Hauptsache weg

Samstag, 23. Februar 2008 um 8:49

Gestern schrieb ich einem Unbekannten, der in derselben Stadt geboren ist wie ich, und der es dort lebenswert genug zum bewussten Bleiben findet, warum ich mit dieser Provinzstadt sehr bewusst nichts mehr zu tun haben will:

Diese Stadt bedeutet War, kein bisschen Wird.

Diese Stadt bedeutet Berechenbarkeit.

Diese Stadt bedeutet die Nägel, die die Flügel des Weiterdenkens am Boden festtackern.

Diese Stadt bedeutet die Abwesenheit jeder Art von Verheißung.

Diese Stadt bedeutet die völlige Vorhersagbarkeit.

Diese Stadt bedeutet die graue Vertrautheit einer 40-jährigen Zweckehe.

Diese Stadt bedeutet die Unmöglichkeit von Anonymität.

Diese Stadt bedeutet Artenarmut.

Diese Stadt bedeutet rein biologische Lebensplanung: Nestbau, Brutpflege, Arterhaltung.

Diese Stadt bedeutet einen alles dominierenden Fabrikmoloch.

Diese Stadt ist gemeint in John Cales „Smalltown“:
„There is only one good thing about small town
You know that you want to get out.“

Wobei mir durchaus klar ist, dass man all das – bis auf den letzten Punkt – attraktiv finden kann. Mich würgt es.
Selbst wenn ich den einen großen Ortswechsel nicht mehr in Angriff nehme: Ziemlich sicher wird mir immer echte Großstadt am liebsten sein.

die Kaltmamsell

23 Kommentare zu „Hauptsache weg“

  1. Lina meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,

    wenn man selbst nicht (in sich) hat, was diese Stadt nicht hat, dann kann man bleiben; dann braucht man keine andere Stadt.

    Insofern finde ich nicht besonders nett, eher ein wenig arrogant, was Sie einem (unschuldigen) Unbekannten hier schreiben, indem sie ihm die Stadt schlecht machen, für die er offenbar gemacht ist wie sie für ihn. Erst wer geht (wie Sie!), setzt ein Signal, dass es sich anders verhält.

    (Frage: War das Ganze vielleicht doch nur eine ihrer so sympathisch offenen Selbstauskünfte…?)

    Lina

  2. croco meint:

    Ach, Frau Kaltmamsell, das kenne ich.
    Erst diese Woche kam Post von da, aus der Vergangenheit, Einladung, sich wiederzutreffen.
    Zurück in dieses dunkle Tal?
    Ort des Mißtrauens? der Freudlosigkeit?der Mißgunst?
    Ort des ausgeübten Christentums, an dem die Luft gefriert?
    Sobald ich denken konnte, wollte ich weg.
    Sobald ich gehen konnte, ging ich.
    Und jetzt Stadtführung?
    Vielleicht geht es, wenn ich es unter anthropologsichen Gesichtspunkten betrachte?

    Kennen Sie übrigens „Schlussball“ von Gerd Gaiser? Es ist für Menschen, die solche Städte nicht mehr aushalten.

  3. Tim meint:

    Leute, die bewusst auf einem Dorf wohnen, würden Sie wohl nicht einmal ansehen. Mir kommen solche Zeilen immer wie Selbstvergewisserung vor. Muss es denn den „place to be“ geben? Was ist denn eine „echte“ Grossstadt? Oder eine „unechte“? München würde von Vielen wohl eher als „unechte“ einsortiert.

  4. Mensch Mayer! meint:

    Lina, ich würde es etwas anders formulieren: Wenn man selbst (in sich) hat, was diese Stadt nicht hat, dann kann man bleiben; dann braucht man keine andere Stadt. (Denn dann ist man nicht darauf angewiesen, es von außen beigebracht zu bekommen.)

  5. die Kaltmamsell meint:

    Der Herr wollte es wissen, Lina. Mir ist durchaus klar, dass man das alles attraktiv finden kann. Andere leben gerne allein in einem Bauwagen.

    Danke für den Lesetipp, croco.

    Wenn Selbstvergewisserung dasselbe wie Reflexion ist, Tim, dann sicher. Echte Großstadt ist alles, von dem aus man „auf’s Land ziehen“ kann (habe ich noch nie in einer Kleinstadt gehört).

