Archiv für August 2005

On a lighter note

Dienstag, 9. August 2005

Lernen von nuf: “diplomierte Psychologinnen reißen sich zusammen”

Der geschenkte Tag

Montag, 8. August 2005

Augsburg, da wo ich arbeite, hat einen Feiertag mehr als dieses an Feiertagen ohnehin reiche Bundesland: Am 8. August ist Friedensfest. Das merkt man dann an all den zugezogenen Studenten, die ab 10 Uhr mit Stofftaschen in der Hand vor verschlossenen Bäckereien stehen.

Für mich, die ich in München wohne, bedeutet das einen zusätzlichen wunderbaren, ganz normalen freien Tag. Unangenehmerweise spüre ich die Verpflichtung, diesen Tag möglichst erschöpfend zu nutzen. Also all die lästigen Kleidungs- und Schuhkäufe zu erledigen, auf die ich samstags dann doch keine Lust habe, nach einem Polsterer für das zerschlissene Sofa suchen, Schuhe zur Schusterin bringen, Kostüm in die Reiningung etc. Paradoxes Mühen: Wie kann ich zusätzliche freie Zeit möglichst gut nutzen?

Immer noch ganz verschwurbelt bin ich von den Bildern, Geschichten und Wörtern, die mir mein lang befreuter Besuch geschenkt hat. Ein paar Tage lang fühlte ich mich auch ungeheuer weltstädtisch und mondän, mit aushäusigen Frühstücken, Flanieren, Bummeln, Gucken, in Cafés und Restaurants, in Begleitung einer schönen Frau, die mit ihrer reinen Anwesenheit dem schlechten Wetter immer wieder Sonnenstrahlen abrang.

Das derzeitige Wetter geht vermutlich auf meine Kappe, weil ich den kühlen Sommer einmal zu oft bejubelt habe. 12 Grad Tageshöchsttemperatur sind auch mir für die Jahreszeit zu kühl, allerdings profitiere ich davon, dass die erforderlichen kuschligen Pullis den Monsterpickel verdecken, der seit gestern auf meinem Dekollete prangt.

Familienalbum – 7: El Pozo

Sonntag, 7. August 2005

Dieses Foto muss eine optische Täuschung sein: Mein Vater (der Herr auf dem Foto) ist nicht besonders groß, also wirkt es, als wäre der Rand des Brunnens hinterm Landhaus meiner spanischen Großmutter nicht mal einen Meter hoch. Dabei könnte ich schwören, dass er zu meinen Kindertagen ungeheuer gigantomantös riesenhoch war. Der Deckel des Brunnens war ja immer runtergeklappt und mit Steinen beschwert, wenn ich also hineinschaun wollte, musste mir ein Erwachsener helfen. Damit ich über den Rand schauen konnte, musste mich mein Vater hochheben, sooooo hoch war der Brunnen! Und als ich alt genug war, selbst Wasser zu holen, mühte ich mich sehr, den vollen Eimer möglichst verlustfrei über den Rand zu wuchten.

Das Wasser aus dem Pozo war herrlich klar und kühl. Während unserer Aufenthalte dort auf dem Land wurden immer morgens Eimer für Eimer einige Plastikwannen gefüllt und in die Sonne gestellt. Bis zum Nachmittag war das Wasser warm und wir Kinder konnten darin plantschen.

Die Buchstaben auf dem Brunnen, V y A, so denke ich mir heute, bezeichnen wohl die Besitzerinnen, nämlich meine Großmutter Agustina und ihre Schwester Vitoria. Das drunter soll ein Totenkopf sein, wie mir seinerzeit jemand auf Anfrage erklärte: Alle hatten große Angst, dass eins von uns Kindern in den Brunnen fallen könnte.

Seit vielen Jahren gibt es fließendes (gechlortes) Wasser im Dorf. Es kostete einen Pauschalbetrag, also verbrauchten meine Verwandten soviel davon wie möglich (um das Geld dafür wieder reinzuholen). Den Brunnen brauchten sie nun nicht mehr und mauerten ihn ebenerdig zu.

Familienalbum – 6: Auf dem Land

Freitag, 5. August 2005

Als ich ein Kind war, fuhr ich mit meiner Famile alle zwei Jahre nach Spanien. Eine alljährliche Spanienreise konnten wir uns nicht leisten, dafür fuhren wir dann aber die gesamten sechseinhalb Wochen der Schulferien. Diese Wochen wurden aufgeteilt zwischen der einen oder anderen Woche im Geburtsdorf meiner Yaya in der Sierra nördlich von Madrid, ein paar Tagen im sommerlich brüllend heißen Madrid, und ein paar Wochen am Meer, meist Mittelmeer.

Das Dorf in der Sierra lag kurz hinter dem Abschluss der Meseta, also der Hochebene, auf der Madrid liegt. Das ist mein Spanien, dort wohnen Leute, mit denen mich Lebensweg verbindet (wenn auch nur alle zwei Jahre). Es ist nicht mal richtig malerisch, einfach ein ärmliches Zeilendorf, dessen Häuser durch Modernisierungsversuche jeden Ansatz von Romantik eingebüßt haben.

