Archiv für Januar 2006

Nachteile des Wohnens in einer Medienstadt

Donnerstag, 26. Januar 2006

Ich kenne so viele Leute nicht, dass ich, wenn mir jemand auf der Straße bekannt vorkommt, meist nicht sicher bin, ob wir uns tatsächlich mal vorgestellt wurden, oder ich dem Gesicht bloß regelmäßig im Fernsehen begegne.

Anne Fadiman, Ex Libris

Dienstag, 24. Januar 2006

Ich war tatsächlich ganz begeistert von Anne Fadimans Essaysammlung Ex Libris. Confessions of a Common Reader, das mir Kommentatorin Jule hier empfohlen hatte. (Danke! Genau dafür liebe ich das Bloggen.) Die Empfehlung wiederhole ich hiermit.

Und doch haben mich zwei Stellen in diesem Buch gekränkt, vermutlich besonders wegen der sonst übereinstimmenden Leidenschaft:

1. Im Essay „Never Do That to a Book“ legt Fadiman dar, Buchliebhaber, die den Gegenstand Buch erhalten, schützen, bewahren, hätten kein sinnliches Verhältnis dazu. Sie nennt diese reader „courtly lovers“, im Gegensatz zu „carnal lovers“, die zum Beispiel auf D’Aulaire’s Book of Greek Myths Led-Zeppelin-Schlagzeugsoli üben. Sie macht recht klar, dass sie „courtly lovers“ für mindere Buchliebhaber hält.
Das kränkt mich, weil ich sehr wohl auf meine Bücher aufpasse. Ich finde es zwar in Ordnung, wenn man ihnen ansieht, dass sie gelesen wurden – doch sie auf den Bauch zu legen, vielleicht aufgeschlagen auch noch platt zu drücken, hieße, ihr lesbares Dasein massiv zu verkürzen (aus einem Taschenbuch, das ich ohnehin kein zweites Mal zu lesen gedenke, die weggelesenen Kapitel gleich ganz herauszureißen und wegzuwerfen, wie es Fadiman senior zuweilen tut, das kann ich mir schon eher vorstellen). Zudem versehe ich meine Lektüre durchaus mit Notizen – allerdings ausschließlich mit Bleistift. Auch wenn ich mir inzwischen jedes Buch leisten kann, das ich lesen möchte (ich bin keine Sammlerin und begehre keine raren Ausgaben), sind Bücher für mich weiterhin Kostbarkeiten. Vielleicht entsteht diese Haltung nur, wenn man wie ich aus einer funktional bücherlosen Familie kommt. Dass man Bücher auch selbst besitzen kann, nicht nur aus Bibliotheken ausleihen, dass man sich das sogar sehnlich wünschen kann, das kam ureigen aus mir heraus und steht im Gegensatz zu meiner Familiengeschichte.

2. Woraus Kränkung Nummer 2 folgt. Fadiman behauptet im Kapitel „My Ancestral Castles“, dass nur das familiäre Vorleben von Bücherliebe zur Bücherliebe bei den Nachkommen führen könne:

My daughter is seven, and some of the other second-grade parents complain that their children don’t read for pleasure. When I visit their homes, the children’s rooms are crammed with expensive books, but the parents’ rooms are empty. Those children do not see their parents reading, as I did every day of my childhood.

Ihre Folgerung:

There must be writers whose parents owned no books, and who where taken under the wing of a neighbor or teacher or librarian, but I have never met one.

Soso, denke ich mir, vielleicht hätte Madame Fadiman sich einmal im Leben raus aus ihren Manhattan-Woody-Allen-Ostküstenintellektuellenkreisen bewegen sollen. Dann wäre sie vielleicht auf keineswegs seltene Menschenexemplare wie mich gestoßen, denen das Lesen, das Schreiben und die Bücherliebe ein angeborenes Bedürfnis war, das sich sogar gegen Leseverbote der Eltern (denn für die war Romanelesen = Faulsein auf dem Niveau von TV-Shows-Gucken) durchsetzte. Es gab auch keine Lehrerin oder Bibliothekarin, die mich unter ihre Fittiche genommen hätte: Ich las mich durch eine Menge Scheiße in der Pfarrbibliothek (Die dortige alte Dame stutzte nur einmal kurz, als ich mir mit 10 Kästners Fabian holte, weil ich alle anderen Kästners bereits gelesen hatte. Doch sie überließ es mir kommentarlos, kannte seinen Inhalt anscheinend selbst nicht.), bis ich mithilfe des regulären gymnasialen Deutschunterrichts auf nachhaltigere Lesefährten kam.
Ich fühle mich von Fadiman ausgegrenzt aus dem Kreis der ernst zu nehmenden common readers, von denen ihr Buch handelt, weil ich aus den falschen Kreisen komme. Und bin beleidigt.

