Archiv für März 2011

Im Arri-Studio

Mittwoch, 23. März 2011

Alteingesessenen Münchnern ist es natürlich vertraut, doch mich konnte man damit überraschen, dass es mitten in München ein Fernsehstudio gibt: Das Arri-Studio in der Türkenstraße – so zentrales Schwabing, dass es fast noch Maxvorstadt ist.

Andererseits: Mich überraschte ja auch die Erkenntnis, dass eine Live-Sendung, die im Fernsehen um 22.15 Uhr beginnt, auch in Echt um viertel nach zehn anfängt – also ungefähr zu der Zeit, zu der ich mich gewöhnlich mit einem Buch ins Bett zurückziehe, um spätestens eine halbe Stunde später das Licht zu löschen und einzuschlafen.

Gestern sah ich mir zum zweiten Mal die Sendung Neues aus der Anstalt direkt im Studio an.

Karten kann man für diese Show online reservieren, sollte allerdings eine Nachtschicht einkalkulieren: Ab Mitternacht des ersten Vorverkauftags steht die Funktion zur Verfügung, und das Interesse ist erheblich größer als das Angebot. Die bis zu vier Karten, die man zurücklegen lassen darf, holt man dann im Ticketbüro in der Ursulastraße ab, direkt neben der legendären Lach- und Schießgesellschaft, in einem ganz besonderen Eck Alt-Münchens, das mich mit seiner Mischung aus zwei- bis dreigeschoßigem Zuckerbäckerbarock gleich beim Englischen Garten und Pilskneipen sowie kleinen Boutiquen ein bisschen an Wien erinnert.

Bei meinem ersten Besuch der Show im Arri-Studio vor gut zwei Jahren erklärten mir Bekannte das Procedere, dieses Wissen nützte mir gestern: Einlass ins Studio beginnt um 21.15 Uhr, und für einen guten Platz empfiehlt es sich, deutlich vor 21 Uhr eine gute Startposition in der Schlange im Foyer zu sichern. In der Zeit bis zur Öffnung der Studiotüre kann man sich ja noch ein Gläschen Wein an der Theke holen und die vielen Technik-Oscars bewundern, die die Firma Arri in den vergangenen Jahrzehnten eingesammelt hat.

Kurz vor Einlass bat uns eine offizielle Dame inständig, Mobiltelefone ganz und gar auszuschalten: Die Tontechnik eines Fernsehstudios ist wohl deutlich empfindlicher als Flugzeugtechnik. Ins Studio geht man über einen lauschigen Innenhof und eine Rampe, drin sieht es sofort sehr nach Fernsehen aus – inklusive ordentlich heizender Scheinwerfer. Gesessen wird auf beteppichten Stufen mit Kissen, alles sehr Schulaula 1991. Es gibt zwar am Bühnenrand auch Tischchen mit echten Stühlen, doch diese Plätze werden direkt vom Personal vergeben und sind nicht reservierbar.

In den letzten 20 Minuten vor Sendungsbeginn wurden wir gestern individuellbespaßt von Urban Priol, Wilfried Schmickler und Max Uthoff – alle drei beeindruckende Vollprofis (ich schmeiß mich ja immer wieder über Herrn Priols Fähigkeit der Imitation weg), die aus dem Ärmel tagesaktuelle Themen kommentierten. Erwin Pelzig hatte nur noch Zeit für wenige Sätze, bevor ihn die Regie in die Kulisse zurückpfiff („Noch 15 Sekunden!“) und er maulend abging: „Bei der ARD hätt’s des net g’eben!“

Die Show war gut; ich bin immer wieder dankbar, dass es überhaupt noch politisches Kabaret gibt. Der rote Faden fehlte zwar, doch die derzeitige Themenlage ist ja wirklich völliger Overkill.

Hier die gestrige Sendung zum Hinterherschauen.

Mehr in Erinnerung bleiben wird mir aber sicher mein erstes Neues aus der Anstalt Ende 2008, vor allem Reainald Grebe mit seinem unvergesslichen „Ich bin der Präsident“:

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(Ab 1:15)

Seither kann ich das Wort Fähre nicht mal lesen, ohne an die Aussprache in diesem Lied zu denken.

