Archiv für Dezember 2009

Kulinarische Basisausstattung

Sonntag, 20. Dezember 2009

Eine von Kathas 10 Tage, 10, Listen – Listen:
10 Dinge, die immer im Haus sein müssen, also Dinge, die beim Zurneigegehen sofort auf die Einkaufsliste geschrieben werden und deren Abwesenheit in der Küche zu Problemen, wenn nicht sogar Unmut führt. Interessanterweise dachte ich zuerst, dass zehn Punkte niemals reichen würden, doch wenn es darum geht, was wirklich, wirklich immer da sein muss, würden mir sogar neun Punkte genügen.

1. Milch
1,5 % Fett, bio, für meinen morgendlichen Milchkaffee. Und einen Schuss davon in den kräftigen Schwarztee oder Roibuschtee – das ist meine englische Seite.

2. Salz
Und zwar das Brauchsalz ohne irgendwelche Zusatzstoffe (nein, auch keine „Rieselhilfe“), das auch ins Nudelwasser kommt.

3. Tee
Irgendeiner von diesen Tees ist immer im Haus: schwarzer, grüner, weißer, Roibusch, Salbei, Zitronengras…
(Hier stand erst Mehl – Weizen, Type 405, am liebsten bio – doch eine Woche ohne Mehl im Haus, weil ich nicht zum Einkaufen komme, ist erheblich wahrscheinlicher als eine Woche mit komplett leerem Teeregal.)

4. Olivenöl
Öl ist eh klar, und Olivenöl ist mein Default-Öl.

5. Süßstoff
Ahem…

6. Schwarze Pfefferkörner
Gut deutsch bei mir neben Salz das Hauptgewürz (und auf die „Nie“-Liste unten hätte fertig gemahlener Pfeffer gepasst, der für meine Nase immer ein wenig nach nasser Hund riecht).

7. Essig
Gerne immer wieder ein anderer, meist sowieso vier, fünf zur Auswahl.

8. Wein
Ich kann mich nicht erinnern, wann meine Wohnung zuletzt völlig weinfrei war. Auch wenn ich nicht jeden Tag ein Glas trinke.

9. Kaffeebohnen
Werden samstags und sonntags frisch für Mitbewohners und meinen Milchkaffee gemahlen, das restliche Pulver brauche ich unter der Woche für meinen alleinigen Milchkaffee am Morgen auf.

(Wenn es unbedingt ein 10. braucht: Dosentomaten
Das erste, was mir als Nudelsoße einfällt. Oder doch Zwiebeln? Oder Knoblauch. Auf diese Ebene gehört dann aber auch Zucker.)

Ausschlüsse aus der Kulinarik

Samstag, 19. Dezember 2009

Viel schwieriger ist der zweite Teil von Claudios Liste: 10 Dinge, die ich nicht mal unter Folter zu mir nehmen würde. Denn zum einen gibt es sehr, sehr viele Dinge, die ich schlicht nicht als „Nahrung“ wahrnehme. Und zum anderen: Mei, wenn es die allereinzigste Möglichkeit wäre, meinen Hunger oder Durst zu stillen, würde ich sie vermutlich doch essen oder trinken. Im Gegensatz zur Liste meiner kulinarischen Peinlichkeiten hat nichts der Liste unten mit Ideologie zu tun: Ich verstehe nicht, wie jemand solches genießen kann und erkläre mir das mit den kulturellen Unterschieden, die mich schließlich auch vor gegrillten Raupen zurückschrecken lassen – obwohl andere woanders sie als Köstlichkeit ansehen.

1. Speisen der beiden großen amerikanischen Burger-Ketten

2. Fertigdesserts aus dem Kühlregal

3. Sehr süße Brause, also Cola, Spezi und alle Verwandten. Cola allerdings in erster Linie, weil ich auf Koffein empfindlich reagiere und es lieber in Form eines köstlichen Kaffeegetränks trinke. Anders sieht es allerdings aus, wenn solch eine Brause als alkoholhaltiger Longdrink daher kommt (Cuba libre, Güisqui con Fanta limón etc.).

4. Tiefkühlpizza. Ich erinnere mich noch an meine Versuche als Studentin – ich hätte mich sehr gefreut, wenn mir auch nur eine davon geschmeckt hätte.

5. Maggi

6. Erdnussflips. Und das, obwohl ich mit einem echten Fan dieser Speise zusammenlebe.

7. Dosen-Ravioli

8. Alle Xy-fix-irgendwas-Packerl sowie Backmischungen. Diese allerdings weniger aus Geschmacksgründen, sondern weil ich sie für nichts anderes als abgefeimte Marketingtricks halte: Sie vereinfachen nichts, sie tun nichts, was man nicht selbst für weniger Geld machen könnte.

