Journal Sonntag, 10. April 2011

Montag, 11. April 2011 um 6:40

Beim morgendlichen Rollladenhochziehen festgestellt, dass da jemand in unserem Hinterhof schläft. Der mehrfach geflickte undd schmutzdunkle Schlafsack wies darauf hin, dass er öfter wild schläft.
Als ich eine Stunde später nochmal hinsah, war er weg.

Das erinnerte mich an eine morgendliche Begegnung vor vielen Jahren in Augsburg: Als ich aus meiner Wohnung trat, schlief jemand im Schlafsack direkt vor unserer Wohnungstür. Das wollte ich damals dann doch nicht.

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Amerikaner gebacken, ständiges Husten von den Ammoniakdämpfen des Hirschhornsalzes. Es ist schon ein Backerlebnis der besonderen Art, wenn man statt der gewohnten köstlichen Kuchendüften giftige Gase in der Nase hat.

Ich hatte schon lange nach einen Amerikanerrezept gesucht, das Amerikaner wie vom Bäcker ergibt. Denn meine Rezepte, das älteste von meiner Schulkameradin Babsi, ergeben zwar wohlschmeckendes Rührteiggebäck, aber keine echten Amerikaner (die übrigens in Augsburg Boxer heißen, aus bislang nicht zu eruierenden Gründen). Und da kam mir Bäcker Süpkes Rezept mit Hirschhornsalz, das nach der Wende sogar eine Zeit lang verboten war, gerade recht. Das Hirschhornsalz hatte ich am Samstag sogar erstaunlich einfach, nämlich im Reformhaus bekommen.

Leider schmeckten sie zwar deutlich anders als meine bisherigen selbst gemachten, aber langweiliger als meine gewohnten Bäcker-Amerikaner. Die Textur stimmte auch noch nicht ganz (unter anderem zu knusprig). Aber das Rezept könnte eine gute Basis für Weiterentwicklungen sein. Allerdings nur, wenn ich bis zum nächsten Mal den Ammonikageruch aus der Nase bekommen.

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Durch die Sonne zum Turnen geradelt, dort gestrampelt und gehüpft. Im Aufzug auf dem Weg nach unten Smalltalk mit einer Mitturnerin: „Jetzt können wir mit gutem Gewissen mittagessen,“ strahlte sie. Gratulation an die Abnehm- und Körperhass-Industrie: Die Gehirnwäsche ist perfekt.

Übrigens gibt es tatsächlich Turnerinnen, die Sonntagvormittag auf dem Bildschirm vor ihrem Ausdauergerät (Crosstrainer, Laufband, Stepper oder Rad) die Gottesdienstübertragung laufen lassen.

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Das Durchrechnen, auf welchen Tag ich das leidige Abbügeln des Bergs Sommergarderobe schieben könnte, ergab leider: Jetzt oder nie (wenn ich in zwei Wochen im Urlaub nicht nur Jeans und Pullis tragen möchte). Dafür bei offener Balkontür. Trotzdem war danach noch die eine oder andere Stunde Zeit für Lesen auf dem Balkon, für den Lesenredenkreis am Montag musste ich das dicke Es muss nicht immer Kaviar sein durchkriegen.

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Zum Abendessen Böfflamott vom glücklichen Limoges-Rind nach Schuhbeck (seine Rezeptautoren genießen schließlich einen ausgezeichneten Ruf). Schmeckte ganz vorzüglich.
Abschließend noch ein wenig Internetlesen, während der Münchner Tatort lief. Haben Sie Katja Bürkle von den Kammerspielen gesehen? Sie spielte die arbeitslose Mutter – großartig, oder?

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Sonntag, 10. April 2011“

  1. Sabine meint:

    Aber echte Amerikaner sollten halb mit Zuckerguss, halb mit Kuvertüre glasiert sein. Die kriegt man kaum irgendwo mehr. Warum heißen sie eigentlich Amerikaner?

  2. die Kaltmamsell meint:

    Da, wo ich herkomme, Sabine, gab es Amerikaner mit weißem ODER schwarzem Guss (eher schokoladehaltige Fettglasur). Namenserklärungen gibt es anscheinend so viele wie Rezepte, bisher hat mich noch keine überzeugt.

  3. Trolleira meint:

    Ich glaub, Du hast sie zu lange gebacken (oder zu heiss), darum sind sie zu knusprig und auch ein bisschen zu dunkel – nimm sie mal viel früher aus dem Ofen! Vielleicht solltest Du auch den Guss dicker und zitroniger machen…

    Viel Glück beim nächsten Versuch!

