Die neue Scham

Donnerstag, 23. Juli 2009 um 8:38

Curserette wundert sich, dass sich in Münchner Freibäder niemand mehr oben ohne sonnt – und schlagartig wird mir klar, dass es einen neuen Trend zu Schamhaftigkeit gibt. Das mag dem Eindruck widersprechen, den die Medien erwecken: Im Fernsehen und auf Theaterbühnen, ebenso im WWW scheint es sehr viel mehr öffentliche Nacktheit zu geben also noch vor 30 Jahren. Also vor der Zeit, in der es unter anderem für Frauen akzeptabel wurde, beim Sonnen am See oder im Freibad das Bikinioberteil abzunehmen.

Tatsächlich weisen meine Beobachtungen aber darauf hin, dass sich an Orten, an denen Nacktheit eigentlich selbstverständlich ist, eine neue Schamhaftigkeit ausbreitet.

In zwei reinen Frauenstudios der Fitnesskette, deren Mitglied ich bin, wurden in den vergangenen Jahren die Duschräume erneuert. Bei dieser Gelegenheit zog man Trennwände für Einzelduschen ein, in einem Studio sogar inklusive Türen. Es läuft auch fast keine mehr nackt herum: Bewegt wird sich zwischen Dusche und Spind fast ausschließlich verborgen unter einem umgewickelten Handtuch. Ich habe sogar schon mitbekommen, dass sich die Damen in der geschlossenen Duschkabine abtrockenen und eincremen sowie vor dem Verlassen der Kabine ins große Handtuch wickeln. Zu Anfang meiner Aerobictätigkeit, also vor etwa 15 Jahren, war es noch üblich, sich in der Umkleide die Haare in Unterwäsche zu fönen – sehr sinnig, da man nach ausgiebigem Hüpfen gerne noch eine halbe Stunde nachschwitzt. Heute wäre das provokant: Die Damens sind vollständig angezogen, wenn sie den Fön in die Hand nehmen.

Ein weiteres Beispiel aus Curserettes Kommentaren:

In großen FKK-Bereichen, wie etwa der Therme Erding oder der Thaunus-Therme habe ich mich in letzter Zeit schon ein paar Mal gefragt, ob FKK bedeutet „mit Handtuch oder Bademantel“. Wenn man da lässig mit Handtuch über die Schulter entlangläuft, hat man fast den Eindruck, man würde etwas falsch machen.

Nun glaube ich nicht, dass das dieselbe Scham ist, die zum Bau viktorianischer Badehäuschen führte; es wird keineswegs ein Intimbereich verborgen. Mein Verdacht: Die Frauen schämen sich, weil ihre Körper nicht dem medialen Ideal enspricht. Es geht nicht darum, Höchstpersönliches zu verbergen, sondern Ungenügendes. Das wäre entsetzlich. Hoffentlich irre ich.

die Kaltmamsell

23 Kommentare zu „Die neue Scham“

  1. Elbnymphe meint:

    Meiner Beobachtung nach macht man sich hierüber im Osten zum Glück noch „keine Platte“. Soll heißen: wer sich hier am Strand oder in der Umkleide entblößt, macht sich nicht zwangsläufig „nackig“.

  2. Sabine meint:

    Der Trend ist an der Isar aber noch nicht angekommen, da liegen überall nackte. Vielleicht ist das mein persönlicher Eindruck, aber seit ich vor ein paar Jahren nach München gezogen bin, habe ich den Eindruck, die hier lebenden Menschen reißen sich beim kleinsten Sonnenstrahl sämtliche Klamotten vom Leibe und werfen sich in den nächsten Grünstreifen. Vielleicht wohne ich aber bloß zu nah am Fluß…

  3. dyfa meint:

    Ich denke, die Dauerpräsenz von schön gephotoshoppten Körpern trägt sicher dazu bei, dass sich Leute mehr verhüllen.

  4. Ilse aus München meint:

    Es ist ja nur ein Teil dieser neuen Spießigkeit, wo „Etikette“ (Etikette??) plötzlich wieder ein Thema ist und junge Frauen bei „Dinner Parties“ wieder Fischmesser auf den Tisch legen. Aber ich fürchte, auch dieser grauenhafte Körper-Selbsthass, dem so viele Frauen erliegen, ist hier ein Faktor.

