Ich fahre einen Bombardier

Montag, 21. Februar 2005 um 15:06

Es war Sten Nadolnys Roman Netzkarte, aus dem ich von der Existenz derselben erfuhr. Eine Fahrkarte, mit der man jeden beliebigen Zug in Deutschland nehmen kann, jederzeit – ich konnte mir keine luxuriösere unbegrenzte Mobilität vorstellen.

Allerdings schien mir selbstverständlich, dass eine Netzkarte nur in einer mehrmonatigen Auszeit Sinn ergab, wie sie der Roman beschrieb. Sonst konnte man doch die Trilliarden Geld, die eine solche Karte sicher kostete, gar nicht ausnutzen.

Meine enge Verbindung mit dem Zugfahren begann einen Tag nachdem ich mein erstes Auto, einen orangen safran-farbenen C-Kadett, in einen verschneiten Graben gesetzt hatte: Ich ließ das Auto vom Schrotthändler bergen und kaufte mir einen Junior-Pass der Deutschen Bahn. Das war 1987. Als Kind war ich nie Bahn gefahren; ich erinnere mich an einen einzigen Familienausflug mit dem Zug (wahrscheinlich hatten meine Eltern ihren Jahreswagen unerwartet schnell verkauft und mussten eine autolose Lücke überbrücken). Das mag der Grund sein, warum Zugfahren für mich bis heute einen Hauch von Abenteuer, zugleich von Luxus hat. Dazu kommt meine große und gänzlich ideologie-freie Abneigung gegen das Autofahren.

Vor wenigen Jahren kam dann der Augenblick, als ich zum ersten Mal selbst mit Netzkarte fuhr: Für eine Geschäftsreise mit der Bahn holte ich mir im ICE-Hotel neben dem Bahnhof die Firmen-Bahncard ab und konnte es kaum fassen. Sehr enttäuscht war ich von der fehlenden Anerkennung des Schaffners: Der guckte bei der Kontrolle keine Sekunde länger darauf als sonst auf meine Monatskarten. Enttäuschend waren auch meine Versuche, im Bekanntenkreis Eindruck zu schinden: „Ich bin mit einer Netzkarte hergekommen! Wollt ihr mal sehen?“ quittierten sie mit einem freundlichen, aber ahnungslosen Blick.

Es war, glaube ich, diese unscheinbare, sehr junge Frau, die die Bahncard 100 auf meinen eigenen Planeten holte. Zwar hatte ich bei meinem täglichen Pendeln im ICE hin und wieder jemanden eine Netzkarte vorzeigen sehen, doch das waren immer Anzugträger an Laptop gewesen, denen die Möglichkeit zur grenzenlosen Bahnfahrt doch sicher vom Arbeitgeber ins Handschuhfach des Dienstwagens gelegt worden war. Die junge Frau aber stand über jedem solchen Verdacht; sie wirkte wie eine Studentin, die einfach sehr oft Bahn fährt. Also begann ich zu rechnen: Zwölf Monatskarten plus Streifenkarten für den öffentlichen Nahverkehr in der Wohnstadt und in der Arbeitsstadt machte konservativ gerechnet jährlich etwa 3.200 Euro. Die Netzkarte, die zudem ein Jahr lang in 60 deutschen Städten zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs berechtigt, kostet 3.250 Euro. Und bringt mich auch sonst überall hin, wo’s in Deutschland Bahnhöfe hat.

Als ich die Bahncard 100 letzte Woche aus der Post zog, war ich euphorisch: Es erfüllte sich ein ähnlicher Lebenstraum wie damals bei der Schifffahrt nach New York. Doch schon wieder bleiben Neid und Jubel aus! Nicht mal der Schaffner zieht anerkennend die Augenbraue hoch!