9. Mikrowellengerichte

10. Spanische Croquetas, wie sie meine abuela gemacht hat (repräsentativ für so manche Abgründe der spanischen Küche, up with which I shall not put)

Kulinarische Peinlichkeiten

Freitag, 18. Dezember 2009

Selbst-Bashing – das geht immer. Auch wenn’s bei mir einfach nicht so lustig klingen will wie bei Kabarattisten oder bei Claudio.
(Der Mitbewohner hat ja die Theorie, dass Selbst-Bashing auf der Basis aufrichtigen Selbsthasses nie lustig sein kann, weil es ernst gemeint ist und sich zu wichtig nimmt.)

Was an meinem Essverhalten passt also gar nicht zu meinen kulinarischen Idealen? (Bis ich die Größe erreiche, mich nicht mehr dafür zu rechtfertigen, brauche ich leider noch ein paar Leben.)

1. Immer: Süßstoff
Meine schlimmste Sünde und allein schon Beleg eines Hangs zur Zwanghaftigkeit. Wenn ich wollte, könnte ich mich darauf hinausreden, dass meine Mutter mich mit Süßstoff großgezogen hat (weil sie mich ab meinem vierten Lebensjahr für zu dick hielt und bis zu meinem Auszug von daheim auf Dauerdiät setzte). Nur habe ich doch auch sonst nicht alle Ernährungsgewohnheiten meines Elternhauses übernommen. Tatsache ist: Ich mag meine Tee- und Kaffeegetränke gerne süß. Beim Gedanken, all diese Süße in Form von großen Zuckermengen zu mir zu nehmen, bekomme ich Panikattacken und spüre bereits den kneifenden Hosenbund. Zumindest bin ich konsequent genug, mir edle Tees und edles Teegeschirr vorzuenthalten.

2. Immer: Salatcreme aus der Tube oder aus dem Glas
Ich liebe den Geschmack von Majonese und kleistere gerne gekochte Eier oder rohes Gemüse damit zu. Mein Gaumen ist fein genug, dass ich ihn sogar in der hochindustrialisierten Version der Salatcreme herausschmecke. Und mir deshalb nicht jedes Mal selbst eine machen muss.

3. Immer: Kantinenessen
Unsere Kantine kocht durchaus gut, es handelt sich also keineswegs um Junk Food. Doch ich bin mir sehr bewusst, dass das Fleisch und das Gemüse, die dort verarbeitet werden, niemals meinen Herkunftsansprüchen genügen würden. Ich esse trotzdem täglich dort.

4. Manchmal: Supermarktfleisch
Wenn ich kurzfristig eine Rindersuppe oder Schmorfleisch plane, bin ich oft zu faul, eigens den Biometzger aufzusuchen. Und greife nach der abgepackten Ware in der Kaufhaus-Feinkostabteilung, in der ich nach der Arbeit eh vorbeigeschaut habe.

5. Manchmal / immer: Fertigblätterteig
Manchmal, weil ich alle Jahr mal Blätterteig verarbeite. Immer, weil ich mich dann im
Kühl- oder Gefrierregal bediene – obwohl die Zutatenliste mehrere Zentimeter lang ist und an keiner Stelle „Butter“ aufführt.

6. Manchmal: Dosenthunfisch
Auch hier reine Faulheit. Wenn ich keinen ökologisch korrekt gefangenen daheim habe, nehme ich auch mal den nächstbesten.

7. Manchmal: Billig-Chinese ums Eck
Mein persönliches Pendant zu Fast-Food-Ketten.

8. Manchmal: Dosenobst
Dabei habe ich tatsächlich gar kein schlechtes Gewissen: Manche Gerichte gehören einfach mit Dosenobst zubereitet, zum Beispiel Trifle. Wegen der Tradition.

9. Manchmal: Billigschokoladeneier
Sie kennen diese kleinen, massiven Schokoladeneier in buntem, unbeschrifteten Stanniol, die netzweise verkauft werden?

10. Immer: Glühwein am Christkindlmarkt
Er ist überteuert, er ist zu süß, er macht viel zu schnell betrunken – aber mindestens einmal pro Saison muss er sein.

Adventspaziergang 2009

Montag, 14. Dezember 2009

Um keine Lücke in der Chronik zu lassen, sei hier auch der diesjährige Adventspaziergang mit gesamter Familie Kaltmamsell verzeichnet.