Elternhaus

Montag, 21. März 2011

Bevor sich das Haus meiner Eltern gestern zu Vaters Geburtstagsfeier mit Gästen füllte, fotografierte ich darin gründlich. Vielleicht sind die Aufnahmen ja in vielen Jahren für jemanden Erinnerungsstücke. So wie diese Ansichten für mich.

Eine Art Ahnengalerie. Meine Mutter ließ in prä-digitalen Zeiten Kopien von den wenigen Fotografien ihrer und meines Vaters Verwandtschaft machen.

Richtig drapiert wirkt sogar mein unbeholfener Versuch in Halbrelief (ca. 7. Klasse) dekorativ. Wir fertigten im Werktunterricht ein Negativ aus biligem Ziegellehm, in das Gips gegossen wurde.

Mein 1986 – Teil 3

Sonntag, 20. März 2011

zu Teil 1

zu Teil 2

Volontariat bei der Zeitung

Das Bewerbungsgespräch muss stattgefunden haben, als ich noch zur Schule ging. Dass Journalismus etwas für mich sein könnte, hatte mein Altgriechischlehrer getippt, als er mich auf die Frage nach Zukunftsplänen ratlos fand: „Sie sind doch so vielseitig interessiert.“ Zwar hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt genau einen Artikel geschrieben und veröffentlicht, eine kleine Glosse in der Schülerzeitung, aber: Warum eigentlich nicht? Der einzige Ausbilder, der mir dafür einfiel, war die örtliche Regionalzeitung, bei der seit einem Jahr ein Pfadfinderfreund Volontär war. Zwar las ich zu dieser Zeit bereits regelmäßig die Zeit und den Spiegel, doch mich dort zu bewerben lag mir so fern wie die Beantragung der englischen Krone: Ich kam buchstäblich nicht auf die Idee. Dass es sowas wie Journalistenschulen gab, wusste ich nicht.

Ich erinnere mich zwar nicht an das Schreiben der Bewerbung, doch an die Minuten, in denen ich vor dem Büro des Chefredakteurs auf das Vorstellungsgespräch wartete. Und dass ich mich als dafür passende Kleidung für mein Dirndl entschieden hatte – nein, ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich darauf kam.

Irgendwas scheint in diesem Bewerbungsgespräch richtig gelaufen zu sein, denn ich bekam eine der allerdings nicht wenigen Volontärsstellen: Die Redaktion bestand damals zu ca. 25 Prozent aus preisgünstigen Volontären, zu dieser Zeit noch hauptsächlich frisch von der Schule.

Ziemlich kurz nach der Abiturfeier schnitt mir der Friseur die Haare ab. Ich erinnere mich an den Plan, mir bis zum Abitur die Haare wachsen zu lassen, ebenso wie ich sie später bis zur Magisterprüfung wachsen ließ. Um sie danach befreienderweise abschneiden zu lassen.

1986 sah das Ergebnis so aus.

Direkter verbunden mit dem Zeitungsvolontariat war der Erwerb eines Autos von dem Geld, das ich in der Fabrik verdient hatte. Da ich fast ein Jahr meiner Ausbildung in der Lokalredaktion in Eichstätt verbringen sollte, wollte ich selbstständig mobil sein. Meine Wahl fiel auf einen C-Kadett in Orange, der meiner Erinnerung nach heftige 900 Mark kostete, aber wirklich gut in Schuss war.

Mein Volontariat begann am 1. September mit einem Monat in der so genannten Kreisredaktion: Dort wurden die Seiten für alle Lokalausgaben außer der der Zeitungsstadt gebaut. Das Material lieferten die Lokalredaktionen zu – die von den Redakteuren und Redakteurinnen selbst erstellten Artikel kamen über die Telefonleitung von Computer zu Computer auf den Bildschirm, die Manuskripte der freien Mitarbeiter zum großen Teil auf Papier. Fotos wurden alle per Kurier angeliefert, meist als entwickeltes Schwarz-Weiß-Negativ, manchmal als Papierabzug, hatte aber der Termin sehr spät am Nachmittag stattgefunden, auch als unentwickeltes Negativ.

