Granta 105, „Lost and Found“

Samstag, 11. April 2009 um 7:07

lostandfound

Das Frühjahr-Granta war ein Genuss. Das Magazin nutzte das Thema „Lost and Found“ für schöne Geschichten, die meisten allerdings non-fiction. Ich hoffe, künftig gibt es wieder mehr Ausgedachtes – nicht dass ich ausgezeichneten Journalismus‘ überdrüssig wäre, doch ich sehe Granta schon eher als Literaturzeitschrift.

Besonders aufgefallen sind mir zwei Artikel: Elisabeth Pisani hat von 1986 bis 1997 als Auslandskorrespondentin aus Indien, China, Indonesien, Vietnam und Kambodscha berichtet, vor allem für Reuters. Und sie erlebte vor 20 Jahren in China die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz. Den Jahrestag nimmt sie zum Anlass, ihre Erinnerungen daran zu hinterfragen, mit ihren Aufzeichnungen von damals und mit einer Veröffentlichung eines Reuters-Kollegen abzugleichen, der mit ihr auf dem Platz war. Daraus wurde ein aufschlussreiches Stück über die Unzuverlässigkeit von – auch journalistischer – Wahrnehmung und Erinnerung, die sich jeder Berichterstatter regelmäßig bewusst machen sollte. Und jede Leserin: Mir war nicht klar gewesen, wie riesig der Platz des himmlischen Friedens ist und welchen Aufwand die Reporter, Fotografen, Journalisten, Redaktionen damals betreiben mussten, um sich ein Bild von der Ereignissen machen zu können, um belastbar berichten zu können. Ganz abgesehen von dem Umstand, dass sie ohne die heute selbstverständliche Informationstechnik auskommen mussten.

Die zweite besonders bereichernde Geschichte war für mich Maurice Walshs Feature über die Lage katholischer Priester und der Priesterausbildung in Irland: Die Zahl der Priesterseminaristen ist dort in den vergangenen Jahrzehnten rapide gesunken – wie fast überall auf der Welt, doch das neben Polen katholischste Land Europas ist eine genauere Betrachtung wert. Walsh und seine Gesprächspartner führen das unter anderem darauf zurück, dass es neben Religion heute eine Vielzahl anderer Fluchtmöglichkeiten gibt – zumal die Zustände in Irland erheblich erträglicher geworden sind. Zu einem großen Teil aber auch darauf, dass die einst so enge Zuwendung zur katholischen Kirche in Irland durch die Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester in den 90ern großen und vermutlich nicht wieder gut zu machenden Schaden genommen hat: Sie wurden nicht nur als Verfehlungen von Individuen wahrgenommen, sondern waren eine Desillusion über eine mächtige Institution und diejenigen, die sie als Vertrauenspersonen in die Gemeinden geschickt hatte. Maurice Walsh spricht mit Priestern und erzählt, wie sie unter anderem mit dem Umstand umgehen, dass heutzutage in jeder katholischen Kirche in Irland Zettel der örtlichen Polizei hängen, auf denen aufgefordert wird, jeden Fall von Kindesmissbrauch sofort zu melden.

(Als ich letzthin in einer Diskussion über den Moscheebau in Sendling schon wieder die hanebüchene Forderung hörte, hiesige muslimische Gemeinden sollten sich gefälligst öffentlich von allen islamistischen Gewalttaten distanziert, fragte ich mich, ob diese Forderer dann auch erwarten, dass sich die evangelische Gemeinde Karlshuld von Verfehlungen irischer Priester und deren Vertuschung durch ihre Vorgesetzten distanzieren muss, um sich entfalten zu dürfen.)

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Granta 105, „Lost and Found““

  1. mulliner meint:

    Man sollte Granta also abonnieren…
    Falls Sie doch noch ein paar (ausgedachte) Irland-Geschichten lesen wollen, empfehle ich „Mutter und Söhne“ von Colm Tóibín! (Es gibt auch eine Priester-Story, allerdings aus der Perspektive seiner Mutter, deren Umfeld sich weigert, ihr die Wahrheit über den Sohn zu sagen.)

  2. Ono meint:

    Gibts denn in München einen Buch- oder Zeitschriftenladen in dem man einfach ein Exemplar Granta kaufen kann, oder gar Mc Sweeney’s.
    Habe mir vor kurzem in einem Berliner Zeitschriftenladen ein Granta gekauft und war sehr begeistert.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Tut mir leid, Ono: Ich bekomme Granta seit 13 Jahren als Abonnentin. Vielleicht weiß der Verlag, wo sie in München einzeln bekommt?

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