091213_Sollern

Kalt war es, ein scharfer Wind blies durchs Schambachtal auf unserem Weg von Sollern (Foto) nach Altmannstein. Wir waren auf dem Rad- und Wanderweg unterwegs, der auf der Trasse der stillgelegten Zuckerrübenbahn verläuft. Neffe 1 und Nichte rollten auf ihren Tretrollern dahin, Neffe 2 bevorzugte den Fußmarsch. Alle waren wir mit entstellenden Mützen ausgestattet – bis auf meine stylische Mutter, die sogar unter Mützen etwas dezent Schmückendes findet. Im Altmannsteiner Wirtshaus Neumayer wärmten wir uns in der Nebenstube unter Sportpokalen und Mannschaftsfotos auf, es gab Pfannkuchensuppe, Grillteller, Rehbraten, dunkles Adlerberger Bier vom Prösslbräu.

Bei meinen Eltern daheim verkosteten wir nachmittags die bisher eingebrachte Plätzchen- und Stollenernte. Mein Vater dauerte mich, weil er sich am lautstarken Informationsaustausch und Scherzen nicht beteiligen konnte: Wie schon einmal vor 24 Jahren ist ihm seine Stimme abhanden gekommen, ohne jede Erkältung oder sonstige Infekte, und er kann nur noch flüstern. Und wieder weiß keiner, warum.

Allein schon genauere Betrachtung wert: Die Dekoration des Hauses meiner Mutter, in der sich wie jedes Jahr reizende neue Details finden.

091213_Adventsschmuck_2

Dezembergespenster

Samstag, 12. Dezember 2009

Alle Jahre wieder macht mich der Dezember dünnhäutig.

Von innen steigen Erinnerungen an Dezemberereignisse auf, obwohl ich von keinen wirklich einschneidenden Veränderungen wüsste, die genau auf Dezember datierbar sind. Warum werden all meine Erlebnisse durch die Verwandlung in Erinnerung bittersüß?

– Teetrinken mit Besuch in meinem Jungmädchenzimmer, ein Strickzeug auf dem Schoß.

– Das Finden des ersten echten eigenen Tagesrhythmus in der ersten eigenen Bude über den Dächern von Eichstätt. Freunde erstmals in deren eigenen Wohnung besuchen.

– Die rachitische Grube in seiner Brust, begutachtet unter der Last des uralten Federbetts, da seine Wohnung voller dunkler Möbel, die er von seinem Großvater geerbt hatte, nur mit großem Aufwand zu heizen war.

– Die düstere Zugfahrt nach Manchester zur englischen Weihnachtseinladung.

– Der ebenerdige Seminarraum an der Uni, der auch um zehn noch neonröhrenbeleuchtet werden musste. Die Kommilitonen in dicken Pullis, ihre feuchte Jacken und Mäntel dünstend über den Stuhlrücken.

– Endlich schlank gehungert und doch noch viel niedergeschlagener. Die Jeans in Größe 28 mühelos schließen und keinen Triumph dabei spüren, nicht mal Befriedigung, sondern Trauer.

– Die schöne Altphilologin aus Madrid im Münchner Studentinnenwohnheim, die noch nie so viel Schnee gesehen hatte und mich zum Frühstück mit allen möglichen selbst ausgedachten Speisen bewirtete. Und mir zum Abschied ihre Orangenpresse schenkte, die ich bewundert hatte.

– Die Diners im Mittleren Westen auf dem Weg nach Lake Michigan, die köstliche Pancakes zum Frühstück servierten und schwungvolle Weihnachtslieder spielten. Das billige Hotelzimmer in Manhatten, in dessen Bad ich mich mit nassen Haaren fotografierte.

Manhattan_1992

– Abgrundtiefe Verliebtheit ohne Aussicht auf Erlösung, wie ein schwerer Infekt, eine Entzündung des Herzmuskels.

– Viele, viele solche Bilder wie Postkarten, die ein Windstoß ineinander verwirbelt, bis sie nicht mehr unterscheidbar sind.

Von außen bin ich im Dezember besonders leicht zu verletzen. Ein nicht erwiderter Blick, und ich verkrieche mich, stülpe mich nach innen. Ein heftiges Wort, und mir fällt ein schwarzer Schleier vors Gemüt.

Im Dezember bin ich ganz besonders mit mir überfordert.