Ich saß also zum ersten Mal vor einem Computer, „Terminal“ genannt weil ohne eigene Festplatte und über eine zentralen Unix-Rechner laufend (die Begriffe „Festplatte“ und „Unix“ lernte ich zugegebenermaßen erst viele Jahre später). Die sehr hilfsbereiten und freundlichen Kollegen brachten mir die Grundzüge des Redigierens und des Seitenumbruchs auf Papier bei, machten mich mit EDV-System und mit der Organisationsstruktur der Zeitung vertraut. Zu meiner großen Erleichterung wurde nicht erwartet, dass ich Schreibmaschinenschreiben konnte (das hatte ich mir irgendwie eingebildet und sogar ein paar Lernversuche mit Hilfe von Mutters Schulbüchern unternommen). Das erste, was ich an meinem ersten Arbeitstag sah, waren alteingesessene Redakteure, die mit über die Tastatur gesenktem Kopf wie die Berserker mit zwei Fingern auf die Tasten hämmerten – die mechanischen Schreibmaschinen, die diesen Kraftaufwand erfordert hatten, standen zum Teil noch herum (brauchte man ja auch noch für Briefe etc., Drucker gab es nämlich nicht).

Als die erste von mir geschriebene Polizeimeldung mitgenommen wurde, bilde ich mir ein, dass ich in der Druckerei (im Nebengebäude) auf das gedruckte Zeitungsexemplar wartete – aber das mag ich mir zur Selbstmythologisierung einreden.

Von Anfang an haute ich mich mit Verve in diesen Job, war völlig fasziniert, sog jedes Detail auf, blieb selbstverständlich so lange wie die Kollegen und holte mir so viele Aufgaben, wie ich nur konnte.

Das setzte sich im Oktober fort, als ich in die Lokalredaktion nach Eichstätt kam: Ich griff mir alles an Terminen, was man mich ließ, so bald wie möglich auch Sonntags- und Wochenenddienste (die, wenn ich mich recht erinnere, Volontäre im ersten Ausbildungsjahr theoretisch gar nicht machen durften). An Heilig Abend musste bei der Christmette im Dom fotografiert werden? Hier! War ja auch eine gute Gelegenheit, die Familienpflichten abzukürzen (Sie erinnern sich: Ich stand zu dieser Zeit mit meinen Eltern gar nicht gut.)

Ich lernte nicht nur, wie herzlich Siez-Verhältnisse sein können (der Redaktionsleiter war ein sehr korrekter, aber ungemein humorvoller Herr aus dem Norden der Republik), sondern auch Themen zu finden, Artikel zu schreiben, zu recherchieren (per Telefon, im Archiv), ein bisschen zu fotografieren mit einer der mittelalten, redaktionseigenen Spiegelreflexkameras, Negative zu entwickeln, die Prioritäten des Lokaljournalismus zu begreifen (Enthüllungsstory über Asbestbelastung in örtlichen Kindergärten – keine Reaktion; Name des Schützenkönigs falsch geschrieben – Shitstorm).

Weitere Erinnerungen an die Gestalten in den Redaktionen des Blattes habe ich schon mal hier und hier aufgeschrieben.

Jungvolo Kaltmamsell in Redaktion Eichstätter Kurier:

Diese Redaktion lag über einer Buchhandlung, die mit der Zeitung irgendwie verbandelt war und bei der es für Zeitungsangestellte Prozente gab. Raten Sie mal, was ich mit meinen Unsummen Volontärsgehalt tat. (Ich bin mir ziemlich sicher, dass das im zweiten Volontärsjahr 1.600 Mark brutto waren – für jemanden, die bis dahin 50 Mark Taschengeld im Monat bekommen hatte, fühlte sich das ernsthaft wie die Goldschätze eines Dagobert Duck an.)

Die erste eigene Wohnung

Für mich war völlig klar, dass ich für den Job in Eichstätt in eine eigene Wohnung ziehen würde, ich wollte dringend raus aus meinem Elternhaus. Vermutlich über die Anzeigen in der eigenen Zeitung fand ich im Eichstätter Buchtal ein möbliertes Zimmer unterm Dach (Fenster rechts oben).

Mein Bett brachte ich selber mit (aus meinem Kinderzimmer), ansonsten nutzte ich die Küche (mittleren beiden Fenster) mit der Krankenschwester im gegenüberliegenden Dachkammerl, das Bad mit ihr und einer alten Dame, die ebenfalls auf dem Stockwerk wohnte und als Tante Anni irgendwie mit den Vermietern verwandt war.

