Herta Müller, Atemschaukel

Mittwoch, 11. November 2009 um 9:49

Atemschaukel

Menschen, die sich nächste Woche mit mir über das Buch unterhalten wollen: Nicht weiterlesen. (You know who you are.)

Wenn ein Buch in erster Linie wegen seiner Sprache gerühmt wird, zucke ich zunächst zurück. Erfahrungsgemäß bedeutet das nämlich vordergründige Sprachkunst, die mir das Lesen erschwert. Dass genau das Gegenteil zutreffen kann, hat mir Herta Müllers Sprache in Atemschaukel bewiesen: Sie verwendet sie in einer Art, wie ich es noch nie gelesen habe. Doch die Magie entsteht nicht durch Neuartigkeit und Künstlichkeit, sondern durch Reduktion.

Aber von vorne: Bevor sie den Nobelpreis für Literatur bekam, hatte ich noch nie von Herta Müller gehört. Das liegt allerdings daran, dass ich mich nicht mit zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur befasse (und wenn ich es mal auf innige Empfehlungen tue, meist doch nur in meiner Abwehr bestätigt werde). Es waren dann die Interviews mit Herta Müller in Folge des Preises, diese eigenartigen, schlichten und entwaffnenden Aussagen der Schriftstellerin (und ihre abgefahrenen Romantitel), die mich zur Lektüre lockten.

Atemschaukel erzählt die fast fünf Jahre, die der männliche Ich-Erzähler von 1945 bis 1949 als Gefangener in einem russischen Arbeitslager verbrachte. 17 ist er bei seinem Abtransport, doch er berichtet als alter Mann aus der Erinnerung. Wie er das tut, ist einzigartig.

Der Roman hat keinerlei Angst vor einfachen Wörtern. Er belässt sie in ihrer Schlichtheit und macht daraus gleichzeitig die lyrischste Prosa, die ich je gelesen habe. Geschehnisse, Stimmungen, Zusammenhänge, Gefühle – all das wird analysiert durch das Finden der passenden Wörter. „Unkonventionell“ enthält als Beschreibung zu viel Gegenbewegung, denn diese Sprache ist frei von Konvention. Doch ist sie konkret genug, dass die Erzählung fesselt, zu erlebbaren Bilder wird.

Adjektive kommen sehr selten vor. Die Sprache von Atemschaukel wird gebraucht wie Lehm, aus dem ein Kunstwerk geformt wird. Unglasierter Lehm.

Die Langeweile ist die Geduld der Angst.

Und schon komme ich mir lächerlich vor in meinem Wörtergezappel, mit dem ich versuche, Atemschaukel zu beschreiben.

Der Begriff „FLUCHTWÖRTER“ taucht auf in Atemschaukel. So, wie sie dort beschrieben werden, kenne ich sie persönlich nicht. Aber ich kenne die erlösende Wirkung von Wörtern. Den Trost, den das richtige Wort als Bezeichnung für eine Pein spenden kann.

Ganz eigenartig: Wie frei der Roman von der Einbindung in literarische Tradition zu sein scheint, unbenetzt vom historischen Erzählfluss. Keine Muster, keine Topoi scheinen durch. Alle meine Assoziationen beim Lesen schienen mir völlig subjektiv und persönlich.

Ich rede mir ja immer ein, dass ich wenig Gefühle habe. Wenn ich mir etwas zu Herzen nehme, ergreift es mich nur mäßig. Ich bin nicht stärker als die mit den nassen Augen, sondern schwächer. Sie trauen sich. Wenn man nur Haut und Knochen ist, sind Gefühle tapfer. Ich bin lieber feig. Der Unterschied ist minimal, ich nutze meine Kraft, um nicht zu weinen.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Herta Müller, Atemschaukel

  1. Ulf meint:

    Das Bild mit dem »Lehm, aus dem ein Kunstwerk geformt wird«, gefällt mir sehr gut. Im Übrigen scheinen wir zu den wenigen Lesern des Romans zu gehören, denen das Buch gefallen hat. (So ist zumindest mein Eindruck aus dem Offline-Leben.)

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ihre Besprechung, Ulf, finde ich sehr interessant: Sie hat mich daran erinnert, dass mein Eindruck durch das Lesen des Romans in großen Abschnitten geprägt war. Auch wenn mich einige der langen und vielen Hungerengel-Passagen nicht richtig fesselten, halte ich sie für unabdingbar für den Gesamteindruck von der Zeit im Lager.

  3. ivar meint:

    Ein Satz wie „Die Langeweile ist die Geduld der Angst“ beansprucht mich für mehrere Minuten, ohne dass ich sagen könnte, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Vermutlich sollte ich ihn auch nicht ohne Kontext beurteilen wollen. Ein Grund mehr, mal das Buch zur Hand zu nehmen, das mir des Titels wegen auch schon vor dem Nobelpreis mehrmals auffiel, ohne daß ich zuvor jemals von der Autorin gehört hätte.

  4. Frau Klugscheisser meint:

    Kürzlich sah ich das Buch auf dem Tisch eines Passagieres liegen. Er schien mir ein älterer (schätzungsweise zwischen 50 und 60) gebildeter Mann zu sein, einer aus der Garde der Gentlemen, die vom Aussterben bedroht sind (immerhin weigerte er sich vehement, sich von mir in den Mantel helfen zu lassen). Ich fragte ihn also nach seiner Meinung, obwohl ich dafür eigentlich keine Zeit hatte. Seine Beschreibung war so fesselnd, dass ich mein Wägelchen nur ungern weiterschob, mir jedoch fest vornahm, es zu lesen.

  5. Liisa meint:

    Mir scheint, wir sind so ziemlich mit den gleichen Voraussetzungen an die Lektüre dieses Buches gegangen und Ihr Fazit ist ebenfalls dem meinen sehr ähnlich. Mir geht der Inhalt immer noch nach und manche der Formulierungen tauchen immer wieder in meinen Gedanken auf … Sicher kein Buch für die große Masse, aber ein bemerkenswertes und wie ich finde auch wichtiges Buch. Ich empfehle die Lektüre auch wärmstens bei Menschen in meiner Umgebung, denen ich den Sinn und das Interesse dafür zutraue.

  6. Buchfink meint:

    Nach so viel Lob werde ich mich jetzt wohl auch daran wagen. Bei mir stehen seit 20 Jahren im Regal zwei kleinere Frühwerke von Herta Müller, zu denen ich gar keinen Zugang hatte. Aber vielleicht jetzt? 20 Jahre älter.

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