Ärgerverwaltung

Sonntag, 26. September 2010 um 16:51

Dass ich gestern bis halb zehn schlief, nur kurz unterbrochen von einem Klogang kurz vor sieben, war ein echtes Geschenk. Oder – nennen wir es lieber Schnäppchen, denn ich musste einen Preis dafür zahlen: das erste Stück des Tages. Entsprechend spät kam ich nämlich los zur ersten Schwimmrunde nach sechs Wochen (hatte sich an den Wochenenden davor einfach nicht ergeben).

Fast aber wäre auch dieser Versuch gescheitert, denn die U-Bahn-Fahrer-Gewerkschaft streikte. Ich hatte viel Zeit, mir über die unterschiedlichen Auswirkungen von Streiks Gedanken zu machen. Ursprünglich, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, sollten die Arbeitgeber mit Streiks unter Druck gesetzt werden, auf die Lohnforderungen der Arbeitnehmer einzugehen. Mittlerweile sind aber Lohnverhandlung allgemein zu einem rein symbolischen Tanz geworden, der auf mich Außenstehende immer ein wenig lächerlich wirkt.

Streiks sind bis heute eine wichtige Figur in diesem Tanz. Eine Sorte, so ging mir gestern beim Warten am Bahnsteig durch den Kopf, schmerzt immer noch vor allem den Arbeitgeber: die im produzierenden Wirtschaftssegment. Dort allerdings in Zeiten von just in time -Zulieferung auch die Lieferanten. Eine andere Sorte geht vor allem auf Kosten der Kunden: die in den Dienstleistungen. Sie sollen nicht dem Arbeitgeber an die Geldkisten gehen, sondern die Öffentlichkeit aufmerksam machen. Nun nehme ich an, dass diese Öffentlichkeit im Sinne der Arbeitnehmer aufmerksam gemacht werden soll. Dann hätten die Gewerkschaften gestern mal besser ihre Vertreter an die Bahnsteige gestellt, die die Anliegen der Streikenden erklären. So aber entwickelten sich in der wachsenden Menschenmenge, großteils in Oktoberfestverkleidung, Mordgelüste – und sicher nicht gegen die Arbeitgeber.

Auch ich suhlte mich in Gewaltfantasien und ärgerte mich fürchterlich, dass ich nicht zum Schwimmen kam. Der hartnäckige Regen verhinderte die weite Radfahrt ins Olympiabad, und fast wäre ich wie schon vor zwei Wochen trotzig umgekehrt und hätte mich den ganzen Tag über ausgefallenen Sport geärgert. Um dieses Nachher-Ärgern zu vermeiden, hielt ich den aktuellen Ärger aus und kam nach einer Stunde endlich an der U-Bahn-Station Olympiazentrum an.

Dieser Grundärger machte mich nicht gerade zur angenehmsten Bahngenossin im Becken, doch ich hatte mich im Griff. Das regelmäßige Atmen beim Schwimmen beruhigte mich zusätzlich.

Übrig blieb eine Grundgereiztheit, die jederzeit wieder in Ärger umschlagen konnte (der typische Münchner Grant, der sich gegen den Umstand richtet, dass im Grunde das ganze Leben eine Zumutung ist): Ich hatte unbemerkt beim Kruschen nach Badkarte und Geld die restliche Wochenendzeitung verloren und stand nun lektürelos vor dem Warten auf die U-Bahn und der Fahrt zurück. Ein Glück für die kosmische Gesamtstimmung, dass die Bahn bereits nach fünf Minuten kam und am Olympiazentrum noch nicht überfüllt war.

Blieb nur der Ärger über die vielen auswärtigen Nutzer der Rolltreppen im Münchner Nahverkehr: Sie wussten natürlich nicht, dass man in München ganz besonders zügig auf Rolltreppen voran kommt, weil die linke Seite für Eilige freigehalten wird – herumgestanden wird auf der rechten Seite (schon ganz kleinen Münchnern wird der Reim „rechts stehen, links gehen“ eingepaukt).

Konsequentes Daheimbleiben schützte die Umwelt den restlichen Tag über vor weiteren Auswirkungen meines Ärgers.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu “Ärgerverwaltung”

  1. Alessa meint:

    Ihre Verärgerung kann ich verstehen. Bei Ihrem Vorschlag, Frau Kaltmamsell, sehe ich allerdings folgendes Problem:

    um mit der wachsenden Menschenmenge über die Arbeitsverhältnisse im öffentlichen Dienst (und diesem vergleichbaren Bereichen) zu diskutieren, hätte das möglicherweise noch schneller zu Mordgelüsten geführt.

    Denn das gemeine Volk ist nach wie vor der Meinung, dass sich Beschäftigte im öffentlichen Dienst mit wenig Anstrengung und traumhaften Arbeitszeiten eine goldene Nase verdienen; Sie mögen eine rühmliche Ausnahme sein, wenn Sie bereit wären, mit den Gewerkschaftsvertretern zu diskutieren :-)

  2. Alessa meint:

    Hm, das mit dem Zitieren hat leider nicht geklappt.

    Zwischen dem ersten und dem zweiten Absatz hätte das Zitat
    „Hätten die Gewerkschaften gestern mal besser ihre Vertreter an die Bahnsteige gestellt“ stehen sollen.

  3. ilse meint:

    Da fehlte ja nur noch der Rundgang auf der Wiesn!

  4. Schlosswiler meint:

    Solange Staatsangestellten einen höheren Kündigungsschutz geniessen, sollte ihnen der Streik verboten sein!S

  5. vered meint:

    Chapeau, Mme Kaltmamsell, für die gelungene Verwaltung des Ärgers. Hoffentlich haben sie sich mit dem Daheimbleiben nicht nur weiteren Ärger erspart, sondern sich nach der Formel „minus mal minus macht plus“ einen so richtig erholsam-gemütlichen Tag schaffen können.

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