Selbstwohnen war von Anfang an absolute Seligkeit für mich, Alleinsein richtige Erholung. Meine Erstausstattung an Geschirr, Töpfen, Handtüchern, Besteck bestand aus Abgelegtem aus Elterns Keller, auf Flohmärkten füllte ich die Lücken. Gäste in der eigenen Wohnung zu haben, Freunde in deren eigener Wohnung oder WG zu besuchen genoss ich sehr.

Wie aufregend das Selbstversorgen und Einkaufen war! Erst einmal holte ich mir in der Kühltheke des Supermarkts alles an Fertigprodukten, was meine Mutter mir mit dem Argument verwehrt hatte, das könne mal selber billiger machen: Wackelpudding, Grießpudding, Schokoladenpudding etc. Aber gleich von Anfang an zeigte sich, dass ich am längsten und mit am meisten Appetit an den Gemüseauslagen hängenblieb: Ich hatte im Abiturjahr durch einen Restaurantbesuch chinesische Küche entdeckt und chinesisierte erst mal gebratene Gemüsestücke durch Sesamöl und Sojasoße. Mein zweites, selbst entwickeltes Standardgericht war eine scharfe Spaghettisoße aus Speck, Knoblauch, Tomatenpüree und Oregano.

Um diese Zeit verschwand mein zu Schulzeiten deutlicher Frühstückshunger. In den ersten Wochen holte ich mir morgens auf dem Weg in die Redaktion noch ein Nusshörnchen (nach dem Aufstehen hatte ich lediglich eine Kanne Schwarztee mit Milch getrunken), doch bald hatte ich auch darauf keine Lust mehr.

Ende des Jahres wurde ich – für meine Verhältnisse – ziemlich krank. Die großen Schmerzen in Hüftgegend stellten sich als Nierenentzündung heraus, die Untersuchung dieser wiederum brachte zutage, dass mir auch eine angeborene Hüft-Fehlstellung und eine verwachsene, verknöcherte Lendenwirbelsäule Schmerzen bereiteten. Ich begann die erste Krankengymnastik meines Lebens.

Vergessene Schnipsel

Es war wirklich ein volles Jahr, mein 1986. Zu den Dingen, die ich beim halbwegs chronologischen Aufschreiben vergessen habe, gehören diese beiden.

Anfang des Jahres arbeitete ich noch in einer Kneipe als Bedienung. Sie gehörte Nachbarn meiner Eltern, und dort lernte ich nicht nur Kopfrechnen, sondern machte auch Bekanntschaft mit seltsamen Getränken wie Latern‘ und Colaweizen (ein Stammgast bestellte es immer mit einem Schuss Maracujasaft).
Nach einer besonders langen Schicht (es hatte eine Countryband gespielt – hey, ich war mir nie für harte Arbeit zu schade) war mein Fahrrad fort und gestohlen. Ich musste auch noch eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause gehen. Wenn Flüche wirken, wurde der Dieb nie wieder seines Lebens froh.

Und dann war da noch das winterliche Bad im Baggersee. Es war Januar und mein Freundinnenkreis im Abiturjahrgang hing richtig durch: Wir begannen zu ahnen, wie viel Stoff wir zur Abiturprüfung können mussten, wurden davon schier erschlagen, und überhaupt – wie sollte es danach weitergehen? Doch wir waren kluge Mädchen und kamen auf eine Lösung: Wir mussten etwas völlig Bescheuertes tun. Zum Beispiel im Bagersee Baden gehen. Die Stimmung hellte sofort auf. Am vereinbarten Samstagvormittag fuhren wir im von Eltern geliehenen Auto an unsere gewohnte Badestelle an den Baggersee. Der Haken: Es hatte zwar seit einigen Tagen getaut, aber nicht genug, um die Eisschicht auf dem Wasser zu beseitigen. Hier konnten wir nicht baden. Also fuhren wir an den Bachzulauf des Sees, sprangen im Badeanzug aus dem Auto, liefen ins Wasser, tauchten einmal kreischend unter und wickelten uns zurück im Auto in die mitgebrachten Bademäntel. War eine gute Idee.