  6. Tim meint:

    Mit der Definition würde man nicht nur bei Tokio an Grenzen stossen. Echte Grossstädte haben kein „Land“ wo man hinziehen könnte.

  7. Lila meint:

    Ziemlich viele Leute in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, sind irgendwann aufs Dorf gezogen und der Unterschied zwischen Kleinstadt und Dorf ist sehr fühlbar. Allerdings ist es eine Kleinstadt mit starkem akademischem Bevölkerungsanteil, also sehr gemischt und nicht nur „Eingeborene“.

    Ich habe die Großstadt genossen, wirklich, aber die Provinz hat auch was für sich – wenn man fremd hinkommt. Ich lebe heute in einer Art Dorf und bin damit sehr zufrieden. Seltsamerweise auch mein Mann, der hier aufgewachsen ist, wie auch seine Eltern. Vielleicht werde ich als Empty-nester wieder Sehnsucht nach der Großstadt haben?

    Und, Tim: Kaltmamsell spricht mit mir!!! Obwohl ich nicht nur Landei bin, sondern dort auch noch Bärenjunge in Form lecke.

  8. walküre meint:

    Wenn Sie „Fabrikmoloch“ durch „zunehmende Verindustrialisierung“ ersetzen, haben Sie exakt jene Gründe aufgelistet, die mich dazu bewogen haben, das ach so idyllische Land- und Kleinstadtleben endgültig hinter mir zu lassen.

  9. Tim meint:

    Hier gibt es ein Dutzend Häuser, die nächste Gemeinde 6 km enfernt, die nächste Kleinstadt 16 km und die nächste Grossstadt 60 km. DSL nur als „DSL-light“, kein UMTS und kein Kabelfernsehen. ÖPNV nur in der Schulzeit 2x am Tag ein Bus. Wer bietet weniger?

  10. Lila meint:

    In dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, gibt es eine Straße, einen Zigarettenautomat und eine Bushaltestelle. Ich hab da keine Sehnsucht nach. Ohne Fahrrad war man aufgeschmissen und Radfahren war gefährlich, besonders im Herbst, wegen der Rübentraktoren und Rüben auf den Straßen.

    Die 15 km zur nächsten Kleinstadt werden durch Autohäuser, Caravanverleih, Badezimmer-Center und ähnliche Auswüchse der Industrie-Architektur verschandelt. Dazu kommt die Umzingelung durch die Braunkohle, abgebaggerte Dörder, Dreck in der Luft, abgeholzte Wälder. Idylle ist lang her.

  11. Chrizzo meint:

    Weniger, aber natürlich nicht aktuell.
    Wir wohnten dort zwei Mal, allerdings in jeweils anderen Häusern.
    Das eine Mal habe ich es geliebt, das andere Mal habe ich es gehasst.
    Das erste Mal war ich ca. 6-8 Jahre alt, das zweite Mal war ich 15-17 Jahre alt.
    Das erste Mal bedeutete es mir die völlige Freiheit, das zweite Mal die absolute Enge und das Nichtvorhandensein von allem, was man sich sonst in dem Alter wünscht – nur die Pferde waren da mich zu trösten.
    Es gibt dort ganze 5 Häuser, drei auf der einen Straßenseite und zwei auf der anderen. Zur Linken hatten wir weder auf der einen noch der anderen Nachbarn und die Abstände zum nächsten Haus verhinderten grundsätzlich das Bemerken des Nächsten durch Geräusche. Der Bus kam ebenfalls nur während der Schulzeit 2x täglich.
    Die absoluten Kilometerdistanzen zu nächsten Geminden etc. habe ich nicht mehr im Kopf, war aber alles zu weit weg um beispielsweise mit dem Rad hinzukommen. Nächste Schulkameraden mit denen ich hätte etwas anfangen können, waren auch nicht von mir alleine erreichbar.
    Heute wohne ich in einer Metropole am anderen Ende der Welt, quasi. Theoretisch gibt es hier nichts, was es nicht gibt. Faktisch sind die Distanzen und der Stau ein absolutes Hemmnis dies auch vernünftig wahrnehmen zu können.
    Ich sehe mich so irgendwann in einer kleinen Großstadt mit viel Kultur und Natur drum rum glücklich werden, _noch_ glücklicher werden. ;-)

  12. p.m. meint:

    Oh, John Cales Smalltown. Bringt es auf den Punkt. Und ich liebe auch die vielen anderen Aussagen auf dieser Platte. War gar nicht die Art von musikalischer Illustration, mit der ich bei Ihnen gerechnet hätte.