  4. Kommentator meint:

    (In NRW groß geworden): Ich kenne „Amerikaner“ nur mit weißer Glasur, andere gab es damals (70er und 80er Jahre) dort nicht, nicht mit Mischglasur, und schon garnicht mit schwarzer. Die Dinger waren von außen ganz leicht klebrig auf der Teigseite (die Zuckerseite war fest und klebrig), und von innen… „saftig“ würde ich es nennen, also fest, aber recht feucht. „Amerikaner“ sind so in meiner Erinnerung.
    Kann die Ofentemperatur eventuell eine Rolle spielen? Je heißer der Ofen ist, desto schneller wird der Teig von außen fest und bleibt innen leicht feucht, geht aber dennoch auf. Deftige Pizza kann man so mit recht kurzen Backzeiten sehr lecker herstellen, dafür muss man aber den heimischen Herd ziemlich hochheizen.
    Ich gebe das nur als Anstoß wieder, ohne echte Ahnung von der Materie – weil: Bei meinen seltenen Backexperimenten sind immer wieder die Ofentemperatur und die Heizart (Umluft oder reine Ober-/Unterheizung) entscheidende Punkte. (Edit wegen Plural.)
    Dabei muss ich immer wieder feststellen: Jeder Ofen ist anders. Der (mitgemietete) Backofen in meiner aktuellen Wohnung hat nur Heizspiralen, aber keine Umluft, und wird in kürzester Zeit sehr, sehr heiß – kleinere Teigwaren (Brötchen und Pizza) sind oft nach zehn bis elf Minuten außen „kross“ und innen lecker durch, das habe ich mit (moderneren?) Umluftöfen noch selten gehabt.

  5. Sigourney meint:

    In meinem Weltbild ist auch fest verankert, dass man sich nach Sport sein Essen „verdient“ hat. Und zwar so fest, dass ich bisher noch nicht mal darüber nachgedacht habe.
    An Gehirnwäsche denke ich dagegen, wenn Sie über Bügelberge klagen. Bügeln habe ich ganz fest als antifeministische Erfindung des Establishments (so in der Art) abgespeichert und verweigere mich konsequent der Kleidung, die das erfordern würde. Und Röcke gehen gar nicht, gebügelt oder nicht.
    Finde ich interessant, wie unterschiedlich da die Wahrnehmungen auch unter Emanzen sind.

  6. Katia meint:

    Dem Geschmack hilft evtl. ein kleines bisschen Rum etwas auf die Beine. Ich backe Amerikaner immer mit Rum, sogar für Kindergeburtstage…

    Und: Meine sind auch immer halb-halb glasiert. So waren die aus der Bäckerei an der Wollankstrasse in Berlin, dort hatte ich „meinen ersten Ami“.

    Liebe Grüsse aus der Schweiz, Katia

  7. chatts meint:

    Ohne Puddingpulver im Teig schmecken Amerikaner nicht wie sie sollen–

    ..findet chatts

  8. Helga meint:

    Ich such mal ein bewährtes Amerikaner-Rezept von Mama raus. Das sollte dann wie „Kindheit“ schmecken;-)

  9. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für die Amerikaner-Hinweise, meine Damen und Herren! Ich bin vermutlich einfach das Triebmittel Hirschhornsalz noch nicht gewohnt und muss mit den Mengen und Temperaturen noch experimentieren.

    Ich versuche mir gerade Ihren Sommer vorzustellen, Sigourney, ganz ohne Röcke, Kleider, weite Hemden, Leinenhosen. Duftige oder schwingende Röcke tragen sich so schön, dass ich sie eher umgekehrt Männern empfehlen möchte. (Kleidungstabus wären auch mal Überlegungen wert…)

  10. Sigourney meint:

    Danke für ihre Sorge, Frau Kaltmamsell, aber ich leide im Sommer keineswegs.
    Hemden und Leinenhosen kommen noch in Frage, da greift dann einfach die Devise: halbwegs glatt zum Trocknen aufhängen und dann passt das auch ohne Bügeln.
    Ansonsten sind so halblange Hosen und T-Shirts für mich ganz prima und glücklicherweise sind Biotech Firmen da relaxed und es gibt keinen Dresscode (zumindest nicht für die Forschungsfreaks).
    Es ist hier oben im Norden auch nicht so oft so heiss, vielleicht trägt das auch dazu bei.
    In Röcken fühle ich mich einfach extrem unwohl, u.a. weil man dann auch passende feminine Schuhe/Sandalen anziehen müsste und ich die dann auch hasse. Zumal ich als extreme Kaltfüsslerin selbst im Hochsommer schnell kalte Füsse kriege, da verlangt es mich nicht oft nach Sandalen.
    Aber ich verspreche, dass ich mal in einem Geschäft einen Rock anprobieren werde, damit ich wenigstens weiß, wie sich ein schwingender Rock anfühlt. Neugierig bin ich ja schon geworden.

  11. Sebastian Dickhaut meint:

    Ich habe heute morgen meine Strickjacke gebügelt. Und jetzt?
    War für ein Foto, also Arbeit. Und jetzt?

  12. KarlPeter meint:

    Im München der 50er Jahre ( zumindest in Schwabing ) gab es sowohl “Amerikaner“ als auch “Boxer“.Erstere waren schwarz/weiss in Form eines stark abgeflachten Kegels,
    letztere waren eher relativ formlose “Teigbatzen “die allerdings genauso schmeckten wie die Amerikaner,obwohl sie – im Gegensatz zu ihnen – ein paar Rosinen bargen.
    Ausserdem erinnere ich mich noch gerne daran,dass es in unserer Bäckerei um die Ecke für ein paar Zehnerl eine riesige Tüte mit “Waffelbruch“ gab.

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