Auf meinem Weg in die Arbeit – 5: Türsteher

Freitag, 22. Oktober 2004 um 9:40

Die typischen Begleiterscheinungen des Pendlerlebens hängen maßgeblich vom Fahrzeug ab. Ich bin mir sicher, dass Autofahrer wiederkehrende Ärgernisse ebenso kategorisieren wie ich Störendes in öffentlichen Verkehrsmitteln. So stelle ich mir vor, dass sie Kategorien wie „Frau am Steuer“ oder „Hutträger“ bilden, „Fürstenfeldbrucker“ oder „Vollidiot“.

Als Nutzerin von U- und Straßenbahnen, seltener Bussen, lernt man sehr schnell das Verhalten von Menschen zu hassen, die ich als „Türsteher“ bezeichne. Sie finden sich beim Warten auf das Verkehrsmittel in vorderster Reihe ein, gehen als erste durch die Tür der Bahn oder des Busses – und bleiben sofort stehen, unverrückbar. Die Folge: Sie bilden einen Pfropfen in der Tür gegen alle weiteren hereinkommenden Passagiere. Diese Türsteher sind die Ursache für den eigenartigen Anblick, den fahrende Straßenbahnen zu Stoßzeiten gerne bieten, mit dichten Menschenklumpen an den Türen und Ballsaal-großen freien Flächen zwischen den Türen.
Muss ich überhaupt erwähnen, dass ich wiederum eine der alten Hexen bin, die „durchgehen, zum Teufel!“ zischt und sich notfalls betont grob ihren Weg zu den gähnend freien Flächen bahnt?

Heute aber war ein guter Tag. Nachdem ich mir den Weg durch den morgendlichen Wald an Arschsäcken freigerempelt hatte (Schulranzen sind wohl nach dem Grundschulalter inakzeptabel), fuhr die Straßenbahn so plötzlich an, dass mir ein ausgesprochen hübscher blonder Primaner in die Arme fiel und errötend um Verzeihung bat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er zu der Gruppe junger Männer gehörte, die gestern in der Straßenbahn ebenso lässig wie kundig über die Basslinie in einer Bruckner-Symphonie geplaudert hatten und die mich die Attraktivität minderjähriger Burschen in ganz neuem Licht sehen ließen. Rrrrrrrrr.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu “Auf meinem Weg in die Arbeit – 5: Türsteher”

  1. rene meint:

    Danke für das Lächeln in meinem Gesicht!
    Allerdings habe ich die Türsteher noch nicht erlebt, und dabei benutze ich tagtäglich Bus und Bahn. Stattdessen was schlimmeres: Man möchte aussteigen, kann aber nicht, weil die wartenden eine Traube vor der Tür bilden und schon fast in der Tür stehen.
    Ich hoffe der Primaner benutzt die Linie öfters, dann bitte mehr schreiben :)

  2. Lisa Neun meint:

    Aah, gerade wollte ich sagen, ich bin eine völlig gelassene wenn auch rasante Autofahrerin, da fiel es mir wieder ein: RADFAHRER. Und zwar die Spezies, die mir mitten auf der Strasse gegen die Einbahn entgegenkommt, eine für die Ewigkeit erstarrte Sprechblase hinter sich herziehend: „Ich bin ein guter Mensch. Ich verschmutze keine Luft. Deshalb gehört die Strasse mir“. Und wenn das dann noch einer am Liegerad ist, grrr.
    Und dann gibts bei uns Radfahrerparkplätze en masse, aber die Säcke müssen sich immer auf die Autoparkplätze stellen. Bei uns in der Strasse gibt es eine Kneipe – da sitzen die immer drin. Gegenüber der mit Rädern vollgeparkte Autoparkplatz. Da wünsch ich mir dann immer den Mut, reinzurammen in diese Fahrräder und sie plattzumachen. Stattdessen steig ich natürlich aus und hebe die hübschen Räder vorsichtig auf die Seite.
    Von bösen Blicken verfolgt. Danach geniesse ich es, meinen schwarzen BMW rasant einzuparken, ohne einmal reversieren zu müssen, aus dem Auto zu steigen im Zicken-Kostüm, mein Handy zu schnappen und meinen Laptopkoffer, hochnäsig auf Spitzschuhen bei denen vorbeizustöckeln und deren gerechten Hass zu fühlen ;-)

    Aber neulich hat sich doch tatsächlich einer entschuldigt, dass er sein Rad da hingestellt hat, da ist mein ganzes Radfahrerweltbild zusammengebrochen.