Dirty old woman

Freitag, 11. Dezember 2009

Als ich zwischen meinen Weihnachtseinkäufen vier Packungen Kaffeebohnen beim Schtabacks kaufte (die Christmas Blend ist wirklich empfehlenswert), bot mir der freundliche junge Mann an der Kasse eine Dreingabe für diesen Kauf:
„Eine Tasse Kaffee?“ (Er sagte wirklich „eine Tasse Kaffee“ – ich wusste nicht, das man das beim Schtabacks überhaupt kriegt.)
„Oh, nein danke.“
„Wirklich nicht?“
„Nein, wirklich nicht.“
„Dann vielleicht ein Keks?“
„Danke, sehr nett, aber auch das nicht.“
„Wirklich nicht?“
„Nein – aber Sie könnten mich einfach nochmal anlächeln.“
Da wurde er ganz verlegen und schaute mir nicht mehr ins Gesicht. Und ich fühlte mich alt, vulgär und aufdringlich.

Blitzeis

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Erst war es besonders, dann unglaublich aufregend und eine von den Geschichten, die man noch seinen Enkeln erzählt, doch am Schluss bloß noch saublöd: der Nachmittag und Abend bei der feinen Tochter.

Wir waren wohl beide in der 6., höchsten 7. Klasse des humanistischen Gymnasiums der Stadt (also elf oder zwölf Jahre alt), E. und ich, und wir waren ein bisschen befreundet – gerade genug, dass wir einander nach der Schule mit nach Hause zum Mittagessen und anschließenden gemeinsamen Spielen mitnahmen. E. war ein angenehmer Mensch, trug feine Kleider und oft eine altmodische Schleife im Haar, war ein wenig schüchtern und für meinen Geschmack ein wenig zu kicherig, aber ich mochte sie. Sie wohnte draußen in der besten Gegend der Stadt – allerdings wusste ich damals noch nicht, dass dieses Stadtviertel als solche galt, genauso wenig wie ich wusste, dass das Wohnblockviertel, in dem meine Familie lebte, das Glasscherbenviertel der Stadt war. Von ihrem Vater hieß es, er sei Bankdirektor.

Es war ein düsterer Freitag im Winter, und wir hatte uns zum Schlittschuhlaufen verabredet: In der Nähe von E.s Elternhaus gab es einen Weiher, der bereits seit Tagen zugefroren war. Also radelten wir nach dem Unterricht hinaus in den Westen der Stadt, ich mit meinem Paar Schlittschuhen um die Schultern. (Hat jedes Kind damals wie ich gelernt, wie man alle vier langen Schuhbänder von Schlittschuhen zu einer Schlinge knotet, die man zum Transport über den Nacken legen kann, aber ganz einfach wieder lösen?)

Ich glaube, E.s Mutter, die uns im schlichten 60er-Jahr-Eigenheim willkommen hieß, kannte ich vorher schon: eine kleine, ganz feine Dame mit warmem Lächeln und einer sehr herzlichen Art, mit hochtoupierten blonden Haaren und schwarzen Augenbrauen. Aber E.s kleine Schwester (Sommersprossen, das lange, krause Haar fest aus dem Gesicht gebunden) lernte ich erst beim Mittagessen kennen. Es war im Esszimmer gedeckt – wie bei uns zu Hause, wo die Klassenkameradinnen, die ich heimbrachte, gerne verschüchtert waren und abwiegelten, das hätte es doch nicht gebraucht; ich wusste nicht, was sie meinten, bis ich mal bei einer Schulfreundin daheim im Speckgürtel der Stadt am nackten Resopaltisch in der Küche auf unterschiedlichen Tellern mit Würstchen aus der Mikrowelle abgefüttert wurde.

Beim Essen erzählte E.s Mutter von ihrer Kindheit und wie sie das aufrechte Sitzen bei Tisch mit Hilfe eines speziellen Korsetts gelernt hatte, das bei Erschlaffen der Haltung schmerzhaft einschnitt – eine Gruselgeschichte, die mich noch jahrelang verfolgte. E. wird mir dann wohl das Haus gezeigt haben, denn bei dieser Gelegenheit sah ich zum ersten Mal ein weißes Klavier: E.s weißes Klavier in einem in sehr hell dekorierten Zimmer mit Gold und Rosa – ihr Zimmer? Auch das beeindruckte mich sehr.

Das Schlittschuhfahren auf dem Weiher machte nicht viel Spaß: Das Eis war schon sehr zerfahren, außerdem störten Äste und Laub der umgebenden riesigen alten Bäume. Und dann begann es auch noch zu regnen. Dennoch nutzten wir die Erlaubnis des Ausgangs bis zur Dämmerung aus und tobten und spielten auf dem Eis. Als wir zurück zu E.s Elternhaus radeln wollten, bemerkten wir, dass die Straßen spiegelglatt mit Eis überzogen waren – Fahrradfahren war unmöglich. Wir schoben die Räder und schlitterten vergnügt die wenigen hundert Meter.

