Mehr Theater

Donnerstag, 29. Januar 2009 um 10:09

Gestern Abend Hiob in den Kammerspielen, eine weitere Romandramatisierung (Joseph Roth). Es gibt nicht nur keine Theatervorhänge mehr, Pausen wurden anscheinend gleich mit abgeschafft. Nicht dass ich je zu den Sektnippern in Foyers gehörte – als Kind und frühe jugendliche Theatergeherin war Alkohol außer Diskussion, meine Mutter reuten zudem die ihrer Meinung nach unverschämten Preise; als Studentin hatte ich selbst kein Geld für sowas. Auch meine Blase habe ich, kinogeübt, unter Kontrolle. Doch die Enge im Zuschauerraum der Kammerspiele, kombiniert mit der emotionalen Anstrengung und Konzentration, die viele Theaterstücke fordern, lassen mich ab einer Stücklänge von über 80 Minuten wehmütig die klassische Pause vermissen. (Ich habe in den 80ern mit einem kettenrauchenden Feuilletonchef zusammengearbeitet, der ohne Ausnahme jede pausenlose Inszenierung verriss. Ob die so Verrissenen überhaupt ahnten, womit sie sich das eingehandelt hatten?)

Es kostete mich ohnehin sicher eine halbe Stunde, um in diese sperrige Inszenierung einzuschwingen, vor allem in die Darstellungsweise von André Jung als Hauptfigur Mendel Singer: Doch sein Ähen, Haspeln, In-sich-hinein-Betonen des Textes erzeugten mit der Zeit einen so intensiven Zugang zu der dargestellten Person, wie man ihn sonst vielleicht zu einem eigenartigen Kollegen hat, mit dem man seit Jahren zusammenarbeitet. Und genau diesen Wahrnehmungsprozess gibt es nur im Theater: Eine Fernseh- oder Filmkamera würde zu viele lenkende Elemente hinzufügen, der Blick aus dem Zuschauerraum auf die Bühne ist einzigartig. Meinen Augen, meiner ganzen Person stehen so viele Ausweich- oder Fokussierungsmöglichkeiten zur Verfügung, die mir der Sog einer Kinoleinwand, eines Fernsehbildschirms verwehrt. Am nächsten kommt dieser Wahrnehmung vielleicht das Hörspiel.

Eine weitere Äußerlichkeit, die ich aus dem gestrigen Abend heim nahm: Es wird nicht immer mit Mikrophonen gearbeitet. In den vier Stücken, die ich davor gesehen hatte, trugen die Schauspieler hautfarbene Gesichtsmikrophone (gibt es dafür einen Fachausdruck?). Das eröffnet zwar ganz neue Möglichkeiten, mit Ton, Musik, Stimme zu arbeiten, befremdete mich aber doch.

Eine Neuerung, die ich wiederum sehr begrüße: Die Kammerspiele stellen Trailer zum Stück auf YouTube.

Wenn es eine wirklich unauffällige Möglichkeit gäbe, twitterte ich ja direkt aus dem Theater. Doch ich fand bereits meine Sitznachbarin merkwürdig, die das ganze Stück hindurch Bleistiftnotizen machte.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Mehr Theater“

  1. Chris K. meint:

    Mikroports nennt man diese Mikrophone. Und wenn die im Sprechtheater verwendet werden (müssen), ist bei der Sprechausbildung der Schauspieler wohl etwas schief gelaufen.

  2. Hande meint:

    „Es kostete mich ohnehin sicher eine halbe Stunde, um in diese sperrige Inszenierung einzuschwingen“ ist doch die beste Erklärung für die Abschaffung der Pause, oder?

  3. Indica meint:

    Kommen Sie doch mal bei uns vorbei, wir haben einen schönen, dicken, blauen Samtvorhang. Sie sind herzlichst eingeladen.

    Hmm, die Schauspieler in den üblichen Schauspielen treten bei uns üblicherweise ohne Microports auf, da hat Chris K. vermutlich recht.

    Schauspiele ohne Pause und ohne zwingenden dramaturgischen Grund dazu finde ich ebenfalls sehr anstrengend. Andererseits, schafft man die Pause ab, kann man sich auch Personalkosten in der Tresenversorgung sparen… Meine Konzentration jedenfalls leidet bei Theaterstücken, Konzerten oder Filmen jenseits der 90-Minuten-Grenze ohne Pause endgültig. Meine Blase übrigens auch.

    Ich hatte den umgekehrten Fokussierungseffekt kürzlich beim Fernsehen. Schaute mir das „Weiße Rössl“ in einer Aufzeichnung von den Seefestspielen in Mörbisch an und war irritiert und genervt von dem Gezoome in den Nahbereich und dem Rückzoom auf Totale. Das hat meine Theatersehgewohnheiten komplett verdreht und ich mochte es gar nicht. Es war allerdings eine Riesenbühne, da hätte man aus der Totale den Zahlkellner Leopold und die Frau Josepha Vogelhuber beim Duettieren nur als Stecknadeln gesehen.

    Warum ich das nicht mag? Ich setze mich in Häusern der Größenordnung Deutsche Oper, Philharmonie oder Friedrichstadtpalast schließlich auch nicht alle drei Minuten von der ersten Reihe in den 2. Rang und retour um. Habe mir meine Befremdung mit meiner Fernseh-Theater-Im-Fernsehen-Seh-Sozialisierung zu Zeiten von Heidi Kabel und Willi Millowitsch erklärt. Da gab’s auch nur zwei bis drei Einstellungen.

  4. Gaga Nielsen meint:

    Der Trailer ist ein bißchen anstrengend. Es wurde scheinbar viel gelärmt in dem Stück.


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