Journal 18. Februar 2008

Freitag, 19. Februar 2010 um 7:51

Wenn es so lang kalt war (verhältnismäßig, hier im Süden hatten wir es diesen Winter ja noch Gold), bekommt der Mensch ein neues Verhältnis zur Außentemperatur. Als ich aus dem Haus ging, fand ich es mild. Umso mehr überraschte mich, dass der leichte Regen auf den 20 Metern zwischen U-Bahn-Ausgang und Firmentor zu Eis geworden war. Ich rutschte aus und fiel auf die Knie. Nach dem Aufrappeln und weiteren drei Schritten gleich nochmal. Das Ergebnis: Meine blickdichte dunkelblaue Strumpfhose ist am linken Knie zerrissen (die ich unter anderem deshalb so geschätzt hatte, weil sie mir mit einem kleinen Etikett bedeutet hatte, wo hinten ist), das linke Knie ist aufgeschlagen wie bei einer lebhaften Siebenjährigen. Aber nichts schmerzt.

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Nach Langem habe ich mal wieder einen guten Vorsatz: Die Nagelhäute meiner Finger in Ruhe lassen – meine Hände sehen immer aus wie die einer hyperaktiven Zwöfjährigen. Plus Falten. Und schlaffer Haut. Ich bin schon auf die Kombination mit Altersflecken gespannt. Wo war ich?
Doch erst wenn ich eine ähnliche Erscheinung bei anderen Erwachsenen bemerke, wird mir klar, wie unappetitlich und ungepflegt das wirkt. Diesen einen nervösen Tick werde ich mir doch wohl verkneifen können; bleibt ja immer noch das Haarefieseln.

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Ausführliche Mittagspause mit einem Menschen, den ich vor vielen Jahren aus dem Blick verloren hatte. Jetzt werfe ich mir vor, ihn nicht mehr vermisst zu haben, denn seine Klugheit gepaart mit Warmherzigkeit findet man nun wirklich nicht an jeder Straßenecke.

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Die Krähen ziehen zurück gen Osten. Im Abendlicht sah ich sie von meinem Bürofenster aus schwarmweise fortfliegen. (Hoffentlich sind die beiden Schätzchen nicht weg, die mich immer mit ihren Sturzflügen vom Dach hochschrecken – mein Schreibtisch am Fenster ist dicht unterm Dach; es sieht aus dem Augenwinkel aus, als falle gerade etwas Großes vom Dach.)

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Über feministing auf einen Dating Guide für Frauen aus dem Jahr 1938 gestoßen. Die Illustrationen sind hinreißend.

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Zum ersten Mal afghanisch Essen gegangen – und sehr positiv überrascht gewesen. Ethnische Küche ist meiner Erfahrung nach gerne mal durchschnittlich und verlässt sich auf die Überzeugungskraft der Exotik. Doch im Lemar in der Brunnstraße ist das anders. Zum einen beriet uns Herr Bedienung (möglicherweise der Wirt, seine Haltung ließ darauf schließen) eingehend: Als wir die gemischten Vorspeisen bestellen wollten, riet er ab, weil einige besondere Gerichte nicht enthalten seien. Ob wir zum ersten Mal hier seien? Er setzte sich zu uns, überlegte, und empfahl uns dann eine ganz bestimmte Zusammenstellung von Vorspeisen. Diese stellte sich als ein echtes Geschmackserlebnis heraus: Neben Pakora-ähnlichem Backgemüse und Gurken-Minzjoghurt gab es nämlich eine mit Hackfleisch gefüllte Auberginenrolle, die in einer mir völlig neuen Kombination gewürzt war – wir vermuteten neben Koriander und Kreuzkümmel normalen Kümmel. Und dann war da der süß-scharfe, dunkelrote Kürbis: viel Zwiebel und möglicherweise Rosenwasser machten die ordentlichen Schärfe ganz schön abgefahren. Als Hauptspeise hatte der Mitbewohner Lavastein-gegrilltes Lamm mit braun gebratenem Basmatireis mit Rosinen und Karotten bestellt – schmeckte ihm sehr gut, doch ich hatte einen weiteren Geschmacksknaller auf dem Teller: Gekochtes Lamm mit scharfer Linsensoße in einem zusammengeklappten, Crêpe-dünnen Brotfladen. Die großen, zarten Fleischstücke hatten einen kräftigen Lammgeschmack (ich mag das) und waren umgeben von einer limettig-scharfen Linsensoße mit viel Ingwer und Korianerblättern – sagenhaft. Die Aromen erinnerten durchaus an die englisch-indische Küche, die ich sehr mag, hatten aber eine entschieden eigene Note.

