Up in the Air

Sonntag, 7. Februar 2010 um 10:28

praktisch spoilerfrei1

Kaum behaupte ich, schöne titles seien eine Seltenheit geworden, bekomme ich gleich wieder welche: Up in the Air beginnt mit einer wunderschönen Zusammenstellung von Luftaufnahmen, überlegt von einer 50er-/60er-Jahr-Schrift und unterlegt mit einem supergroovigen „This Land is Your Land“ von Sharon Jones & the Dap Kings.

Die Handlung startet als leichte Kommödie, Herr Clooney spielt seinen Ryan Bingham als ganz normalen Erfolgspragmatiker ohne allzu große Ziele. Er verdient sein Geld damit, für Unternehmen die Entlassungsgespräche zu führen – doch um das Geld geht es ihm dabei nicht: Es geht ihm um die Flugmeilen, die er beim kontinuierlichen Herumreisen dafür bekommt. (Aha, denkt sich die Businesskasperin: In Deutschland könnte der Film also schon mal nicht spielen, weil hier die Flugmeilen dem Arbeitsgeber gehören – außer der Arbeitnehmer ist bereit, Steuern für diesen „geldwerten Vorteil“ zu bezahlen. ´tschuldigung.) Ryan ist keineswegs ein kalter Unmensch, ihm gehen die Schicksale der Menschen auf der anderen Seite des Schreibtisches durchaus nahe – aber lediglich so nahe, wie ihm der Rest seiner Umwelt geht: Ryan Bingham ist davon überzeugt, dass der Mensch ohne zu tiefe materielle oder menschliche Bindungen besser lebt.

Vorangetrieben wird die Handlung durch zwei Frauen. Die putzige Anna Kendrick spielt eine neue Kollegin, die den Job von Ryan und seinen Kollegen gründlich umkrempeln soll: Wozu groß Herumreisen, wenn diese Entlassungsgespräche auch über Videokonferenzen geführt werden können? Und meiner Meinung nach spielt Frau Kendrick George Clooney damit völlig an die Wand: Ihre jung-naive Mischung aus scheinbar logischer Betriebswirtschaft und romantischen Beziehungsidealen ist mir im Berufsleben schon mehrfach begegnet. (Ich finde immer spannend, wie sich der Berufsalltag auf diese Menschen auswirkt: Die wenigsten werden kalte Zyniker mit Senkrechtkarriere, die meisten bekommen schnell einen Blick für Grautöne und werden sowohl im Beruf als auch privat pragmatisch menschlich.)

Die andere Frau ist Alex Goran, das weibliche Pendant zu Ryans Lebensstil; die Kennenlernszene ist ein Highlight des Filmes. Vera Farmiga hat mir ausgezeichnet in dieser Rolle gefallen. Klar weiß die Zuschauerin von Anfang an, dass Ryan einen Läuterungsprozess durchlaufen muss, wir sitzen schließlich in einem Hollywood-Film. Die Spannung liegt dann eher im Wie. Und dieses Wie schien mir nicht besonders gelungen: Das letzte Drittel des Filmes holperte auf ein halbschariges Ende zu, das schlimmer hätte kommen können, mir aber doch zu offen war: Wenigstens über Alex hätte ich gerne etwas mehr erfahren.

Neben den beiden Schauspielerinnen an seiner Seite verblasste Herrn Clooneys Schauspielkunst; selbst Kläglich hat er schon überzeugender gebracht. Dass die Academy ihn ausgerechnet dafür für einen Oscar nominiert, wundert mich schon arg.

  1. Weil es dazu immer wieder Fragen gibt: Als „Spoiler“ werden in Besprechungen von Filmen und Romanen Enthüllungen bezeichnet, die das Erstrezipieren verderben können (engl. to spoil). Ich ärgere mich über solches Verderben immer, deshalb versuche ich es so weit als möglich zu vermeiden. Kleinigkeiten verrät allerdings jede Besprechung, um überhaupt ein sinnvoller Text zu sein, deshalb „praktisch“ – wie in „praktisch grätenfrei“. []
die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Up in the Air

  1. Véronique meint:

    “Dass die Academy ihn ausgerechnet dafür für einen Oscar nominiert, wundert mich schon arg.”
    Den Film habe ich gestern Abend gesehen, und dass habe ich mich auch gefragt… Da ich leider nur die Synchronversion gesehen habe, gehe ich davon aus, dass die OV (und Clooney in der OV) besser ist, aber wahrschinlich hat der Film einfach den Nerv der Zeit zu stark getroffen, um von der Academy ignoriert zu werden. Und das würdigt sie gerne mit einer Nominierung für die Hauptrolle…

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ich habe den Film tatsächlich unsynchronisiert gesehen, Véronique, das hat nicht geholfen. Am ehesten müsste die Synchronisation Anna Kendricks Leistung verstecken: Sie spricht im Original immer wieder viel zu schnell, wenn die Figur aufgeregt ist, bis zur Unverständlichkeit – ob die Synchronschauspielerin sich das auch traut?

  3. daniel meint:

    erstaunlich, das massivste product placement seit castaway mit tom hanks (fed ex,wilson etc), und der wurde auch nominiert… kommerzielles hollywood at its best… airline,hotel, auto vermieter dauer werbespot mit soziokulturellem touch aber schön konstant nur an der oberfläche leider ohne tiefgang… und Véronique hat recht es trifft den US zeitgeit absolut…

  4. die Kaltmamsell meint:

    Andererseits, daniel, spricht Ryan doch so hingebungsvoll davon, wie wichtig ihm Loyalität zu Marken und Firmen ist, dass es ohne konkrete Markennamen gar nicht gegangen wäre. Nun, man hätte ein ganzes System fiktiver Marken erfinden können, doch das hätte den Film erheblich verteuert.

  5. daniel meint:

    auf jeden fall, außerdem haben fiktive marken auch nicht die strahlkraft. nur denke ich haben diese hotelketten etc ein enomes interesse an möglichst hohem zuschauer aufkommem und eine nominierung führt zu einer steigerung das sind alles lobbyisten und die goodie bags an den academy awards werden mit sicherheit in diesem jahr auch etwas dazu beinhalten…

  6. Sebastian Dickhaut meint:

    Ein Heckspoiler versaut dann also das Heck?

  7. loreley meint:

    Im Wikipedia-Eintrag über den Film, wird darauf hingewiesen, dass die Produzenten kein Geld für das Product-Placement bekommen haben. Die Marken gehören wohl einfach zu der Geschichte.

  8. fressack meint:

    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

    Ich fand den Film auch schön als leise, gepflegte Sonntagnachmittagsunterhaltung. Wo aber hier der Oscar hingehört, erschliesst sich mir auch nicht.

  9. Gonzo meint:

    Will sich denn nun keiner mal eben fuer fuenf Minuten anstrengen und ein deutsches Wort fuer SPOILER ersinnen? Gar keiner? Frueher haetten das zur Not auch mal eben Kabarettisten gemacht…

  10. zorra meint:

    Na, da hast du aber schon ganz viel verraten. ;-)

Sie möchten gerne einen Kommentar hinterlassen, scheuen aber die Mühe einer Formulierung? Dann nutzen Sie doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein, Sternchen darüber und darunter kennzeichnen den Text als KOMMENTAROMAT-generiert. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen