Tag 6 – Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)

Donnerstag, 7. Oktober 2010 um 22:41

William Golding, Hermann Stiehl (Übers.), Der Herr der Fliegen (apropos Literaturnobelpreis).

Damals verzeichnete ich noch das Kaufdatum eines Buches auf der Innenseite, und dort steht „Weihnachten 1983“. Ich habe es also aus dem Jahr, in dem Golding den Nobelpreis für Literatur bekam. Und glaube mich zu erinnern, dass ich es mit dem Gutschein für die Buchhandlung Schönhuber bezahlte, den meine Taufpatin mir zu Geburtstagen und zu Weihnachten schenkte. Damals war ich der meterweisen Jungmädchenbücher aus der Stadtbibliothek restlos überdrüssig und hungerte nach etwas Ordentlichem. Da ich keinerlei Beratung und Orientierung bei der Auswahl meiner Lektüre hatte (ich wäre nie auf die Idee gekommen, meine Deutschlehrer zu fragen, und weder ich noch meine engsten Freundinnen kamen aus lesenden Familien), orientierte ich mich halt am Nobelpreis als Qualitätskriterium. Schließlich hatten mir die zwei Romane von Pearl S. Buck aus Mutters Buchregal durchaus gefallen…

Ich weiß sicher, dass es eines der besten Bücher war, das ich jemals gelesen habe (dass nicht alle mit Nobelpreis ausgezeichneten Werke in diese Gruppe gehören, lernte ich erst später). Doch ich fand die Handlung so zwingend und unausweichlich, dass ich mit Bedrückung daran zurückdenke. Ich wusste gleich nach Beenden der Lektüre, dass ich das nicht nochmal erleben möchte.

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die Kaltmamsell

17 Kommentare zu “Tag 6 – Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)”

  1. winnie meint:

    Hervorragend. Endlich weiss ich, was mich damals an dem Buch gestoert hat. Ich denke immer noch mit Bedrueckung daran zurueck und sie haben es auf den Punkt gebracht: die Handlung war zwingend und unausweichlich. Made my day!

  2. Sus meint:

    Dieses Buch hat mich auch schwer beeindruckt. Aber dummerweise habe ich es in der Oberstufe im Englisch-LK kennengelernt: zum Einen gut für uns Schüler, aber zum Anderen schlecht für das Buch: „Bitte lesen Sie die nächsten zwei Kapitel und analysieren sie …“
    Das zerfleddert jegliche Handlung!

    Vielleicht sollte ich es noch einmal lesen (und dann nie wieder),

    liebe Grüße, Sus

  3. fille meint:

    „Lord of the flies“ wäre ein guter kandidat für mein Hassbuch gewesen. Ich habe alles daran gehasst: die Stimmung, die Bosheit…

    Aber ehrlich gesagt habe ich das Meiste eh überprungen (Pflichtlektüre im Englisch-Unterricht)…

    Mein Hassbuch, das ich zwar gehasst aber mit viel Spannung und ganz gelesen habe war Michel Tourner: Le roi des Aulnes (Erlkönig)…

    Die Bücher, die ich nur einmal lesen würde sind die meisten der „Erfahrungsliteratur-Bücher“, die ich so gerne kaufe (und dann nicht wegschmeissen kann. Ich bringe es einfach nicht übers Herz).

  4. fille meint:

    Ach ja und noch ein Hassbuch, ähnliche Kategorie wie „Lord of the flies“: Die Blendung von Elias Canetti.

    Aber das habe ich, glaube ich, nicht bis zu ende geschafft.

  5. lihabiboun meint:

    „His head opened and red stuff came out“ – dieser Satz wird auf immer genug sein, daß ich schaudere. Sie haben recht, einmal ist genug.

  6. Kai meint:

    Interessant, wie Englisch-LKs es bei vielen schaffen, Weltliteratur hassenswert zu machen. Bie mir war es „Catcher in the Rye“, das erklärte Lieblingsbuch meiner Lehrerin. Wir haben es monatelang analysiert – ich habe alles daran gehasst (und hasse es immer noch): den Stil, den Autor, den dämlichen Protagonisten…

    Wenn ich länger drüber nachdenke, trat dieser Effekt sehr oft auf. Je länger und eingehender man sich mit einem literarischen Werk in der Schule beschäftigen musste, desto größer die entstehende Antipathie. Was läuft da falsch, bzw. wie schaftt man es. Schüler für Literatur zu begeistern und ihnen die Techniken zu vermitteln, ohne gleichzeitig diese Abscheu einzuimpfen?

  7. oachkatz meint:

    Ich verfolge seit Tagen mit immer wieder neuer Spannung und viel freude Ihre Bücherkategorisierung, und weiß selbst nicht, warum es so viel Spaß macht. Aber ich habe tatsächlich Lust bekommen, die Liste auch einmal abzuarbeiten. Den Herrn der Fliegen habe ich gehasst – er hat mein Lieblingssehnsuchtswegträumbuch „Zwei Jahre Ferien“ (in der gekürzten Kinderfassung) ins Hässliche verkehrt. Denn schon damals hatte ich den Eindruck, seine Einschätzung, wie sich eine solche Situation entwickln würde ist die realistischere. Dass wir das Buch im Englischunterricht gelesen haben, war ihm sicher auch nicht zuträglich. Dass das nicht immer so sein muss, bewies ein paar Jahre später ein genialer Deutschlehrer, der es immer schaffte, die Klasse im Vornherein so von einer Lektüre zu überzeugen, dass sie danach dachte, sie selbst ausgesucht zu haben. Und das mit Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, von dem ich dachte, es sei das Beste, was mir als Lesematerial jemals unter die Augen gekommen ist. Das nenne ich Motivation.

  8. Anke meint:

    Einer unserer Deutschlehrer hat sich damals davor gedrückt, der Blödmann zu sein, der uns die nächste Lektüre aufzwingt. Also hat er fünf Leute gebeten, ein Buch von seiner Liste zu lesen, es der Klasse zu beschreiben, und die durfte dann auswählen, welches wir als nächstes gemeinsam durchnehmen.

    Ich war natürlich bei den freiwilligen Leser_innen dabei und habe der Klasse Jakob Wassermanns „Das Gold von Caxamalca“ nahegelegt, das ich total toll fand. Die Klasse wollte es daraufhin lesen, fand es allerdings alles andere als toll, und deswegen war *ich* dann der Blödmann und nicht der Lehrer.

    Vielleicht habe ich damals den Grundstein zu meiner Karriere als Werbetexterin gelegt, fällt mir jetzt gerade auf.

  9. ilse meint:

    Dieses Buch habe ich gelesen und SOFORT verdrängt. Pearl S.Buck stand bei uns auch im Regal (neben meterweise Bergsteigerbüchern, der Lieblingslektüre meiner Mutter).

  10. fille meint:

    Bei „catcher in rye“ liegt es wahrscheinlich nicht an dir, ehrlich gesagt. Ich habe es kürzlich gekauft und angefangen, weil ich so viel darüber gelesen haben, aber ehrlich gesagt: ich konnte es nicht zu ende bringen. Ich habe mich dann auf Wikipaedia überzeugt, dass wirklich nichts besseres mehr kommt und das Lesen sein lassen.

    Ich nehme an, das war so ein Buch wie „Die Leiden des jungen Werther“: hat eine Generation total angesprochen, weil es vollkommen am Puls der Zeit war, für alle anderen unlesbar…

    Wahrscheinlich war dieses „Ich habe nichts, ich kann nichts, die ganze Welt ist gegen mich, und ich gegen die ganze Welt“ in den 60ern ganz toll und revolutionär, aber wir können da nur müde mit den Schultern zucken.

  11. Stephan meint:

    @Anke: „Das Gold von Caxamalca“ hatte meine Mutter (Deutschlehrerin) als ungelesenen Klassensatz im Regal. Mich hat als kleinen Jungen diese Anhäufung von 30 identischen makellosen Lektüre-Heften so fasziniert, dass sie mir selbst wie ein Schatz vorkamen. Ob ich die Erzählung je gelesen habe erinnere ich nicht mehr. Aber ich habe bestimmt 25-30 Jahre nicht mehr daran gedacht. Danke für die Zeitreise.

    Einmal und nie wieder wären für mich Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“, die ich mit viel Spaß im Deutsch-Grundkurs auseinandernehmen durfte. Wobei das Auseinandernehmen in diesem Fall, wegen der hochparallelen Erzählstruktur, wirklich sinnvoll, verständnis- und genußfördernd war. Aber, einen Frosch seziert man halt auch nur einmal.

    Die Jahrestage dagegen …

  12. Sus meint:

    Ich habe mich mit meiner Englischlehrerin seinerseits lang und vehement gestritten, ob denn jetzt F. Scott Fitzgerald in „The Great Gatsby“ wirklich etwas aussagen wollte, als er von einem grünen Licht auf der anderen Seite der Bucht sprach, oder ob er es einfach so geschrieben hat, weil’s gerade im Schreibfluß hübsch klang …

    Liebe Grüße, Sus

  13. fille meint:

    „oder ob er es einfach so geschrieben hat, weil’s gerade im Schreibfluß hübsch klang …“

    Ja… Je Literaturforscher, desto Götter der Autor.

    Je mehr die Leute sich mit Literatur, Sekundärliteratur, Tertiärliteratur befassen, desto weniger fassen sie die Möglichkeit ins Auge, dass der Autor vielleicht wirklich etwas nur hingeschrieben hat, weil es gut klang oder weil er mit seiner Frau gestritten hat oder weil er gerade zu viel (oder zu wenig) Alkohol (weiche Drogen, harte Drogen) in sich hatte.

    Als pragmatische Übersetzerin von nicht-Literarischen Text ist das bei mir immer eine der ersten Hypothesen… Der Autor ist kein Gott, sondern ein Mensch, der manchmal nicht einmal besonders gut schreiben kann.

    Der Vorteil bei nicht-literarischen Übersetzungen: man kann meistens überprüfen, was Sache ist.

    weniger geben die Leute zu, dass der Autor vielleicht einfach einmal etwas so

  14. die Kaltmamsell meint:

    Ihnen ist aber schon klar, meine Damen und Herren, dass Sie sich hier im Blog einer studierten Literaturwissenschaftlerin befinden? Und wir Literaturwissenschaftlerinnen befassen uns am aller-, allerwenigsten mit Autorenabsicht. Mich zum Beispiel interessiert sie überhaupt nicht. Der Autor macht NICHT die Bedeutung eines Werkes.
    Es sind die Laien, nicht die Fachleute, die den Autor als Hauptquell aller Interpretation des eigenen Werkes sehen.

  15. kecks meint:

    fille, vielleicht gibt es aber auch noch andere Gründe für eine bestimmte Textbeschaffenheit als die werte Psychologie des Herrn Autor?! Die Literaturwissenschaft ist ja nun nicht bei der Hermeneutik stehen geblieben.

  16. fille meint:

    Na dann bin ich ja beruhigt…

  17. Petra_s meint:

    stimme zu!

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