Dazu tranken wir einen kräftigen sardischen Weißwein, Nuragus di Cagliari, der mit seinen Honig- und Kräutergeschmäckern gut gegenhielt.

Bei Interesse unbedingt reservieren: Auch an einem Donnerstagabend war das Lokal bis auf den letzten Platz gefüllt.

Wetter: Regnerisch, mild, tauend, nachmittags mit ein bisschen Sonne.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal 18. Februar 2008“

  1. Hande meint:

    Brava! Auf einen Weißwein würde bei dem Essen nicht jeder kommen, kompliment!
    PS: Ich will auch zu Lemar! Früher war es in der Nähe von Sendlinger Tor, ist jetzt in Schwabing (sagt SZ magazin)?????

  2. walküre meint:

    Ich weiß nicht, ob ich bei der Anleitung für richtiges Verhalten bei einer Verabredung lachen oder weinen soll …

  3. fressack meint:

    Dank für den Dating Guide.
    Ist irgendwie zeitlos.
    Hehe

  4. die Kaltmamsell meint:

    Es gibt zwei Lemars, Hande, ich glaube von Brüdern geführt, wir waren in dem am Sendlinger Tor. Aber bei der Reservierung wurde ich gefragt, ob ich wirklich dieses meine und nicht das in Schwabing. Du kannst dir allerdings vorstellen, wie es mich gerissen hat, als ich den Herrn heute im SZ-Magazin sah.

  5. applegg meint:

    .. wobei mir mein Bauchgefühl sagt, dass es sich bei dem Dating Guide um eine Fälschung aus den aktuellen Zeiten handelt. Zu übertrieben die Posen…
    Erinnert mich an http://de.wikipedia.org/wiki/Handbuch_f%C3%BCr_die_gute_Hausfrau

  6. walküre meint:

    DAS, applegg, wage ich zu bezweifeln. Im Laufe der Jahre bin ich in den Besitz etlicher Ratgeber für junge (Ehe-)Frauen gekommen, in denen ganz ähnliche Bilder zu finden sind – und diese Bücher sind unzweifelhaft Originale.

  7. kid37 meint:

    Der Dating-Guide ist ja hinreißend. Eine moderne Version kreiste wohl um sichtbare G-Strings und warnte davor, ständig aufs Mobiltelefon zu schauen oder gar SMS zu schreiben.

  8. peppinella meint:

    sollte dein nagelhaut-projekt funktionieren, so bitte ich um einen ausführlichen bericht während der abgewöhnunsphase, um dann ebenfalls die finger von den fingern zu lassen.

  9. finchen meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, ich mag ja ihr Tagebuch-Blogging; gehen Sie denn auch mal wieder ins Schwimmbad? Die Schwimmbad-Berichte lese ich nämlich so gern…;-)

  10. Sebastian meint:

    Lamm, das nach Lamm schmeckt – oja! Und auch sonst klingt es gut. Muss ja für mich alleine nicht nicht reservieren, weil „bis auf den letzten Platz gefüllt”. Tststs…

  11. applegg meint:

    Wer wäre ich denn, einer walküre zu widersprechen…

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