  5. Helga meint:

    Ich weiß nicht, vielleicht kommt es auch von dieser überpräsenten Nacktheit, dass man versucht, wieder eine gewisse Privatheit des Körpers herzustellen. Ich bin nun echt nicht prüde und muss auch nicht Ungenügendes verbergen: aber hübsch verpackt, finde ich meinen Körper hübscher anzusehen. Weshalb sollte ich mir ansonsten so viele Gedanken über das Verpackungsmaterial machen?

  6. Herr Jeh meint:

    Ich war in den vergangenen Wochen öfter an Leipziger Badeseen unterwegs und dachte eher sowas wie „Der Bademodenindustrie muss es in diesem Sommer furchtbar schlecht gehen“. Muss der Elbnymphe da zustimmen. Wenn man sich dann doch bei jeder Gelegenheit cerhüllt, dann wohl eher wegen eigenen körperlichen Komplexen, denn aus Scham vor Nacktheit, denke ich.

  7. kittykoma meint:

    also zumindest der generation meiner tochter (20+) ist das ungehemmte nackigmachen der elterngeneration sehr peinlich gewesen. da hat man sich in der pubertät eher noch das t-shirt-baden von den türkischen mitschülern abgeschaut. (dann aber auch wieder gelassen.)
    ich lasse das mit dem nacktbaden seit geraumer zeit, weil ich 1. immer häufiger in begleitung von menschen aus dem westen bin, die das garnicht mögen und für „ostig“ halten und 2. weil ich, auf den kanaren dem anblick der nackerten uralthippies schutzlos ausgesetzt, beschlossen habe, daß ich das meiner umweilt wirklich nicht bieten muß. allerdings treffe ich auch immer wieder unverkrampfte leute, bei denen ein blick genügt und man hat sich darüber verständigt, daß der alberne bikini nun doch nicht sein muß, um auf dem boot zu liegen oder ins meeer zu springen.

  8. dievommond meint:

    Ich glaube schon, dass es einen neuen Trend zum Spiessertum gibt. Und auch wenn es nicht direkt zum Thema passt, moechte ich erzaehlen wie es in China ist: auch die chinesischen Frauen sind pausenlos mit sich und ihrem Koerper unzufrieden und sowieso viel konservativer als wir Westler. Aber in Umkleidekabinen und oeffentlichen Duschen bezw. Toiletten geht es recht locker zu. Ist ja kein Mann dabei…also genieren sich die Frauen auch nicht. Vielleicht verlaeuft die Entwicklung in China indirekt proportional zum Westen. Hier (in China) immer offener und toleranter, aber in Amerika und leider auch in Europa immer verklemmter und neurotischer…..

  9. bilka meint:

    Jedenfalls in meiner Wahrnehmung war Nacktbaden vor 20 Jahren eher mit Liberalität und Hippietum konnotiert, heute assoziiere ich Porno-schick und Arschgeweih.

    Hautzeigen ist halt wahrscheinlich auch Modetrends unterworfen. Wenn sich die kids auf MTV Britney Spears rasiertes Unterteil anschauen können, dann ist Anziehen wahrscheinlich gerade Avantgarde.??

  10. walküre meint:

    Frau Kaltmamsell, was mich betrifft, irren Sie in Ihrer Einschätzung nicht. Ich hatte nie jenen Körper, der in den Medien propagiert wurde (Von einmal, einmal weniger üppigen Proportionen abgesehen, war ich immer schon zu groß, um als Frau in der Realität auf die meisten Menschen attraktiv zu wirken.), und bin irgendwann vor mittlerweile vielen Jahren der abfällig-abschätzigen Blicke überdrüssig geworden.