In meiner Kindheit lag El Olmo nicht nur räumlich weit weg (30 Stunden Autofahrt), sondern schien auch in einem anderen Jahrhundert angesiedelt. Bis Mitte der 70er Jahre gab es kein fließendes Wasser: Brauchwasser wurde aus dem hauseigenen Ziehbrunnen (el pozo) geholt, Trinkwasser in Kanistern im nächstgelegenen größeren Ort. Vermutlich hätte auch das eiskalte Brunnenwasser Trinkwasserqualität gehabt, doch alles, was vom eigenen Grund und Boden kam, wurde von vorneherein als wertlos und unbrauchbar deklariert (dazu gehörten auch die Minze und der Thymian, die hinterm Haus wuchsen). Elektrischer Strom war zu dieser Zeit zwar in jedem Haus vorhanden, Telefon hatte aber bis Ende der 70er nur die Bauernfamilie von Luis, der im ersten Haus bei der Straße wohnte. Wenn dort ein Anruf für jemand aus dem Dorf eintraf, lief eines der Kinder los und holte den Gewünschten.

Die Ernte war Knochenarbeit. Bestellt wurden kleine Felder, die in dieser unfruchtbaren, karstigen Gegend weit entfernt voneinander lagen, und zwar mit Weizen. Ich kann bis heute kein reifes Weizenfeld riechen, ohne in die Sommerurlaube meiner Kindheit geschleudert zu werden. Gedroschen wurde das Korn damals noch mit einer Technik, die ich bis heute nirgendwo anders gesehen habe (andererseits: Hätte ich es mitbekommen?).

Auf den Fotos (wahrscheinlich 1972) sieht man die Methode zum Teil: Der geerntete Weizen wurde auf dem Dreschplatz ausgebreitet. Darauf wurde ein dickes Brett gelegt, etwa 1,50 mal 2,50 Meter groß, in dessen Unterseite spitze Steine steckten. Vor dieses Brett spannte man ein Maultier, auf das Brett setzte sich mit einem Hocker der Bauer oder die Bäurin. Und dann ging es im Kreis über den Weizen, stundenlang und Runde um Runde. Auf dem Foto macht das gerade mein Vater, neben ihm sitzt hochwichtig die fünfjährige Kaltmamsell (im Hintergrund mein Onkel Rafa und sein kleiner Sohn Rafita). Bei Sonnenuntergang warfen die Bauern dann die so behandelte Ernte mit großen Heugabeln in die Luft, und die Abendbrise trennte so die Spreu vom Weizen.

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Neulich irgendwo in Suffolk

Donnerstag, 4. August 2005

Lese gerade die aktuelle Ausgabe Granta, Thema „Country Life – Dispatches from what’s left of it“ (dazu später sicher mehr, inklusive perönlichem Bezug mit Familienalbum). Wunderbares Gegenstück zur bleibend erinnernswerten Ausgabe „The Factory“. Darin auf der heutigen Zugfahrt in die Arbeit eine exzellente Bezeichnung für die Art Gottesdienstmusik gefunden, die ich für mich immer „Kirchenklampfenmusik“ nannte und die ich selbst ein paar Jahr lang singend und flötespielend in fränkische katholische Landkirchen (Diaspora!) trug:

Happy Clappy

Korinthenkacken ohne bestimmten Anlass

Mittwoch, 3. August 2005

Ein Quantensprung ist was ganz, ganz Kleines. Deshalb als Metapher nur in Ausnahmen für Superlative geeignet.

Home Shopping

Mittwoch, 3. August 2005

Habe ich ja schon ein Problem mit dem Konzept des privaten Erbens: Wieso sollte ich als erwachsener, autarker Mensch irgend ein Anrecht auf Eigentümer haben, die jemand anderer sich durch harte Arbeit oder meinetwegen durch Glück erwirtschaftetet hat – bloß weil er aus demselben Genpool schöpft?

Die New York Times beschreibt ein Phänomen, dessen Beobachtung ich bislang nicht wahrhaben wollte, weil das dann doch nicht sein kann: Dass Menschen auch zu Lebzeiten ihrer Eltern glauben, dass sie sich beliebig bedienen können:

It was not the first time Ms. Wilkner had swiped something from her mother. She often appropriated socks, spices, oatmeal, once even a chest of drawers she found in her mother’s bedroom that had yet to be assembled. “That was a pretty good steal,” Ms. Wilkner said. “Oh, I took a bookshelf, too. Clocks. I took artwork, a bunch of Monet prints. But my parents have plenty of artwork.”
(…)
Stephen Kunken, 34, an actor in New York who is an admitted “pillager” of his parents’ possessions, said he rationalized that his parents had too much stuff and that he was both “trimming the fat” and “liberating” things. “I thought: ‘These poor things. These are never going to get used. I’m going to liberate them and bring them into the city,’ ” he said.
Through the years Mr. Kunken has taken briefcases, a slide projector, an electric toothbrush, razors, blank tapes, paper towels, soap and bottles of wine.

It’s the kids. Lock up the China!

bei sofa