Ob ich das Turniertanztraining 1986 aufgab oder bereits 1985, weiß ich nicht mehr. Mein Tanzpartner aber blieb für viele Jahre ein sehr guter Freund. Leider habe ich jede Spur von ihm verloren. Ich lege mal eine solche Spur ins Internet: Robert Amler, bist du irgendwo da draußen?

Wurstebrot

Freitag, 18. März 2011

Nein, geneigte Leserinnen und Leser, die Überschrift enthält keineswegs ein E zu viel. Wenn Sie aus der Münsteraner Gegend kommen, wissen Sie das ohnehin, haben vielleicht sogar schon von dieser Speise gekostet.

Eine Freundin mit Münsteraner Migrationshintergrund (zweiter Generation) hatte davon erzählt und mich sofort neugierig gemacht: Schweineblut mit Roggenschrot und Gewürzen vermischt und zu einem Laib geformt. Als Pendant gibt es das Ganze auch mit Leber, dann aber mit Mehl vermischt. Traditionell, so erzählte die Freundin, sei Wurstebrot in ihrer Familie ein traditionelles Winteressen, das als gebratene Scheiben serviert werde, anbei gebratene Apfelschnitze, Rübensirup und Apfelkraut.

Und da ihr kürzlich ihre Eltern beiderlei Sorten mitgebracht hatten, trafen wir uns bei dieser Freundin und trieben mit dem wahrscheinlich letzten in Bayern verfügbaren Wurstebrot den Winter aus. Wurstebrot roh:

Und Wurstebrot in Butterschmalz gebraten:

Es schmeckte köstlich. Wieder einmal zeigte sich die offensichtlichste Bereicherung durch Multikulti: Import von Leckereien.

Hans Scholz, Am grünen Strand der Spree

Mittwoch, 16. März 2011

(Kurz bevor die Leserunde eintraf. Arrangement soll eine 50er-Atmosphäre simulieren, der Geflügelsalat wird explizit erwähnt.)

Auf Am grünen Strand der Spree als Lektüre unserer Leserunde brachte uns ein SZ-Artikel zum 100. Geburtstag von Hans Scholz. Nachkriegsberlin als Ort eines Episodenromans von 1955 klang interessant. Und nun verzeichne ich einen neunen Meilenstein in meiner persönlichen Lesegeschichte.

(Warnung: Der Wikipedia-Eintrag gleichen Titels bespricht die Fernsehverfilmung von 1960 und verrät alles.)

Der Rahmen der Handlung ist ein Treffen alter Freunde in einer westberliner Bar der früheren 50er. Der Erzähler ist ein Hans Schott, der den Auftrag hat, den aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Hans-Joachim Lepsius aufzumuntern – muss dieser doch nach den Grauen der vorhergegangenen Jahre auch noch das Scheitern seiner Ehe verarbeiten.

In dieser Bar, dem Jockey-Club (unbedingt deutsch auszusprechen), ist die Stimmung zunächst ein wenig steif. Aber schon in dieser Phase erinnerte mich die Art der sprachlichen Launigkeit sehr an Walter Kempowskis Tadellöser & Wolff; im weiteren Verlauf des Romans erklingt dann auch „immerhinque!“. Die Herren haben sich als Programm vorgenommen, einander Geschichten zu erzählen. Lepsius hat die Aufzeichnungen des gemeinsamen Freundes Jürgen Wilms dabei, den er in russischer Gefangenschaft zurücklassen musste. Er liest sie vor: Polnische Naturidylle Ende der 30er wechselt sich mit der Schilderung von Grausamkeiten gegen die örtlichen Juden ab, mit derselben Detailgenauigkeit und Empathie. Unterbrochen werden diese Beschreibungen durch die Briefe der gänzlich dummen und albernen Verlobten von Wilms, die damals gerade in Italien mehrmonatige Ferien mir ihren Eltern machte.

