Was Bücher tun

Freitag, 22. Februar 2008 um 10:00

Lolita lesen in Teheran tut weiter Dinge mit mir. Dass ich das überhaupt aufschreibe, gehört zu diesen Dingen.

Unter anderem geht es in dem Buch um ein Literaturseminar, das die Ich-Erzählerin, eine Literatur-Professorin, wöchentlich mit ausgesuchten Studentinnen in ihrer Wohnung in Teheran abhält. Darin werden nicht nur Romane besprochen: Die Kursteilnehmerinnen haben auch den Auftrag, ein Tagebuch darüber zu führen, wie sich die Lektüre und die Gespräche darüber auf ihr Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Handeln auswirken.

Bis dahin hatte ich mich immer ein bisschen dafür geschämt, wie stark mein Geschichtenlesen mich beeinflusst. Ich sah mich in einer Reihe mit der brunsdummen Schwägerinschwester, die von dem Fernsehabend mit einem der Herr-der-Ringe-Filme erzählte und die mit Inbrunst zusammenfasste: „Und da hab ich richtig gespürt – für meine Kinder würde ich auch alles tun.“ Genau die romantische Haltung, die Romantik in Verruf gebracht hat. Die eigentlich bereits Jane Austen mit ihrem köstlichen Northanger Abbey hinreichend bloßgestellt hat (von 1752 zum Thema, aber weniger bekannt ist The Female Quixote von Charlotte Lennox – auch gut, wenn auch weniger zeitlos witzig).

Aber der Einfluss von Büchern auf meinen Alltag fängt nicht da an, wo ich an einer Zahlendiskussion in der Finanzabteilung vorbeilaufe und zwangswitzle „Zweiundvierzig!“. Und er hört nicht auf, wenn ich mich in schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt mit V-Ausschnitt immer wie John Irvings Ruth aus A Widow for one Year fühle. Geschichten aller Art, Perspektiven anderer Menschen – und das können auch Blogger sein – beeinflussen mich selbstverständlich. So funktioniert doch menschliche Wahrnehmung und Informationsverarbeitung.

Doch erst durch die Geschichte des Literaturseminars in Teheran erlaube ich mir, die Bedeutung von Fiktion in meinem Leben wissenschaftlich ernst zu nehmen. Die Abgrenzung zu billiger emotionaler Manipulation sollte mir ja nicht schwer fallen.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Was Bücher tun“

  1. Lila meint:

    Bitte, nicht brunsdumm. Als Viertel-Bruns verwahre ich mich dagegen.

    Ich kann Widow for a year nicht mehr lesen, ohne Dich als Ruth zu sehen. Tja.

  2. Hande meint:

    „42“ ist auch einer meiner Witze (bei den IT-Abteilungen, wo ich Jahre als einzige weibliche Wesen verbracht habe – ich bin sicher, dass einige dieser Männer das immer noch nicht wissen), wird aber selten verstanden. Und letztens habe ich mit Trauer zusehen müssen, wie ich mein „das ist ein catch 22“ (was in Italien sehr sehr oft vorkommt) Kommentar bei allen Gesprächspartnern leere Augen verursachte.
    Ich glaube, jetzt muss ich bei dem internet Buchhändler meines Vertrauens „Lolita lesen in Teheran“ bestellen.

  3. Tanja meint:

    Ich habe einmal eine kurze Therapie gemacht, dir mir helfen sollte mit einem grossen exogenen Problem zurecht zu kommen. Sie war effizient und erfolgreich. Am Ende hat mir die Therapeutin gesagt, es sei für sie nicht immer leicht gewsen, meine literarischen Verlgeiche zu verstehen, sie hätte oft nachschlagen müssen. Ich hatte nichts von literarischen Vergleichen bemerkt. Ich glaube, wenn man immer liest – ob man jetzt studiert ist oder nicht – erkennt man mit der Zeit die Dialektik. (Ich glaube übrigens, das ist mit Hörbüchern nicht zu machen.)

    „Lolita lesen in Teheran“ ist eines der besseren Bücher. Ich hatte das Privileg, es in meinen Sommerferien 2005 als Leseexemplar (also vorab) lesen zu können. Obowohl ich sehr viel Literatur, auf die Nafisi Bezug nimmt, nicht kenne, hat mich das Buch nie gelangweilt, ganz im Gegenteil. Ich habe viele ihrer Gedankengänge nachvollziehen können oder mich gar darin erkannt. Ich habe es seither oft aus dem Büchergestell genommen, zuletzt gestern.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Oh ja, Tanja, vielen Dank auch für das nachgeschlagene Zitat im Kommentar unten.
    Ich fand großartig, wie Nafisi über litararische Werke die gesellschaftliche Entwicklung im Iran nach der Revolution zeichnet. Sobald ich das Buch gelesen habe, schreibe ich zusammenfassend darüber. Allein schon das Spiel mit einem berühmten Austen-Zitat: Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein vermögender Muslim eine 9-jährige Ehefrau braucht. Dass man die besprochenen Romane nicht alle gelesen haben muss, um dem Buch etwas abzugewinnen – da bin ich mir sicher. Nicht so sicher bin ich mir bei einer Leserin, die noch nie über Literatur reflektiert hat.

  5. Jean Stubenzweig meint:

    «Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen.»

    Gianni Celati, Cinema naturale, Wagenbach 2001

    Dank für diesen beeindruckenden Text!

    Jean Stubenzweig

  6. Tanja meint:

    Gern geschehen, ich nehme das Buch immer wieder gern zur Hand. Und ja, es ist Sachbuchleserinnen und -lesern nicht zu empfehlen. Ich habe den Titel einmal jemandem empfohlen, der darüber lesen wollte, wie aus Revolutionen Dikaturen werden und habe es nachher bereut. Es wäre besser gewesen, Shirin Ebadi (Mein Iran) zu empfehlen.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Meiner Analytikerin, Tanja, habe ich meine literarischen Bezüge oft erklärt, meist hat sie sie, glaube ich, auch so verstanden. Zumindest hat sie hin und wieder an anderer Stelle darauf Bezug genommen. Auch deshalb war ich so sicher, dass sie die richtige für mich war.


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