(Poetic justice: Weil ich noch die Zitate nachschlagen musste, nahm ich das hübsche Fadiman-Büchlein in meiner Arbeitstasche mit ins Büro. Wodurch seine Rückseite leider ein paar Kaffeeflecken abbekommen hat.)

Krähensprache

Montag, 23. Januar 2006

Stattkatze gibt Unterricht in Krähisch: Bodytalk. A guide for beginners.

(Gibt es als Gegenstück zu parseltongue womöglich croweye?)

Oma-Beerdigung – 4: Kaltmamsell lernt Kind

Samstag, 21. Januar 2006

Kaltblütig übergab mir mein Bruder in unserem Elternhaus abends seinen beiden Söhne (4½ und 2½) für die Stunde, da er noch mal kurz ins Büro musste, bevor wir zum Requiem für meine Oma fahren würden. Mir war klar, dass sich meine beiden italienischen Kusinen, die im Obergeschoß gerade Koffer packten, sehr über eine intensive Begegnung mit den beiden freuen würden.
Warum der Mitbewohner vor Kichern fast vom Sofa fiel, als ich – im sicheren Abstand zu Neffe 1 und Neffe 2 – flehend die Treppe hinauf rief: „Hier unten gibt’s kleine Kiiiinder!“ und dann „Süße, süße, süße kleine Kiiiiinder!“, das begriff ich erst mal nicht.

Und dann machte ich sogar Fortschritte! Der Zweitneffe spielte Eisdiele und tat so, als gebe er mir einen Batzen Zitroneneis in die Hand. Ich tat folgsam so, als leckte ich daran, rief brav „mmmmh, lecker!“, was allein schon einen berstend begeisterten Gesichtsausdruck bei Neffe 2 hervorrief. Als ich mich dann zu improvisieren traute und sagte „Hoppla, jetzt ist was runtergetropft!“, reagierte Neffe 2 sofort mit Wischen des Bodens unter meinen Händen. Echte Interaktion, würde ich mal sagen. Puh.

Oma-Beerdigung – 3: Die Babylonier hätten sich bloß ein bisschen anstrengen müssen

Samstag, 21. Januar 2006

Zur Beerdingung meiner Oma war auch ihre jüngere Tochter, also meine Tante Barbara, mit ihren beiden erwachsenen Töchtern angereist. Zur Erinnerung:
Verkehrssprache in unserer wild migrierten Familie ist Deutsch. Diese Tante Barbara hat in fast 40 Jahren Italien ihres ziemlich verlernt und spricht die Reste in Intonation und begleitender Gestik ohnehin wie Italienisch. Ihre ältere Tochter hatte mal ein paar Jahre Deutschunterricht Auf dieser Basis habe ich mit ihr einen eleganten Modus der Verständigung gefunden: Sie spricht langsam und einfach Italienisch, ich antworte langsam und einfach Deutsch. Das funktioniert. Meine jüngere italienische Kusine kann gar kein Deutsch. Sie lässt sich von ihrer Schwester die interessantesten Passagen der Konversation – da, wo am meisten gelacht wird – dolmetschen. Sie lacht dann halt zeitversetzt.

Mein spanischer Vater bildet sich nach wie vor ein, er müsse seine Muttersprache lediglich italienisch intonieren sowie hin und wieder eine italienisch klingende Endung anhängen – dann spreche er Italienisch. Die Wörter “mangare” und “parlare” kann er tatsächlich, deshalb verwendet er sie so oft wie möglich. Meine ältere italienische Kusine wendet diesen Trick mittlerweile auch umgekehrt an, um aus ihrem Italienisch Spanisch zu machen. Ich erfinde nichts.