So bitter und ernst aber ist keine der nachfolgenden Geschichten mehr. Immer wieder kehren wir in den Jockey-Club zurück, zu weiteren „Lagen“ White Lady, Henkell trocken, Canadian, Weinbrand. Mit der Stimmung werden auch die Erzählungen heiterer. Fühlte ich mich zunächst an Platons Gastmahl erinnert, entwickelt sich der Abend mehr und mehr zum Dekameron und zu den Canterbury Tales. Wir hören unter anderem von einem deutschen General stationiert in Norwegen an der Grenze zu Finnland (Offizierskasino-Rituale, Freiheitskämpfer, Jagdszenen, väterliche Toleranz), von einer schönen, klugen Frau mit aufregender internationaler Geschichte und ihrer unglücklichen jugendlichen Liebe, vom Besuch des Erzählers beim gemeinsamen Freund Koslowski in der Ostzone wenige Jahre nach dem Krieg, Historisches von den Vorfahren der schönen klugen Frau im 18. Jahrhundert, von der Suche nach einem Gefallenengrab in Koslowskis Wohnort, und zuletzt – in den frühen Morgenstunden, als die Gesellschaft bereits bei Prärieaustern angekommen ist – eine wilde und platterotische Schelmengeschichte aus einer italienischen Pension.

Die Erzähltechniken unterscheiden sich deutlich, schließlich handelt es sich mal um handschriftliche Aufzeichnungen eines Frontsoldaten, mal um ein Drehbuch-Exposé, mal um Erinnerungen, mal um Fiktion. Die Szenen im Jockey-Club selbst sind meist reine Dialoge, aus denen sich die Handlung indirekt erschließt. Gerade diese Passagen nahmen mich mit in eine vergangene, aber sehr lebendige Welt: Nach Westberlin zwischen Kriegsende und Mauerbau. Die Menschen sind vom Krieg gezeichnet, manche körperlich (Koslowski hat ein Bein verloren, der vorbeischneiende Pianist ein Auge), jeder aber seelisch. Das Wirtschaftswunder ist eindeutig bereits ausgebrochen, doch daran partizipieren beileibe nicht alle.

Am fremdesten und gleichzeitig lebendigsten aber ist die Sprache: Hier spricht eine Generation im ihr ureigenen Jargon – und den bringt niemand zurück, auch nicht ein Guido Knopp, dessen Interviewpartner nur durch den Filter vieler Jahrzehnte erzählen können. Regelmäßig fallen lateinische Zitate, mit fortschreitender Alkoholisierung werden es immer häufiger altgriechische. Sprüche und Ansichten aus der Kaiserzeit werden durch den Kakao gezogen, in den Barszenen schlagen links und rechts One-Liner ein. Ein paar davon habe ich während der Lektüre live getwittert.

Am grünen Strand der Spree ist der einzige Roman, den der emsige Kunsthistoriker und Feuilletonist Hans Scholz veröffentlicht hat. Wie meinte der SZ-Laudator sinngemäß: Damit hatte er wohl alles gesagt, was er dazu zu sagen hatte.
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Nachtrag vom 27. Mai 2013: Eben eine hochinteressante zeitgenössische Besprechung im Spiegel 12/1956 gefunden, anlässlich der Verleihung des Fontane-Preises an Scholz, mit vielen Zitaten aus Besprechungen in anderen Blättern.
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Nachtrag vom 22. November 2013: Hurra! Der VAT Verlag legt den Roman neu auf! „Das Buch erscheint bei uns am 14.12.2013. 486 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, inklusive eBook, 19.90 EUR.“

Aufmunterung in schlimmen Zeiten

Mittwoch, 16. März 2011

Bob Hope, Paulette Godard, Dorothy Lamour, Veronikca Lake plus drei Herren, die sogar tanzen können, 1942 vor Soldaten – mit einer ausgesprochen schrägen Nummer. (via kid37)

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(Veronikca Lake war ja winzig!)

Ein langes, dichtes Wochenende

Dienstag, 15. März 2011

Samstag

Mit dem Morgenkaffee vor mir suchte ich auf allen Kanälen nach Japan-Infos. Da mich das schnell überforderte, ging ich Kleinigkeiten einkaufen und machte mich auf zum Schwimmen. Glücklicherweise sah ich schon jetzt, dass das Olympiabad nächsten Samstag von einer Veranstaltung belegt sein wird.