  13. der Dicke meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    mein „Weggehen“ aus der behüteten Tristesse eines Provinznestes war gewaltsam.
    Ich wurde eigentlich herausgerissen.
    In den Arsch getreten.
    Eingeholt von der Notwendigkeit, sich seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen und der Tatsache, dass der Moloch, von dem die Stadt abhing, plötzlich nicht mehr existierte.
    Bis zu diesem Zeitpunkt war ich glücklich in dem bequemen Einerlei.
    Es hat geholfen. Heute drückt Ihr Statement genau das aus, was ich über die Stadt denke, in der ich groß geworden bin.

    Und – wenn der Gute es schon WISSEN wollte – warum aus Höflichkeit lügen?

  14. Sebastian meint:

    Ach ne, wie fad, das Interessante nur ab einer gewissen Einwohnerzahl entdecken zu wollen. Wo kommen denn die großen Dramen her (deren Zutaten allerdings oben zum Teil genannt werden)? Aus München aber nur: süffige Tatorte. Sage ich als geborener und zweifach geflüchteter Kleinstädter, der Provinzbeschimpfung nur von geborenen Großstädtern akzeptiert. Allerdings stimmt es, dass man schon starke Nerven und keinen Hang zum durchgängigen Wohlfühlen haben sollte, um das Leuchten der Provinz wahrzunehmen. Aber Sie meinten das eh alles nur persönlich, oder?

  15. Greenbay meint:

    Dorf, Kleinstadt, Lübeck, Bielefeld, Bochum, Essen, Köln, Bielefeld, Berlin, kleines Nest, Kleinstadt, hatte alles seine Vor- und Nachteile. Leute die stolz darauf sind, es z.B. von Celle nach Hamburg geschafft zu haben… that don’t impress me much (c) Shania Twain

  16. die Kaltmamsell meint:

    Es sind einfach unterschiedliche Prioritäten. Weitere Beispiele: Letzthin auf einer Feier in München klagte die Gästin vom Land, sie würde es in München nicht aushalten, weil sie immer 15 Minuten für jede Parkplatzsuche brauchen würde. Ich wiederum würde es nicht aushalten, auf ein Auto angewiesen zu sein.
    Die eine findet es schön, das sie jeden auf der Straße kennt – ich kriege Gänsehaut, wenn mich bei einem Besuch in der Geburtsstadt ein vorbeiradelnder Herr mit Namen grüßt und sich als der Hausmeister meines Gymnasiums herausstellt.

  17. robson meint:

    Na, ja. Ist es so eindeutig und einfach oder ist die Angelegenheit nicht doch auch ambivalent?
    Mich würgt es bisweilen auch, wenn ich an die selbstgefällige verlogene Provinzidylle meines Geburtsstädtchens denke. Vielleicht wird so ein Verdikt dem Ort aber auch nicht unbedingt gerecht. Ich bin auch froh von dort weggekommen zu sein, weil es irgendwie ziemlich eng war und ich zeitweilig auch das Gefühl hatte es müßte doch noch was anderes geben, das richtige Leben halt. Und an jeder geographhischen Station meines Lebens habe ich mich seither nach eigenem Empfinden schubweise weiterenrwickelt und auch geistig freigeschwommen. Was man mit einem Ort anfängt oder daraus macht, hängt doch auch davon ab, wie weit man gerade selbst ist, oder? Einige meiner Jugendgefährten sind dort geblieben und haben ganz respektabel ihr Leben gelebt. Die und ich, das sind einfach zwei paar Schuhe. Je älter ich werde – vielleicht auch durch die Kinder und meine erheblich jüngere Frau – umso häufiger und zerissener blicke ich auf meine Kinheits- und Jugendjahre zurück und stoße mich dabei weniger an der Lokalität als an den damals herrschenden Gegebenheiten. Die sechziger und die siebziger jahre waren einfach eine ganz andere Zeit, – auch in den Großstädten. Vielleicht sollte man das alles so wenig emotional als möglich sehen, obwohl gerade das sehr sehr schwer fällt. In Sprnigsteens „My Hometown“ ist der dem Song unterlegte Text ja auch eher neutral erzählend, die Musik aber ein Schmachtfetzen, dass einem die Tränen kommen könnten.
    Vielleicht ist der Gaiser mit seinem „Schlußball“ ganz gut zu dem Thema, weil es ihm dabei um Veränderungen und Brüche geht, mit denen Menschen fertig werden müssen. In „Eine Stimme hebt an“ beschreibt er die Provinzidylle aus der ich vor Jahrzehnten fortgegangen bin, ohne dass das damals eine Flucht war. Heute würde ich aus freien Stücken nicht mehr zurück gehen. Aber wenn, ich müßte, wer weiß wie es ginge…