Bei E. daheim kamen wir auf die Idee, unsere Schlittschuhe wieder anzulegen und auszuprobieren, ob man damit auf der Straße laufen konnte. Vermutlich war es meine Idee; ich glaube mich zu erinnern, dass die zurückhaltende E. schon den ganzen Nachmittag genossen hatte, von mir dominantem Energiebündel zu immer neuen wilden Spielen angestachelt zu werden. Mittlerweile war es dunkle Nacht, der Regen hatte aufgehört. Und es ging: Wir konnten auf der nahezu unbefahrenen Straße vor E.s Haus Schlittschuhfahren. Ein unglaubliches Erlebnis – ich konnte kaum fassen, dass ich tatsächlich mit Schlittschuhen mitten auf der Straße fuhr, auf der pechschwarz glänzenden Straße, in fast völliger Stille, denn der Autoverkehr war praktisch erlegen. Es war immer noch sehr kalt, das Eis auf der Fahrbahn würde noch eine Weile bleiben.

Natürlich wurde E.s Mutter schnell klar, dass genau das ein Problem war: Wie sollte ich heimkommen? Sie bot mir das Naheliegende an: Ich könnte doch bei ihnen übernachten. Wie aufregend! Außer bei meiner Oma oder der Familie in Spanien hatte ich noch nie ohne meine Eltern irgendwo übernachtet. E. und ich sahen eine selige Nacht im gleichen Zimmer vor uns und strahlten einander an. Man bot mir Abendbrot, Nachthemd, Zahnbürste an – alles würde ganz anders sein als daheim, fremd und allein dadurch schon großartig und wundervoll. Jetzt musste nur noch meine Mutter Bescheid bekommen, die sich ja sicher schon Sorgen machte.

Das Telefonat zwischen E.s und meiner Mutter ging ganz anders aus, als wir uns das gedacht hatten. E.s Mutter teilte uns sehr verwundert und bedauernd mit, dass meine Mutter die Übernachtung nicht erlaubte. Sie habe versucht, sie zu überzeugen, dass der (etwa vier Kilometer weite) Heimweg bei diesen Witterungsverhältnissen so gut wie unmöglich sei, doch meine Mutter habe darauf beharrt. Sie werde mir zu Fuß entgegen kommen.

Auch ich verstand das nicht, aber in diesem Alter versteht man als Kind ja so manche Entscheidung und Anweisung der Erwachsenen nicht. Sehr wahrscheinlich fand ich meine Mutter an diesem Abend also einfach nur doof. Ebenfalls wahrscheinlich schlug mein Zorn umgehend in Bockigkeit um, gemischt mit Tränen. Und in sowas wie ein schlechtes Gewissen, daran erinnere ich mich genau – die Anordnung meiner Mutter war so abwegig, dass ich fürchtete, ich könnte irgendetwas Böses getan haben und bestraft werden.

Rutschend und mein Fahrrad schiebend machte ich mich also langsam auf den Weg nach Hause. Wo genau ich auf meine Mutter traf, weiß ich nicht mehr. Doch ich weiß noch, dass sie fuchsteufelswild war (so nannte sie selbst diesen Gemütszustand). Sie überschüttete mich mit Vorwürfen, warum ich mich nicht an die Uhrzeit gehalten hätte, die wir ursprünglich für meine Heimkehr vereinbart hatten, dass ich mich unmöglich benehmen würde, dass sie mich nie wieder zu einer Schulkameradin nach Hause lassen würde. Ich empfand mich ungerecht behandelt und verkroch mich weiter in die Bockigkeit.

Erst vor ein paar Wochen kam ich mit meiner Mutter auf diese Begebenheit zu sprechen. Sie erzählte mir, dass E.s Mutter sie viel später bei einer Zufallsbegegnung darauf angesprochen habe: Dass sie ihr nie verzeihen habe können, wie sie mich seinerzeit nachts und bei diesem Wetter zum Heimweg gezwungen habe. Und da gestand mir meine Mutter, warum sie damals so unerklärlich hart war: Sie hatte kurz zuvor in der Zeitung von einem Prozess gelesen, in dem feine Leute, ein Akademikerpaar, verurteilt worden waren, weil sie ein Nachbarsmädchen sexuell missbraucht hatten. Und nun hatte sie Angst um mich gehabt, gerade weil es sich bei E.s Familie um feine Leute handelte. Es war ihr im Nachhinein sehr peinlich. Und ich merkte, dass ich bis zu ihrer Erklärung das schlechte Gewissen gehabt hatte, ich könnte mich an jenem Nachmittag daneben benommen haben.


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