Marken-Bigotterie

Montag, 16. Oktober 2006 um 11:37

Einerseits weiß ich, wie Marken funktionieren und warum sie wirken – das gehört zu meinem Job. Zur Erklärung reicht eigentlich der bereits angesprochene Prada-Artikel aus der SZ-Wochenendbeilage. Darin kommt der Schlüsselbegriff „Lebensgefühl“ vor, und das erzeugen Marken durch einen sorgfältig generierten Mythos und das damit verbundene Wertesystem.

Auf derselben Seite liebe ich Mode als Kunstform. Ich finde es jede Saison wieder spannend, was sich die kreativen Köpfe der großen Häuser ausgedacht haben, welche Stoffe verwendet werden, welche Epochen und Themen durchscheinen. Auch schaue ich sehr gerne schön gekleidete Menschen an, freue mich an ihren Einfällen und an der Sorgfalt, mit der sie sich stylen. (Ein Herr hat aus dieser Freude ein Blog gemacht: Sie kennen The Sartorialist?)

Nur – andererseits hat weder das eine noch das andere mit mir persönlich zu tun. Während meine Mutter sich bis heute beim Anblick der Haute-Couture-Schauen ereifern kann: „Wer soll DAS bitte tragen?!“, sehe ich kaum einen Bezug zu meiner eigenen Kleidung. Bis in die Klamottengeschäfte meiner Reichweite sickert ohnehin höchstens mal eine Farbe, die auf dem Laufsteg zu sehen war.

Ebenfalls andererseits entferne ich – seit ich denken kann – Herstellerwapperl aus meiner Kleidung. Die sichtbaren, weil ich ohne Bezahlung nur in Ausnahmefällen Werbung laufe. Die innen liegenden, wenn sie kratzen oder das Kleidungsstück verformen. Gestickte Herstellernamen trenne ich auf, über die unentfernbaren Logos auf Sportbekleidung ärgere ich mich. Vielleicht bin ich einfach nur sehr wählerisch, womit ich mich identifizieren lasse; eine Kleiderfabrik gehört jedenfalls nicht dazu, mögen ihre Produkte noch so exklusiv und teuer sein. Nicht mal mit dem Boykott derselben lasse ich mich identifizieren – ich fand es faszinierend, wie viel Energie mein sechs Jahre jüngerer Bruder seinerzeit investierte, bestimmte Marken nicht zu tragen.

Und so gerne ich wohlgekleidete und elegant / kreativ gestylte Menschen ansehe – wenn den Mittelpunkt eine Tasche, Brille oder Jacke mit einem riesigen Herstellernachweis bildet, sehe ich nur noch eine unpersönliche Litfasssäule.

Antiquarische Kleidung ist etwas Anderes: Die 50 Jahre alte Kostümjacke mit kratzigem Mohair aus dem längst verblichenen Modehaus Feldmann in meiner Geburtstadt trage ich sehr gerne mit Feldmann-Etikett im Innenfutter. Es gehört zur Geschichte, die dieses Kleidungsstück erzählt. Ebenso ginge es mir mit maßgeschneiderten Einzelstücken (kommt schon noch): Darin sähe ich das Wapperl des Designers als Handwerker-Signatur.

(Zum Film nochmal: SZ-Autorin Kiani muss einen anderen gesehen haben als ich. Mir ist im Gegensatz zu ihr sogar besonders aufgefallen, dass die Runway-Chefredakteurin Miranda keineswegs als willkürliche Sadistin dargestellt wurde, sondern von einem übermenschlichen Qualitätsanspruch getrieben. In ihrem Job ist sie derart gut, dass ihre Umgebung ihre soziale Inkompetenz in Kauf nimmt. Wäre ich nicht so ein gefallsüchtiger Feigling, könnte ich ihr ähneln.)

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Marken-Bigotterie“

  1. kid37 meint:

    Etiketten entfernen? Oha, das galt ja als typisches Merkmal für diese Leute, die man mit der Rasterfahndung suchte. Ich mache das allerdings auch, bzw. meide solche auffällig gekennzeichneten Sachen. Antiquarisch? Gerne doch: Bei mir ist es das “Müller-Wipperfürth”-Jacket, und eines von Dings&Dings mit dem herzergreifenden Label “Formtreu” (wo gibt es sonst noch solche Treue heutzutage?).

  2. Der Langweiler meint:

    Ich bin in den Siebzigen in Lacoste-Hemden herumgelaufen, aus denen meine Mutter das Krokodil herausgetrennt hatte. Die haben mit dem Unfug angefangen.

  3. Buster meint:

    Ich habe irgendwann im letzten Jahrtausend auf jedes Kleidungsstück das Lacoste-Krokodil draufgebügelt (eine große Tüte Lacoste-Bügelkrokodile als Schnäppchen erstanden) und fand, es gäbe keinen besseren Protest gegen Markenklamotten. Erst neulich habe ich einen Original-Bundeswehr-Lacoste-Parka und ein Original-Lacoste-PLO-Tuch an die barmherzigen Samariter im Altkleidercontainer geopfert ;-).
    Aber „Marken“ haben doch bitte weder unmittelbar was mit kreativer Kleidung noch mit ästhetisch ansprechend gekleideten Menschen zu tun? Ich bin jedenfalls zwischenzeitlich Anhänger von einheitlicher Schulkleidung geworden.
    Ihren Film habe ich im übrigen auch gesehen, vielleicht ist der Qualitätsanspruch gar nicht ganz so überirdisch, aber wer viel Wert auf gute Arbeit legt, gerät leicht in den Verdacht Menschenfeind zu sein …

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