Gestern eskalierte das Sprachtheater am Mittagstisch nach der Beerdigung.
Ich hatte mir nach einer Halben Schwarzbier in den Kopf gesetzt, mich mit meiner jüngeren Kusine, die gar kein Deutsch spricht, direkt zu unterhalten. Nun wir wissen ja alle, dass die Verständlichkeit einer Sprache steigt, wenn man sie besonders langsam, begleitet von expressiver Gestik / Mimik und vor allem besonders laut äußert. Nicht dass irgend ein Familienmitglied bei uns sonst leise spräche. Also erzählte ich der verdutzten Kusine langsam und lautstark von den Unterschieden zwischen deutscher und spanischer Gastfreundschaft (die Frau hat Hotelfach gelernt, also beschloss ich, das müsse sie interessieren). Gleichzeitig tauschten meine ältere Kusine und mein Vater sich mühsam und immer lauter darüber aus, welche Route die Kusine bei ihrer ersten Tour durch Spanien genommen hatte. Dazwischen sah sich ältere Kusine in der Pflicht, ihrer Schwester Brocken meiner deutschen Ausführungen ins Italienische zu übersetzen. Wogegen jüngere Kusine bald lautstark protestierte: Sie verstehe mich bestens. (Sag ich ja: Hauptsache laut. Jüngere Kusine lachte sogar an den richtigen Stellen.) Zwischen meiner Tante und meiner Mutter gab es eigentlich keine Sprachbarriere, doch zum einen kennt meine Tante nur fortissimo; zum andern hätten sie sich über dem Geschrei von uns anderen ohne eigenes Schreien nicht verstanden.

Es war herrlich. So mag ich Familie.

Familienalbum – 14: Oma

Samstag, 21. Januar 2006

Kazimiera, 29.8.1921 – 16.1.2006, hier 1970 mit ihrer ersten “Engelin”

„I stirb i eh bald.“ Seit ich mich erinnern kann, erwähnte meine polnische Oma bei jeder passenden Gelegenheit (die sie notfalls selbst schuf), dass sie nicht mehr lang zu leben haben würde. Sie war, bei allem ungesunden Lebenswandel (u.a. massives Übergewicht, null Bewegung), ein sehr zäher und gesunder Mensch, der halt mangels irgend welcher anderer Interessen seine Wehwehchen in das Zentrum seines Bewusstseins und Denkens stellte.
Irgendwie muss ich daraus abgeleitet haben, dass sie in Wirklichkeit niemals nicht sterben würde. Denn ich war völlig überrascht, dass sie das dann doch tat, gestern haben wir sie in meiner oberbayrischen Geburtsstadt beerdigt. Im Alter von 84 Jahren war sie nachts in ihrer Wohnung, vermutlich auf dem Weg aufs Klo, einfach tot umgekippt. Meine Eltern fanden sie wenige Stunden später bei ihrem fast täglichen Besuch.

Ich werde sicher noch ausführlicher über das Leben dieser Kazimiera aus dem südpolnischen Klimontov schreiben (hier hatte ich bereits kurz von ihrer Verschleppung erzählt). Meine Mutter fand in ihren Schubladen einen Stapel alter Fotos, von denen sie die wenigsten einordenen konnte (fragen geht ja nun nicht mehr). Ich habe sie rasch eingescannt, auch beschriebene Rückseiten.

Im Lauf des gestrigen Tages wurde mir klar, dass es neben ihrem unvergleichlich schrägen Deutsch vor allem drei Gerüche sind, die mich wohl auf ewig an meine Oma erinnern werden: Ölheizung (“te Ähluffe”), Armani-Parfum (entdeckte meine Oma, gleich nachdem es auf den Markt kam und verwendete es reichlich; bis heute verdutzt es mich, wenn junge Frauen ein für meine Nase mit “Oma” belegtes Parfum verwenden), Eukalyptusbonbons, die sie schon ausdünstete, wenn sie mich vor 35 Jahren vom Kindergarten abholte.
Meine Mutter erzählt, dass sie in Omas Schränkchen, auf dem der Fernseher stand, noch über ein Kilo dieser Eukalyptusbonbons fand.

Bescheuerte Eitelkeiten

Donnerstag, 19. Januar 2006

Sich der Irrelevanz von Blogs insgesamt und des eigenen im Besonderen bewusst sein. Sich trotzdem über die Tatsache kränken, dass derzeit ein Text durch die Online-Medien geht, auf den man selbst schon viiiiiiel früher hingewiesen hatte. Sich um ein Lob gebracht fühlen.


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