Eine ganz persönliche Bitte: Nie wieder Spiegelschau

Dienstag, 28. August 2007 um 15:46

Es gibt unter all den Manierismen der Erzähltechnik einen, den ich nie wieder sehen möchte, bitte: Die Beschreibung einer erzählenden Person durch Blick derselben in den Spiegel. Nennen wir diesen scheinbaren Kunstgriff hiermit „Spiegelschau“, in Anlehnung an die „Mauerschau“, die wir aus dem Drama kennen. Fast hätte ich das erste Buch von Friedrich Ani, das ich in die Finger bekam, nicht weiter als bis Seite 21 gelesen – und in Folge nie wieder etwas von diesem Autor, den ich mittlerweile sehr schätze. Denn da hieß es, nachdem wir bis dahin die gesamte Handlung aus der Perspektive dieser Sonja erlebt hatten:

Mit der Unterseite der linken Faust wischte sie einen Kreis in den beschlagenen Spiegel, etwa so groß wie ihr Gesicht, und betrachtete sich. Ihre grünen Augen, ihre hohe Stirn, auf der ein paar Wassertropfen glitzerten, die schmale Nase, deren Spitze zaghaft nach oben zeigte, was sie ein wenig ärgerte, ihre Lippen, deren perfekte Form sie immer wieder bewunderte, vor allem wenn sie sie glutrot schminkte …

Und so weiter und so fort. Niemand, nie-mand schaut sich mit diesen Gedanken im Spiegel an: „Meine graublaugrünen Augen, meine etwas welke Stirn, meine kräftige Nase…“ Das gibt es nur in der Spiegelschau, der Notlösung für Personenbeschreibungen aus der untersten Schublade des Autorennähkästchens.

Eben erst bin ich im sonst ganz ausgezeichneten The Eyre Affair von Jasper Fforde wieder auf solch eine Passage gestolpert. Dabei war der Autor in diesem Fall sogar ganz dicht an der hundertmal besseren Lösung:

I opened the drawer of my desk and pulled out a small mirror. A woman with somewhat ordinary features stared back at me. Her hair was a plain mousey colour and of medium length, tied up rather hastily in a ponytail at the back. She had no cheekbones to speak of and her face, I noticed, had just started to show some rather obvious lines. (…) I shuddered, placed the mirror back in the drawer and took out a faded, slightly dog-eared photograph. It was a photo of myself with a group of friends taken in the Crimea when I had been simply Corporal T.E.Next

Die Ich-Perspektive macht das ganze noch schlimmer. Warum hängt Fforde die Beschreibung nicht an der Betrachtung des Fotos auf? „Damals hatte ich mir die Haare noch nicht wachsen lassen. Und wie glatt und faltenlos mein Gesicht noch war.“ Wäre doch viel eleganter.

Sollten Sie also vorhaben, jemals eine Geschichte mit Personenbeschreibung zu verfassen: Bitte nicht per Spiegelschau. Ja?

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Eine ganz persönliche Bitte: Nie wieder Spiegelschau“

  1. albertsen meint:

    Ich würde sogar weitergehen: Niemals den Protagonisten näher beschreiben, wenn er als Identifikationsfigur für den Leser herhalten soll, das gilt insbesondere für “Helden”. Man soll sich schließlich in seiner Haut wohlfühlen.

    Überhaupt Personenbeschreibungen. Ich merke, wie meine Aufmerksamkeit regelmäßig auf Wanderschaft geht, wenn mir jemand Augen, Nasen und Ohren erklären will. Warum ist das das wichtig? Doch nur wenn es der Charakterisierung dient, und da braucht es nur ein, zwei schnelle Details.

  2. l9 meint:

    Stimmt.
    Überhaupt mag ich das Beschreiben auf einen Schlag garnicht. Das hat sowas Eitles an sich und wirkt sich negativ auf mein Bild vom Protagonisten aus.

  3. Der Mitbewohner meint:

    Ich wünsche mir schon lange ein Buch, bei dem die Beschreibungen aller wichtigen Personen gesammelt in einem Anhang erscheinen, und zwar nur dort. Ich mag Anhänge aber ohnehin.

    Oder vielleicht gar nur eine Zusammenfassung: “Unter den Hauptpersonen in diesem Buch befanden sich vier Menschen mit grünen, zwei mit braunen und einer mit blauen Augen. Haarfarben: blond (4), hellbraun (12), Weizenfeld im Abendrot (1).”

  4. croco meint:

    Mir erscheint das immer wie die Erstellung eines Fahndungsfotos. Ein Gesicht ist doch mehr als die Summe aller Teile.
    Oft reicht so wenig, um sich einen Menschen vorstellen zu können.
    “Viele sehen mit Argwohn mein Raubvogelgesicht “.

  5. maz meint:

    Und… auch in der Malerei (und meinetwegen Zeichnerei) ist der Spiegel ein (technisch) sehr anspruchsvoller Kunstgriff, an den sich nur Dumköpfe oder Genies heranwagen…

  6. Mareike meint:

    Aber das Buch lohnt sich? Ich habe es neulich auf der Heimfahrt in der Bahnhofsbuchhandlung meiner Wahl (mit ganz entzückender Buchverkäuferin) erstanden, aber noch nicht angefangen. Die Idee fand ich witzig.

  7. hufi meint:

    Na, liebe Kaltmamsell, ich weiß nicht so recht. Weit entfernt davon, auch nur irgendetwas wichtiges an Literatur gelesen zu haben, kann so ein gespiegeltes Bild gerade so viel mitteilen, wie es auf diese Weise geht. Es ist normalerweise (kommt auf den Spiegel an) spiegelverkehrt zum Beispiel. Und dann, wenn es schon icht, ist es selbst bezeichnend, wenn jemand es so tut. (Mache ich auch schon mal, aber eher nach einer unruhigen Nacht oder einer bedepperten, schlaflosen etc.). Aber nie sehr ausgiebig, meistens reicht der Blick in die Augensäcke, um mitzuteilen, du habest zu wenig geschlafen.

    Schlimm finde ich allenfalls, am Beispiel, das Abarbeiten kompletter Klischeeformulierungen, die ich so eigentlich eher aus Heftchen der Sorte “Die wahre Geschichte” kenne. Ist eben platt sowas.

    “Ja, meine Schreibbegabung, deren perfekte Form ich immer bewundere, dann jener Herpeskomplex, der selbst einfache Formen des Suppenlöffelns zu einer heiß-nassen Wasserschlabberschlacht werden ließ.”

  8. Gonzo meint:

    Bisschen spaet dran mit der Eyre Affair, oder? Wo doch gerade First Among Sequels rausgekommen ist … die ganze Serie musst du lesen, gerade du! … wenn du die noch irgendwo erwischen kannst … hehe …

  9. die Kaltmamsell meint:

    Steht hier alles im Regal, lieber Gonzo, da der Mitbewohner die Serie schon vor zwei Jahren in England entdeckt hat. Die Eyre Affair musste er mir allerdings sehr lange unter die Nase halten, bis ich anbiss; lag vielleicht an dem Dodo vorne drauf (und an des Mitbewohners Lesevorlieben). Jetzt kommt allerdings erst mal der neue Matt Ruff dran.
    Wie das Buch in Deutschland zum Bestseller wurde, ist mir allerdings ein ähnliches Rätsel wie seinerzeit Bridget Jones’ Diaries – das Zeug ist derart britisch, das kapiert hier doch keiner!

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