Was bleibt mir also übrig, als meine Prahlerei per Blog in die weite Welt des Internets zu rufen, wenn ich irgendwo ein bewunderndes, oder gar neidisches „Boooh!“ haben möchte.

die Kaltmamsell

22 Kommentare zu „Ich fahre einen Bombardier“

  1. TH meint:

    Boooah, Ey!

    Wenn ich Wien wohnsitzmäßig verlasse, werd ich mir das ÖBB-Äquivalent auch ziehen.

  2. blue sky meint:

    Die Berichte eines Bekannten mit Netzkarte über schlechten Service (in anderen Bereichen geht man mit seinen „Premiumkunden“ besser um), fehlende Mitfahrerrabatte etc. haben mich schon vor längerem auf den Boden geholt.

    Trotzdem: Booah! Keine Fahrkarten mehr kaufen zu müssen, in jeden beliebigen Zug einsteigen zu dürfen, das hat was.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Hier ein Einblick, wie ein Brite die DB erlebt hat.
    Premium-Service: Ich darf in die DB Lounge und kriege in einigen Ausländern 25 % Ermäßigung. Ja, das ist eher mager. Mitfahrer-Rabatt fände ich sehr angenehm. Und exotische Schönheiten, die mir Kaffee samt Zeitung reichen und mir den Nacken massieren.

  4. Sebas meint:

    Ha! Sie jetzt auch. :) In der Tat fehlten mir anfangs die anerkennenden Blick. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich sie im letzten Jahr kaufte, als sie noch 3.000 Euro kostete (weshalb sie hier intern auch nur BahnCard3000 genannt wird). Schnäppchen. Wohl aber gibt es immer mal wieder neugierige Blicke von Mitreisenden. Und gelegentlich auch daraus resultierende Gespräche.

  5. ennasus meint:

    Gratulation! Als Besitzerin eines General Abonnements (ist die Schweizer Variante der Netzkarte) kann ich Ihre Freude darüber gut verstehen. Ist doch irrsinnig praktisch wenn Frau einfach in den Zug/Bus/Tram/Schiff einsteigen kann ohne ein Ticket zu kaufen. Viel Spass noch.

  6. der Haltungsturner meint:

    Toll! Damit bist du in den Mobilitätsolymp aufgestiegen. Ich bin neidisch. Wirklich. Hab ja nur so eine popelige Comfort-Karte, mit der ich zwar auch in die Lounge komme (sehr praktisch, vor allem, dass die zwei Tage nachdem ich mit einem Kollegen das vorgeschlagen hatte, Freigetränke einführen. Die müssen da Mikros rumbaumeln haben oder so, hätten die sonst nicht wissen können), aber das wars. MANN HAST DUS GUT! Genug geschrieen.

  7. DER MONSTERFROSCH meint:

    Wenn Sie wie ich Tag-Täglich als Bahnpendler unterwegs sind
    ist es unerheblich ob es eine Comfort-Premium-Super Deluxe oder eine ähnliche Karte ist, dass Ergebniß der Deutschen Bahn dafür ist einfach MISERABEL!!!!
    MFG DER MONSTERFROSCH

  8. blue sky meint:

    Spotten Sie nur, Frau Kaltmamsell. Aber glauben Sie mir zumindest, dass einiges passieren musste, dass ich selbst z. B. von einem begeisterten Zugfahrer zum DB-Abstinenzler geworden bin, der jetzt manche Dinge anders, vielleicht auch zu selektiv wahrnimmt.

    Andere mögen gute Erfahrungen machen – um so besser.

