Mit Leuten reden

Sonntag, 24. Januar 2010 um 14:59

Wie bereichernd es sein kann, mit fremden Menschen zu reden! Selbst spreche ich so gut wie nie Fremde an, doch ich versuche in der Öffentlichkeit eigentlich immer angemessen ansprechbar auszusehen. (Ein sehr erfolgreicher Trick: Wenn ich unter Bekannten verrate, wie schwer mir der Umgang mit Fremden fällt, halten sie das für einen Scherz.)

Gestern war es die alte Frau in der Straßenbahn, der gegenüber ich mich mit meinem Korb voller Markteinkäufe setzte. Wir lachten einander an, sie bewunderte meinen Eichblattsalat, und schon erfuhr ich zwischen drei Haltestellen unter anderem, dass sie sich in Nymphenburg einen schönen Tag zu machen gedenke, ihr Mann nämlich mit Freunden in die Berge gefahren sei, sie einander auch nach 50 Jahren Ehe noch auf den Arm nehmen, und sie 84 Jahre alt sei. (Ernsthafte Frage: Ab welchem Geburtstag gehört das eigene Alter zu den wichtigsten Informationen, die man anbieten kann?)

Heute versuchte ich beherzt ein weiteres Mal, per U-Bahn zum Dauerlauf nach Thalkirchen zu fahren. Das ist schwieriger, als man zunächst meinen möchte, weil die Gleise zwischen Sendlinger Tor und Marienplatz an allen Sonntagen des Januar erneuert werden und die U-Bahnen vor Unregelmäßigkeit geradezu irrlichtern. Vergangenen Sonntag gab ich nach 35 Minuten vergeblichen Umherfahrens und Wartens auf und kehrte ungelaufen um.

Heute musste ich lediglich ungewohnterweise an der Implerstraße umsteigen. Am Bahnsteig dort erklärte ein Mann von den Münchner Verkehrsbetrieben (MVV) zwei Kontrabassisten gerade in englischen Fragmenten die Situation und wie sie zum Marienplatz kämen. Als die Musiker mit ihren Möbeln in den Aufzug gestiegen waren, fing er meinen Blick auf und seufzte, wie schwer es für ihn sei, auf Englisch Wörter wie „Baumaßnahmen“ auszudrücken. Wir plauderten ein paar Minuten, bis meine U-Bahn kam, und jetzt weiß ich, dass der derzeitige Gleisumbau lediglich der Anfang ist: Dieses Jahr wird der gesamte U-Bahnhof Sendlinger Tor umgebaut, der MVV-Herr erläuterte zahlreiche Details. Eine überaus nützliche Information – ich werde die Fahrradsaison dieses Jahr wohl besser sehr früh beginnen.

Die Isarwege von Thalkirchen nach Pullach waren fast durchgehend vereist. Das weiß ich auch von den Wegen, auf denen ich nicht selbst gelaufen bin: Fast alle Läufer tauschten Informationen aus. „Geht‘s unten besser?“ „Nein, ich bin gerade hochgelaufen, weil ich gehofft habe, dass es hier oben besser ist.“ Und: „Auf der anderen Seite ist‘s fei noch schlimmer.“ Oder gar: „Kehren‘S besser um, die nächsten zwei Kilometer ist es spiegelglatt bis an die Außenkanten.“ Ich bin dann auch nur zwei Mal ausgerutscht und gefallen – ohne dass ich mir weh tat. (Möglicherweise liegt das Geheimnis darin, das Fallen anzunehmen und nach dem Ausrutschen nicht erst durch Gefuchtel zu bekämpfen: Rutsch! Und sofort zu Boden sinken lassen, am besten mit Abrollen. Zur Überprüfung dieser Theorie bräuchte ich allerdings eine größere Versuchsreihe. Sie hören in zehn bis zwanzig Jahren nochmal von mir.)

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Mit Leuten reden“

  1. Sigourney meint:

    War auch gerade auf teilweise blankem Eis joggen, mit Spikes geht das ganz passabel. Vorausgesetzt das Eis ist nicht zu bucklig, dann kommt das mit dem Umkicken dazu.
    So ca. in dieser Bauart:
    http://www.globetrotter.de/de/shop/detail.php?mod_nr=tj_49001&GTID=b88048589eda8bc4d9ca260027bddb0ea37

  2. Not quite like Beethoven meint:

    Zum Fallen: Da brauchen Sie keine Versuchsreihe, so ist es genau richtig.

  3. smilla meint:

    eins der schönsten dinge im (alltags)leben ist mit fremden leuten reden…
    belebt ungemein, ist bodennah, und einfach spannend….meine meinung;-)

  4. die Kaltmamsell meint:

    Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen, Sigourney, großartig.

    Sie meinen, Not quite like Beethoven, Sie könne eigene Erlebnisse in die Reihe einbringen?

    Ja, smilla, sehr ;-) – das ist nicht der geringste Grund, warum ich Ihre Fotos und Geschichten so bewundere: Ganz offensichtlich können Sie fremde Leute ansprechen, und auch noch mit Freude!

  5. Sigourney meint:

    Sehr gerne.
    Fühlt sich natürlich schon etwas anders an mit den Dingern, Rekordzeiten läuft man damit wohl nicht, aber tausendmal besser als rumglitschen.
    Gerade jetzt wo hier in HH alles voller Eisplacken ist, auch immer in der Handtasche mit dabei, für alle Fälle.

  6. Buchfink meint:

    Heute in der Stadt sprach mich eine wildfremde Frau an: „Sie haben so ein freundliches Gesicht, das muss ich Ihnen einfach sagen“. Ich habe ihr gedankt und mich gefreut. Aber ob ich in gleicher Weise auf wildfremde Leuten losgehen könnte? Ich fürchte nein.

  7. Marita meint:

    Lustig! Letzte Woche im Zug von B nach HH hat mich auch eine wildfremde Frau angequatscht – und ich wollte doch eigentlich ganz gemütlich meine Zeitung lesen, wollte dann aber nicht unhöflich sein. Heraus kam: Ein unglaublich spannendes Gespräch mit einer Teppichsammlerin aus Kuwait, die mir, als ich im Zug fast erfror, dann mit ihrer Fleecejacke vor dem Kältetod rettete und mich mit M&Ms fütterte, weil Körperfett ja gegen Kälte hilft. Mein Highlight: Als sie mir sagte, ich solle mir doch meine Lieblingsfarben bei den M&Ms raussuchen, sie würde dann einen entsprechenden Seidenteppich für mich produzieren lassen. Das war: Alles in allem viel schöner als einfach nur entspannt Zeitung zu lesen.


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