Solange ich noch außerhalb der Nass-Zone war, checkte ich zehnminütlich meinen Twitter-Stream nach Neuigkeiten. Langsam schälte sich heraus, dass zum ersten Mal meine persönliche Twitter-Timeline von Hysterie dominiert war statt von sachlichen Hinweisen auf Informationen und von Anteilnahme. Mit Hysterie meine ich: Alles, was auf eine atomare Katastrophe hinwies, wurde wahllos weiterverbreitet, inklusive auch noch so konstruierter Bezüge zu Deutschland. Hinweise auf die primären Auswirkungen von Erdbeben und Tsunami und auf die Schicksale der Bewohner fand ich nur vereinzelt und fast ausschließlich in US-amerikanischen Tweets.

Meine 3.000 Meter schwamm ich besonders versunken ab (pun intended). Vor allem versunken in Grübeleien, woher zum Teufel Japan denn sonst die fürs High-Tech benötigten immensen Mengen Strom hätte herkriegen sollen, ein Land praktisch ohne Rohstoffe. Weitergegrübelt, dass das Problem nicht in der Stromerzeugung, sondern beim Strombedarf liegt. Mir der Lächerlichkeit dieser Erkenntnis bewusst worden, wo ich doch gerade in einem Hallenbad schwamm, dessen Energiebedarf ich mir lediglich ansatzweise vorstellen konnte.

Zum frühstücklichen Mittagessen gab es eine zweite Runde Baroda Dal Dhokli. Das wird ziemlich sicher ein Liebling.

Ich las Buch und Internet, ließ mich aber immer wieder von den Sondersendungen auf ARD und ZDF unterbrechen. Auch im Fernsehen überwog bei weitem die Berichterstattung über die Atomreaktoren inklusive Bezug zu Deutschland – aufgrund deutscher Befindlichkeiten und Historie zwar erklärbar, für mich dennoch befremdend. Ich klappte mein Bügelbrett auf, bügelte mich durch ein mittleres Gebirge und ließ mir weiter auf verschiedenen Fernsehsendern das Neueste aus Japan samt Einschätzung erzählen.

Abends Essenseinladung bei Menschen, deren Existenz ich ohne Internet nicht einmal erahnen würde, und die ich nie im Leben ohne dieses Webdings getroffen hätte. Viele Köstlichkeiten, österreichische Weine mit Geschichte, Einblicke in Leben und Vergangenheit, neue Wissensjuwelen (u.a. dass die Feuerwehr brennende Reetdächer nicht etwa mit Wasser löscht, sondern das brennende Reet mit Haken vom Dach holt – nein, ICH wusste das nicht), Entdeckung eines bislang unbekannten Münchner Stadtteils, großes Vergnügen.

Die Nacht war richtig mild – so mild, wie man gut 10 Grad vermutlich nur nach diesem langen, bitteren Winter empfinden kann.

Sonntag

Das mit dem Ausschlafen klappt auch weiterhin nicht, auch nicht nach langen Nächten. Nu, nutzte ich die Gelegenheit noch zu einem kleinen Isarlauf, an dessen Ende ich ein paar Bahnen durchs Krokusmeer des Alten Südfriedhofs schwamm.

Kernschmelze begonnen, keine Kernschmelze in Sicht, Kernschmelze außer Kontrolle, Kernschmelze durch Kühlung verhindert etc. ad inf.

Großes Packen für Besuch bei Eltern: Ich hatte in den vergangenen Wochen mal wieder Kleidung aussortiert (zu eng geworden, hat mir noch nie wirklich gefallen, kann ich nicht mehr sehen, zu eng geworden), die ich wie immer meiner Mutter bringen wollte, auf dass sie sich daran bediene und den Rest dem Altkleidercontainer zuführe.

Voll bepackt im Zug nach Augsburg zu Schwiegermutters Geburtstag, dortselbst Verwandtschaft inklusive meiner Eltern plus Berge von selbst gemachten Kuchen und Torten, darunter sogar astreine Buttercreme.

Autofahrt mit Eltern in die Geburtststadt. Dazu statt Konversation konzentriertes Lauschen auf Radionachrichten. Schwerpunkt auch des Bayrischen Rundfunks: Die Atomkraftwerke, so gut wie keine Informationen hingegen über Opferzahlen, Versorgungslage, Nachbeben.