  11. Susanne meint:

    Ich habe schon seit Jahren das Gefühl einer neuen Schamhaftigkeit. Sogar an den Seen zieht sich kein Mensch mehr einfach unter einem locker übergeworfenen Handtuch um, die Verrenkungen, die die Leute anstellen erinnern mich an meine Kindheit Anfang der 70er.
    Frauen, die oben ohne auf der Wiese liegen sind die absolute Ausnahme und wenn sich die, die ein Oberteil tragen wieder anziehen, dann verrenken sie sich lieber wie die Gummimenschen bevor sie auch nur eine Sekunde lang den blanken Busen zeigen.
    Außerdem tragen die, die auf der Liegewiese Federball spielen oder ähnliches fast immer etwas über dem Bikini. Der Trend zur Verhüllung macht auch vor den Männern nicht halt, die modernen Badehosen bedecken ja auch den halben Körper. Sehr eigenartig.
    Für mich deutet das auf einen aus den USA stammenden Trend hin, der damit zu tun hat, dass Nacktheit automatisch mit Sex assoziiert wird. Deswegen baden heutzutage auch kleine Kinder nicht mehr nackt und kleine Mädchen tragen Bikinioberteile.
    Eine üble Entwicklung.

  12. rip meint:

    Ich kann die Emotionalität mancher Beiträge nicht nachvollziehen. Dass die Badehose meines Sohnes mindestens fünfmal soviel Stoff umfasst wie meine – ich empfinde es einfach als Mode, die – wie alle Moden – auch wieder verschwinden wird. Über das Verhalten von Damen in Umkleiden kann ich aus sicher nachvollziehbaren Gründen nichts sagen.

  13. Anne meint:

    Könnte das auch etwas mit der rasanten technischen Entwicklung einschließlich Preisverfall zu tun haben? Jeder (Depp) hat heute ein Handy, jedes Handy eine Kamera und mit wenigen Klicks kann (neuerdings sofort vom Handy direkt) der Schnappschuss vom freizügigen Strandleben aller Welt gezeigt werden, ohne dass der/die Abgelichtete das überhaupt bemerkt hat. Und was erst einmal im Netz steht…

  14. Nicky meint:

    Ich würde sagen, dass Ganze driftet in beide Extreme. Neue Schamhaftigkeit auf der einen, unangebrachte Freizügigkeit auf der anderen Seite. Geradezu eingebrannt in meinen Erinnerungen hat sich ein Mann älteren Jahrgangs, der öfters am Sonntag auf der Hundewiese am Maximilianeum liegt, inmitten von „bekleideten“ sonnenbadenden Familien, braun und ledergegerbt wie Gott in schuf. Und der schwarze Labrador, der dem Mann den Allerwertesten abschl…. Und dessen Besitzerin, die entsetzt nach ihrem Hund („Paul!!!“) ruft…

  15. kecks meint:

    Also dieser Trend ist weder bei mir im Sportverein, noch im Studio angekommen.

  16. Angel meint:

    Genau das ist mir eben erst auch aufgefallen: An den Seen, an denen sich vor Jahren noch ungezwungen die Nackterten (oben oder sogar ganz ohne) mit den Bekleideten gemischt haben, verstecken sich Erstere neuerdings ganz am Ende der Liegewiese hinter grossen Schirmen. Find ich schade, man fühlt sich irgendwie unfreier.
    Dass die glücklichen (schlammverschmierten) nackten Kinder weniger geworden wären, ist mir allerdings noch nicht aufgefallen.

    Beim Grund für diese bedauerliche Entwicklung fällt mir nur ein, was die Vorschreiber auch schon vermutet haben: muss wohl mit dem verzerrten Selbstbild zu tun haben, dass den Menschen (Männlein wie Weiblein) durch die unrealistischen Werbebilder vermittelt wird.
    Ausserdem ist es natürlich irgendwie seltsam, wenn man angestarrt wird wie eine Marsfrau mit drei Brüsten, wenn man sich ‚einfach so‘ irgendwo umzieht. Da kommt man schon ins Grübeln, ob man grad was falsch macht.
    (Mir egal. Jetzt erst recht. Und wer eine moppelige mittelalte Frau nicht nackig sehen will, soll halt wegschaun. So!)

  17. Modeste meint:

    Da mögen Sie recht haben, Frau Kaltmamsell. Bisweilen geht es mir selbst so: Ich empfinde manche unvollkommene Körper als peinlich, und meinen unvollkommenen Körper natürlich ganz besonders. Ich habe, muss ich zugeben, schon ziemlich viel Zeit damit zugebracht, in Saunen den Bauch einzuziehen (und ich besuche keine gemischten Saunen).