  18. Tim meint:

    Wenn ich Sie beim Joggen treffen würde, würde ich Sie auch grüssen, sogar mit Vor- und Nachnamen – obwohl wir uns noch nie begegnet sind und ich sie nur aus dem blog bzw. Internet kenne. Da würde z.B. ich eine Gänsehaut bekommen.

  19. Hande meint:

    Ich bin eindeutig eine Großstad-Liebhaberin. Wurde auch geboren in einer echten Großstadt, viel größer als alle Deutsche. Aber ich kann vieles, was die Frau Kaltmamsell oben als Flucht-Grund für Ihre Stadt angibt, genauso für meine Geburtsstadt angeben. Also denke ich, dass Groß- vs. Kleinstadt sich nicht nur an Einwohnerzahlen misst sondern auch eine Geisteszustand ist. Der Anwohner und der Gegangener.

  20. maike meint:

    Das Dutzend Häuser kann ich in der Tat unterbieten. Nur weil der Nachbar jüngst das vierte Kind aus dem Krankenhaus geholt hat, gibt es nun ein grünes Schild an der Straße, welches wohl auch die Geschwindigkeitsbegrenzung bei 70 untermauern soll (und die Bushaltestelle für Nachbars Kinder schützen).
    Weg wollte ich auch. Ein anderes Land musste es sein, eine große Stadt, sogar eine große Stadt am anderen Ende der Wetterkarte. Toll war’s immer. Aber inzwischen bin ich wieder dort und weiß endlich, was mir immer gefehlt hat. Schießereien auf der Straße finde ich überbewertet, ich finde, man kann Leute auch ankucken ohne zu starren, und wenn ehemalige SchulkameradInnen sagen, sie würden nie wieder zurück wollen, weil alles Stillstand und Rückschritt und Armut bedeutet, dann geht’s mir inzwischen so, als wenn sie meine Vorspeise nicht mögen oder sagen, der Wein ist mir egal, das schmeckt eh alles gleich: Super, mehr für mich und ich kann’s in Ruhe wertschätzen.
    Jedem das Seine.

  21. cdv! meint:

    Hätten Sie nach dem Wort „bedeutet“ die Wörter „für mich“ eingefügt, wäre ich damit einverstanden. So ist es wahrlich arrogant. Ich habe Klein-, Mittel- und Großstädte in Deutschland und im Ausland erlebt, von Anonymität bis zur „sozialen Kontrolle“, von „Artenreichtum“ bis hin zu hoffnungslosen Fällen, von Gleichgültigkeit bis hin zum Brauch des Sargtragens in der Gemeinde. Ich habe vieles geschätzt, und vieles als unerträglich gefunden. Heute lebe ich im Dorf, nahe der Kleinstadt, nur eine Stunde von zwei Großstädten entfernt. Und bewege mich gerade im größten Dorf – dem Internet. So sehe ich es, und es sollte sich jeder für das entscheiden, was er am liebsten mag. Aber es gilt nur für ihn.

  22. walküre meint:

    Frau Kaltmamsell hat geschrieben „bedeutet“, nicht „ist“.

  23. Kreon meint:

    Also ich glaube ja, dass „Small Town“ die Kleinstadt nicht nur nieder macht, sondern gleichzeitig ein heimliches Loblied auf die Provinz ist, die den denkenden Menschen zu Abgrenzung und damit zu größerer gedanklicher Präzision zwingt. Für die Klugscheisserpunkte: „Small Town“ ist von John Cale UND Lou Reed, gesungen von Letzterem. Ein Song über Andy Warhols slowakisches Heimatkaff und ein bißchen auch über Pittsburgh, wo er studierte.

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