Wie bestellt: Süddeutsche über Wasserverschwurbelung

Sonntag, 25. Januar 2009 um 10:36

Andere Leut‘ richten Bestellungen ans Universum, ich bestelle hin und wieder Artikel bei der Süddeutschen. Innerlich, natürlich. Die Trefferquote kann es vermutlich mit den Weltaufträgen recht gut aufnehmen. Und dann freue ich mich zum Beispiel an einem wohlfundierten Aufreger1 über die von Eigenheimen zerfressene oberbayerische Landschaft, inklusive harter Zahlen über die wachsende Bodenversiegelung und Luftverschmutzung durch auch noch steuerlich geförderte Land-Stadt-Pendler.

Dieses Wochenende erfüllt mir die Wochenendbeilage der Süddeutschen einen weiteren unausgesprochenen Artikelauftrag, nämlich über den Blödsinn, den Lifestyler und Esoteriker mit Wasser treiben: „Aqua Gaga“2, leider (noch?) nicht online.

Im Angebot sind derzeit unter anderem: japanisches Quellwasser, norwegisches Gletscherwasser, tasmanisches Regenwasser, esoterische Vollmond-Abfüllungen für den harmonisierenden Schwingungsabgleich, billiges Tafelwasser in absurd teuren Designer-Flakons, teures Südsee-Vulkangesteins-Wasser in billigen Plastikflaschen (mit Kieselsäure zur Stärkung von Bindegewebe und Knochenaufbau), Brunnenwasser aus Tennessee, das vor Ort für 9,25 Dollar 12-Liter-Kasten zu haben ist, in einem mit modischen Glitzersteinchen verzierten Fläschchen dann aber 65 Dollar kostet und gerne in den Händen von Klatschspalten-Größen abgelichtet wird, und schließlich noch französisches Mineralwasser im Zerstäuber für die erfrischende Gesichtsdusche

Nun gönne ich ja (fast) jedem, mit der Dummheit und den Ängsten der Menschen Geld zu machen. Eine ganze Generation von Web-Fachleuten lebt zum Beispiel von nichts Anderem – und schafft ungewollt Leuten wie mir Arbeit, die ich den verschüchterten Unternehmenskommunikatoren die Blog-, Twitter- und Podcast-Flausen wieder argumentreich ausreden muss. Hossa, wie bin ich jetzt hierher gekommen…?

Zurück zum Wasser. Hier ist das Geldverdienen mit Dummheit in meinen Augen eine andere Nummer. Zwar tragen Leute, die an „lebendiges Wasser“ glauben oder gar an „Menschenwasser“ durchaus zu meinem Amüsement bei. (Ich bin allerdings stolz darauf, wie unkommentiert ich den Moment passieren ließ, in dem der neue Finanzbereichsleiter mit seiner eigenen Flasche „lebendiges Wasser“ zu einer langen Besprechung antrat.) Die zum Beispiel teure Plexiglasstäbe zur Vitalisierung ihres Leitungswassers kaufen. Doch, wie die SZ-Geschichte so passend erwähnt:

Ob Wasser überhaupt eine Ware sein kann, oder ob der Zugang zu sauberem Trinkwasser nicht eher als Menschenrecht zu gelten hat, das ist seit längerem ein heiß umstrittenes Thema diverser UN-Gremien, Welthandelsorganisationen und NGOs.

Was Verschwurbelung in diesem Fall zynisch macht. (Schrieb die Frau, die es immer noch nicht geschafft hat, im Restaurant explizit einen Krug vom hervorragenden Münchner Leitungswasser anstelle der Flasche zu ordern.)

  1. Weiß jemand eine bessere Übersetzungen für das schöne englische rant? []
  2. Die Namensgleichheit ist rein zufällig. Oder? []
die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Wie bestellt: Süddeutsche über Wasserverschwurbelung“

  1. Mareike meint:

    Vielleicht Tirade?

  2. croco meint:

    Daran sieht man, dass immer noch genug Geld im Umlauf ist.
    Wenn es so rausgeworfen wird, braucht man sich um Verarmung nicht zu scheren.
    Wenn ich ehrlich bin, kenne ich niemanden, der so einen Quatsch glaubt.
    In meinen ländlichen Kreisen ist Apollinaris schon eine queen auf den tables.
    Und Sie haben solche Leute in Ihrem beruflichen Umfeld(„..des Wahnsinns fette Beute…“?
    Sie Arme!!

  3. Hande meint:

    Auch wenn meiner Meinung nach der Zugang zu sauberem Trinkwasser als Menschenrecht zu gelten hat, hat die Verschwurbelung doch ihre Existenzberechtigung: Das kommt als extra dazu. Es wäre sehr Besorgnis erregend, wenn die oben erwähnten wahnwitzigen Wasserangebote die einzigen Möglichkeiten wären. Also sehe ich hier kein Problem – es ist eher im Rahmen der allgemeinen „Geldverdienen mit der Dummheit“.