  9. Sebas meint:

    Wohl alles eine Frage des Betrachtungswinkels. Ich verbringe ja eine Menge Zeit in Zügen (ich käme bei regulären Preisen auf fast 9.000 Euro Jahresumsatz). Und das auch ziemlich international. Und in diesem Vergleich ist mir die Deutsche unter dem Strich (Komfort, Service, Pünktlichkeit) bei all dem, was man kritisieren kann, noch die liebste. Erstaunlich ist zum Beispiel, was die Holländer in ihrem kleinen Land an Verspätungen hinbekommen. Oder was einem in Großbritannien zuweilen als „Zug“ angeboten wird. Wir sind schon sehr verwöhnt.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Ja, mag eine Frage der Perspektive sein – oder der Prioritäten. Eine längere Autofahrt geht ja heute kaum noch ohne mindestens einen Stau ab – und die Vorstellung, in einem stehenden Auto eingesperrt zu sein, gruselt mich erheblich mehr als eine halbstündige Verspätung mit dem Zug.
    Eine Schaffnerin, die der aufgeregten Pendlerin einfach glaubt, dass sie ihren ganzen Geldbeutel in der Arbeit vergessen hat, freut mich mehr als ich mich über ihren schlecht gelaunten Kollegen am nächsten Tag ärgere.
    Mag mein Trotz sein, aber ich werde schlagartig aggressiv, wenn sich Zugpassagiere über fünfminütige Verspätungen aufregen als wären sie in ihrem Leben noch nie auf Parkplatzsuche fünfmal um den Block gekreist. Und bewundere entsprechend das Bahn-Personal, das angemotzt in aller Ruhe erklärt, dass hinter Ulm Bahngleise repariert werden und wie es deshalb zu Verzögerungen kommt.
    Dochdoch, Verbesserungen fielen mir eine ganze Menge ein. Aber auf sehr hohem Niveau.

  11. .meike meint:

    ich bin unheimlich neidisch…und freue mich gleichzeitig auf deinen nächsten besuch!

  12. Lisa Neun meint:

    Florian Matthies??? Das sind aber nicht Sie!?

  13. Claus meint:

    Habe auch nur eine Comfort-Card.
    Aber dafür hat mich mein Fotograf besser erwischt als Sie.
    ;)

  14. Jörg meint:

    st ja nur 2. Klasse.

    Das Beste ist an dieser Karte, dass man Kinder kostenlos mitnehmen kann.

  15. OWeh meint:

    Ach in die Lounge darf man doch schon mit einer popeligen 1. Klasse Fahrkarte. Aber das mit der Bahncard 100 habe ich mir letztes Jahr auch ausgerechnet. Für mein Auto (alt, Opel, noch nicht im Graben) hatte ich in 2002 inkl. Anschaffung, Benzin, Versicherung, Steuer, Werkstatt… so um die 5000.- Euro ausgegeben. Bei 3000.- für die „Netzkarte“ wäre da noch satt was für Taxi und widerspenstigen lokalen ÖPNV übriggeblieben. Gemacht habe ich es indes nicht, weil Bahnfahren mit umsteigen müssen fast immer der Horror ist. Ich Feigling.

    P.S.: Apropos Opel. Schön das mit dem Orange/Safran da oben. Tibet hat nicht nur in New York Waschatg.

  16. Doc meint:

    Werte Mamsell,

    … der Niederrhein erwartet Sie. Hier gibt es zwar kulinarisch keine Offenbarungen. Ich würde aber für Sie das Stethoskop vom Hals werfen und selbst ein Süppchen köcheln.

    Hasta la proxima

    Doc

  17. DonDahlmann meint:

    Ich bin ganz grün vor Neid. Bei mir lohnt es sich leider nicht ganz. Ich komme auf vielleicht 2.400 Euro und da sind die Pendeleien alle 14 Tage nach HH schon eingerechnet, die die Firma zahlt. Mit meiner BC 50 komm ich aus, zu mal sie für Journalisten nur die Hälfte kostet. Für die Netzkarte gibt es leider nicht einen solchen Rabatt.

