lange Narbe in die Wagschale. Mit etwas Nachdenken würde ich noch mehr finden.
    Ich gehe in die Sauna; wenn ich es nicht täte, weil ich irgendeins der oben genannten mich davon abhielte, wären das miese Aussichten für die nächsten 40 Jahre. Ich war allerdings mal, krankheitsbedingt*, rappeldürr – 40k auf 167, da lebt man dann von Endorphinen und bei meinen Photos liegt noch eins von einer Mittachtziger-Demo, Titel: "Skelette demonstrieren für den Frieden". (Das war übrigens die Demo, bei der sich jemand mit Benzin übergoß und… Selbst-zerstörerisches Verhalten im Extrem.) Als die Medizin dann die Diät (!) die sie für solche Patienten auf Lager hatte, zu Grabe trug, waren die zu schwach, darauf zu tanzen.
    Mir ist aus der Zeit eine herzhafte Abneigung gegen Ernährungsle(e)hren jeder Art geblieben. (Ob sie Bücher, Kreuze, Schwerter oder Waagen schwingen, letztendlich geht es allen Fundamentalisten nur um eins: daß das irdische Leben möglicht wenig oder höchstens eine perverse Art von Spaß machen soll.)
    Jedes Alter hat eine Bandbreite an Gewichten, die – oh, dünnes Eis, jetzt nichts Mißverständliches schreiben – für den einzelnen Menschen ok sind. Es gibt Mittvierzigerinnen mit Kleidergröße 36 – ich gehöre nicht dazu und will da auch nicht hin, weil es nur mit Hungern zu erreichen wäre. (Die Frauen, die das brauchen, tun mir leid.) Ich brauch meine Energie für schlechte Zeiten.
    Was ich schlimm finde ist die grassierende Herzlosigkeit, und die Angst vor dieser, die zum Beispiel einige liebe Freunde davon abhält, schwimmen zu gehen, weil sie Hemmungen haben und Angst vor blöden Blicken und Kommentaren und selbst, wenn die gar nicht kämen, würden sie sie vermutlich phantasieren und deshalb trauen sie sich erst gar nicht und schneiden sich – schnipp-schnapp – wieder ein Stückchen mehr Lebensfreude ab. Und da steh ich nun und rede seit fast 2 Jahren gut zu und —- censored—-. Es ist so schade.

  8. Arztgatten-Ehefrau meint:

    Ich halte es mit dem „Hüftgold“ und man muss ja sagen, jeder Ring hat richtig viel Geld gekostet und der Unterhalt ist auch nicht billig.

  9. Klaus meint:

    Frau oder auch Mann muss ja keine´Brigitte-Diät machen, selbst wenn Sie Brigitte heißt, dann macht sie ihre eigene Diät. Der Langzeiterfolg von WW ist auch nur bei 95 – 97 %; dh. 95 – 97 % haben den negativen Erfolg, nämlich erhalten das Ausgangsgewicht oder mehr zurück. Habe ich jedenfalls mal gelesen – ausprobieren würde ich so etwas nicht.

  10. calymne meint:

    ich finds generell ätzend wie man besonders als Frau nur über das Aussehen bewertet wird.
    Allerdings tust Du das auch andersrum – du schreibst nämlich von „Hungerharke“ und das ist für schlanke Menschen, die nicht zunehmen können, egal was sie essen, und das selber nicht schön finden, auch nicht so nett.
    (ich gehöre da nicht zu, habe aber Bekannte…)

  11. die Kaltmamsell meint:

    Zwar ist dieser Post schon über zehn Jahre alt, calymne, aber „Hungerharke“ habe ich auch damals nicht geschrieben. Mit Verlaub.

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