    Eine gewisse Rolle mag dabei auch die Enthaarung spielen: Man ist natürlich noch ein bißchen nackter, wenn (wie ja heute fast bei jedem) kein Pelz mehr die Nacktheit vor den Augen der Umwelt schützt.

  18. Alice meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

    *******************************************************

  19. Stefan meint:

    Bei uns ist das sehr unterschiedlich, wie die Elbnymphe oben schon schrieb. Ein Erlebnis in der Therme in Bad Schandau (Sächsische Schweiz): ich beginne im Herren-Duschraum mutterseelenallein mit dem Duschen, plötzlich kommt ein Pärchen mittleren Alters herein. Sie wollten wohl gemeinsam duschen oder der Damenduschraum war voll – ich habe keine Ahnung! — jedenfalls musterte mich die Frau von der anderen Seite des Duschraums aus sehr angelegentlich, während der Mann mit dem Rücken zu mir seinen ausgeprägten Bierbauch walkte.

    Nun hat man ja von oben bis unten eingeseift und unter der Dusche nicht viele Alternativen. Ich habe mich also nicht mit dem Vorderkörper, sondern mit dem Rücken zur Wand gedreht, mit geschlossenen Augen diskret-gelassen zu Ende geduscht und mir mein Teil dabei gedacht. Eigentlich war es ja der Duschraum für Männer. Von neuer Scham konnte jedenfalls in dieser Situation keine Rede sein …

    Und nein, es war nicht der Waschraum neben der Sauna, sondern wirklich der Duschraum des Schwimmbads.

    Beim K-Training kommt es ganz selten mal zu einer Distanzverletzung (in drei Jahren vielleicht zwei Mal). Aber einmal hat wirklich jemand in unterschwelliger Angst vor möglicherweise ansteckender Homosexualität seinen Nachbarn angebrüllt und fast verprügelt, weil der sich nebenan vor seinem Spind aus dem Duschtuch wickelte.

  20. trillian meint:

    Ich habe ein sehr lockeres Verhältnis zu meinem Körper, auch wenn er echt nicht der Norm entspricht. Und ich bewege mich sehr gern nackt. Aber nur an Orten, wo Nacktheit auch erwünscht bzw geduldet ist: Also daheim, in der Sauna, im Swingerclub, am Nacktbadestrand… Außerhalb dieser Refugien würde ich nichtmal oben ohne gehen, obwohl ich sogar ein klein wenig exhibitionistisch veranlagt bin.

    Mir ist wichtig mich nur dort nackt zu zeigen, wo ich bei anderen keinen Anstoß errege. Oder gar schlimmeres.

  21. f meint:

    eine kurze einzelmeinung aus berlin: der einzige grund für mich, nicht dauernd überall nackt rumzulaufen ist tatsächlich die scham, den leuten nur einen ungenügenden körper präsentieren zu können.

    ich weiß, es ist dumm und furchtbar aber bisher konnte ich mich noch nicht von diesem gefühl lösen…

    lieben gruß
    f.
    (20 jahre alt)

  22. generator meint:

    „Je mehr gezupft, rasiert, gebodyshaped und gebräunt wird, umso unentspannter wird es, sich einfach mal unbekleidet an den Strand zu legen…“ oversexed und angezogen…

    Trauriges Sommerthema in einigen Blogs.

    “For the first time in human history, the images’ power and allure have supplanted that of real naked women. Today, real naked women are just bad porn.” (nymag)

  23. barbara meint:

    Im SZ Magazin (auch online) letzter Woche ist ein Artikel zu diesem Thema zu finden.
    Zitiert wird die Psychologin Susie Orbach die „Fat is a Feminist Issue“ (Anti Diät Buch) und „Bodies“ verfasst hat.
    Sie therapiert Menschen die diesen Selbsthass auf ihren Körper haben, und es werden immer mehr.
    So gaanz unbefangen bin auch ich nicht mehr.
    Ich ziehe schon mal den Bauch ein. Schlimmer als nackt finde ich, sich in Silhouette im Schaufenster zu sehen.

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