  18. tom meint:

    Hallo,

    jetzt ist ja der eintrag schon ein paar Jahre her. Inzwischen kostet die BahnCard100 3500 Euronen. Dennoch hab ich sie mir gekauft und bin äußerst zufrieden mit dem Dingen. Was mir ja am besten gefällt ist das ich in München zwar „nur“ im Innenraum den ÖPNV nutzen kann aber alles was nicht Innenraum ist sowieso nur von der S-Bahn bedient wird, und die gehört ja wieder zur DB :-)
    Wer neidische Blicke haben will setzt sich mal in den ICE und fährt nach Ingolstadt HBF und dort dann mal mit den dortigen Bussen des ÖPNV zu fahren. Die Busfahrer die anscheinend an „nur doofe Schulkinder und Jugendliche“ gwohnt sind gucken dann schon immer bißchen doof wenn man nach dem „hey farkarte vorzeigen“ gemotze seine BC-100 zieht. Gut dazu sollte man dann vielleicht auch noch so jung sein wie ich, und (oh ja ich weiß das ist böse) nicht der Aufforderung „Fahrkarte unaufgefordert vorzeigen“ die am Bus klebt nachkommen. damit das den richtigen efekt hat *lach*
    Ich hab da das erste mal selber bißchen doof geguckt wie mich da so ein Busfahrer blöd angemacht hat. Ich kenn das halt aus München oder anderen Städten, das ich in den Bus oder die Tram einfach einsteige und fertig. Aber in Ingolstadt scheint das alles ander zu sein als bei allen anderen.
    So und jetzt zum Schluß noch eine Frage: Wer von den hier mitlesenden BahnCard-100 Besitzern weiß wo die Karte noch überall gilt ? Die DB schafft es ja leider nicht eine Vernünftige Übersicht bereitzustellen. Gut es gibt die „City-Ticket Liste“ aber es gibt ja auch noch andere Bahnen wie die BOB oder die Vogtlandbahn wo die BC-100 gilt, die aber ja nichts mit City-Ticket zu tun haben.
    Für jegliche Art von Hilfe wäre ich dankbar!

    Viele Grüße aus dem Süden,

    Tom

  19. Jurek S. meint:

    Guten Tag, Tom und die übrigen Mitleser,

    eine Auflistung der Eisenbahnverkehrsunternehmen, welche die BC 100 anerkennen, finden sich auf den letzten Seiten der Beförderungsbedingungen der DB (über: http://www.bahn.de/p/view/hilfe/agb/agb_befoerderungsbedingungen.shtml). Außerdem erkennen eine Reihe der ehemaligen Bahnbusgesellschaften die BC 100 an, leider hat aber auch der Bahncomfort-Service keine Liste dazu.

    Schöne Grüße,
    Jurek

  20. Ralf meint:

    Ich fahre auch Bombardier, mittlerweile schon seit einigen Jahren, und bin auch einfach nur begeistert, wie komfortabel das doch immer wieder ist. Zugegebenermaßen wohne ich auch in einer Großstadt, bin also sehr gut angebunden. Ein eigenes Auto macht für mich jedenfalls überhaupt keinen Sinn mehr, da ich wirklich viel unterwegs bin und es eh nicht nutzen könnte. Dass man mit der Netzkarte keinen wirklichen Eindruck mehr schinden kann, wundert mich nicht. Viele Begreifen die Möglichkeiten einfach gar nicht.

  21. Ralph A. Schmid meint:

    Moin,

    meine Frau und ich sind auch vor einem Jahr auf diesen Trichter gekommen, bloggen seither unsere Fahrten unter http://www.bclog.de, und wir werden erst mal bei der BC100 bleiben. Die große, weiße S-Bahn mit dem weißen Streifen ist schon was Feines!

    Viele Grüße aus Franken!

    Ralph.

  22. Prekarius meint:

    Tja, hätte ich auch gerne … Die BahnCard 100 kostet aktuell 3990 EUR bzw. 4428 EUR im Abo, und das ist … 33 % teurer als vor 8 Jahren … und immer noch mehr als die Hälfte meines Nettogehalts, und Journalist bin ich auch nicht … aber angesichts der Mietpreissteigerungen in meiner Stadt ist es vielleicht bald günstiger, im ICE zu wohnen.

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