  3. Mike meint:

    Die Türsteher haben ja auch die Angewohnheit sich bei einfahrenden Bahnen direkt vor die sich öffnende Tür zu stellen und den Aussteigenden das Leben auch nicht unbedingt zu erleichtern.

    Eine besondere Klasse Mensch aus öffentlichen Verkehrsmitteln ist im Kölner Hauptbahnhof anzutreffen. Dort führen extrem schmale Rolltreppen zu und von den Gleisen. Diese sind so schmal daß keine zwei Personen nebeneinander stehen können – oder höchstens sehr kleine.

    Nun gibt es diese Sorte Mensch – bevorzugt im Rentenalter, womit ich jetzt natürlich nicht werten will – die bei Ankunft immer unten an der Rolltreppe stehen bleibt um sich in der fremden Gegend umzusehen. Und zwar GENAU am Ende der Rolltreppe. Dabei machen sie auf mich immer ein wenig den Eindruck von zerzauselten Löwen, die nach einem langen Leben im Stockholmer Nationalzoo mit Vollpension im Rahmen eines Auswilderungsprojektes in der Serengeti ausgesetzt werden und soeben aus der Narkose erwachen.

    Jedenfalls steht man dann am Ende der Rolltreppe und blockiert diese für nachfolgende Menschen. Um die letzten Ausweichmöglichkeiten zu verhindern stellt man dann links und rechts gerne mal noch einen mittleren Schrank-Koffer hin. Besonders prekär wird die Lage wenn ein gut gefüllter ICE ankam und die Schlange auf der Rolltreppe kein Ende nimmt. Mehr als einmal konnte ich einer Katastrophe nur durch ein impulsiv hervorgebrachtes „Weitergehen!“ entgehen was mir bestenfalls Entrüstung und entsetztes Kopschütteln einbrachte.

  4. kid37 meint:

    Jajaja. Rolltreppenblockierer! Ein wichtiges Thema in unserer Republik. Eine Metapher auf das gesamte politische Leben. Während ein Problem als Blockadepfropfen monolithisch im Weg steht, schaufelt die Rolltreppe immer weitere Probleme unaufhaltsam hinterher.

    Wird jetzt in der Weihnachtszeit noch zu menschenverbindenden Szenen führen.

  5. elle meint:

    Ich war heute morgen beim Frühschwimmen (bedeutet konkret bis 7:30 kostet es die Hälfte). Neben einem Becken für alle (Omas und Opas) gibt es auch drei abgetrennte Bahnen. Ich begreife dabei nicht, wieso manche Menschen auf diesen Bahnen langsam vor sich hinbrustschwimmen möglichst noch dabei mit einer Freundin quatschen und den Menschen, die ihre 1000-ich-versuche-mich-krampfhaft-in-Form-zu-halten-Meter runterreißen wollen den Weg zu versperren.
    Aber noch schlimmer sind die Semi-Schwimmer. Die, die glauben super schwimmen zu können. Dabei straucheln und schwingen sie schwer atmend vor einem her und niemals lassen sie einem am Bahnende vorbei. Nein, man muss sie überholen und das auch noch bei Gegenverkehr.
    Und mir ist beim Verlassen des Schwimmbads noch nicht einmal ein niedlicher junger Mann aus Versehen in die Arme gefallen. Dafür beneide ich Dich wirklich!

  6. die Kaltmamsell meint:

    Aaargh, die Nichtschwimmer! Die waren mir auch schon mal ein ganzes Posting wert:
    Schwimmen

  7. elle meint:

    Oh ich bin begeistert! Was für ein Artikel, ich werde jetzt nichts mehr über Schwimmer schreiben, es wurde alles Wesentliche gesagt.
    Schöner Badeanzug, wäre mir aber viiiiel zu unbequem (meine Mutter wirft mir noch heute fehlende Eitelkeit und spießigen Klamottenstil vor).

  8. Gerhard meint:

    Du Glückliche, gönn´ ihn Dir. Ich kauf´ mir bald ´ne Harley und fahre hinter Schulbussen her, bis eine aussteigt… *lach*

    PS: Liegt nur am mangelndem Nahverkehrsangebot auf der Insel

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