Abend bei Elterns mit Sondersendungen und Polizeiruf vor dem Fernseher.

Montag

Dank frühem Einschlafen passte bis zum Aufwachen zu Vogelgezwitscher genügend Schlaf (merken!). Geratsche und Geplauder mit meiner Mama über Kaffee und Zeitung, während mein Vater im Fitnessstudio war. Sie machte mir Vorschläge zur Verschönerung meines Schlafzimmers – alle ganz ausgezeichnet. Es wird auf einen Teppich unterm Bett hinauslaufen sowie auf eine Stoffbahn in Bettbreite an der Wand hinterm Bettkopf. Dafür hatte sie mir bereits Stoffe und Teppiche in Katalogen und Wohnzeitschriften herausgesucht.

Der vordergründige Zweck meines Besuchs war aber der Erwerb neuer Aerobicschuhe gewesen (in den alten stehe ich bereits fast zur Hälfte außen neben der Sohle). Nach der 10-Uhr-Sondersendung im ZDF machten wir uns also auf den Weg ins Einkaufs- und Industriegebiet (die Stadt scheint mittlerweile praktisch ausschließlich aus Einkaufs- und Industriegebieten zu bestehen); in einem dortigen Sportgeschäft hatte ich bereits meine jüngsten Laufschuhe gekauft. Doch weder dort noch in einem weiteren Riesenladen vor den Toren der Stadt fand ich wirklich passende Hüpfschuhe – lernte allerdings aus der freundlichen und ausführlichen Beratung unter anderem, dass die halbhohen Aerobicschuhe immer weniger werden, weil der Halt heutzutage aus speziellen Sohlen kommt, und dass meine Einlagen, die ich explizit als Sporteinlagen bekommen habe, genau für Sport ungeeignet sind (rutschige Oberfläche).

Im Regionalzug heim nach München fühlte ich mich wie die in meiner Familie sprichwörtliche tonta del pueblo, so reich bepackt war ich mit spanischen landwirtschaftlichen Lebensmitteln (spanische Freunde meiner Eltern waren gerade aus Andalusien gekommen). An mir hingen Tüten mit Zitronen, Orangen, Chorizo, Morcilla, Schinkenknochen, in einer Hand trug ich einen 5-Liter-Plastikkanister mit Olivenöl aus Urracal (doch, das gibt’s wirklich). Fehlte eigentlich nur noch der Käfig mit den lebendigen Hühnern.

Da ohnehin noch der Putzmann in der Wohnung zugange war (er hatte anlässlich des sensationellen Wetters auch die Fenster geputzt), gab ich dem Turnschuhkauf in der Münchner Innenstadt eine weitere Chance – mit Erfolg. Die nächsten beiden Hüpfjahre sind gesichert.

Vorbereitung des Abends mit Leserunde bei uns. Der zu beredende Roman, Am grünen Strand der Spree von Hans Scholz, erschienen 1955, spielt in einem Berliner Club der Nachkriegszeit, und so stellten der Mitbewohner und ich einige der dort genannten Speisen (Geflügelsalat, Gürkchen) und Getränke (White Lady, Henkell trocken, Canadian Club) bereit, dazu passend Käsespießchen, Cräcker, Salzbrezeln. Einige Mitleser waren zwar nicht rechtzeitig an den vergriffenen Roman gekommen, um ihn überhaupt lesen zu können, ließen sich aber von der Leidenschaft der Fans des Romans mitreißen. Wir feierten, dass es dem Jockey-Club zur Ehre gereicht hätte. Allerdings nicht bis halb acht morgens, sondern nur bis halb elf abends. Die Rolle der ernsten Note spielte das Thema Japan: Vier der Mitlesenden hatten Japan bereist oder sogar dort gelebt.

Zum Roman gibt es hier sicher noch Details, doch vorab schon die Frage an die werten Leserinnen und Leser: Wie finde ich wohl heraus, welcher Verlag die Rechte an Hans Scholz, Am grünen Strand der Spree – So gut wie ein Roman besitzt? 1955 kam er bei Hoffmann und Campe heraus. Ich würde zu gerne eine Neuauflage anregen – wohl wissend, dass die Stimme einer einzelnen begeisterten Leserin wenig ausrichten kann.


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