    Und: es mag noch so sauber usw. sein, Münchner (und viele andere) Leitungswasser würde ich weder bestellen, noch trinken: mit schmeckt es schlicht nicht. Bin eigen mit meiner Wasser, es gibt nur einige wenige, die ich gut schmeckend finde (die oben nicht erwähnt werden und preislich doch am unteren Ende der Scala sind – aber klar, teuerer als Leitungswasser)und erachte es (Geschmack) als sehr wichtige Eigenschaft. Da sehe ich mich gerne nicht als einer der Dummen.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Das ist ja genau der Punkt meiner Abschlussbemerkung, Hande: Mir schmeckt das Münchner Leitungswasser besser als alles, was mir hier in Flaschen auf den Tisch gebracht wird. Habe mir unter anderem deshalb ins Büro einen schönen Krug mitgenommen.
    Auf das Chlorwasser, das zum Beispiel in Madrid aus dem Wasserhahn kommt, verzichte ich gerne zugunsten einer Flasche.

  5. Dokse meint:

    Ja, Recht auf Wasser kann ich gut nachvollziehen, nachdem ich einige Jahre auf Wasser vom LKW angewiesen war. Mittlerweile kommt hier das Wasser aber auch aus der Wand von einem Tiefbrunnen, es ist amtlich untersucht und wohlschmeckend und nicht aufbereitet, der reinste Luxus. Selbst der Tee gelingt damit.
    An dem Tag als wir das Wasser bekamen, haben wir uns mit dem Wasserschlauch angespritzt und getanzt. Es ist wirklich doof, wenn der Wassermann nur einmal in der Woche kommt und zwei Tage vorher das Wasser ausgeht.

    In Deutschland habe ich lange genug in die Trinkwasseraufsicht reingerochen, dass ich weiss wie gut und sicher das Wasser ist. Eine Plattitüde, aber es ist wirklich das am besten kontrollierte Lebensmittel.
    Ökologisch unnötig finde ich es, wenn jede Pizzeria ihr San Pellegrino oder sonst was von auslands ankarren muss, selbst mitten in der Eifel.
    Letztes Jahr beim Geburtstagsessen auf Mallorca hatte ich dann ein besonderes Erlebnis: ein Lokal mit patriotischem Anspruch (total stylisch und der duenjo in bermudas und flip flops) aber toller Küche in Campos, mit San Pellegrino. Ich hab dann gefragt, ob sie nicht einfach Wasser von der Insel anbieten könnten. Nein, das Wasser von hier ist so schlecht und das gibt es gar nicht.
    Dabei gibt es in der Nähe von Lluc tolles Wasser, die Leute fahren aus Palma mit Kanistern sogar dorthin, um es mitzunehmen. Und man kann es richtig im Pfandkasten kaufen.
    Inwzischen hat sich aber in Mallorca auch eine Marktlücke geschlossen, es gibt einen Wasserladen. Mit Wasser von dort bis hierhin, also Tynant und Bling und was es sonst noch so gibt.

    Noch ein Wort zu St. Leonhard; es scheint sich ja eher um ein oligomineralisches Wasser zu haben. Gerade Frauen sollten darauf achten, dass im Wasser genügend Calcium enthalten ist – damit sind die meisten Franzosen Schickwässer leider auch aus dem Rennen.

    Bei dem Menschenwasser läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Ich assoziiere damit die Sickerwässer aus den Friedhöfen. Die unterliegen natürlich auch knallharten Bestimmungen, damit sie nicht ins Grundwasser kommen, Gott sei dank.

  6. Angl meint:

    Für rant als Substantiv kann ich nichts anbieten, aber das Verb würde ich mit granteln übersetzen.

  7. Indica meint:

    Ich bleibe bei meinem stinknormalen Wasserfilter, dann klappt’s auch mit Tee und Kaffee aus dem ansonsten muffigen Trinkwasser in FFO, das mir einfach nicht schmeckt. Dazu normales Flaschenwasser zum Trinken.

    Meine Güte, was für einen esotherischen Quark es gibt. Andererseits: Unlängst sah ich auch in meinem näheren Umfeld eine Karaffe mit Edelstein-Wasser – ich glaube, Amethyste (diese zartlilafarbenen Halbedelsteine) darin. Das sah sehr schön aus und wenn der Besitzer dran glaubt, dass es ihn entstresst, ist doch alles fein und macht nicht viel kaputt…

    Aber, da hat Croco völlig Recht, ein Beweis dafür, dass genug Geld im Umlauf ist. Schön, dass wir uns solche Luxusprobleme gönnen dürfen, wenn wir möchten.

  8. stefan meint:

    rant = Schimpfkanonade?

  9. birgit meint:

    Besonders originell finde ich ja das so genannte Bio-Wasser. Was zum Teufel soll das bitte sein? Vielleicht besonders pestizidfrei und von glücklichen Brunnen?

  10. Sebastian meint:

    Trinke gerade Adelholzener, dass ich im August in der Schwimmtasche vergessen habe. Ist das jetzt Abfall oder wertvoll?

  11. Richard meint:

    eine schöne karaffe frisches leitungswasser mit vielleicht einem schnitz zitrone, die beste begleitung wenn das wasser wie in münchen bzw. obb. stimmt. hierzu ein vorschlag:
    eine radtour ab der wittelsbacherbrücke dem „münchner wasserweg“ richtung gmund am tegernsee folgen, hierbei lernt man wie unsere groß- bzw. urgroßeltern sich um den erhalt von gesundem wasser durch ausweisung von wasserschutzgebieten bemühten und dies auch fortgeführt wird durch nicht gewinnmaximierte privatbetreiber (menschenrecht), dann braucht man kein imageverstärkendes wasser, dann reicht abgefülltes leitungswasser, denn da weiß man was man hat.


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